"Taktisch bei Sturm was anderes"

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"Dani Alves ist der perfekte Außenverteidiger"

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Heimspiel-Woche für Sturm Graz. Binnen acht Tagen gastieren die Admira, Rubin Kasan und der SV Grödig in der steirischen Landeshauptstadt.

Für Marvin Potzmann wird dies quasi ein „Crash-Kurs“ in Sachen Fan-Kultur. Denn nach zwei Saisonen im nicht gerade von Zuschauerzuspruch verwöhnten Grödig erwartet der 21-Jährige eine Umstellung.

Im LAOLA1-Interview erinnert sich der Burgenländer an die Gänsehaut, die ihm bei seinem letzten Gastspiel als Gegner in Liebenau runtergelaufen ist.

Zudem spricht Potzmann über den nicht gerade konfliktfreien Abschied von seinem Stammverein SV Mattersburg, die anspruchsvollere Taktik bei Sturm, die schwierige Außenverteidiger-Position und Adi Hütter als Trainer, der Spuren hinterlässt.

LAOLA1: Du bist bei einem der Topklubs in Österreich angekommen. Wie wichtig ist es dir, dein Können ab sofort bei einem der Top-4-Vereine zeigen zu können?

Marvin Potzmann: Wenn du die Chance hast, zu einem Topklub in Österreich zu gehen, musst du es einfach probieren. Für mich war es ein logischer Schritt, da ich doch schon 75 Bundesliga-Spiele absolviert habe.

LAOLA1: Nichts gegen Grödig, aber dort hast du teilweise vor 1000 Zuschauern gespielt. Inwiefern wird es für dich eine Umstellung?

Potzmann: Sicher ist es eine Umstellung. Für mich war es immer ein großes Erlebnis, auswärts bei Sturm zu spielen. Im Frühjahr haben wir mit Grödig 1:2 verloren, Sturms Siegtreffer fiel in der 90. Minute. Danach herrschte eine unglaubliche Stimmung, alle sind hochgesprungen, auf dem Feld hast du das richtig mitgekriegt. Da ist mir die Gänsehaut runtergelaufen und ich habe mir gedacht: „Bist du deppert, das ist ein bisserl etwas anderes.“

LAOLA1: Hast du zu diesem Zeitpunkt schon vom Interesse Sturms gewusst?

Potzmann: Nein. Ich glaube, das kam erst ein, zwei Wochen später.

LAOLA1: War es deine erste Möglichkeit, zu einem der Topvereine in Österreich zu wechseln? Du hast für den SV Mattersburg immerhin schon mit 17 Jahren Bundesliga gespielt. Entsprechend könnte es nach dem Abstieg 2013 Angebote gegeben haben.

Potzmann: Im Herbst der Abstiegssaison war ich in Mattersburg Stammspieler. Im Winter wurde mir eine Verlängerung des auslaufenden Vertrags angeboten, was ich aus diversen Gründen abgelehnt habe. Danach habe ich im Frühjahr nicht mehr gespielt. Das war eine harte Zeit für mich. Und es ist auch klar, dass das Interesse weniger wird, wenn du nicht mehr so viel spielst.

LAOLA1: Wie wichtig war, nicht mit Mattersburg den Schritt in die Zweitklassigkeit zu machen, sondern zumindest beim SV Grödig weiter in der Bundesliga zu bleiben?

Potzmann: Beginnend mit der Akademie habe ich in Mattersburg fünf schöne Jahre verbracht, nur das letzte halbe Jahr war nicht so schön. Gegen Ende hin, als ich nicht mehr gespielt habe, habe ich die Freude am Fußball verloren. Da habe ich mir gedacht: „Das kann’s nicht sein mit 18 oder 19 Jahren.“ Ich wollte dann unbedingt weg und habe es durchgezogen. Zuerst habe ich die Matura absolviert und dann den Schritt aus Mattersburg weggemacht.

LAOLA1: War in Mattersburg nur der Vertrag das Problem?

Potzmann: Ich glaube schon. Das letzte Spiel habe ich auswärts in Wolfsberg gemacht, dann war ich nur mehr auf der Ersatzbank. Sie haben zu mir gesagt, ich sei zu eigensinnig. Ich habe vielleicht noch zwei Mal für die Amateure spielen dürfen, ansonsten habe ich eigentlich nur trainiert. Für mich war das schon enttäuschend. Ich habe viel für den Verein gegeben. Sicher, sie haben mir die Chance gegeben, dafür bin ich auch für immer dankbar, das ist klar. Aber das war leider nicht die feine Art.

LAOLA1: Wie sehr hast du im Hinterkopf, dass es eine gefragte Position ist? Es könnte vielleicht eine Spur leichter sein, den nächsten Karriereschritt zu machen.

Potzmann: In Mattersburg war ich noch im Mittelfeld, in Grödig bin ich von Adi Hütter umgeschult worden. An so etwas habe ich dabei aber eigentlich nicht gedacht. Mir hat einfach die Position gefallen und die Art und Weise, wie ich sie spielen sollte – trotzdem immer in der Offensive dabei sein. Dann kann man viel machen. In Grödig hatte ich immer viele Ballkontakte, und das gefällt mir. Dann bist du auch richtig im Spiel drinnen.

LAOLA1: Ich behaupte dennoch: Es ist leichter als Rechtsverteidiger ins Nationalteam zu kommen als zum Beispiel in der Innenverteidigung, wo Österreich alleine mit Aleksandar Dragovic oder Martin Hinteregger auf Jahre hinaus gut aufgestellt sein könnte. Hast du das im Blick?

