Hilfe, Österreich steckt fest!

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Doskozil und das Knabbern an der harten Kruste

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Je weiter sich die Olympischen Sommerspiele zeitlich entfernen, umso mehr sieht es danach aus, als ob die anfangs erhoffte Revolution im heimischen Sport am Ende doch nur ein Sturm im Wasserglas ist.

Was ursprünglich nach dem "Reset-Knopf" klang, droht immer mehr zu einer bloßen Verwaltungsreform zu verkommen. Und dass eine Zusammenlegung von ein paar Förder-Instanzen die tiefliegenden Probleme sowie das Fehlen einer Strategie nicht beseitigen wird, dürfte wohl jedem klar sein.

Sportminister Hans Peter Doskozil tritt bei der von ihm nach Rio – in Form einer GmbH – angekündigten zentralen Förderstelle augenscheinlich auf der Stelle. Nach Olympia war von "wenigen Wochen" die Rede, bis ein konkreter Entwurf stehen könnte. Aus "wenigen Wochen" sind mittlerweile rund 100 Tage geworden. Stichhaltiges? Fehlanzeige.

Diese Dauer in Kombination mit seiner Aussage vom – oft zitierten – Ende der Gießkanne sorgen im heimischen Sport bislang lediglich für eines: Unsicherheit. Doskozils öffentliche Wiederholungen seiner Rio-Worte verhärten den Verdacht, dass er mit seinem Ansinnen feststeckt.

Doskozils Aussagen zur Reform in den letzten 100 Tagen
  1. August
Doskozil in Rio: "Bin für eine klare Förderstruktur"
30. August Doskozil: "In kommenden Wochen erste Maßnahmen zu Papier bringen"
27. Oktober Doskozil: "Neues Modell ab Beginn 2017 oder zumindest im ersten Halbjahr"

Ganz überraschend kommt das nicht, er wäre nicht der erste Sportminister, der sich am heimischen Sportsystem die Zähne ausbeißt.

Angefangen vom Förder-Dschungel, über die weltweit einzigartige Konstellation der politiknahen Dachverbände bis hin zu den allgegenwertig agierenden Multi-Funktionären – angesichts der Verkrustungen drängt sich die Frage auf, ob in Österreich überhaupt zentral gesteuerte Veränderung möglich ist?

Nein, neigt der gelernte Österreicher an dieser Stelle zu sagen.

Dabei gäbe es sehr wohl eine Möglichkeit:

Unter dem Arbeitstitel "Strategie 2018" arbeiteten im vergangenen Jahr rund 40 Persönlichkeiten aus dem österreichischen Sport unter der Ägide des Kabinetts des damaligen Sportministers Gerald Klug einen subversiven Ansatz heraus, um den heimischen Sport von innen heraus zu verändern.

Das daraus entstandene "Weisbuch 1.0" mitsamt mehr oder weniger fertigen Projekten liegt sogar in der Schublade Doskozils.

Allerdings droht es dort zu verstauben.

Was hinter der "Strategie 2018" steckt?

"Es ist ein Alternativ-Ansatz auf Grassroots-Ebene, ohne gleich von oben herab alles im österreichischen Sport umzukrempeln", erklärt Wolfgang Mayrhofer. Der einstige Olympia-Zweite im Segeln und nunmehrige Uni-Professor fungierte als Projektleiter.

Dem ziellosen Gezerre im heimischen Sport Nuance für Nuance den Garaus machen. Verschiedene Bereiche auf subtile Art und Weise auf eine Richtung ausrichten. So die Intention des Projekts. Oder wie es Mayrhofer formuliert: "Die Grundidee war, nehmen wir uns eine Reihe von Experten her und schauen, wo sehen die in definierten Bereichen so etwas wie zentrale Hebel. Sprich: Wo kann ich mit relativ wenig Aufwand verhältnismäßig viel bewegen."

Sportminister Hans Peter Doskozil
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Auf der Suche nach zentralen Multiplikator-Wirkungen wurden die vier Bereiche Infrastruktur, Berufsfeld, Wissenschaft im Leistungs- und Spitzensport sowie Entwicklung Nachwuchs-Leistungssport beackert.

Mayrhofer: "Es ist der Versuch, über einzelne Projekte, die nicht von irgendwo auf Zuruf herkommen, sondern von Leuten, die etwas von der Materie verstehen, einen permanenten Prozess in Gang zu setzen. Indem ich sage: erste Runde, zweite Runde, dritte Runde … damit entsteht – zwar ein niederschwelliger – aber permanenter Change."

Aus mehreren Phasen und in weiterer Folge Zyklen würden sich durch das dann bereits veränderte System neue Schritte und Zwischen-Ziele ergeben. Eine übergeordnete Koordination sollte Sorge tragen, dass die Projekte in ihrer Gesamtheit in die gleiche Richtung wirken.

