Viktor Szilagyis Rückblick auf ÖHB-Erfolgsjahre

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Wenn das ÖHB-Nationalteam am Donnerstag in die Handball-WM in Ägypten startet, wird es die elfte Teilnahme Österreichs an einem Großereignis sein. Acht davon gelangen seit 2010 - als mit der ersten Heim-Europameisterschaft eine neue Ära für den Sport hierzulande anbrach.

Eine der prägendsten Figuren dieser Zeit war und ist Viktor Szilagyi, der als ehemaliger ÖHB-Kapitän auch die Entwicklungen vor dem Durchbruch erlebte sowie mitgestaltete. Als Geschäftsführer bei CL-Sieger THW Kiel ist der 42-Jährige auch jetzt eine Leitfigur bei einer der größten Stationen im Welt-Handball.

Bei LAOLA1 blickt die österreichische Handball-Legende auf das Erfolgs-Jahrtausend und alle Großereignisse der letzten elf Jahre zurück:

Viktor Szilagyi...

...über Entwicklungen der 2000er-Jahre, die den Grundstein gelegt haben

Österreich hat im Vergleich zu anderen Ländern plötzlich immens an Fahrt aufgenommen. Da muss ich Martin Hausleitner (damals ÖHB-Generalsekretär, Anm.) hervorheben, der von Anfang an daran geglaubt hat. Seine Arbeit steckt bis heute im Nationalteam. Er ist als EHF-Delegierter zu vielen Nationen und Europacup-Spielen gereist, hat alles aufgesaugt und auf Österreichs Handball umgemünzt. Spieler und Verantwortliche haben zugehört. Zusammen mit Präsident Gerhard Hofbauer war er die Figur, die es möglich gemacht hat, eine Europameisterschaft herzuholen.

Hausleitner, der jetzige ÖHB-Sportdirektor Fölser, Hofbauer
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Unserer Generation wurde die Möglichkeit gegeben, bei einem Großereignis dabei zu sein und die Weichen für weitere Generationen zu stellen. Wir waren die Jahre zuvor schon bereit dafür, hatten aber Los-Pech und immer Top-Nationen in der Qualifikation. Durch das gute Ergebnis 2010 sind wir in einen höheren Topf gekommen, haben Qualifikationen gegen Gegner auf Augenhöhe erfolgreich gestaltet.

Auch Rainer Osmann (Nationaltrainer von 2001 bis 2008, Anm.) hat viel Professionalität nach Österreich gebracht und ist dabei auch auf große Bereitschaft gestoßen. Und ich habe in Kiel erlebt, was notwendig ist, und habe versucht, mich in viele Bereiche einzubringen. Man hat über konstante Zeit eine Mannschaft aufgebaut, deren Kern über Jahre zusammenhalten können, und bei der Heim-EM 2010 das Leistungsmaximum erreicht. Die hat Genugtuung gebracht - und man wusste, wozu man in den Vorjahren durch so viele Sporthallen und Vorqualifikationen herumgedümpelt ist.

(Text wird unterhalb fortgesetzt)

...über Österreichs Großereignisse im Rückblick

Heim-EM 2010 (9. Platz): Das war das herausragendste Erlebnis meiner Nationalmannschafts-Karriere. Alle Spieler waren Neulinge, nur unser Trainer wusste, wie ein Großereignis läuft. Klar, ich hatte CL-Spiele, aber eine EM ist noch einmal etwas anderes. Diese Erinnerungen an eine volle Wiener Stadthalle, mit einer noch nie dagewesenen Stimmung - über diese EM gibt es nur Fantastisches zu berichten. Da hat alles gepasst: Dramatik, Leistung, ein absolut gelungener Auftakt in die Erfolgsjahre.

Die EURO 2010 wurde ein Startschuss
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WM 2011 in Schweden (18. Platz, 30:33 gegen Japan in der Gruppe): Herauszustreichen ist, dass wir uns erstmals direkt dafür qualifiziert haben, auch wenn wir bei der WM Lehrgeld zahlten. Wir hatten bis dahin kaum außereuropäische Gegner und Japan hat uns kalt erwischt. Das war für die Erfahrung unglaublich wichtig, gegen Nationen wie Brasilien und Japan zu spielen.

EM 2014 in Dänemark (11. Platz): Erfahrungstechnisch war das der Höhepunkt für uns alle. Wir hatten Großereignisse hinter uns. Ich erinnere mich sehr gerne daran zurück, weil wir mit dem Ausrichter Dänemark in einer Gruppe waren. Das ist immer eine andere Atmosphäre. Wir haben das gut genutzt, Tschechien hinter uns gelassen, waren in der Hauptgruppe und haben uns am Leistungslimit bewegt. So etwas ist im Sport das Schönste, was man erreichen kann: Wenn man alles rausholt, was in einer Mannschaft steckt. Mit ein bisschen Glück wäre vielleicht mehr drin gewesen, aber insgesamt war es ein sehr erfolgreiches Turnier.