Potzmann: Vom Nationalteam will ich gar nicht reden. Das ist noch weit weg. Jetzt muss ich einmal schauen, dass ich bei Sturm Graz Leistung bringe und mich weiterentwickle. Aber es stimmt schon: Dragovic und Hinteregger sind Wahnsinnsspieler für österreichische Verhältnisse. Das Nationalteam ist zurzeit sowieso unglaublich!

LAOLA1: Bei Sturm ist mit Martin Ehrenreich ein Routinier dein Konkurrent. Wie läuft die Zusammenarbeit bisher?

Potzmann: Bei einem Topklub gibt es immer Konkurrenzkampf. Mit Martin verstehe ich mich sehr gut, man pusht sich gegenseitig. Für mich ist es sicher eine Umstellung – von der Taktik her merke ich schon, dass es ein bisschen mehr ist als in Grödig.

LAOLA1: Woran lässt sich das festmachen?

Potzmann: Vor allem daran, wie du dich in der Defensive verhalten musst. Du musst auf mehr achten, mehrere Dinge früher erkennen. In Grödig war es einfach hopp oder tropp. Du machst Pressing, hast aber nicht geschaut, was hinter dir passiert. Das ist bei Sturm Graz anders. Da muss die Defensive stabiler und kontrollierter sein.

LAOLA1: Neben der Defensive ist für einen Außenverteidiger natürlich auch das Spiel nach vorne ein Thema.

Potzmann: Ich glaube, ich war in Grödig auch nicht so viel hinten. Die Position gefällt mir gut, weil ich einen großen Vorwärtsdrang habe. Aber jetzt musste ich mich auf das neue System einstellen. Man muss eben intelligent spielen.

LAOLA1: Lass‘ uns über die Außenverteidiger-Position allgemein reden. Auch international hat man bisweilen das Gefühl, dass sich die Vereine auf dieser Position schwerer als auf anderen tun, adäquates Personal zu finden. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Potzmann: Ich glaube, sie ist nicht so einfach zu spielen. Fußball entwickelt sich, es wird immer laufintensiver - vor allem auf den Außenbahnen. Wenn der Ball zum Beispiel beim rechten Mittelfeldspieler ist, musst du ihm helfen, ihn vielleicht hinterlaufen, im Gegenzug aber auch gleich wieder hinten sein. Viele tun sich schwer, das richtig einzuschätzen und die Kraft richtig einzuteilen. Es ist keine leichte Position.

LAOLA1: Gibt es einen Spieler, an dem du dich orientierst, bei dem dir besonders taugt, wie er die Position ausübt?

Potzmann: Zum Beispiel Dani Alves vom FC Barcelona. Für mich ist er der perfekte Außenverteidiger. Er hat einen Offensivdrang, geht vorne auch ins Eins gegen Eins, trotzdem ist er hinten immer zur Stelle. Unglaublich, wie er den Außenverteidiger interpretiert.

LAOLA1: ÖFB-Kapitän ist mit Christian Fuchs ein Außenverteidiger, der es via Mattersburg ins Ausland geschafft hat. Ist er in gewisser Art und Weise ein Vorbild?

Potzmann: Auf alle Fälle. Ich hatte leider nicht mehr das Glück, mit ihm trainieren zu können, dafür bin ich ein wenig zu spät zu den Profis gekommen. Aber seinen Weg kann sich jeder nur wünschen, wenn du zum Beispiel für Schalke 04 und in der Champions League gespielt hast. Jetzt wird er auch noch in der Premier League spielen. Das ist schon eine großartige Karriere bisher.

LAOLA1: Du hast Adi Hütter bereits angesprochen. Ist er ein Trainer, der bei einem Spieler seine Spuren hinterlässt?

Potzmann: Leider war ich nur ein Jahr bei ihm. Aber in diesem einen Jahr hat er mir wirklich viel beigebracht, vor allem vom Taktischen her. Er ist ein unglaublicher Trainer, fachlich ein Wahnsinn. Das Pressing, so wie er es wollte, war sehr laufintensiv und auch risikoreich, aber man hat gesehen, welchen Erfolg wir damit hatten. Wir sind mit Grödig Dritter geworden. Das hätte uns vor der Saison auch keiner zugetraut. Das spiegelt wider, was für ein Trainer er ist.

LAOLA1: Traust du ihm den Sprung über die Grenzen in eine andere Liga zu?

Potzmann: Auf jeden Fall! Ich bin überzeugt, dass er zum Beispiel auch in Deutschland seinen Weg machen und dort eine super Mannschaft zusammenbringen würde.

LAOLA1: Ligaweit herrscht die Meinung vor, dass es in dieser Saison wieder spannender wird. Hast du das Gefühl, dass auch Sturm weiter vorne anklopfen kann?

Potzmann: Ich glaube schon. Vom Kader her sind wir super aufgestellt. Das merken auch die Fans, die schon zahlreich zu den Testspielen gekommen sind. Sie sehen, was da entsteht. Ich denke, mit dieser Mannschaft ist viel möglich. Salzburg hat richtig starke Spieler abgegeben. Aber wenn du liest, dass sie einen Reinhold Yabo holen – Red Bull hat halt die Mittel. Dennoch glaube ich nicht, dass sie vom Kader her so stark sind wie letztes Jahr oder vor zwei Jahren. Es wird wieder interessanter werden.


Das Gespräch führte Peter Altmann

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