Das Sauerland

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Wenn ein talentierter heimischer Nachwuchsspieler nicht schnell den Weg in die Akademie im Ausland sucht, droht er in den Amateurmannschaften der Bundesligisten zu versauern.

Gerade ist das große Talente-Ranking von LAOLA1.at zu Ende gegangen. Die 50 aussichtsreichsten ÖFB-Kicker, die noch U21-spielberechtigt sind, wurden dabei gelistet. Viele dieser Spieler sind bereits regelmäßig im Einsatz, viele davon in europäischen Ligen. Bei denen liegt auch nicht das Problem. In Top-Ligen ist es längst üblich, den Nachwuchshoffnungen schon im Alter von weit unter 20 Jahren erste Chancen und Gehversuche in der Profi-Mannschaft zu geben. Siehe nur Philipp Lienhart, an der Spitze des Rankings, der mit 19 Jahren für Real Madrid aufgelaufen ist.

In Österreich ist das nicht so. Mit der Lupe muss man jene Spieler im relevanten Alter suchen, die bei einem Bundesligisten regelmäßig in der ersten Elf stehen. Das 50er-Ranking kurz durchgezählt, kommt man auf sieben ÖFB-Spieler, die bei einem heimischen Erstligisten unter Vertrag stehen und mehr oder weniger Stammspieler sind. Nicht annähernd einer pro Team also. Niemand sagt, eine Mannschaft kann nur aus Youngsters bestehen. Aber sieben? Aus unterschiedlichsten Gründen ist das eine ziemliche Bankrotterklärung für eine Liga, die mittlerweile ein unglaubliches Reservoir an Talenten aus dem Nachwuchs des Landes zur Verfügung hätte – siehe nur die Erfolge der Jugend-Nationalmannschaften.

Wie es auch der ehemalige Sturm-Aufsichtsratsvorsitzende Friedrich Santner unlängst durchklingen ließ, regiert in der Ö-Liga aber noch immer die Kurzfristigkeit. Alle reden zwar immer von Karriereplattformen und Ausbildungsvereinen, die sie sehr gerne sein mögen – handeln tun die Klubs aber nicht danach. Santner sprach davon, dass ein Trainer in Österreich, trotz aller guten Vorsätze der Talenteförderung, schnell Erfolg haben müsse und es keine Zeit für einen Aufbau gäbe. Die Mehrheit dieser Trainer glaubt eher mit den sogenannten arrivierten Spielern zu reüssieren. Außer die wirtschaftliche Not zwingt einen Verein dazu, die Eigenbaukräfte einzusetzen – siehe Sturm Graz Mitte der 2000er-Jahre. Damals haben zum Beispiel Sebastian Prödl und Jakob Jantscher blutjung ihre ersten Gehversuche gemacht. Beide spielen heute in der Nationalmannschaft.

In der Bundesliga der Saison 2015/16 heißt es allerdings sehr oft immer noch, es brauche einen „fertigen“ Spieler für diese Position. Im Klartext: einen Mitte 20-Jährigen, der schon einiges an Profi-Erfahrung hat. Eine Heerschar dieser Durchschnittskicker läuft dementsprechend auf den heimischen Fußballfeldern herum. Die „nicht fertigen“ Talente zwischen 17-20 versauern bei den Amateurteams in der Regionalliga oder bestenfalls ab und zu auf der Ersatzbank in der Bundesliga. Dass jeder Junior, der mutig genug ist und etwas auf sich hält, so schnell wie möglich in die Akademie eines deutschen Klubs oder anderswo in Europa abhaut, ist nur zu verständlich. Es gäbe eine Reihe von Argumenten für einen Paradigmenwechsel in Österreich zu diesem Thema. Die drei wichtigsten seien im Folgenden genannt:

