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"In guten Zeiten ist unwichtig, wer Kapitän ist"

Pogatetz, Enke, Jugendförderer, Bergwelten. Sturm-Kapitän Christian Schulz hat einiges zu erzählen:

„Er kann das Masterpiece in diesem Puzzle sein, weil wir keinen anderen Spieler mit so einem Charisma, Charakter und einer so großen Erfahrung besitzen.“

Geschäftsführer Sport Günter Kreissl adelte Christian Schulz im Talk mit blackfm.at, Trainer Franco Foda zog mit der Ernennung des Deutschen zum neuen Kapitän von Sturm Graz nach.

Charisma, Charakter, Erfahrung. Attribute, die der 33-jährige Neuzugang von Hannover 96 auch im LAOLA1-Interview unter Beweis zu stellen vermag.

LAOLA1: Welches ist bisher dein steirisches Lieblingswort?

Christian Schulz: Das Erste, was ich gelernt habe, ist der Spruch „Bist deppat?“ Das passt zu jeder Lebenslage, so wie ich das mitgekriegt habe (lacht).

LAOLA1: Was zeichnet einen Sportler und Menschen aus, wenn er zu einem neuen Verein kommt und auf Anhieb Kapitän wird?

Schulz (überlegt): 358 Bundesliga-Spiele sind so ein kleiner Augenzwinker, wo man sagen kann: Okay, ein bisschen Erfahrung hat er schon auf dem Buckel, also nicht nur von den Jahren, sondern auch von den Bundesliga-Spielen. Es ist natürlich eine tolle Sache und zeugt vom Vertrauen des Trainers gegenüber meiner Person. Ich bin von der Sturm-Familie super aufgenommen worden – nicht nur von der Mannschaft, auch von der Geschäftsstelle. Natürlich ist alles ein bisschen kleiner, dafür sehr familiär. Ich bin seit zwei Wochen hier, fühle mich schon richtig gut integriert von den Jungs. Es macht einfach unheimlich Spaß.

LAOLA1-Dreierkette über den Traumstart von Sturm:


LAOLA1: Du hast bereits in Hannover Kapitäns-Erfahrung gesammelt. Muss man der Typ dafür sein, dass man vorangeht?

Schulz: Ja, natürlich. Als Kapitän heißt es nicht nur die Binde auf dem Platz zu tragen, sondern auch von der Mentalität her voranzugehen, die Mannschaft in der Kabine zusammenzuhalten. In den guten Zeiten ist es gar nicht so wichtig, wer Kapitän ist oder wer nicht Kapitän ist, sondern eher in den schlechten Zeiten, in denen man auch mal das eine oder andere unangenehme Gespräch führen muss. Erst da zeichnet sich die Qualität eines Kapitäns aus.

"Ich habe mir auf die Fahnen geschrieben, dass ich Erfahrung weitergeben und den jungen Spielern helfen möchte. Bei mir wurde es früher so gemacht, dass erfahrene Spieler mich zur Seite genommen haben."

LAOLA1: Geschäftsführer Günter Kreissl hat dich als „Masterpiece“ im Sturm-Puzzle bezeichnet. Ist das hauptsächlich auf deine Erfahrung bezogen?

Schulz: Wie er es genau meint, weiß ich nicht. Ich versuche mich ein bisschen als Bindeglied zu sehen. Die Erfahrung kommt einem auf dem Spielfeld zu Gute. In einer Mannschaft muss eine gute Mischung sein. Jene mit jugendlichem Elan haben vielleicht die Erfahrung noch nicht, dafür haben sie die Spritzigkeit, laufen immer wieder hoch und runter. Ich habe mir auf die Fahnen geschrieben, dass ich Erfahrung weitergeben und den jungen Spielern helfen möchte. Bei mir wurde es früher so gemacht, dass erfahrene Spieler mich zur Seite genommen haben. Jetzt bin ich in der Position und in dem Alter, wo ich das mit jungen Spielern machen kann. Die jungen Spieler sind die Zukunft dieses Vereins. Wir sind zwar jetzt im Hier und Heute und versuchen das Bestmögliche herauszuholen, aber ein Verein lebt immer auch davon, seine eigenen Talente in die Erfolgsspur zu bringen.

LAOLA1: Kannst du uns auf den Entscheidungsprozess mitnehmen, der den Ausschlag für Sturm gegeben hat?

