Die NHL-Bubble: Ferienlager für Gutbetuchte?

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Während sich in Europa einige Eishockey-Ligen zögerlich an die Saison 2020/21 heranmachen, ist in der NHL bald Playoff-Time: Am 1. August sollen die durch Corona am 11. März unterbrochene Liga fortgesetzt werden.

Wie auch in der NBA zieht sich die gesamte Liga in zwei "Bubbles" zurück, in der sie sich möglichst gut von der Außenwelt abschirmt und so Corona-Fälle verhindern soll. Auch das Spielsystem auf dem Weg zum Stanley Cup ist durch die Pandemie ein unübliches.

LAOLA1-Experte Bernd Freimüller wirft einen Blick auf die fast surreal anmutenden Regeln und Bedingungen:

Auf geht's in die Playoffs – oder nicht?

Ja und nein. 24 Teams matchen sich ab 1. August, die Regeln dazu sind aber nicht einfach:

Die Top-vier-Teams jeder Conference (Tabelle nach Punkte pro Spiel zum Abbruch) sind fix für die Playoffs gesetzt. Im Osten spielen sich dabei Boston, Tampa Bay, Washington und Philadelphia in einem Turnier untereinander die Positionen für die eigentliche Endrunde aus. Das Gleiche gilt für St. Louis, Colorado, Las Vegas und Dallas aus der Western Conference. Die restlichen 16 Teams treffen in Best-of-five-Serien der Qualifier-Games aufeinander - je acht Teams im Osten und Westen.

Danach geht es mit den Achtelfinali weiter, an dem die acht Fix-Teams und die acht Qualifier-Aufsteiger teilnehmen. Die Paarungen werden laut Conferences vorgenommen, das beste Team der Round Robin würde dann auf den (nach Regular Season Percentage) schlechtesten Qualifier-Sieger der eigenen Conference treffen. Diese Serien wie auch die darauffolgenden bis zum Finale finden im Best-of-seven-Modus statt.

Wenn alles gut geht, sollte der Stanley-Cup-Sieger spätestens am 4. Oktober feststehen, statistisch werden alle Spiele als Playoff-Spiele bewertet. In den Tagen bis zum 1. August absolviert jedes Team noch ein Testspiel.

Auch interessant: Die Maple Leafs bzw. Oilers spielen zwar in ihren sonstigen Heim-Arenen, haben allerdings bezüglich Kabinen keinen Heimvorteil.

Für die acht Verlierer der Qualifier-Runde ist die Saison beendet?

Auf dem Eis ja, allerdings wird ein Team (oder besser, die Organisation) noch reich belohnt. Alle diese Teams haben die gleiche Chance (12,5 Prozent) auf den Top-Pick im Draft. Dieser wurde nämlich bei der ersten Tranche der Draft-Lotterie einem dieser Teams zugelost. Die zweite Phase der Lotterie steigt am 10. August, der eigentliche Draft voraussichtlich am 9. und 10. Oktober.

In anderen Worten: Sollten etwa die Pittsburgh Penguins (gegen Montreal) oder die Edmonton Oilers (gegen Chicago) verlieren, bekäme eines der Top-Ten-Teams der abgelaufenen Saison die Chance auf die unumstrittene Nummer eins im Draft, Alexis Lafreniere.

Wo steigen denn diese Spiele?

In den sogenannten Hub-Cities Edmonton (Western Conference sowie beide Conference Finals und die Stanley Cup Finals) und Toronto (Eastern Conference), auf die man sich angesichts der desaströsen Corona-Entwicklung in den USA geeinigt hat. Die Quarantäne-Regeln für den Grenzübertritt zwischen den USA und Kanada wurden jedenfalls ausgesetzt.

Der Rogers Place in Edmonton
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Die Teams sind in drei Hotels in Edmonton und zwei in Toronto untergebracht, alle in Gehdistanz zu den Hallen. Insgesamt mehr als 200 Personen kümmern sich um die Sicherheit und Gesundheit der Beteiligten (neben den Spielern auch Spieloffizielle, Referees, Coaches und Team-Staffs). Restaurants in diesen Blasen sind fast rund um die Uhr geöffnet, wer etwas von auswärts benötigt, wird von den Helfern bedient. Dazu kommen auch Kinos, Lounges und in Toronto sogar ein Fußball- und Tennisplatz für sportliche Aktivitäten, Edmonton verfügt dafür über 13 Fitness-Center. In späterer Folge (ab den Conference Finals) dürfen die Spieler auch Besuch von ihren Familien bekommen. Hört sich alles nach einem Ferienlager für Gutbetuchte an, einzig die Saunas und Dampfbäder müssen geschlossen bleiben...

