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Seelen-Striptease vom Terminator

Dazu ein echter Schock und viele ÖSV-Erfolge. Die Schießbude aus Presque Isle:

Seelen-Striptease vom Terminator

"Der Letzte macht das Licht aus", heißt es im Volksmund.

In Presque Isle war das gar nicht nötig. Aufgrund einer Vorverlegung der Damen-Staffel hatten die Veranstalter am Samstag mit der einbrechenden Dämmerung zu kämpfen. In sprichwörtlich letzter Minute kamen die Teams aus Litauen, Bulgarien und Kanada ins Ziel.

Jede Minute später hätte das Verletzungsrisiko in die Höhe schnellen lassen, da die Strecke nur notdürftig ausgeleuchtet wurde. Zum Glück ging alles gut und die Teams können beruhigt in Richtung WM blicken.

Die Übersee-Rennen sind zu Ende, ab sofort richtet sich der Fokus voll und ganz auf die Titelkämpfe. Wobei: Zuvor blicken wir traditionell ein letztes Mal zurück und - Achtung, Wortspiel! - beleuchten noch einmal die Bewerbe im US-Bundesstaat Maine.

Viel Spaß mit der Schießbude aus Presque Isle:

Phänomenal, mit welcher Leichtigkeit und Konstanz Gabriela Soukalova diese kräftezehrende Reise nach Übersee meisterte. Dank ihrer Siege in Sprint und Verfolgung von Presque Isle hielt sie ihre Mega-Serie von nunmehr 19 Saisonrennen in Folge in den Top-10 aufrecht. Ein solches Kunststück ist bislang nur einem gelungen: Ole Einar Björndalen. Dessen Lauf, der die komplette Saison 2004/05 überstand und erst bei Olympia 2006 riss, hatte allerdings einen Schönheitsfehler: "König Ole" ließ den einen oder anderen Bewerb aus. Prinzessin Soukalova war hingegen in jedem einzelnen Bewerb mit von der Partie.

 Nein, sportliche Gründe hat die Wahl von Simon Schempp keine. Vielmehr sind es gesundheitliche, die mich dazu veranlassen, für den Deutschen meinen Top-Spot freizuräumen. Während einige andere dem Trip in die Vereingten Staaten ein deutlich entspannteres Trainingscamp bevorzugten, nahm der 27-Jährige die beschwerliche Reise auf sich - für nichts. "Es ist nicht schlimm, aber Simon hat beim Einlaufen festgestellt, dass ihm die Bronchien wehtun", begründete Bundestrainer Mark Kirchner den kurzfristigen Startverzicht seines Vorzeige-Athleten, der schlussendlich gar keinen Bewerb bestritt. Nicht zum ersten Mal stellte sich dem dreifachen Saisonsieger der eigene Körper in den Weg, bereits in Ruhpolding verpasste Schempp insgesamt vier Rennen. Bei der WM will er von derartigen Rückschlägen verschont bleiben.

Freitag, der 11. Februar 2016: Ein Tag, den Schweizer Biathlon-Fans dick in ihrem Kalender anstreichen sollten und so schnell nicht vergessen werden. Serafin Wiestner übertraf alle Erwartungen und verbesserte seine Karriere-Bestleistung, bis dato ein 28. Platz, eindrucksvoll. Der 25-Jährige wurde sensationell Sprint-Fünfter und verwies Landsmann Benjamin Weger auf Position sechs. Zwei Eidgenossen in den Top-10 gab es bis dahin noch nie in der Weltcup-Geschichte. Zum Drüberstreuen wurde auch Selina Gasparin wenig später im Damen-Bewerb Sechste. "Ein Schweizer Tag in Presque Isle", jubelte die Olympia-Silbermedaillengewinnerin von Sochi.

 Die ÖSV-Biathleten sind international offenbar höchst begehrt. Der "ARD"-Teletext spuckte Simon Eder nach seinem vierten Rang in der Verfolgung kurzerhand als Deutschen aus. "Eurosport"-Kommentatoren-Legende Sigi Heinrich, eine echte Ikone seines Fachs, unterlief ebenfalls ein Fauxpas. Der Bayer transferierte Lorenz Wäger gleich mehrfach in die Schweiz, ehe ihm der Mann im Ohr den entscheidenden Hinweis lieferte. Heinrich hatte wohl den Eidgenossen Benjamin Weger mit dem Tiroler Wäger verwechselt. Kann passieren, schließlich ist niemand unfehlbar. Eines ist aber klar: Der ÖSV wird keinen seiner Mannen freiwillig an die Konkurrenz abdrücken.