Schulz: Die letzten eineinhalb Jahre in Deutschland waren nicht ganz einfach. In Hannover lief es sportlich nicht, das muss man einfach so sagen. Die Planung war zwar eine andere, aber in der Familie haben wir gesagt, wenn es in Hannover irgendwann zu Ende gehen sollte, dass es uns reizt, einmal ins Ausland zu kommen. Dann kam aber unsere Tochter dazu, weshalb man auf die Familie Rücksicht nehmen muss. So ganz außergewöhnliche Sachen kamen dann nicht mehr in Frage.

LAOLA1: Eine Destination wie China, das gerade sehr modern ist, wäre dann schwierig.

Schulz: Genau. Und wenn wir etwas machen, dann machen wir es als Familie zusammen. Ich habe die Bundesliga jetzt 15 Jahre erlebt und kann sagen: Es ist alles top organisiert, top Stadien, top Atmosphäre, es ist alles super. Aber wenn du 15 Jahre immer das Gleiche hast, ist irgendwann der Reiz da, etwas anderes kennenzulernen. Dann überlegst du: Ausland wäre gut, deutschsprachig wäre aber auch gut, dann sind wir schon im Bereich Österreich oder Schweiz. Dann kam das Angebot von Sturm Graz. Wir haben uns als Familie damit beschäftigt, waren auch persönlich hier und haben uns die Stadt angeguckt, sowie mit dem Trainer und dem Manager getroffen. Wir haben uns dann so verständigt, dass wir das gerne zwei Jahre lang als Erfahrung machen wollen.

"Ich kann ja nicht hierher kommen und sagen: 'In Deutschland war das besser, in Deutschland war dies besser.' Das bringt uns nicht weiter! Dann würde ich ja meine eigene Entscheidung, die ich freiwillig getroffen habe, zunichtemachen."

LAOLA1: Wenn man so lange in einem toporganisierten Umfeld wie der deutschen Bundesliga gespielt hat, ist es vermutlich extrem wichtig, dass man sich voll darauf einlässt, was hier passiert. Fußballplätze wie in Mattersburg oder Wolfsberg kennt man in Deutschland nicht.

Schulz: Ich bin gespannt! Sicherlich kennt man die großen Mannschaften wie Austria Wien oder Rapid Wien. Aber die Stadien sind für mich alle Neuland. Ich freue mich darauf. Man muss sich darauf einlassen, das stimmt schon, denn das sind eben die Gegebenheiten, wie sie hier sind. Ich kann ja nicht hierher kommen und sagen: „In Deutschland war das besser, in Deutschland war dies besser.“ Das bringt uns nicht weiter! Dann würde ich ja meine eigene Entscheidung, die ich freiwillig getroffen habe, zunichtemachen. Deswegen nehme ich das so an. Wenn mich jemand fragt, oder wenn ich Kleinigkeiten entdecke, wo ich der Meinung bin, das könnte der Mannschaft gut tun, kann ich vielleicht mal ein paar Sachen anschieben. Aber grundsätzlich muss man sich als ausländischer Spieler schon den Gegebenheiten in Österreich anpassen.

LAOLA1: In Österreich ist Sturm sicherlich einer der emotionalsten Vereine. Was macht für dich vom ersten Eindruck her den Reiz dieses Klubs aus?

Schulz: Als ich hier war, habe ich mir das Stadion angeguckt und in der Zuschauertabelle gesehen, dass Sturm mit Rapid die meisten Fans hat. Dazu kommt der Mythos aus den 2000er-Jahren, als hier Großes geleistet und Champions League gespielt wurde. So ein Verein lechzt danach, da wieder ranzukommen. Sicher sind die Gegebenheiten inzwischen anders, Situationen verändern sich. Red Bull hat enorme Ressourcen, dazu profitieren die beiden Wiener Mannschaften alleine durch die Stadt dahinter. Das wird eine interessante Aufgabe. Aber der Mythos Sturm lebt, das kriegt man auch in Deutschland mit.

LAOLA1: Wie viel bekommt man in Deutschland überhaupt vom österreichischen Fußball mit? Wenn man ehrlich ist, fliegt unsere Bundesliga vermutlich unter dem Radar.

Schulz: Die vier Mannschaften, die ich mit Sturm, Salzburg und den beiden Wiener Mannschaften aufgezählt habe, sind jene, die du in Deutschland kennst. Man wird schon informiert, auf Sky läuft immer wieder mal etwas über die österreichische Liga. Aber sicherlich steht die deutsche Liga über der österreichischen, so ehrlich müssen wir schon sein (lacht), die gehört zu den drei, vier Top-Ligen der Welt. Aber ich bin gespannt, was die österreichische Liga zu bieten hat.

LAOLA1: Ab wann kannst du das auf dem Platz erkunden?

