Die Leberkäse-Story hinter dem Olympia-Drama 2006

Die Leberkäse-Story hinter dem Olympia-Drama 2006 Foto: © GEPA
 

Auf Österreichs Skispringer ist bei Großereignissen in der Regel Verlass. Im Kampf um Gold, Silber und Bronze gab es in der Vergangenheit schon die eine oder andere rot-weiß-rote Sternstunde.

Eine davon ereignete sich fast auf den Tag genau vor genau 15 Jahren: Der Olympia-Doppelsieg von Thomas Morgenstern und Andreas Kofler bei den Winterspielen 2006 in Turin.

Ein historischer Triumph – es war erst der dritte Doppelsieg für Österreichs Skispringer in der Olympia-Geschichte. Das Drehbuch hätte dramatischer nicht sein können. Zwischen Gold von Morgenstern und Silber von Kofler lagen im Auslauf der Großschanze in Pragelato gerade einmal 0,1 Punkte.

Dieser Minimalabstand ist aber nur ein wahrlich kleines Detail einer wunderbaren Erfolgsstory, die Morgenstern auch nach 15 Jahren nur zu gerne und mit amüsanten Details erzählt.

"15 Jahre – das ist fast mein halbes Leben", sagt der mittlerweile 34-jährige Kärntner im LAOLA1-Gespräch. "Aber ich erinnere mich sehr gut an die Zeit zurück."

Auch an die Niederlage auf der Normalschanze wenige Tage vor dem großen Triumph, von dem zu diesem Zeitpunkt im ÖSV-Lager wohl niemand zu träumen gewagt hätte.

Wie der Normalschanzen-Frust mit zwei Bier – laut Morgenstern dem ersten und dem letzten – aufgearbeitet und die "Festplatte formatiert" wurde und was ein Leberkäse im Olympischen Dorf mit dem darauffolgenden doppelten Medaillen-Gewinn zu tun hat, erzählt der Olympiasieger im folgenden Video:

"Mir war es in dem Moment egal, ob da Silber oder Gold auf der Plakette draufsteht", erinnert sich Morgenstern zurück. "Scheißegal, Hauptsache ich habe eine Medaille", waren seine Gedanken.

Dass er mit dem geringstmöglichen Vorsprung von 0,1 Punkten Olympiasieger geworden ist, hat er beim Blick auf die Anzeigetafel zuerst gar nicht realisiert. Zwar ist Kofler an diesem Tag insgesamt einen halben Meter weiter gesprungen, ein "Bilderbuchsprung" – wie Morgenstern sagt – und zwei Mal die Höchstnote 20 ließen das Pendel letztlich aber zugunsten des Kärntners ausschlagen.

"Wir haben im Zimmer beide die Medaillen neben das Bett gehängt"

Ein schlechtes Gewissen beim Sieger oder Neid beim Zweitplatzierten habe es nie gegeben, versichert Morgenstern, der sich mit Kofler damals das Zimmer teilte.

"Es wäre, glaube ich, egal gewesen, wie der Wettkampf ausgegangen wäre. Wir hätten uns beide darüber extrem gefreut und haben uns auch extrem darüber gefreut."

"Es wäre, glaube ich, egal gewesen, wie der Wettkampf ausgegangen wäre, ob ich Zweiter gewesen wäre oder eben umgekehrt – wir hätten uns beide darüber extrem gefreut und haben uns auch extrem darüber gefreut", sagt der Olympiasieger. "Wir haben im Zimmer beide die Medaillen neben das Bett gehängt. Wir waren ja beide junge Hupfer – ich 19, Andi 21 Jahre – und haben eigentlich das Größte erreicht."

Eine Tatsache, die die beiden Super-Adler wohl immer verbinden wird, auch wenn der Kontakt jetzt nicht mehr so intensiv wie früher ist. Morgenstern geht mittlerweile seiner neuen Passion, dem Hubschrauberfliegen, nach, Kofler arbeitet bei der Polizei.

"Das Erlebnis bei Olympia 2006 hat gar nichts zwischen uns geändert, unsere Freundschaft hat nicht darunter gelitten", sagt Morgenstern. Eines nimmt "Morgi" seinem Freund "Kofi" aber dennoch übel: "Wir haben damals beim Leberkas-Pepi einen ganzen Strutz Leberkäse bekommen. Kofi ist einen Tag länger in Italien geblieben als ich und ich habe vergessen, mir ein Stück vom Leberkäse abzuschneiden. Jetzt hat er den ganzen Leberkäse mitgenommen. Das habe ich ihm schon übel genommen", lacht Morgenstern.