 

Es ist eine dieser Geschichten, die nur der Sport schreibt. Nach fünf Jahren feierte der Weltcup sein Comeback auf amerikanischem Boden. Einen besseren Zeitpunkt hätte sich Susan Dunklee daher gar nicht aussuchen können, um das erfolgreichste Wochenende ihrer Karriere zu feiern. Die Modell-Athletin sprang als Zweite sensationell auf das Sprint-Podest und markierte zugleich das beste Ergebnis ihrer Karriere. Auch im Verfolger glänzte sie und sackte als Fünfte erneut ordentlich Punkte und Preisgeld ein. Wem das nicht schnulzig genug ist, dem sei gesagt, dass Miss Dunklee am Schlusstag der Bewerbe auch noch ihren 30. Geburtstag feierte. Ein schöneres Geschenk hätte sie sich selbst gar nicht machen können.

So schnell kann's gehen: Letzte Woche noch der große Abräumer, lief es für Dominik Windisch diesmal alles andere als nach Wunsch. Aufgrund von vier Fehlern im Sprint musste sich der laufstarke Südtiroler mit dem durchwachsenen 34. Platz zufrieden geben. Im Verfolger sollte es noch deutlich übler kommen. Zehn Schießfehler bedeuteten Negativ-Rekord in diesem Rennen und beförderten den 26-Jährigen aus den Punkterängen (schlussendlich Position 44). Vielleicht führt ihn seine Leistungs-Achterbahn in Oslo ja wieder nach (ganz) oben.

 Für den Schockmoment der letzten Woche sorgte zweifellos Arnd Peiffer. Der Deutsche krachte in einer Abfahrt gegen einen Baum und war kurzzeitig sogar bewusstlos. Der Deutsche wurde jedoch umgehend und erstklassig versorgt, womit Schlimmeres verhindert werden konnte. Untersuchungen ergaben, dass der Ex-Weltmeister eine Gehirnerschütterung und mehrere Prellungen erlitt. Brüche oder Hirnblutungen blieben ihm erspart. "Man könnte sagen, ich hatte noch Glück im Unglück", suchte er am Tag nach dem Horror-Sturz schon wieder das Positive.

 Kälte ist gar kein Ausdruck für das, womit die Loipenjäger in den Vereinigten Staaten zu kämpfen hatten. Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt setzten ihnen zu. Kuriose Bilder wie jenes vom Norweger Alexander Os, dessen Bart während der Rennen vereiste, machten die Runde. Das Schlimmste blieb den Damen immerhin erspart. Ursprünglich war deren Staffel für Sonntag angesetzt, eine IBU-Regel besagt jedoch, dass Rennen bei Temperaturen jenseits der -20 Grad Celsius nicht durchgeführt werden dürfen. Der Weltverband reagierte prompt und verlegte die Staffel einen Tag nach vor, wodurch das Feld "angenehme" -12 Grad vorfand.

 Mehr als beachtlich schlug sich erneut Lorenz Wäger. Der 24-Jährige kam in Übersee erstmals im Weltcup zum Einsatz und setzte auf Anhieb ein Ausrufezeichen. In Presque Isle hielt er sich im Sprint schadlos und holte als 30. Punkte.  Auch im Verfolger roch es lange nach einem Top-40-Resultat, ehe ihm im letzten Schießen vier Fehler unterliefen. Der Tiroler hinterließ dennoch einen starken Eindruck und hätte sich weitere Einsätze auf höchster Ebene verdient.

 Simon Eder untermauerte indes einmal mehr seine Leaderrolle im Team. Als Elfter in den Verfolger gestartet, holte er das Maximum in Form eines vierten Platzes heraus. Dem Salzburger gelang es, seine exzellente Verfassung auch in Kanada und den USA umzusetzen und liegt im Weltcup bereits an vierter Position. Damit winkt ihm nicht nur ein Karriere-Hoch (bisher Platz fünf aus der Saison 2013/14), er zählt automatisch auch zu den Medaillenkandidaten in Oslo.

 Die rot-weiß-roten Damen wurden, Lisa Hauser ausgenommen, in dieser Saison heftig kritisiert, blieben doch echte Erfolge lange Zeit aus. Mit Fortdauer der Saison werden die ÖSV-Ladies jedoch immer stärker. Beeindruckend war vor allem der Verfolger in Maine, in dem sich Hauser von Platz 28 auf zwölf nach vor kämpfte. Dunja Zdouc gelang es sogar, sich um 22 Ränge zu verbessern, sie holte als 30. Punkte. Betrachtet man nun die Netto-Zeit aus dem Jagdrennen, wird die exzellente Leistung der beiden noch markanter: Hauser wäre Dritte geworden, Zdouc immerhin 18.

