Wenig Gegenwind für Sturm

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Den SK Sturm als Meisterfavoriten zu bezeichnen, dafür ist es wohl noch zu früh. Schaut man sich die Konkurrenz an, spricht allerdings auch nicht viel dagegen.

Der SK Sturm hat nach zehn Runden sechs Punkte Vorsprung auf Altach, sieben auf Red Bull und gar schon neun auf die Wiener Vereine. Natürlich ist es nach knapp einem Drittel der Meisterschaft zu früh, um die Grazer als absoluten Titelaspiranten Nummer eins zu deklarieren. Dort spricht man auch immer von der Tabelle als einer Momentaufnahme und dem unveränderten Saisonziel internationaler Startplatz. Frühestens bei einer Tabellenführung im Winter will Trainer Franco Foda über einen neuen Standpunkt diesbezüglich nachdenken.

Es ist natürlich sein Job (und jener des Sportchefs und des Präsidiums) den Ball flach zu halten und die Euphorie nicht ins Unvernünftige abdriften zu lassen. Nichtsdestotrotz wird sich der SK Sturm mit geänderten Voraussetzungen auseinandersetzen müssen. Auch wenn man es selbst leugnet, alle zukünftigen Gegner werden den Grazern sehr wohl die Favoritenrolle zuschieben, solange sie so weit vorne sind. Das immer noch kleinere Budget oder der nominell schwächere Kader, vor allem in der Breite, spielen keine Rolle mehr. Wer so einen Lauf hat, am Beginn einer Meisterschaft, der muss wohl oder übel die neuen Rahmenbedingungen annehmen.

"Es erinnert sehr viel an die Saison 2011, als die Schwarz-Weißen zum letzten Mal Ligachampion waren."

Die derzeitige Standardvariante der Grazer Marke "Abwarten und Zuschlagen" funktioniert perfekt. Relativ wenig Ballbesitz, gute Balleroberung und sehr schnelles, schnörkelloses Spiel in die Spitze. Insbesondere klappt das durch die gnadenlose Effizienz von Deni Alar und den fantastisch aufspielenden Uros Matic, der den Ball aus der eigenen Hälfte auf eine Art und Weise nach vorne treibt, wie man es in der heimischen Liga selten zu sehen bekommt. Das haben mittlerweile aber alle begriffen und ab dem aktuell laufenden Durchgang zwei von vier in der Bundesliga, wird die Konkurrenz dem was entgegenzusetzen haben. Man darf außerdem nicht übersehen, dass der SK Sturm in einigen Partien hinsichtlich Fortune nicht unbedingt benachteiligt war. Nicht nur zuletzt in Salzburg, als mit zwei Mann mehr fast noch der Ausgleich hingenommen werden musste.

Nichtsdestotrotz erinnert sehr viel an die Saison 2011, als die Schwarz-Weißen zum letzten Mal Ligachampion waren. Damals wurde Sturm als am wenigsten instabile Mannschaft in einer Reihe instabiler Konkurrenten Meister. Und jene Mannschaften, die die logischen Mitanwärter auf die Krone sind, haben alle ziemlich große Baustellen zu bewältigen. Altach wird wohl aller Wahrscheinlichkeit nach den Platz ganz vorne nicht halten können und die drei "Großen" dahinter sind zumindest durchwachsen unterwegs.

"Teile der Rapid-Mannschaft, unter ihnen Vereinsikone Steffen Hofmann, sollen mit dem Trainer mäßig gut zurechtkommen. All das ergibt eine explosive Mischung in Hütteldorf."

Red Bull leidet. Unter der wieder verpassten Champions League-Qualifikation. Einer leeren Arena. Der Geringschätzung aus Leipzig und den damit verbundenen Abgängen. Einigen, offenbar ein bisschen missglückten, Transfers (Stefan Stangl oder Munas Dabbur), die nicht so wirklich gebraucht werden. Und nicht zuletzt ist da mit Oscar Garcia ein Trainer, der deshalb einigermaßen stinkig ist und durch zumindest fragwürdige Aufstellungs- und Rochadevarianten auffällt. Nicht die beste Mischung beim Meister um seiner Rolle als erneuter Titelfavorit gerecht zu werden.

Der SK Rapid stürzt offenbar nach Saisonbeginns-neues Stadion-Euphorie in eine veritable Krise. Die Mannschaft kommt nicht richtig in Fahrt und die Blamage unlängst in Ried hat das Fass ein wenig zum Überlaufen gebracht. Sportchef Andreas Müller steht schwer in der Kritik, die vielfach aus einer eindeutig zuordenbaren Ecke kommt. Die Zoki Barisic-Nachtrauerer schießen scharf. Müller versucht den Ball im "Kurier"-Interview weg von Trainer Mike Büskens hin zur Mannschaft weiterzureichen und kritisiert diese ungewohnt direkt. Teile der Truppe, unter ihnen Vereinsikone Steffen Hofmann, sollen mit dem Trainer mäßig gut zurechtkommen. All das ergibt eine explosive Mischung in Hütteldorf. Büskens selbst sammelt außerdem bei seinen Medienauftritten ähnlich viele Sympathiepunkte wie der Kollege beim Stadtrivalen. Wer hätte gedacht, dass das möglich ist?

"Die Austrianer sind schon im Normalfall nicht von großer Faneuphorie getragen. Die alte Betonschüssel im Prater ist, vor allem wenn nahezu leer wie bei Austria-Heimspielen, eine zusätzliche Last."

Das führt uns zur Austria und Thorsten Fink. Ich lehne mich jetzt aus dem Fenster und sage, dieses Projekt wird wohl keine violette Glanzzeit einleiten. Was Fink spielen lässt, lässt den neutralen Beobachter immer wieder ein wenig ratlos zurück. Man weiß nicht so recht, was das werden soll. Das was es ist, kann wohl nicht das Ziel sein. Zudem kommen die erschwerten Umstände mit dem Gastspiel im Happel-Stadion. Die Austrianer sind schon im Normalfall nicht von großer Faneuphorie getragen. Die alte Betonschüssel im Prater ist, vor allem wenn nahezu leer wie bei Austria-Heimspielen, eine zusätzliche Last. Selbst als Zuseher bekommt man fast eine Depression. Als Leistungssportler muss es sich wie Blei in den Schuhen anfühlen.

Fazit: Es ist wie gesagt bei weitem zu früh, den SK Sturm als Hauptanwärter auf die österreichische Fußballkrone 2016/17 zu positionieren. Mit einem Blick zur Konkurrenz zeigt sich allerdings im Moment: Dagegen sprechen tut diese Saison auch nicht allzu viel.

Jürgen Pucher war Gründungsmitglied der Plattform „sturm12.at“ und hat dort über Jahre hinweg mit seiner Kolumne „12 Meter“ die Diskussionen rund um den Grazer Verein und den österreichischen Fußball extrem bereichert. Nun beschäftigt er sich als Betreiber der Podcast-Plattform "blackfm.at" mit den Geschehnissen bei den Schwarz-Weißen. Bei LAOLA1 verfasst er in regelmäßigen Abständen Gastkommentare zum Geschehen im heimischen Kick.

Kontakt: blackfm1909@gmail.com

 

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