Ski-Weltcup: "Pure Skirennen" statt Champagner

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(Fast) Alles neu macht Corona!

Der am kommenden Wochenende in Sölden beginnende Alpine Ski-Weltcup (LIVE-Ticker) ist wie viele andere Sportarten von der Pandemie nicht verschont geblieben.

"Alles wird richtig abgespeckt, es werden pure Skirennen", erklärt FIS-Herren-Renndirektor Markus Waldner.

Der Renn-Kalender für den Winter 2020/21 bei Damen und Herren wurde ordentlich umgekrempelt. Um das Infektions-Risiko zu verringern, wurden die Rennen in Übersee gestrichen und der Fokus auf die vier Grunddisziplinen Abfahrt, Super-G, Riesentorlauf und Slalom gelegt. Zudem wurde bei der Planung großes Augenmerk auf die Trennung der Geschlechter sowie der jeweiligen Speed- und Technikbewerbe gelegt.

Im LAOLA1-Interview spricht Renndirektor Markus Waldner über mögliche Wettbewerbsverzerrung durch Corona, die ernste Lage bei den Veranstaltern aufgrund der Krise und die positiven Auswirkungen von fehlenden Fans auf die Läufer. Außerdem erklärt Waldner, ob die Streichung der Alpinen Kombination endgültig ist.

FIS-Renndirektor Markus Waldner
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LAOLA1: Mit welchem Gefühl blickst du der neuen Ski-Saison in Corona-Zeiten entgegen?

Markus Waldner: Wir schauen von Rennen zu Rennen und nicht zu lange nach vorne, weil dann eh wieder alles anders kommt. Wir fliegen auf Sicht, könnte man sagen. Meine größte Sorge sind die Reisebeschränkungen und mögliche Quarantänebestimmungen. Da sind wir den Auflagen der jeweiligen nationalen Behörden ausgeliefert, die haben natürlich immer oberste Priorität. Es können wirklich im letzten Moment Änderungen eintreffen. Es liegt nicht in unserer Hand, wenn die Behörden plötzlich entscheiden, dass wir nicht einreisen dürfen. Die FIS hat deshalb die Regel aufgestellt, dass mindestens sieben - im Notfall auch weniger - Nationen aus den Top Ten die Möglichkeit haben müssen, einzureisen, sonst ist das Rennen nicht durchführbar. Wir können auch nicht irgendwo hinfahren, wo wir danach zwei Wochen wegen einer Quarantäne blockiert sind und dadurch die Tour stoppen müssen.

LAOLA1: Inwiefern wird sich der Ski-Weltcup durch die Corona-Krise verändern?

Waldner: Alles wird richtig abgespeckt, es werden pure Skirennen – ein bisschen so, wie es z.B. im Europacup ist. Es wird ein Fernseh-Produkt werden, das sich absolut auf die Läufer und den Sport konzentriert. Die Sportler werden mehr Möglichkeiten haben, sich zu präsentieren. Von dem her ist es eigentlich gut, weil der Sport relevant ist und nicht das ganze Rundherum.

LAOLA1: Wie groß ist die Umstellung für die Läufer aufgrund der aktuellen Situation?

"Wir müssen wirklich ein striktes Leben führen, die Maßnahmen einzuhalten wird ausschlaggebend sein. Wenn ein Läufer positiv getestet wird, schießt er sich sowieso ein Eigentor, denn dann ist er zwei Wochen nicht dabei."

Waldner: Es wird sehr stark von der Eigenverantwortung eines jeden abhängen, inwieweit wir die Weltcup-Tour durchführen werden können. Es hängt letztendlich von jedem Einzelnen ab, was er für ein Leben führt. Partys oder Barbesuche, das wird es nicht mehr geben. Auch für die Trainer oder Serviceleute, gemütlich ein Bier an der Bar trinken können wir uns abschminken. Wir müssen wirklich ein striktes Leben führen, die Maßnahmen einzuhalten wird ausschlaggebend sein. Aber alle haben das verstanden und sie wollen ja selber ihren Beruf ausüben und Rennen fahren. Wenn einer positiv getestet wird, schießt er sich sowieso ein Eigentor, denn dann ist er zwei Wochen nicht dabei. Es wird jedoch sicher positive Fälle im Laufe des Winters geben, dieses Risiko kann man nie ganz ausschalten. Wir werden das so gut wie möglich handeln und schauen, dass die Tour weitergeht, das ist das wichtigste.