Schulz: Das werden wir sehen. Von der Fitness her steigert es sich von Woche zu Woche. Ich bin langsam so weit, dass ich der Mannschaft weiterhelfen kann. Alles andere werde ich mit dem Trainer besprechen.


LAOLA1: Dieser Auftakt-Sieg gegen Salzburg hat vermutlich Lust auf mehr gemacht, oder?

Schulz: Es hat im Stadion Spaß gemacht. Ich war sehr positiv angetan. Es stand eine Mannschaft auf dem Platz, die zusammengehalten hat, die 90 Minuten Power-Fußball gespielt hat, sehr mutig war.

LAOLA1: Kannst du dir nach diesem Erlebnis vorstellen, dass Sturm vor zwei Monaten noch ein Krisen-Verein war?

Schulz: Ich habe es ja nur so am Rande mitbekommen. Aber die Zeit vor mir interessiert mich persönlich nicht so, denn es ist eine neue Saison, ein neuer Abschnitt. Ich habe schon häufig erlebt, dass mal ein Jahr gar nichts lief und im Jahr darauf läuft auf einmal alles wieder zusammen – und ganz genauso umkehrt. In der Mannschaft wurde viel getauscht, personell war es ein großer Umbruch. Das braucht ein bisschen Zeit. Aber so anzufangen, ist natürlich schön. Wir müssen aber den Ball flach halten. Die nächsten Aufgaben werden zeigen, in welche Richtung es geht.

"Ich persönlich habe immer gesagt, ich höre dann auf, wenn ich mit einem 2000er-Jahrgang zusammen auf dem Platz stehe – und das habe ich jetzt sogar hier bei Sturm."

LAOLA1: Bei Sturm stehen viele Talente in der Mannschaft. Welche stechen dir besonders ins Auge?

Schulz (lacht): Ich persönlich habe immer gesagt, ich höre dann auf, wenn ich mit einem 2000er-Jahrgang zusammen auf dem Platz stehe – und das habe ich jetzt sogar hier bei Sturm (durch Romano Schmid, Anm.d.Red.). Darüber musste ich wirklich schmunzeln. Ich werde natürlich nicht aufhören, sondern auf jeden Fall zwei Jahre hier im Verein tätig sein. Aber wenn Jungs mit 16 oder 17 kommen, ihre ersten Erfahrungen machen und reingeschmissen werden, ist es schon eine schöne Sache, das zu begleiten.

LAOLA1: Mit Dario Maresic hast du in der Innenverteidigung einen 99er-Jahrgang, den du führen kannst.

Schulz: Genau. Es ist aber nicht nur er. Klar, durch die gleiche Position gibt es mehr Austausch. Er fragt auch etwas mehr nach, in welcher Situation er was zu machen hat. Aber auch die anderen Jungs ein wenig in der richtigen Bahn zu halten, dass der Weg nicht immer ganz schnell nach oben geht, sondern man auch ein bisschen Geduld mitbringen und Demut an den Tag legen muss, ist eine reizvolle Aufgabe.

Jubel mit Emanuel Pogatetz bei Hannover 96

LAOLA1: Wer waren früher in Bremen die Typen, die dich an die Hand genommen haben?

Schulz: Ich habe in Bremen links hinten angefangen, da habe ich neben Valerien Ismael gespielt, sofern der noch ein Begriff ist. Das war ein Spieler, der mich gerne mal zur Seite genommen hat – nicht immer freundlich (schmunzelt). Aber das muss bei einem jungen Spieler auch nicht immer der Fall sein. Der muss auch wissen, dass er hart dafür arbeiten muss. Denn Fußball-Profi ist nun mal ein Traumberuf, das kann man nicht anders sagen.

LAOLA1: Bei Hannover hattest du mit einigen Österreichern das Vergnügen. Wie sind deine Erinnerungen?

Schulz: Ich bin mit allen gut klar gekommen. Die Mentalität liegt mir anscheinend (lacht). Mit Robert Almer habe ich noch Kontakt. Bezüglich Sturm habe ich mir seinen Rat geholt, was er dazu sagt. Emanuel Pogatetz habe ich leider ein bisschen aus den Augen verloren, er wurde ein wenig zum Weltenbummler, als er in Amerika war. Jetzt ist er in Berlin, nachdem er schon in Wolfsburg und Nürnberg war. Aber mit Emi hatten wir damals eine ganz starke Phase, sind in der Bundesliga Vierter geworden. Er hat innen gespielt, ich außen. Er ist natürlich auch ein Typ, ein positiv Verrückter, der keine Rücksicht auf seine eigene Gesundheit genommen hat. Er ist ja überall reingebrettert, hat immer hart an der Grenze gespielt. Das „Mad Dog“ haben wir aus England übernommen, sein Ruf ist ihm ja vorausgeeilt. Aber er hat das gut gemacht in Hannover. Mit Daniel Royer habe ich leider nur ein Jahr zusammengespielt, er war aber ein ganz netter Junge, Samuel Radlinger genauso. Da kann ich kein schlechtes Wort verlieren.