Die erste Phase sah unter anderem vor, das Abspringen von Talenten zu minimieren, die sportwissenschaftliche Betreuung besser zu strukturieren sowie in diversen Bereichen eine Bestandsaufnahme zu machen. Zum Teil handelt es sich um Basics, um in weiterer Folge - mithilfe der gesicherten Daten - weitere Schritte setzen zu können.

Auf der Bremse

Obwohl die "Strategie 2018" im Regierungsabkommen enthalten ist, herrscht seit einem Jahr Stillstand. "Seit dem Wechsel im Minister- und Sport-Büro ist alles auf der Bremse", weiß Mayrhofer, der bei der Politik bezüglich einer Umsetzung nachgesetzt hatte. Erfolglos.

An ein bewusstes Spiel auf Zeit der Politik glaubt Mayrhofer, der mithalf, den Segel-Verband für Olympia auszurichten, jedoch nicht. "Schließlich sind neue Mitarbeiter mit null Übergang in das Minister-Büro gekommen. Ich verstehe den Minister, wenn er dort Leute seines Vertrauens sitzen haben will, aber wenn du halt ganz wenig Wissensfluss hast von dem, was vorher geschah, ist es eben schwierig."


LAOLA1 hat Doskozil schon im Februar gefragt: "Herr Minister, anhand welcher Kriterien haben Sie Ihr Büro zusammengestellt?" Das Interview:


Hinzu komme, dass bei jedem Minister-Wechsel sofort eine Schar hoher Sport-Funktionäre mit Bitt-Gesuchen vorstellig wird. "Auf die stürzen sich mit einem Mal alle vom dachverbändigsten Dachverband bis zum ums Überleben fürchtenden Fachverband. Dass den neuen Mitarbeitern dann die Schädel rauchen, ist klar."

Das sich daraus ergebende Problem sei jedoch, dass durch den Stillstand die Dynamik in den "Strategie 2018"-Gruppen, in denen die Personen unentgeltlich mitwirkten, verloren geht. "Auf der anderen Seite stünde es dem Minister ja auch zu, zu sagen: Vergesst das Ganze! Deswegen ist er ja der Minister. Aber die Leute, die mitgearbeitet haben, verdienen zumindest eine Antwort", kritisiert Mayrhofer.

Nicht (ganz) darauf vergessen

Eine LAOLA1-Nachfrage diesbezüglich im Minister-Büro fördert wenig Stichhaltiges zutage.

Laut einem Sprecher des Ministeriums seien Teile der Strategie bereits erfüllt worden oder es sei schon mit deren Umsetzung begonnen worden. Dabei dürfte es sich um die Sportstätten-Datenbank handeln, eines der am weitesten entwickelten Projekte der Arbeitsgruppen.

Über die Umsetzung weiterer Maßnahmen kann das Ministerium keine Angaben machen. Lediglich, dass die erarbeitenden Ideen der Arbeitsgruppen von der neuen zentralen Förder-Institution aufgegriffen werden sollen.

Was zwar einigermaßen gut klingt, dürfte jedoch das Aus für die Grundidee der "Strategie 2018" bedeuten. Schließlich würde deren Nutzen erst nach mehreren Phasen bzw. Zyklen zutage treten. Stichwort: subversiv.

Die bloße Umsetzung von einer vielleicht Handvoll Basis-Projekten wäre somit per se kein Fehler, jedoch auch kein großer Schritt nach vorne.

Djokovic-Trainer als neuer starker Mann?

Gebhard Gritsch
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Über das Nicht-Vorhandensein eines klar definierten Ziels, respektive einer Strategie, ist man sich im Ministerium sehr wohl im Klaren. "Ein derartiges Dokument gibt es derzeit nicht", heißt es aus Doskozils Büro. "Diese Ziele sollen von der künftigen Organisation genauer ausgestaltet und zu Papier gebracht werden." Man stehe mit vielen Fachleuten in Kontakt.

Als Mastermind einer solchen Organisation macht der Name Gebhard Gritsch die Runde. Der 59-jährige Tiroler ist derzeit als Leistungssport-Trainer von Tennis-Ass Novak Djokovic tätig.

So oder so: Alle Aussagen über die neue Institution sind auch nach 100 Tagen Wartezeit ernüchternd vage. Da passt es perfekt ins Bild, dass laut der Tageszeitung "Presse" das "Projekt Rio" zumindest vorerst als "Projekt Tokio" eine Neuauflage erhält, um kein Förder-Vakuum entstehen zu lassen.

Daraus lässt sich ableiten, dass Österreichs Sport so schnell keine einheitliche Förderstruktur bekommen wird.

Von einer Strategie ganz zu schweigen.

Reinhold Pühringer


Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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