LAOLA1: Es könnte theoretisch sein, dass ein Läufer aufgrund der Reisebeschränkungen nicht zu einem Weltcup-Wochenende anreisen kann bzw. sich danach in zweiwöchige Quarantäne begeben muss und dadurch Rennen verpasst. Besteht nicht die Gefahr der Wettbewerbsverzerrung?

Waldner: Das ist korrekt. Aber auf das muss man sich in diesem Winter einstellen. Das ist höhere Gewalt, der man da ausgesetzt ist, das müsste man dann auch akzeptieren. Klar könnte es zu solchen Zwischenfällen kommen, aber damit muss man leben. Da braucht man nicht über die famose Fairness oder Nicht-Fairness reden. Das wichtigste ist, dass die Rennen stattfinden, aber es kann sehr viel passieren heuer. Zu kompliziert sollte man im Vorfeld aber auch nicht denken, wir sind ja nicht die ersten, die Sportevents durchführen.

LAOLA1: Du hast kürzlich in einem TV-Interview gesagt, für den Ski-Weltcup und die Veranstalter geht es heuer ums Überleben. Wie ernst ist die Lage wirklich?

Waldner: Es ist wie bei normalen Betrieben: Die, die schon vorher in einer wirtschaftlich schwierigen Lage waren, werden Probleme bekommen. Die, die schon vorher solide aufgestellt waren, werden überleben. Aber die Veranstalter werden heuer kein Geld verdienen, sondern Defizite machen, vor allem die ganz großen Events, wo sehr viele Zuschauer sind. Trotzdem wollen alle Orte Rennen veranstalten und es wird alles unternommen, damit wir fahren können. Die größte Angst der Veranstalter ist, nicht fahren zu können, denn dann kriegen sie nicht einmal die TV- und Marketing-Gelder. Das Gute ist, dass es vonseiten der TV-Rechteinhaber keine Kürzungen gab, die Veranstalter kriegen die gleichen Summen ausgeschüttet wie im Vorjahr. Aber natürlich wird es eine zache Saison, in der man schauen muss, wie man über die Runden kommt. Wir haben überall versucht, Kosten zu sparen und den Veranstaltern entgegenzukommen. Da wird nicht mehr groß Champagner getrunken werden. Es wird alles fokussiert auf den Sport, es muss ein gutes TV-Produkt werden. Was die Sicherheit, Pistenpräparation, etc. angeht, wird aber alles die gleiche Qualität haben wie immer.

LAOLA1: Der Skisport lebt in erster Linie von TV- und Marketing-Geldern. Wie wichtig sind die Fans vor Ort überhaupt noch?

Waldner: Über die Marketing- und TV-Rechte kommt das ganze Geld, mit denen die Events finanziert werden. Für die Veranstalter sind die Fans natürlich trotzdem sehr wichtig. Bei den Klassikern machen die Zuschauer erst die tolle Atmosphäre aus. Die Einnahmen aus den Tickets sind eine Geldquelle, die heuer für die Veranstalter komplett wegfällt. Zusätzlich fallen jetzt noch 20 bis 30 Prozent mehr Kosten für die Erfüllung der Corona-Auflagen an. Die Veranstalter sind heuer extrem geprellt. Wichtig ist, trotzdem Rennen zu fahren. Wir sind es auch gewöhnt, in Lake Louise vor 300 Leuten zu fahren, das ist für uns nichts komplett Neues, aber die Fans gehören normal schon dazu. Es ist natürlich ein bisschen traurig, dass es keine Stimmung an der Strecke geben wird.

LAOLA1: Wird sich das Fehlern von Zuschauern und der Wegfall der oft stressigen Side-Events für die Läufer auf die sportliche Qualität der Rennen auswirken?

"Wenn keine Leute an der Strecke sind, dann ist es ein komplett anderes Rennen. Der Druck durch die Anwesenheit von Menschenmengen kann enorm sein. Ich kann mir schon vorstellen, dass sich gewisse Athleten ohne Publikum wohler fühlen, andere brauchen es, um noch mehr angespornt zu werden."

