Wolfgang Thiem: So profitiert Dominic von Nadal

Wolfgang Thiem: So profitiert Dominic von Nadal Foto: © getty
 

Als rechte Hand von Günter Bresnik in dessen Tennis-Akademie hat Wolfgang Thiem einiges zu tun.

Geht Bresnik mit Wolfgangs Sohn Dominic auf Tour, übernimmt der 45-jährige Niederösterreicher das Zepter in der Tennis-Schule in der Südstadt. Unter anderem kümmert sich der Coach um die Entwicklung der heimischen Davis-Cup-Spieler Dennis Novak und Sebastian Ofner.

Im großen LAOLA1-Interview spricht er aber nicht nur über die beiden heimischen Youngster, sondern auch ausführlich über seinen berühmten Sprössling.

Er erklärt, wie Dominic vom Umgang mit Superstars wie Rafael Nadal profitiert, warum er ihn als "Spätenwickler" sieht, wie der Plan für die Werbemarke "Thiem" ausschaut und warum ihn die Kritik an seinem "faden" Sohn so gar nicht stört.



LAOLA1: Beginnen wir mit deinen Schützlingen. Für Dennis Novak geht es seit einem guten halben Jahr konstant nach oben. Highlight war der Sieg über Andrey Rublev, mit dem er die Weichen im Davis-Cup-Duell gegen Russland auf Sieg gestellt hat. Wie beurteilst du seine Entwicklung?

Wolfgang Thiem: Dennis hat im vergangenen Jahr in der Stadthalle begonnen, wirklich gut zu spielen. Das war so etwas wie eine Initialzündung bei ihm. Danach hatte er eine sehr gute und zum Glück verletzungsfreie Vorbereitung auf Teneriffa. Die erfolgreiche Qualifikation für die Australian Open hat ihm ebenfalls sehr viel gegeben. Das Highlight war natürlich das Davis-Cup-Match gegen Rublev, aber er hat auch sonst einige sehr gute Matches gespielt. Deshalb sind wir mit seiner Entwicklung auf jeden Fall zufrieden. Gespannt bin ich schon auf die Rasen-Saison – das ist ja quasi sein Lieblingsbelag. Deshalb sollte in den nächsten Monaten einer weiteren Ranking-Verbesserung nichts im Wege stehen.

LAOLA1: Er scheint in den letzten Monaten auch persönlich gereift zu sein. Agiert er professioneller als früher?

Thiem: Er hat im vergangenen Jahr, als er verletzungsbedingt zwei, drei Monate gar nichts machen konnte, gesehen, wie gerne er eigentlich Tennis spielt. Leider sehen viele erst, wie viel Spaß ihnen der Sport macht, wenn sie es nicht mehr machen können. Außerdem ist er körperlich jetzt auch in einem sehr guten Zustand. Tennis hat Dennis immer schon gut spielen können. Er ist mit 12, 13 Jahren zu uns gekommen und wurde technisch sehr gut ausgebildet. Er ist jetzt ein fertiger Tennis-Spieler. Wenn er das jetzt alles noch auf die Reihe und eine ordentliche Konstanz bekommt, dann wird es noch weit nach oben gehen.

LAOLA1: Ein bisschen schwieriger ist die Situation für Sebastian Ofner (ATP 136), der in den kommenden Monaten einen Großteil seiner Punkte zu verteidigen hat. Warum kommt er derzeit nicht in Schwung? War es schwierig für ihn, die Sensationserfolge in Wimbledon und in Kitzbühel vom Vorjahr zu verarbeiten?

Thiem: Wir haben im vergangenen Jahr sehr viel an seiner Vorhand gearbeitet und da ist einiges weiter gegangen. Die Ausholbewegung ist beispielsweise verkleinert. In Wimbledon hätte es damals auch in der 1. Runde vorbei sein können. Damals haben aber gottseidank viele Faktoren zusammengespielt. In Kitzbühel ist ihm danach auch sehr viel aufgegangen. Heute ist Sebastian meiner Meinung nach der bessere und konstantere Tennis-Spieler. Er hat auf Teneriffa auch körperlich zulegen können. Derzeit mangelt es ihm einfach am nötigen Selbstvertrauen. Das ist aber nur eine Frage von wenigen Matches, bis er das wieder bekommt. Dann geht es wieder in die richtige Richtung, auch wenn er jetzt kurzfristig im Ranking an Boden verlieren sollte.


WAS FEHLT THIEM NOCH ZUM SUPERSTAR?

Ist Dominic Thiem zu fad, um ein echter Superstar auf der ATP-Tour zu werden? Und was fehlt ihm spielerisch noch? LAOLA1 on Air - der Sport-Podcast hat mit Dominic und Wolfgang Thiem gesprochen und geht in einer von Moderator Bernhard Kastler geführten Diskussionsrunde mit Kurier-Tennis-Journalist Harald Ottawa und LAOLA1-Experte Christian Frühwald diesen Fragen nach. Viel Spaß beim Reinhören!