Zunächst wäre es angesichts der notorisch klammen Klubs hierzulande eine wirtschaftliche Notwendigkeit, auf diese jungen Kräfte zu setzen. Wie sollen Vereine einer Liga, die weder große TV-Geld-Summen, noch gut dotierte Sponsorenverträge oder wesentliche Zuschauereinahmen lukrieren kann, größere Geldsummen einnehmen, wenn nicht durch Transfererlöse? Und wie sollen diese Erlöse erzielt werden, wenn nicht durch einen jungen, vielversprechenden Fußballer, der eine internationale Karriere vor sich haben könnte? Nichts gegen die Karrieren eines Markus Suttner oder jetzt eines Michael Madl, die spät noch den Sprung nach Deutschland und England geschafft haben – aber reich wird ein Klub mit solchen Transfers rund um eine Million Euro nicht.

Solange aber etwa Franco Foda, der angeblich ein großer Talenteförderer sein soll, angesichts der Abgänge bei Sturm sofort nach erfahrenem Ersatz schreit und Zoki Barisic immer noch glaubt, er würde eine blutjunge Mannschaft trainieren, sehe ich für einen Paradigmenwechsel leider schwarz.

Das zweite Argument ist jenes der Identifikation. Die Bundesliga kämpft mehrheitlich mit einem signifikanten Zuschauerschwund, der natürlich einerseits mit der oft miesen Infrastruktur zusammenhängt, andererseits aber auch mit der mehr und mehr fehlenden Identifikation mit dem Klub. Ein Teil so einer Identifikation kann durch „local heroes“ entstehen. Es ist noch jedes Mal gut angekommen, wenn eine Reihe von Protagonisten als Eigenbauspieler bezeichnet werden kann. Und wer sind denn bei den meisten Vereinen die Leute, die nicht nur respektiert, sondern geliebt werden? Gerade eine Liga, die wenig zu bieten hat, täte gut daran, zumindest jene Töne der Klaviatur zu spielen, die im Bereich des Möglichen sind.

Und nicht zuletzt würde nach meinem Dafürhalten die Liga auch sportlich von ein bisschen mehr Mut beim Einsatz der Nachwuchskräfte profitieren. Nicht jeder ist mit 15-16 Jahren schon bereit das Elternhaus zu verlassen und ins Ausland zu gehen. Veranlagung hin oder her. Gäbe es in der Bundesliga eine Perspektive schon früh Einsätze zu bekommen und Erfahrung im Profi-Fußball zu sammeln, wäre das nicht in jedem Fall notwendig. Ein David Alaba hätte immer die Aufmerksamkeit europäischer Top-Klubs auf sich gezogen, auch schon im Jugendalter.

Es gibt aber nicht nur David Alabas. So mancher braucht vielleicht aufgrund unterschiedlicher Entwicklungsgeschwindigkeit bis er 18 oder 19 ist, um ins Ausland zu gehen. Wenn er davor aber nirgendwo sichtbar zum Einsatz kam, wird das nicht passieren können. So mancher wird vielleicht auch am Ende nur ein Star in der Ö-Liga. Aber die braucht es auch. In jedem Fall wäre das „Verwenden“ dieser Kräfte hier, solange sie da sind, eine sportliche Bereicherung. Solange aber etwa Franco Foda, der angeblich ein großer Talenteförderer sein soll, angesichts der Abgänge bei Sturm sofort nach erfahrenem Ersatz schreit und Zoki Barisic immer noch glaubt, er würde eine blutjunge Mannschaft trainieren, sehe ich für einen Paradigmenwechsel leider schwarz.

 

Jürgen Pucher war Gründungsmitglied der Plattform „sturm12.at“ und hat dort über Jahre hinweg mit seiner Kolumne „12 Meter“ die Diskussionen rund um den Grazer Verein und den österreichischen Fußball extrem bereichert. Nun beschäftigt er sich als Betreiber der Podcast-Plattform "blackfm.at" mit den Geschehnissen bei den Schwarz-Weißen. Bei LAOLA1 verfasst er in regelmäßigen Abständen Gastkommentare zum Geschehen im heimischen Kick.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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