Bergmüller kritisiert Austria heftig

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„Es gibt konditionelle Defizite. Wir hatten im Trainerteam ein Problem mit einem zweiten Konditionstrainer, der plötzlich da war. Dieses Problem haben wir bereinigt. Meiner Meinung nach leider etwas zu spät.“

Das sagte Austria-Sportdirektor Franz Wohlfahrt am 24. Mai im LAOLA1-Interview (Hier zur Nachlese!).

„Ich finde das unverschämt von Herrn Wohlfahrt. Er war ein hervorragender Torhüter, aber ich weiß nicht, was er als Trainer je geleistet hat - außer, dass er ein paar Wochen im Jahr die Torhüter der Nationalmannschaft betreut hat.“

Das antwortet der angesprochene Heinrich Bergmüller nun im Gespräch mit LAOLA1.

„Wohlfahrts Aussagen sind eigentlich völlig unbegründet und völliger Schwachsinn. Sie suchen einen Schuldigen, auf den sie es abwälzen können“, legt die Konditionstrainer-Legende, die unter anderem Hermann Maier oder Stephan Eberharter zum Erfolg führte, nach. Und er merkt an, dass ihm schon zu rechtlichen Schritten geraten wurde.

Die Sündenbock-These untermauert Bergmüller mit seinem frühzeitigen Abschied: „Ich habe mich bei der Austria eigentlich schon im Februar zurückgezogen, nachdem der Konditionstrainer (Martin Mayer, Anm. d. Red.) für die Übergangsphase zur Vorbereitung auf die Frühjahrssaison ein Programm erstellt hat, bei dem es mir die Haare aufgestellt hat. Nach dem Trainingslager in der Türkei, bei dem ich nicht dabei war - die Austria wollte es mir nicht finanzieren beziehungsweise bekam ich auf meine E-Mail keine Rückmeldung - bin ich nur mehr ein paar Mal hin gefahren, um beim Training zuzusehen und mit Gerald Baumgartner zu sprechen.“

Nach Baumgartners Abschied am 22. März habe Bergmüller „nichts mehr gemacht. Da habe ich auch von Martin Mayer keine Informationen mehr bekommen, auf eine Mail hat er nicht geantwortet - das war für mich das Zeichen, dass ich unerwünscht bin. Auch von Andi Ogris wurde ich nie kontaktiert, obwohl er das meiner Meinung nach hätte machen müssen.“ Mit Ende Mai lief der Vertrag aus.

Wohlfahrt rudert zurück - und legt eins drauf

Auf Rückfrage von LAOLA1 präzisiert Wohlfahrt seine getätigten Aussagen. „Ich habe gesagt, dass es Probleme im Trainerteam gibt - ich habe nicht gesagt, dass Herr Bergmüller Schuld am Fitnesszustand der Mannschaft ist. Er war auch nicht der Einzige, von dem wir uns getrennt haben", weist er auf den Abschied von Gerald Baumgartner und seinem Team hin.

„Als ich ins Trainingslager in die Türkei kam, habe ich von der Person Bergmüller noch nichts gewusst - es war mein zweiter Arbeitstag. Ich habe dann mitbekommen, dass es im Trainerteam schwere Disharmonien gibt - nicht nur zwischen Martin Mayer und Herrn Bergmüller", beschreibt Wohlfahrt seine ersten Erfahrungen als Austria-Sportdirektor.

Entscheidend sieht Wohlfahrt sein erstes persönliches Gespräch mit Bergmüller am 18. März: „Er hat sein Herz in einer Art und Weise ausgeschüttet, wie ich mir das von einem externen Mitarbeiter nicht wünsche. Er hat Forderungen gestellt: 'Der gehört weg, mit dem will ich nicht mehr arbeiten und mit dem eigentlich auch nicht' - das geht nicht. Es hätte genügend Möglichkeiten gegeben, das an einem Tisch auszudiskutieren. Ich möchte nicht, dass mir ein Mitarbeiter im ersten Gespräch erklärt, wer aller rauszuschmeißen ist. Deshalb habe ich auch entschieden, mich von Herrn Bergmüller zu verabschieden.“