 Julia Schwaiger nahm den Schwung von der Junioren-WM (zweimal Bronze) mit und zeigte beim IBU-Cup in Brenzo-Osrblie auf. Als Dritte im Einzel beendete sie eine österreichische Durststrecke und zeichnete für den ersten Podestplatz in dieser Saison verantwortlich. "Am Schießplatz fühle ich mich sehr sicher", bestätigte uns die Salzburgerin, auf der Loipe fühle sie sich auch "immer besser". Die Kritik der letzten Wochen will sie indes nicht an sich rankommen lassen: "Ich glaube an unseren Weg und an das Training, das wir gemacht haben. Die Leute wissen oft nicht, was dahintersteckt, wie hart wir trainieren und was wir opfern."

 

#1 - Aufgepasst auf Celia Aymonier! Die 24-jährige Französin wird in ihrer Debüt-Saison immer stärker und sorgte im Sprint für die schnellste Laufzeit. Mit zwei elften Plätzen stellte sie zudem in Maine einen persönlichen Bestwert auf.

#9 - Platz neun gelang der Damen-Staffel (Dunja Zdouc, Lisa Hauser, Christina Rieder, Susanne Hoffmann) in Presque Isle und damit eine neue Saisonbestleistung.

#318 - So viele Punkte haben die Österreicherinnen zwischen sich und die slowakische Mannschaft im Nationencup gebracht. Der 15. Platz wurde gefestigt, womit die Chancen auf vier Startplätze in der kommenden Saison deutlich gestiegen sind.

 Emil Hegle Svendsen glänzte auch in Presque Isle mit Abwesenheit, um sich gezielt zuhause auf seine Heim-WM vorbereiten zu können. Währenddessen gab er dem Sender "TV 2" ein bemerkenswertes Interview, in dem er einen Blick in sein Seelenleben gewährte. Die Zeit nach Antholz sei für den 30-Jährigen extrem schwierig gewesen. "Ich war depressiv. Ehrlich gesagt, ich habe mich noch nie in meiner Karriere so schlecht gefühlt, jedenfalls nicht so lange Zeit." Er wolle keine Ausreden mehr suchen, sondern den Fokus rein auf sich legen: "Ich bevorzuge es, mich selbst zu beschuldigen." Es fehle nicht viel für ganz vorne, doch zuletzt war augenscheinlich, dass er seinen Killerinstinkt verlor. Im Jahr 2015 blieb er ohne Sieg, dem vierterfolgreichsten Weltcup-Biathleten aller Zeiten (37 Siege) droht die erste volle Saison ohne Erfolg. Damit will er sich nicht abfinden, dagegen kämpft er an. Er habe zwar noch einige Arbeit vor sich, sei aber zuversichtlich. "Ich werde nicht aufgeben, ehe ich wieder der Beste bin. So bin ich einfach." Misserfolge spornen ihn nur zusätzlich an, ans Aufgeben verschwendet er keinen Gedanken. Am Ende seines Seelen-Striptease schickt er in bester "Terminator"-Manier eine weitere Kampfansage an die Konkurrenz: "I'll be back!"

 Es ist geschafft! Martin Fourcade zog mit seinem Triumph im Verfolger mit Raphael Poiree gleich und ist nun erfolgreichster Franzose der Weltcup-Historie. Insgesamt liegt nur noch Ole Einar Björndalen vor dem Überflieger (hier geht's zur ewigen Bestenliste). "Um Gipfel zu erreichen, muss man Inspiration haben. Danke, Raphael!", schrieb der 27-Jährige auf Facebook und postete ein Foto mit Poiree.

 Baiba Bentika kommt seit 2011 - anfangs gelegentlich, inzwischen regelmäßig - in der Beletage zum Einsatz. Erst in Übersee gelang ihr der Durchbruch. Wurde ihr fünfter Platz in Canmore von vielen noch als Eintagsfliege abgetan, belehrte sie ihre Kritiker in der abgelaufenen Woche eines Besseren. Die 24-jährige Lettin wusste neuerdings zu überzeugen und reiste mit den Plätzen 15 (Sprint) und 13 (Verfolgung) im Gepäck zurück über den großen Teich.

 "Das ist ja irre, das hab' ich überhaupt noch nie gesehen!" - Christoph Sumann zum gewöhnungsbedürftigen Staffel-Zieleinlauf der Deutschen Karolin Horchler, die völlig entkräftet per Doppelstockschub zumindest Platz drei rettete.

Christoph Nister

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