Morgenstern: "Sportlich gesehen ist ein Olympiasieg nicht das Größte"

Dass der Olympiasieg sein Leben verändert hat, will der Vater einer Tochter nicht behaupten, es ist viel mehr die gesamte Skisprung-Karriere, die ihn geprägt hat.

"Ein Olympiasieg ist mit das Größte, das man als Sportler erreichen kann und wofür man alles opfert. Sportlich gesehen ist es für mich aber nicht das Höchste, denn es ist nur ein Tag alle vier Jahre. Da ist viel Glück und Schicksal dabei, da muss alles passen an dem Tag. Sportlich gesehen sind für mich Gesamtweltcup oder die Vierschanzentournee wertvoller, da muss man über einen längeren Zeitraum on top sein und sich beweisen. Ich bin auf meine ganze Karriere sehr stolz. Das hat mein Leben mehr beeinflusst."

Sich mit 19 Jahren bereits Olympiasieger nennen zu dürfen, war für Morgenstern Privileg und Bürde zugleich. Der Druck von außen, aber auch die Erwartungen an sich selbst seien nach dem Erfolg gestiegen. "Auch die Anzahl der Freunde ist gestiegen, weil jeder was vom Kuchen abhaben will", weiß der Kärntner.

"Man wird sehr schnell erwachsen dadurch und hat auch eine gewisse Vorbildwirkung. Man kann nicht einfach mal weggehen und exzessive Partys feiern, aber das willst du in dem Moment auch gar nicht. Du willst gut sein in dem, was du machst, Erfolge feiern und einfach Skispringen in Perfektion beherrschen. Das war immer mein Antrieb", sagt Morgenstern.

ÖSV-Team als Erfolgsfaktor: "Das hat mich an meine Grenzen gebracht"

Zwei Tage nach dem Doppelsieg auf der Großschanze gab es übrigens sowohl für Morgenstern als auch für Kofler Olympia-Gold, nämlich im Teambewerb.

2006 war jenes Jahr, in dem die später als Super-Adler bezeichneten ÖSV-Skispringer zu ihren Höhenflügen ansetzten. Unter Trainer Alexander Pointner dominierten die rot-weiß-roten Adler jahrelang, gewannen 2010 in Vancouver nochmals Olympia-Gold im Team, auch bei Weltmeisterschaften hatte man Platz eins im Mannschaftsbewerb quasi abonniert.

Morgenstern, Kofler, Gregor Schlierenzauer und Wolfgang Loitzl wechselten sich auch in ihren Einzel-Erfolgen ab, Morgenstern (07/08, 10/11) und Schlierenzauer (08/09, 12/13) gewannen den Gesamtweltcup. Einzigartig waren auch die sechs ÖSV-Triumphe in Folge (08/09-13/14) bei der Vierschanzen-Tournee, 2015 sorgte mit Stefan Kraft ein Springer der "Next Generation" für den siebenten Streich.

"Es war echt ein geiles, kompaktes Team. Es war immer irgendwo einer erfolgreich. Ich kann mich an kein Springen erinnern, wo keiner von uns in den Top 10 war. Du hattest immer einen Konkurrenten in der eigenen Mannschaft, an dem du dich messen und weiterentwickeln konntest. Wenn du im österreichischen Team der beste oder vorne dabei warst, hast du gewusst, dass du im Weltcup gewinnen kannst. Das war immer der Ansporn", sagt Morgenstern rückblickend.  

Natürlich habe es auch Meinungsverschiedenheiten und Eitelkeiten gegeben, "aber im Großen und Ganzen war es sensationell und ich bin dankbar, dass ich in diesem Team sein durfte - mit Kollegen, die mich gespusht und an meine Grenzen gebracht haben."

An die Grenzen und letztendlich auch zum Olympiasieg, wenn auch nur mit 0,1 Punkten Vorsprung, dafür aber mit umso schöneren Erinnerungen und Geschichten.

Das komplette Interview mit Thomas Morgenstern gibt es im folgenden Video. Darin spricht er unter anderem über die aktuellen ÖSV-Adler, eine mögliche Karriere als Skisprung-Trainer und ein Hubschrauber-Projekt mit Martin Hinteregger:

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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