Aussage gegen Aussage

Und nun steht Aussage gegen Aussage. Denn damit konfrontiert, bestreitet Bergmüller, derartige Forderungen gestellt zu haben. „Das stimmt überhaupt nicht, das ist unverschämt. Ich habe Herrn Wohlfahrt die Probleme und Schwächen aufgezeigt: Die Entwicklung im Leistungsbereich und wie schwierig es wegen der Jammerei mit den Spielern ist. Ich habe auch Martin Mayer angesprochen, konkret, dass man so nicht arbeiten kann. Ich habe Beispiele gebracht, wie schlampig manches abläuft oder dass nichts dokumentiert wird. Eigentlich wollte ich, dass Wohlfahrt etwas bewirkt und den Herrn Mayer ins Boot holt, um Struktur ins Training zu bringen. Der Leidtragende war ja Gerald Baumgartner, der konnte sich das teilweise auch nicht anschauen. Herr Wohlfahrt hat gesagt, er wird sich das anschauen - gemeldet hat er sich nie wieder.“

Nach einem kurzen Exkurs in die Problematik kommt Bergmüller auf Wohlfahrts Schlüsselbehauptung zurück: „Zu fordern, Mayer zu feuern, wäre ja gar nicht möglich gewesen! Ich hätte ja in keinster Weise Zeit gehabt, das zu übernehmen. Ich habe ein Institut, Angestellte, vertragliche Verpflichtungen und viele Sportler zu betreuen, die Austria ist ein kleiner Prozentsatz unseres Einkommens."

Aber auch Wohlfahrt bleibt nach einem weiteren Rückruf bei seiner Version. Und er hält pointiert fest, dass keine der Seiten je den Beweis antreten kann: „Anders als Sie (Journalisten, Anm.), nehmen wir unsere Gespräche nicht auf.“

Leistungsdiagnostik und Beratung

Bergmüller war bei der Austria für Leistungsdiagnostik, Trainingssteuerung und Ernährungsberatung zuständig. Anhand der Ergebnisse beriet der frühere Privatbetreuer von Athleten wie Toni Polster, Dimitar Berbatov oder Aleksandar Dragovic den Trainerstab. Die Verhandlungen begannen schon in der Ära Herbert Gager, seinen Einstand feierte er im Sommer unter Baumgartner.

Die erste Amtshandlung war eine Leistungsdiagnostik – mit den Routinier aufrüttelnden Ergebnissen: „Teilweise hatten Spieler erschreckendes Niveau, das entsprach nicht einmal mäßigen Hobbyläufern. Dementsprechend wurde die Zielsetzung angesetzt, die Grundlagenausdauer zu verbessern - diese ist die Basis für hohes Tempo und Pressing, vor allem aber für Regeneration nach intensiven Belastungen. Das hat mit Gerald Baumgartner in Perfektion funktioniert.“

Laut Bergmüller zeigte das neue Training auch Wirkung: „Es haben sich einige Spieler massiv verbessert.“ Das für den Fitness-Guru zu sanfte „Ferienprogramm“ sowie das Trainingslager schlug sich in seinen Daten negativ nieder: „Bei einigen Spielern hat es schon im Jänner einen erheblichen Rückgang gegeben.“

Mayer widerspricht seinem Ex-Kollegen hier inhaltlich: „Eigentlich ist es unfassbar, dass Herr Bergmüller etwas über den konditionellen Zustand einer Fußballmannschaft sagt. Er definiert die Leistungsfähigkeit vorrangig über die aerobe Ausdauer. Er war bei uns maximal einmal pro Woche auf dem Platz dabei, hat das Krafttraining der Spieler inhaltlich verboten!“

Offenbar eine sportmedizinische Grundsatzdiskussion, bei der sich das Duo uneinig ist.