LAOLA1: Sind die beiden jetzt fast immer gemeinsam unterwegs bzw. haben sie einen gemeinsamen Trainingsplan? Wie schaut deine Zusammenarbeit mit ihnen aus?

Thiem: Wir versuchen, dass wir die beiden so gut es geht zusammenschließen. Bei Sebastian fährt meistens ÖTV-Coach Andreas Fasching mit. Bei Dennis ist oft Peter Znenahlik dabei, wenn er nicht gerade mit Eishockey beschäftigt ist.

LAOLA1: Im Vorjahr war Dominic hinter Rafael Nadal die Nummer zwei auf Sand. Auch heuer ist er bislang wieder der einzige Spieler auf der Tour, der den Spanier auf seinem Lieblingsbelag schagen konnte. Wie und wann kann die endgültige Wachablöse gelingen?

Thiem: Nadal ist erst 31 Jahre alt und damit noch kein Methusalem. Drei, vier gute Jahre sollte er im Tennis noch vor sich haben - wenn er es körperlich durchsteht. Das Bewundernswerte an Nadal ist für mich, dass er jedes Jahr punktgenau zur Sandplatz-Saison in Topform ist. Er hat zum Beispiel im letzten Jahr bei den US Open gegen Leonardo Mayer wirklich schlecht gespielt. Er ist aber immer irgendwie in der Partie geblieben und hat sich dann in Folge von Match zu Match gesteigert. Nadal ist für mich der beste Wettkämpfer überhaupt. Nicht nur im Tennis sondern im ganzen Sport. Wie der beim Davis Cup oder beim Laver Cup herumspringt – selbst wenn er verletzt ist. Er versucht immer noch irgendwie einen Weg zu finden, das Match noch zu gewinnen. Das ist für mich eine Gabe, die extrem ausgeprägt ist. Ich liebe es, ihm zuzuschauen. Auch seine Entwicklung ist sehr interessant, weil er nicht mehr so wie vor fünf, sechs Jahren spielt.



LAOLA1: Kann sich Dominic bei Nadal etwas abschauen?

Thiem: Dominic hat diese Wettkampf-Mentalität schon auch sehr stark verinnerlicht. Je mehr man sich mit solchen Leuten umgibt, umso mehr färben dann gewisse Dinge auf einen selbst ab. Man kann sich nicht gewisse Dinge abschauen. Aber der ganze Zugang zum Sport kann sich dadurch verändern. Wenn Dominic viel Zeit mit Nadal verbringt, dann kann ihm das für sein Spiel helfen. Die beiden verstehen sich auch ganz gut. Dominic ist ihm auch sehr sympathisch.

LAOLA1: Mittlerweile wird auch viel Respekt vorhanden sein.

Thiem: Nadal hat sicher Respekt vor Dominic. Im vergangenen Jahr war er vor dem Halbfinal-Duell gegen Dominic bei den French Open sicherlich sehr angespannt. Am Anfang war es ziemlich ausgeglichen. Danach hat das Pendel immer mehr auf die Nadal-Seite ausgeschlagen. Dominic weiß, dass er gegen Nadal mit einer absoluten Topleistung gewinnen kann.

Wenn Dominic viel Zeit mit einem Nadal verbringt, dann kann ihm das für sein Spiel helfen

Der richtige Umgang ist wichtig

LAOLA1: Dominic kann jeden schlagen bzw. er hat schon jeden geschlagen. Oft fehlt ihm aber noch die Konstanz, solche Siege in über mehrere Tage in Folge zu holen. Warum?

Thiem: Ich glaube, dass das viel mit Erfahrung zu tun hat. Manche Matches geben einem diesbezüglich natürlich einen gewissen Boost. Man weiß nicht, was passiert wäre, wenn er damals bei den US Open die Partie gegen Del Potro gewonnen hätte. Dieses Match hat ihm sicherlich einiges gekostet. Aber auch die Niederlage gegen Tennys Sandgren bei den Australian Open tut weh. Dominic ist sicher ein Spätentwickler – das war er schon immer. Er war mit 15 Jahren biologisch vielleicht 11, 12 Jahre alt. Er ist sehr spät gewachsen. Ich glaube, dass in Dominic noch extrem viel Potenzial steckt. Es dauert vielleicht noch zwei, drei Jahre bis er diese Reife hat bzw. bis das ganze "Haus" fertiggebaut ist. Manche sind schon mit 20, 21 Jahren soweit.  Beim Dominic dauert es eben ein bisschen länger.

