Mehr als nur Ottawas Stütz(l)e: Bald NHL-Superstar

Mehr als nur Ottawas Stütz(l)e: Bald NHL-Superstar Foto: © getty
 

Deutschland ist in der NHL Trend-Land. Nach MVP Leon Draisaitl hat mit Tim Stützle heuer der nächste potenzielle Superstar seine Arbeit in der besten Eishockey-Liga der Welt aufgenommen.

Durch sein Draft-Jahr und das idente Alter wird der Youngster der Ottawa Senators, an dritter Stelle gezogen, wohl seine ganze Karriere über - zumindest mit der österreichischen Brille auf der Nase - immer ein wenig mit Marco Rossi verglichen werden.

Nicht nur deswegen lohnt sich ein genauer Blick auf die bisherige Saison bei den Sens – vieles deutet auf einen zukünftigen NHL-Star hin, der aber in gewissen Aspekten des Spiels noch mit Stützrädern unterwegs ist. LAOLA1-Experte Bernd Freimüller mit einer Analyse:

Die "normalen Stats" des 19-jährigen Deutschen:

22 Spiele, 5 Tore, 14 Assists - 19 Punkte. Plus/Minus: -13. Time on ice: 15,50 Minuten. Stützle ist damit der viertbeste Scorer seines Teams, verfügt aber gleichzeitig über den schlechtesten Plus/Minus-Wert aller Angreifer.

Auch wenn es heuer durch die rein intra-divisionalen Spiele schwer ist, solche Behauptungen absolut aufzustellen: Die Ottawa Senators sind (wieder einmal) ein desolates Team – ihr Punkteschnitt von .340 ist gemeinsam mit den Red Wings der schlechteste der Liga.

So kurios es auch klingt: Davon profitiert aber auch Stützle. Er kann seine atemberaubenden Vorzüge einbringen, das sind vor allem sein Weltklasse-Speed in beiden Richtungen, Offensivaktionen auf hohem Tempo und die Fähigkeit, Gegner mit Head-Dekes und schnellen Richtungsänderungen in 1-gegen-1-Duellen stehenzulassen und so Offensive zu kreieren. Gleichzeitig kann er durch seine Beinarbeit die Distanz zum puckführenden Spieler in Windeseile reduzieren und diesen überfallsartig von der Scheibe trennen. Selbst auf NHL-Niveau wirkt er manchmal wie ein Ferrari in einem Seifenkisten-Rennen.

Ein Vorzeichen auf eine bessere Zukunft

Ohne Playoff-Chancen können es sich die Senators leisten, ihn quasi im Vollbetrieb lernen zu lassen. Seine noch vorhandenen Schwächen, wie etwa defensive Stellungsfehler oder die noch nicht ganz ausgeprägte Fähigkeit, den Verkehr für bessere Scoringpositionen zu durchdringen, fallen hier nicht ganz so ins Gewicht wie bei Teams, die um jeden Punkt kämpfen.

Egal was der Deutsche heuer noch gut oder schlecht macht – die Sens werden ein Team mit großen Chancen auf den Top-Pick im nächsten Draft sein, wann immer der auch stattfindet.

Stützle ist in Ottawa quasi der Appetitmacher für eine bessere Zukunft – die für ihn sicher kommen wird, bei den Senators selbst wartet man auf sie schon seit geraumer Zeit. Seine Stärken sind so auffallend, dass sie auch en-passant-Fans gleich ins Auge stechen.

Advanced Stats lassen noch viel Verbesserungsraum

Die Advanced-Stats-Freaks weisen auf einige für Stützle wenig schmeichelhafte Zahlen hin. Sie haben damit recht, nur: Dass er bereits jetzt ein Komplett-Paket darstellt, konnte auch niemand erwarten. Wie bei fast allen Youngsters, die im Teenager-Alter in die NHL gestoßen werden, befindet sich auch Stützle noch voll im Lernprozess, der sicher noch einige Jahre andauern wird, bis sich alle Facetten seines Spiels entfaltet haben.

Ein kleiner Blick auf einige seiner Advanced Stats – wo sich in Europa alles noch auf Tore, Punkte und +/- konzentriert, ist man in Nordamerika schon seit Jahren einige Stufen weiter. Ein Blick auf einige dieser Statistiken, ohne sie als allheilbringend zu sehen, eher als Diskussionsgrundlagen und nur im Kontext seiner Teamkollegen.

Was man auch nie vergessen darf: Diese Statistiken bilden nur das Spielgeschehen bei numerischem Gleichstand ab, Powerplay-Experten fallen damit um einen großen Teil ihrer Stärken um.

Ebenfalls problematisch: Es sind noch nicht allzu viele Spiele gespielt, der Sample Size ist daher gering.

Corsi-Percentage

45,9 – der zehnbeste Wert unter den regelmäßig eingesetzten Sens-Angreifern. Was heißt das?

Die Senators lassen mit Stützle auf dem Eis mehr Schüsse (54 Prozent) zu, als sie selbst abgeben. Schüsse bei Corsi inkludieren die geblockten und die neben oder über das Tor gehenden. Übrigens erreichen fast 67 Prozent von Stützles Schüssen auch das gegnerische Tor, was einen guten Wert darstellt.