Bergmüller kritisierte auch, dass bei unterschiedlichen Athleten ohne Rücksicht auf Individualität ein exakt gleiches Programm verwendet wurde. „Zwei ehemalige Austrianer, die zum damaligen Zeitpunkt bei mir die Vorbereitung machten, erkannten dieses Programm sofort und bestätigten, dass Sie Jahre zuvor auch das gleiche Programm bekamen!“, reklamiert der „Schinderheini“. „Das zeigt, auf welchem Niveau da gearbeitet wird.“

Wohlfahrt betont hier den Unterschied zwischen Fußball und Skifahren: „Wir sind nicht im Einzelsport tätig, sondern im Mannschaftssport. Da ist es schon schwierig, jeden Spieler besonders zu behandeln. Natürlich versuchen wir, auch individuell und in Gruppen zu arbeiten, aber es ist nicht immer einfach - wir haben kein halbes Jahr Zeit, einen Athleten auf ein Event hinzutrainieren.“

Mit Zusammenarbeit unzufrieden

Das Trainingslager war Bergmüller aber nicht der einzige Dorn im Auge: „Ich habe Experten aus dem Sprintbereich und einen hochdekorierten Physiotherapeuten beigezogen und aus der eigenen Tasche bezahlt. Von Martin Mayer wurde das mit einem Lächeln und Ausreden abgetan, das ist unglaublich.“ Von der Austria habe Bergmüller „ein Butterbrot“ bekommen - „Das Honorar war mir nebensächlich, ich wollte etwas bewegen!“

Die Zusammenarbeit mit Mayer funktionierte allgemein nicht optimal - der Austria-Athletiktrainer verweigerte laut Bergmüller in einer Sitzung die Umsetzung einer Maßnahme, stand auf und ging. Die Diskussion zum Thema Krafttraining sei endlos gewesen: „Nach sehr aufwendigen Einstellungen mittels Laktat wurden individuelle Vorgaben für die Spieler erarbeitet. Letztlich scheiterte es an den Serienpausen - ich gab vier Minuten vor, Mayer wollte das gegenüber den Spielern nicht vertreten. Die Pausen würden die Spieler langweilen und das Training dadurch zu lange dauern.“ Diesen Vorfall sowie andere „Missstände betreffend des Konditionstrainings“ teilte Bergmüller Austria-Finanzvorstand Markus Kraetschmer bereits im Herbst via Mail und nach eigenen Angaben auch in einem ausführlichen Gespräch in Anwesenheit von Thomas Parits mit.

Wohlfahrt merkt hierzu an: „Natürlich gibt es unterschiedliche Auffassungen, was in einem Training passieren soll. Ob da jetzt der Inhalt richtig oder falsch ist - jeder hat seine Art, zu trainieren.“

Fink bringt Vidovic mit

Hinter Mayerns Zukunft steht indes ein Fragezeichen: Neo-Coach Thorsten Fink bringt seinen Athletiktrainer Nikola Vidovic mit, im Zuge des Cupfinales wurde dessen Vertrag unterzeichnet. Wohlfahrt hält aber fest: Es gibt noch diese Woche ein Gespräch mit Mayer - „wie es weitergeht, warten wir mal ab“. Der Ex-Kickboxer Vidovic gilt übrigens als Freund von Kraftzirkeln.

Zum bisherigen Veilchen-Training findet Bergmüller einige bissige Worte: Ich habe teilweise gar nicht mehr zusehen können. Wie da Übungen aus der Leichtathletik oder allgemeine Kräftigung durchgeführt werden, da ist mir schlecht geworden.“

Mit Baumgartner funktionierte die Zusammenarbeit

In einem LAOLA1-Interview (Hier zur Nachlese!) bemängelte Markus Suttner, im Training zu viel am Ergometer gesessen zu sein - er hätte es bevorzugt, mehr mit dem Ball zu arbeiten. Bergmüller reagiert mit einem Lachen: „Der liebe Markus Suttner soll sich aufs Fußballspielen konzentrieren. Das ist ein Jammerer, sowas habe ich überhaupt noch nicht gesehen. Die haben in der Woche nicht einmal zwei Stunden am Ergometer zusammengebracht, und da sind sie zur schnelleren Regeneration ausgeradelt, teilweise mit Pulswerten von 70 bis 80. Bei Red Bull stehen 30 Ergometer und die spielen ein anderes Tempo.“

Mayer stellt sich hier gegen Bergmüller und behauptet: „Die Unzufriedenheit der Spieler, die international auch erfolgreich waren, war nur eine Frage der Zeit. Sie merkten, dass kein Krafttraining und die dauernden Spinningeinheiten mit 70-80 Puls sie langsamer und schlechter machten.“ Abermals: Sportmedizinische Differenzen, die Behauptungen ließen sich nur mit vertraulichen medizinischen Daten verifizieren. Weiters gibt Mayer zu Protokoll, dass bei der Austria seit sechs Jahren nach intensiven Matches oder Einheiten ausgelaufen oder ausgefahren wird und es deshalb auch 20 Spinningbikes gibt.