WM 2015 in Katar (13. Platz, 27:29 im Achtelfinale gegen den späteren Vizeweltmeister Katar, letztes Großereignis von Viktor Szilagyi): Wir waren in einer sehr guten Form. Das Spiel gegen Katar war ein emotionaler Tiefpunkt. Im Sport kommt man ganz selten in eine Situation, wo man sich irgendwie beraubt fühlt. Wir waren aus meiner Sicht deutlich überlegen, haben aber unsere Chancen nicht genutzt und die Situation zugelassen, in der einzelne Entscheidungen das Spiel gegen uns entschieden haben. Ich hielt uns bereit für die ganz großen Aufgaben. Da war noch der Traum, sich ein Ticket für Olympia zu erspielen, was mir und allen anderen in unserer Karriere leider verwehrt blieb. Es war ganz schwer, das hinzunehmen - so bleibt diese WM ein dunkler Fleck.

Katar wurde 2015 zur bösen Überraschung
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EM 2018 in Kroatien (Vorrunden-Aus, 15. Platz) und WM 2019 in Dänemark (19. Platz): Ich finde, dass man der Leistung der Nationalmannschaft nicht gerecht wurde. Natürlich steigen die Erwartungen. Aber alleine die Teilnahme war nach dem Umbruch ein Erfolg. Der Kern ist in kurzer Zeit weggefallen. Trotzdem hat man sich qualifiziert. Dann hatte jedes Turnier seine eigene Geschichte – etwa Verletzungen, wo man die Breite im Kader nicht hatte. Aber alles in allem würde ich es trotzdem als den großen Erfolg sehen, dass sich Österreich konstant qualifiziert hat.

Heim-EM 2020 (8. Platz): Ich wurde vom Verband gebeten, in der Vorbereitung ein paar Worte an die Mannschaft zu richten, um das 2010er-Feeling rüberzubringen. Einige waren damals noch Kinder! Man hat die Möglichkeit, österreichische Sportgeschichte zu schreiben. Das sind die Momente, in denen man als Team etwas erlebt, was einander die ganze Karriere und darüber hinaus verbinden wird. Die meisten werden es erst später reflektieren können, was sie da geleistet haben. Es war unglaublich schön zu sehen, wie sich die Mannschaft von Spiel zu Spiel trotz der großen Drucksituation entwickelt hat. Darum können sie stolz sein, was sie geleistet haben – sie haben Österreich nicht nur überragend präsentiert, sondern auch die Weichen für die Zukunft gestellt.

...über Verbesserungswürdiges in den letzten 20 Jahren

Das Entwicklungstempo, welches wir am Anfang hatten, hätten wir früher haben können. Die Mannschaft war bereit dazu. Oder den Mut, der später gekommen ist. Aber ich äußere mich nicht gerne kritisch, weil immer ein Austausch da war! Ich kann mich aus diesen Sachen nicht herausziehen.

...über die Zukunft des ÖHB-Teams

In Östereich ist die Grundvoraussetzung, dass beim Kader aus den Vollen geschöpft werden muss. Da darf kaum jemand wegbrechen. Dann hat Österreich schon bewiesen, mit Top-Nationen mithalten zu können.

Der Teamchef-Wechsel auf Ales Pajovic hat allen sehr gut getan. Er ist schnell in die Rolle gewachsen, man hat gesehen, wie gut die Mannschaft bei der EURO taktisch eingestellt war, und dass er einen guten Draht zum Team hat. Er wird derjenige sein, der die Richtung vorgibt, ist aber auf die Klubs der Teamspieler angewiesen und muss hier viel kommunizieren. Aber das ist ihm durch die eigene Spielerkarriere bewusst. Er strahlt Ruhe aus, setzt den Hebel und die Erwartungen hoch an, lebt das aber auch vor. Das ist eine sehr gute Kombination.

Für die Zukunft muss man in den Nachwuchsbereich blicken. Es ist leicht zu sehen, auf welchen Positionen im Nationalteam ein Umbruch bevorsteht. Dort muss individuelle Förderung greifen, muss Team-Erfolg im Nachwuchs-Bereich auch in den Hintergrund gestellt werden. Wir hatten immer wieder junge Spieler in fantastischer körperlicher Verfassung dabei, die aber taktische Defizite hatten, die man im Nationalteam nicht aufholen kann.

Um sich in den Top acht Europas zu etablieren, müssen die richtigen Schlüsse gezogen und die Dynamiken der Heim-EM genutzt werden. Da zähle ich mich selbst dazu, weil ich in Kontakt bin. Und weil ich an meinen eigenen Söhnen merke, was Corona mit dem Nachwuchs macht. Da muss der Verband sehr unterstützen, um wieder Fahrt aufzunehmen. Wir müssen dem entgegenwirken, Jugendliche zu verlieren. Dafür hat die Nationalmannschaft eine riesige Verantwortung. Sie müssen Vorbilder mit Fan-Nähe sein. Wenn wir es dann noch schaffen, Spitzenspieler individuell zu fördern und Klubs nicht nur ihre eigene Situation sehen, sie bei den nächsten Schritten ins Ausland unterstützen - dann wäre schon viel geschafft.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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