LAOLA1: Du hast es zum DFB-Nationalspieler geschafft. Ist das für dich das Highlight der Karriere?

Schulz: Das ist schon eine Weile her. Ich hatte vor sechs Jahren ein Länderspiel gegen Dänemark, bei den anderen drei Spielen war ich Anfang 20. Sicherlich, Nationalspieler von Deutschland zu sein, ist ein Highlight in der Karriere. Man könnte sonst noch das Double 2004 mit Werder hernehmen oder die Europa-League-Phase mit Hannover, als die Stadt Kopf stand. Es gab viele schöne Sachen in meiner Karriere.

Persönlich war natürlich der Freitod von Robert Enke eine harte Nummer. Das lag damals wie eine Glocke über der Stadt und auch über der Mannschaft, das hat man extrem gemerkt

LAOLA1: Und leider auch schwierige Momente. Welche waren die schwierigsten?

Schulz: Wo schöne Zeiten sind, sind auch schwierige Zeiten, eine Karriere geht nicht nur steil bergauf. Persönlich war natürlich der Freitod von Robert Enke eine harte Nummer. Das lag damals wie eine Glocke über der Stadt und auch über der Mannschaft, das hat man extrem gemerkt. Dann natürlich die letzten eineinhalb Jahre, in denen bei Hannover nicht mehr viel zusammengelaufen ist. In dieser Zeit ist auch noch ein junger Spieler bei einem Autounfall ums Leben gekommen (Niklas Feierabend, Anm.d.Red). Also es gab schon ein paar Sachen. Aber die gehören zum Leben dazu. Es kann nicht immer nur alles gut sein. Das ist leider so. Man muss es akzeptieren, wie es kommt.

"Wenn ich den Schöckl sehe, ist das für mich ja Hochgebirge! In Tirol sind da ja noch ganz andere Klopfer."

LAOLA1: Es gehört auch das Leben abseits des Fußballs dazu. Wie gefällt es dir bislang in Graz?

Schulz: Ein neues Umfeld ist ja auch, was den Reiz dieser Geschichte ausmacht. Für die Österreicher oder Grazer sind das hier ja keine Riesen-Berge. Aber in Norddeutschland ist alles flach. Wenn ich den Schöckl (Grazer Hausberg, Anm.d.Red.) sehe, ist das für mich ja Hochgebirge! In Tirol sind da ja noch ganz andere Klopfer. Unheimlich viele Leute sprechen von dieser Lebensqualität in Graz, egal mit wem ich mich unterhalte. Die Leute sind sehr offen, sehr positiv, genießen das Leben. Es ist alles einen Tick ruhiger als in Deutschland. Ich bin schon gespannt, was das Thema Lebensqualität ausmacht. Klar ist das für jeden ein bisschen anders. Der eine möchte lieber in großen Hauptstädten shoppen gehen, der andere lieber mehr Ruhe haben. Aber der wichtigste Punkt ist klarerweise der sportliche Part, dass man sich in der Mannschaft wohl fühlt, dass wir Erfolg haben. Dann kommt alles andere von ganz allein. Aber die Tage, in denen ich in der Stadt war, hat mir schon alles sehr gut gefallen mit den kleinen Gassen, dieser barocke Baustil.

LAOLA1: Du scheinst jedenfalls der Typ zu sein, der über den Tellerrand des Fußballs hinausblickt.

Schulz: Ich verschließe nicht die Augen. Ich sage nicht, dass der Horizont nach der deutschen Grenze aufhört. In der Welt gibt es genügend Probleme, aber auch genügend Erfahrungen, die man sammeln kann. Bei uns ist es Österreich geworden. Ich verstehe auch Leute, die ganz woanders hin gehen, zum Beispiel nach Amerika, weil das Leben dort einfach anders ist. Für jeden, der dort lebt, sind seine Gewohnheiten normal. Aber für einen Ausländer ist vieles neu. Es geht darum, sich anzupassen, klar zu kommen. Nicht zu sagen, so wie ich groß geworden bin, ist das Nonplusultra und so wird es überall gemacht, sondern auch mal ein paar Sachen anzunehmen, was in der Region vorgelebt wird. Wir gehen offen durch die Welt und versuchen uns von allen Seiten das Positive rauszuziehen.

Das Gespräch führte Peter Altmann

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