Corsi-For-Relative

-6,4 – der elftbeste Wert. Mit Stützle auf dem Eis lassen die Senators um diese Zahl mehr Schüsse zu als ohne ihn (daher negativ besetzt). Zum Vergleich: Brady Tkachuk als bester Sens-Flügel in dieser Kategorie weist einen Wert von +10,1 gegenüber dem Teamschnitt auf. Mit ihm am Eis schrägt sich die Eisfläche also weit mehr Richtung gegnerisches Tor ab.

Offensive Zone Starts

52,3 – Von den Flügeln weist nur Tkachuk (55,2%) und Dadonov (52,5%) einen höheren Wert auf.

Stützle beginnt 52,3 Prozent seiner Shifts im gegnerischen Drittel. Oder um es umzudrehen: 47,7% seiner Einsätze beginnen in der Defensivzone (Faceoffs im neutralen Drittel sind ebenso ausgespart wie fliegende Wechsel).

Mit einfachen Worten: Auch wenn natürlich die Coaches nicht immer wählen können, wie sie ihr Personal einsetzen (letzter Wechsel nur daheim bzw. bei Icings): Stützle spielt das, was man "sheltered minutes" nennt – Eiszeit, wo er eher offensiv gut ausschauen sollte, da er sich nach den Faceoffs weit öfters bei gegnerischen als beim eigenen Tor wiederfindet. Dieser Wettbewerbsvorteil sollte sich also in weit besseren Corsi-Zahlen niederschlagen, als sie es bei Stützle tun.

Takeaways/Giveaways

13/23 – Stützle holte sich 13 Scheiben vom Gegner (fünfbester Wert der Sens-Forwards), verlor gleichzeitig 23 Mal den Puck an Gegenspieler (der schlechteste Wert aller Stürmer).

Expected Plus/Minus

Eine zunehmend populäre Statistik. Anhand der liga-übergreifenden Zahlen der drei letzten Saisonen wird errechnet, welche Schüsse aus welchen Positionen zu einem Plus oder Minus führen können (daher ohne geblockte, danebengegangene oder Stangen-Schüsse). Wie bei allen diesen Advanced Stats also: Plus/Minus wird nicht bei Toren, sondern bei Schüssen angewandt und in diesem Falle an die Position am Eis angeglichen. Ein Schuss von der Seitenbande wird hier also anderes gewichtet als einer zwischen den Hash-Marks.

Wie verglichen sich die Schüsse, die die Sens oder ihre Gegner abgeben, wenn Stützle am Eis steht mit denen, wo er auf der Bank ist, bezüglich des potentiellen Plus/Minus-Werts?

Sein Wert: -6, der drittschlechteste im Team hinter Chris Tierney und Connor Brown. Er würde sich in diesem Fall gegenüber dem Ranking der absoluten Plus/Minus-Zahlen sogar etwas verbessern.

Die Eignung zum Superstar sieht man schon klar

Alle diese Zahlen (von hockey-reference.com entnommen) bilden die Debüt-Saison von Tim Stützle in keinem besonders guten Licht ab. Wie passt das zu den warmen Worten, die seine Coaches und Teammates für ihn haben?

Gleichzeitig sehr gut und gar nicht. Stützle ist, wie zu erwarten war, in manchen Situationen in der NHL überfordert, noch dazu umrundet von nicht sehr guten Mitspielern.

Nur: Diese Advanced Stats können sehr interessant sein, wenn man sie nicht überbewertet. Mit ihnen wild herumzuwinken, ihn quasi aus der Liga wieder hinausschreiben zu wollen, ist völlig überzogen und hält mit dem Eindruck, den man aus Live-Beobachtungen erhält, nur oberflächlich stand. Scouts sehen seine Schwächen genauso wie seine Stärken auch mit dem freien Auge, sind aber weit mehr mit seinem Potential beschäftigt als mit seinem derzeitigen Leistungsstand.

Wie so viele spätere Superstars vor ihm (oder wie im Falle Alexis Lafreniere parallel zu ihm) muss er viele Sachen auf diesem Level erst lernen. Was man nie vergessen darf: Stützle hat in seinem Leben bisher 63 Spiele im Erwachsenenbereich gespielt – 41 für Mannheim im letzten Jahr und 22 bisher für die Sens. Wie gesagt: Er lernt sein NHL-Handwerk eigentlich von der Pike auf und das bei einem Arbeitgeber, der ihn voll fördert, allerdings qualitativ nicht immer gut unterstützen kann.

In einigen Jahren werden diese Advanced Stats seiner ersten Saison nicht mehr als Altpapier sein, Stützle hat nicht nur für mich absolutes Star-Potential in der NHL.

Das Gesamtbild der Zukunft von Eishockey-Deutschland kann man vielleicht erst überblicken, wenn man einen Schritt zurückmacht: Mit Leon Draisaitl verfügen sie über den regierenden NHL-MVP, mit Stützle und Moritz Seider zwei der Top-10 (oder gar Top-5)-NHL-Prospects der ganzen Liga!

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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