Corona-Tests

Werden täglich abgenommen, Temperatur-Messgeräte sollen in Verbindung mit Apps den Gesundheitszustand der Beteiligten laufend checken. Seit offiziellem Beginn der Training Camps am 13. Juli (noch in den jeweiligen Heimat-Arenen) sollen angeblich nur zwei Fälle evident geworden sein, nachdem in Phase zwei (individuelle Camps bis 12. Juli) noch mehr als 40 positive Fälle festgestellt wurden.

Vereinzelte Corona-Fälle während der Phase 4 würden isoliert werden, was bei einer größeren Anzahl an Fällen in einem Team passiert würde, wurde nicht bekanntgegeben. Die Namen von Spielern mit Symptomen und deren Teams werden nicht veröffentlicht, "unfit to play" heißt es von nun an für jeden Crack, der nicht antreten kann. Es würde nicht überraschen, wenn dieser Begriff in Zukunft beibehalten und auch in Europa fröhliche Urständ feiern wird. Wem also Ober- und Unterkörperverletzungen bis jetzt zu allgemein waren, wird damit keine Freude haben, Spekulationen werden dafür noch mehr ins Kraut schießen.

(Text wird unter dem VIDEO fortgesetzt)

Wer darf aller mitspielen?

Natürlich alle Cracks, die während der Regular Season den Teams angehörten, die Verträge wurden von der NHL und der Spielergewerkschaft vom 30. Juni bis zum letzten Tag vor der Free Agency Anfang Oktober verlängert. Nicht spielberechtigt sind dagegen die Neuzugänge der letzten Wochen, egal ob um es sich um Signed Draft Picks (Kirill Kaprizov/Minnesota, Alexander Romanov/Montreal) oder Free Agents (Pius Suter/Chicago) handelt.

Zu den Trainingslagern (Phase 3) waren 30 Skater sowie eine unbegrenzte Zahl an Torhütern zugelassen, zur Spielphase in der Bubble durften dann 31 Spieler (maximal 28 Feldspieler) anreisen. Die gesamte Entourage darf 52 Leute betragen, davon maximal drei Coaches – das erinnert an längst vergangene Zeiten...

Spieler konnten sich auch ohne Konsequenzen aus der Endrunde ausklinken. Das machten Dallas-Defender Roman Polak, der seine NHL-Karriere durch seine Rückkehr nach Ostrava ohnehin abgeschlossen hat, Travis Hamonic (Calgary), Mike Green (Edmonton), Andrew Shaw (Chicago) und Steven Kampfer (Boston) sowie die AHLer Sven Bärtschi, Karl Alzner, Zach Trotman und Pontus Aberg, der Toronto für einen KHL-Vertrag den Rücken kehrte.

Insgesamt bisher also neun Spieler sowie Florida-Assistant-Coach Mike Kitchen, die zuckerkranken Max Domi (Montreal) und Kaapo Kakko (New York Rangers) bekamen eine länger andauernde Bedenkfrist. Brent Seabrook (Chicago) leidet noch unter den Nachfolgen einer Operation.

TV-Coverage

Die MLB hilft sich mit Papp-Fans
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Zuseher sind (natürlich) keine zugelassen, dafür soll die Finalrunde zu einem TV-Fest werden. Die Spiele werden so gestaffelt, dass die Fans, die im August vor der Glotze nach Eishockey gieren, stets hin und her schalten können, bis zu sechs Spiele pro Tag stehen an. Das Einzige, was den Schedule durcheinanderbringen kann, wären überlange Overtimes, zwischen den Opening Faceoffs sind vier Stunden Differenz anberaumt und da müssen auch Desinfektionsmaßnahmen untergebracht werden.

Die NHL verspricht ein TV-Spektakel ohne Parallelen, 32 Kameras (12 mehr als sonst) sind für jedes Spiel vorgesehen. (Künstliche) Atmosphäre soll mit den Tor-Jingles der jeweiligen Teams sowie (das hört sich besorgniserregend an) "Motivations-Videos" und "Fan-Clips mit eigens produzierten Anfeuerungsrufen" geschaffen werden, wobei auch bei eSports Anleihen genommen werden.

Der Trend aller TV-Übertragungen, bei dem das Nebenbei immer mehr das eigentliche Spiel überlagert, dürfte so eher beschleunigt denn aufgehalten werden. Bandenbewerbung soll in der Vorrunde virtuell für die jeweiligen Märkte produziert werden.

Auch die Anzahl der Mikrofone rund um das Eis wird erhöht, allerdings nicht ohne Fallnetz: Spieler und Coaches sollen sich angeblich (sagt man) nicht immer flätiger Sprache bedienen. Um die empfindsame Fanseele nicht zu verstören, wird jedes Spiel mit einer Verzögerung von fünf Sekunden ausgestrahlt – ein verbales "Nipplegate" soll damit verhindert werden...

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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