LAOLA1: Wobei man normalerweise ohnehin sagt, dass man das beste Tennis-Alter erst mit 28, 29 Jahren erreicht.

Thiem: Ich kann diesen Sachen nicht viel abgewinnen. Die Spieler können heute einfach länger spielen, weil sie medizinisch besser betreut werden. Zu Musters Zeiten war ein eigener Physiotherapeut nicht Usus. Auch die ATP stellt Physios zur Verfügung. Die Spieler achten auf ihre Körper viel mehr. In den letzten 10 Jahren gab es zudem Spieler, die das Geschehen extrem dominiert haben, weil sie so gut waren.

LAOLA1: Seit Ende letzten Jahres ist auch Galo Blanco im Betreuer-Team. Wie läuft die Zusammenarbeit mit ihm? Ist er die ganze Sandplatz-Saison mit dabei? Was zeichnet ihn aus?

Thiem: Blanco hat vorher mit Khachanov trainiert und da haben sie schon vorher viel gemeinsam trainiert, weil Khachanov auch so ein Typ ist, der sehr gerne sehr viel trainiert. Der Zugang von Galo Blanco zum Tennis hat ihm gefallen. Und als die Zusammenarbeit mit den beiden beendet worden ist, hat sich diese Möglichkeit aufgetan. Sie haben die Vorbereitung gemeinsam gemacht und es einmal probiert. Jetzt haben sie die Zusammenarbeit verlängert.

LAOLA1: Mit Gary Muller und Joakim Nyström hat Dominic noch zwei weitere Coaches, die ihn öfter mal auf der Tour begleiten. Wird das alles aufgeteilt?

Thiem: Joki hat in Schweden eine Tennis-Akademie und ein kleines Kind zuhause. Gary hat in Kanada ebenfalls ein Riesenprojekt, wo er bei einem Hotel eine Sportabteilung leitet. Sie sind nur zweitweise verfügbar, deshalb ist es mit Galo viel leichter, etwas auszumachen. Galo ist flexibler als die beiden anderen, die aber auch einen super Job gemacht haben.

LAOLA1: Es ist wahrscheinlich auch gut, wenn man offen bleibt und auch von anderen Coaches etwas lernen kann, oder?

Thiem: Günter ist derjenige, der die Linie vorgibt und Dominic am besten kennt. Er spricht sich auch mit den Touring-Coaches ab, deshalb müssen diese auch mit Günter gut können und sich dementsprechend unterordnen. Das ist bei allen drei der Fall – deshalb hat es auch nie Probleme gegeben. Natürlich muss auch Dominic mit den Coaches zurechtkommen. Er ist zwar nicht sonderlich kompliziert, er sagt aber natürlich, wenn ihm bei einem Trainer etwas fehlt.



LAOLA1: Im vergangenen Jahr hat ein Artikel im Männer-Magazin „GQ“ für Aufregungen gesorgt, weil Dominic darin – kurz gesagt – als „zu fad“ beschrieben wurde, um einmal ein echter internationaler Superstar zu werden. Was sagst du dazu bzw. was denkt man sich bei so einem Artikel als Vater?

Thiem: Ich habe den Artikel gelesen und ihn so verstanden, dass der Autor eigentlich ein Bewunderer von Dominic ist. Es stimmen schon gewisse Dinge, die da geschrieben wurden. Dominic ist keiner, der auf der Pressekonferenz Witze reißt und er ist auch nicht besonders impulsiv. Er antwortet im Endeffekt das, was er gefragt wird. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, sei einmal dahingestellt. Mir ist es lieber, es ist jemand authentisch, als wenn er künstlich lustig ist. Er wird wahrscheinlich in den nächsten Jahren auch noch einen professionelleren Umgang mit den Medien lernen. Ich glaube aber auch, dass es mühsam ist, wenn von den Journalisten immer wieder das Gleiche gefragt wird. Wenn ich höre, dass manche Journalisten nach einem Match nicht einmal wissen, wer gewonnen hat - da läuft auch nicht alles rund. Außerdem hab ich erst kürzlich bei einem ATP-Interview in Barcelona von Dominic gesehen, dass er auf andere Fragen schon auch anders anspringt. Da gibt’s dann schon mal ein paar lustigere Antworten. Wenn du bei einem Grand-Slam-Turnier im großen Pressezentrum vor 20 Journalisten sitzt, von denen 15 das Match nicht gesehen haben und 08/15-Fragen raushauen, dann ist das natürlich mühsam.

LAOLA1: Wie war Dominic in seiner Kindheit bzw. seiner Teenagerzeit? Der heute coole Roger Federer soll damals ja auch ein echter Heißsporn gewesen sein.