Waldner: Die Läufer sind jetzt nicht in einer komplett neuen Situation, wenn sie ins Ziel einfahren und keine Fans da sind. Wir haben auch Rennen wie z.B. Olympia in Südkorea 2018, wo 22 Leute auf der Tribüne gesessen sind, als Matthias Mayer Olympiasieger wurde. Das war auch ein Trauerspiel, aber der Sport war trotzdem hochklassig. Ich glaube, der Fahrer kann sich ohne das Drumherum sehr gut auf seine Performance konzentrieren, hat weniger Stress und kann besser regenerieren. Startnummern-Auslosungen, Preisverteilungen etc. waren immer Zusatzaufgaben für die Topläufer. Vielen Läufern wird das vielleicht entgegenkommen. Marcel Hirscher hat am Ende genau das Drumherum genervt. Ein paar leiden vielleicht darunter und hätten gerne das Publikum vor Ort, weil sie den Druck brauchen, um gute Leistungen zu bringen. Wenn Marco Schwarz in Schladming im 2. Durchgang als Letzter oben steht und 50.000 Leute ihn siegen sehen wollen, ist das ein brutaler Druck. Aber wenn da keine Leute an der Strecke sind, dann ist es ein komplett anderes Rennen. Der Druck durch die Anwesenheit von Menschenmengen kann enorm sein. Der eine braucht den Druck vielleicht, um eine Top-Performance bringen zu können und dem anderen fällt es leichter, wenn es ruhiger ist. Ich kann mir schon vorstellen, dass sich gewisse Athleten ohne Publikum wohler fühlen, andere brauchen es, um noch mehr angespornt zu werden.

LAOLA1: Die wirtschaftlichen Probleme treffen auch die Teams. Vergrößert sich dadurch die Kluft zwischen den großen und kleinen Nationen?

Waldner: Nicht zwingend. Große Teams haben auch viel mehr Spesen, weil sie mehr Athleten und Betreuer haben. Also das muss man immer in Relation sehen. Es hängt davon ab, ob du gut bist oder nicht. Wie es so ist in der Welt: Der Reiche wird immer reicher und der Arme immer ärmer. Der Gute hat immer noch die gleichen Verträge – auch in der Krise – und für den Schwachen ist weniger da.

LAOLA1: Viele Läufer, die im Weltcup unterwegs sind, müssen sich beispielsweise ihre Reisen aufgrund mangelnder Sponsoren selbst bezahlen. Kann es sein, dass es sich solche Athleten einfach nicht mehr leisten können, an Rennen teilzunehmen?

Waldner: Schon möglich, ja. Aber die Unterstützung kommt immer vom Verband, so ist unser System aufgebaut. Deshalb ist es auch der größte Auftrag, dass wir die WM fahren, weil ein Großteil der dortigen Einnahmen aus Marketing und TV – ca. 40 Prozent - an die Verbände verteilt wird. Deswegen ist es so wichtig, dass wir die WM fahren, damit das System weiterleben kann. Wenn die WM nicht stattfinden könnte, würde es für viele Verbände kritisch werden, weil das Geld nicht kommt. Die FIS hat auch nur limitierte Ressourcen, da gibt es keinen Schutzschirm. Aber natürlich versucht man zu helfen, wo immer es auch geht.

LAOLA1: Stichwort Einsparungen: Gibt es durch Corona bedingte Änderungen, die auch in der Zukunft beibehalten werden könnten?

Waldner: Sicherlich! Wir haben zum Beispiel im Sommer alle Strecken-Inspektionen und Reisen gecancelled und alles online gemacht. Das hat gut funktioniert und dem Verband und den Veranstaltern enorm viel Geld gespart. Das ist sicher etwas, das man in der Zukunft auch beibehalten könnte. In der Welt unnötig spazieren zu fahren wird es nicht mehr geben, das kann man auf ein Minimum reduzieren. Natürlich wird man wieder versuchen, ein Event zu machen und nicht nur ein Skirennen. Das wurde in den letzten 20 Jahren so aufgebaut, es wurde sehr viel in Richtung Ski-Fest investiert. Heuer machen wir wieder nur pure Skirennen, aber der Sinn ist schon, die Leute zusammenzubringen beim Sport. Das soll es auch nach der Krise wieder geben.

LAOLA1: Es wird in dieser Saison keine Alpine Kombination im Weltcup geben. Aus dem Grund, dass Techniker und Speed-Fahrer getrennt werden sollen oder ist das bereits das endgültige Ende der ohnehin schon lange umstrittenen Kombination?

Waldner: Der Kalender konzentriert sich aufrund der Umstände auf die vier Grunddisziplinen, da fallen die Kombination und Parallel-Bewerbe automatisch raus. Wir haben nur in Lech Parallel-Rennen, weil es zu einem Zeitpunkt (November, Anm.) ist, wo es uns nicht stört. Über die Kombi wird schon lange diskutiert, das war sicherlich eine einfache Entscheidung, die jetzt einmal wegzulassen. Bei der WM in Cortina wird eine Kombination gefahren und nach der WM ist abgemacht, dass mit dem FIS-Council definitiv entschieden wird, was mit der Kombi passiert. Dann wird über das Schicksal der Kombi, die schon fünf Mal tot war und sechs Mal wieder zum Leben erweckt wurde, entschieden.

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