"Für Profisport ist das ein Wahnsinn"

Auch mit den Spielermeldungen gegen Ende der Ära Baumgartner war Bergmüller nicht glücklich. „Ich habe das noch nie gesehen, dass einige Spieler alles diskutieren, für gut oder schlecht befinden und dann wird es gemacht. Das ist für Profisport-Verhältnisse ein Wahnsinn. Ich habe Herrn Kraetschmer schon im Herbst darauf hingewiesen, dass man so nicht arbeiten kann.“

Die Spielermacht bei der Austria ist ein stets wiederkehrendes Thema - schon Ex-Trainer Nenad Bjelica kritisierte gegenüber „Sky“, dass einige Spieler mehr Macht als der Trainer hätten.

Wohlfahrt sieht das anders: „Wir wollen selbstständige Spieler. Wir wissen, dass die Jungs betreffend Training und Vereinsführung viel hinterfragen - auch hier ist für mich klar: Dialog ist die beste Lösung! Die Spieler stellen natürlich viele Fragen, aber wenn man dafür ein offenes Ohr hat und die ständige Kommunikation pflegt, wird es keine Probleme geben. Sie sind hohe Angestellte des Vereins und gehören auch dementsprechend behandelt - das heißt, sie haben nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Diese werden auch eingefordert.“

Bergmüller kritisiert die Trainingseinstellung nicht nur bei den Spielern: „Auf das Fußballtraining habe ich ja keinen Einfluss gehabt. Man hätte viel mehr trainieren können, aber einige Spieler haben ja sofort zu jammern begonnen. Dann hat der Herr Mayer gefragt, ob man die Nachmittagseinheit nicht an die Vormittagseinheit anhängen kann, dann können die Spieler früher heimgehen.“ Und brüskiert sich: „Das sind Profis!“ Auf Nachfrage fügt der Professor an, dass auch Spieler mit einer positiven Einstellung im Kader waren.

Okotie als Gegenbeispiel

Wie es gehen könne, sieht der Fitnesscoach bei einem seiner aktuellen Schützlinge: Rubin Okotie, der bei 1860 München 13 Saisontore erzielte. „Ich habe Rubin übernommen, als er noch bei der Austria war. Der hatte mäßigstes Niveau, ähnlich wie ein Großteil der Mannschaft. Rubin war fast jeden Tag bei mir und hat unglaubliche Sonderschichten gemacht. Als er dann aus Dänemark zurückkam, wäre er einer der Besten gewesen (Okotie war im Frühling 2014 an SönderjyskE verliehen, währenddessen betreute ihn Bergmüller weiter, Anm.).“ Es folgt ein Seitenhieb auf Mayer - dieser habe erklärt: „Naja, die (anderen Spieler, Anm.) waren ja jetzt auf Urlaub.“ Bergmüllers Replik: „Dass ein Leistungssportler in 14 Tagen Urlaub 30 Prozent seines Leistungsniveaus verliert, ist ein Märchen.“

Aber auch für den Fußball als Ganzes gibt es vom Mann hinter unzähligen ÖSV-Stars der Jahrtausendwende eine Breitseite: „Wenn man sich anschaut, wie Vereine spielen und dann Trainer entlassen… da wird so viel Unfug getrieben. Nur weil der Fußball von der Schnelligkeit lebt, werden teilweise Programme umgesetzt – wenn man einen 400-Meter-Läufer so trainieren würde, würde der nirgends landen. Es ist eine Katastrophe, was da abgeht.“ Zwei von Bergmüllers Schützlingen der jüngeren Vergangenheit, Julia Mancuso und Maria Höfl-Riesch, wären mit ihren Lauf-Ausdauerwerten bei der Austria im besseren Mittelfeld gelandet - „Und das in einer Sportart, die wenig mit Laufen zu tun hat!“

Nein, die Austria wird Heinrich Bergmüller so bald nicht mehr sehen.

 

Martin Schauhuber

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