Thiem: Am Platz war Dominic nie einer, der sich blöd aufgeführt hat, viel mit dem Schläger geworfen hat oder viel geschimpft hat. Das ist bis heute mehr oder weniger so. Ganz selten lässt er einmal seinen Frust raus und zerstört einen Schläger. Er ist kein Typ, der Schimpftiraden loslässt, sich mit Publikum oder dem Schiedsrichter anlegt. Das schätze ich auch an ihm. Ich finde es extrem unsympathisch, wenn zum Beispiel die Spieler von den Ballkindern die Bälle bekommen und die dann wieder so wegrollen, dass sich die Kinder wieder bücken müssen. Obwohl ich ihm das nie gesagt habe, schupft Dominic die Bälle aber immer so zu den Kindern zurück, dass sie sich nicht bücken müssen. Beim Handtuch ist es dasselbe Spiel. Da hat er schon gute Manieren. Ich glaube, dass das auch andere an ihm schätzen. Er hat da sicher einen Reifeprozess durchgemacht.

LAOLA1: Wir leben in einer Welt der Marken. Auch Dominic wird zwangsläufig als eigene Marke wahrgenommen. Wie geht ihr damit um? Wollt ihr da gezielt in eine spezielle Richtung?

Thiem: Günter und ich versuchen schon, das in eine gewisse Richtung zu lenken. Dominic spricht mit seinem Typus gewisse Partner mehr an als andere. Das Gegenstück von ihm auf der Tour wäre wahrscheinlich Nick Kyrgios. Das ist auch gut so, weil er eben andere Partner anspricht, die zu Dominic gar nicht passen würden. Mit Dominic kann ich zu einer Bank oder einer Uhrenmarke gehen. Das passt hundertprozentig zu ihm und ist auch authentisch. Auch die Bekleidungslinie von Adidas passt ausgezeichnet zu ihm. Ich glaube nicht, dass Dominic irgendein pinkes Outfit sonderlich gut passen würde. Das weiß die Bekleidungsfirma auch – auch wenn manche dann sagen, es wäre fad. Ich finde aber, dass es zu ihm passt. Dominic ist auch keiner, der wie Zverev im Vorjahr mit den langen Socken spielt – das würde blöd aussehen.

LAOLA1: Liegt das alles immer noch in den Händen von Günter Bresnik oder habt ihr aufgrund der Fülle an Angeboten und Möglichkeiten mittlerweile schon eine eigene Agentur engagiert?

Thiem: Wir haben schon zu Beginn gesagt, dass wir ein kleines Team um uns herum haben wollen, in dem jeder sieht, was der andere tut. Günter ist letztlich der zentrale Kopf des Ganzen und nach außen hin auch der Manager von Dominic. Dann gibt es noch ein paar Leute zusätzlich, die da mitarbeiten. Meine Frau kümmert sich etwa um Hotels und Dinge mit der NADA. Denen musst du ja jeden Tag eine Stunde angeben, in der du für einen Dopingtest zur Verfügung stehst. Da darf man nicht schlampig sein. Wenn ich das irgendeiner großen Agentur geben würde, hätte ich nie das nötige Vertrauen. Günters Tochter kümmert sich um Facebook. Wir sind sehr klein aufgestellt und können dadurch sehr schnell agieren.

LAOLA1: Wann habt ihr euch für diese Linie entschieden?

Thiem: Dominic hatte mit 17, 18 Jahren schon zig Angebote. Angefangen bei IMG und den üblichen Verdächtigen. Wir haben damals keinen Sinn darin gesehen und ich bin Günter im Nachhinein sehr dankbar, dass wir einige Entscheidungen so getroffen haben und dadurch nicht aufgrund unseres Unwissens in irgendetwas hineingetappt sind. Als Elternteil meint man es natürlich immer gut mit seinem Kind, aber manchmal macht man eben aus Unwissenheit einen Blödsinn. Darauf bin ich auch stolz, dass ich Günter so viel Vertrauen geschenkt und nie daran gezweifelt habe.

LAOLA1: Was wären das für Fallen?

Thiem: Manche Agentur verspricht dir als 16, 17-Jährigem gewisse Deals. Und wenn du einen solchen Deal annimmst, dann laufen automatisch Dinge wie zum Beispiel ein Nike-Vertrag mit. Du musst anschließend von einer bestimmten Liste alles kaufen. Das rechnet sich dann schnell hoch. Dabei geben sie dir nur ein paar tausend Euro dazu, was in diesem Alter aber richtig viel Geld ist. Außerdem darfst du zum Training zum Beispiel nach Florida kommen und darfst auf einen eigenen Physio zurückgreifen. Bei den Junioren-Grand-Slams kannst du mit den dortigen Trainern arbeiten. Das ist schon verlockend, man muss aber schon schauen, ob es am Ende nachhaltig ist. Da unterschreibst du einen Vertrag über 3-5 Jahre und hängst in diesem drin.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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