Wirbel im Judo-Team um mögliche Bubanja-Rückkehr

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Vor einem Jahr berichteten wir an dieser Stelle, dass Österreich mit dem in sein Geburtsland Montenegro wechselnden Marko Bubanja eines seiner größten Judo-Talente verliert.

Nun will der 21-Jährige, der für Österreich Bronze bei Jugend-Weltmeisterschaften sowie Olympischen Jugendspielen holte, wieder zurückkommen.

„Sie haben uns damals viele Lügen aufgetischt, um uns dorthin zu locken“, begründet Bubanjas Trainer Hubert Rohrauer die Kehrtwende.

Eine mögliche Rückkehr führte auf den heimischen Matten zu großer Entrüstung. Neben einer (nicht bindenden) Umfrage im ÖJV-Vorstand, die mit 9:2 Stimmen gegen eine Rückkehr ausging, sprach sich das Nationaltrainer-Team geschlossen dagegen aus.

Darüber hinaus erreichte LAOLA1 am Dienstagabend ein offener Brief (Vollversion am Ende des Artikels) des ÖJV-Nationalkaders, der sich ebenso gegen eine Wiedereingliederung Bubanjas ausspricht.

Unterschrieben von 25 Sportlern, darunter mit Sabrina Filzmoser, Bernadette Graf, Kathrin Unterwurzacher und Daniel Allerstorfer alle Olympia-Starter bis auf den in Japan arbeitenden Ludwig Paischer.

Die Kern-Message der Athleten ist klar: Es gehe nicht persönlich gegen Bubanja, sondern stelle „lediglich unsere Bitte dar, Härte zu zeigen, wenn der ÖJV offensichtlich ausgenutzt wird und einem Sportler, welcher aus finanziellen Gründen einem Verband sowie einer Nation den Rücken zukehrt, eine unserer Meinung nach übertriebene Freundlichkeit entgegenbringt.“

Bubanja sowie seinem Trainer Rohrauer wird opportunistisches Verhalten unterstellt, welches mit den Prinzipien der Werte-beladenen Kampfsportart Judo nicht in Einklang stehen.

Stichwort Kritikfähigkeit

Wie aus dem Brief hervorgeht, ist eine weitere Intention des Schriftstücks, dass ein Vorstandsmitglied bei besagter Sitzung behauptet hätte, die Athleten würden sich ein Comeback Bubanjas „ausdrücklich wünschen“.

Dem ist jedoch nicht so.

ÖJV-Präsident Hans Paul Kutschera
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ÖJV-Präsident Hans Paul Kutschera tut diesen Anlass allerdings als unbegründet ab. „Es wurde lediglich darüber gesprochen, dass die Galaxy Tigers (Wiener Klub, für den er in der Bundesliga kämpft; Anm.) gerne mit ihm trainieren.“

Wie die Athleten ihre Meinung bekundet haben, dürfe dem ÖJV-Boss generell missfallen haben: „Die Sportler sollen ihren Sport machen und sich nicht in die Verbands-Administration einmischen. Sie wissen gar nicht, was gesprochen wurde“, sagt jener Kutschera, der am Rande der WM 2014 noch bemängelte, dass die heimischen Team-Judoka zu brav seien, keiner den Mund aufmache.

Ist die Causa damit vom Tisch?

Nichtsdestoweniger sei das Thema Bubanja für Kutschera vom Tisch. Vorerst, wie er bemüht ist zu betonen. „Ich weiß ja nicht, was in ein paar Monaten ist. Vielleicht denken die Sportler und die Trainer dann ja anders darüber“, meint der Präsident, der bei der Umfrage eine der beiden Stimmen war, die einen Wechsel offen gegenüberstanden.

Erst wenn eine Mehrheit dafür wäre, wolle er anfangen zu prüfen, ob und wie von Seiten des montenegrinischen sowie des Welt-Verbandes (IJF) ein neuerlicher Nationenwechsel vollzogen werden könnte. Rohrauer dazu: „Wir könnten auch mit einer einjährigen Sperre leben.“

Angesichts des klaren Bekenntnisses von Vorstand, Trainern und Sportlern – den letzten offenen Brief in Richtung Vorstand gab es vor zehn (!) Jahren – verwundert es allerdings, dass Kutschera einen Stimmungswechsel in den kommenden Monaten überhaupt für möglich hält.

Hinter vorgehaltener Hand wird vermutet, Kutschera könnte versuchen, in nächster Zeit zumindest innerhalb des Vorstands eine Mehrheit für eine Rückkehr finden zu wollen, ehe er die Causa noch einmal aufrollt, um dann bindend abstimmen zu lassen.

Mit den nötigen Spannungsmomenten

Rohrauer, der einst Claudia Heill zu Olympia-Silber in Athen führte, verließ Österreich vor einem Jahr mit Bubanja nicht im Guten. Der Wiener, der bis dahin als sportlicher Berater des Verbandes fungierte, hatte sich mit dem ÖJV-Präsidenten überworfen. „Kutschera muss allmählich erkennen, dass sein System krankt, er führt den Verband wie ein Krankenhaus“, hatte Rohrauer damals dem praktizierenden Arzt via LAOLA1 ausgerichtet.

Marko Bubanja und sein Trainer Hubert Rohrauer
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Vor diesem Hintergrund mag es auf Außenstehende verwunderlich wirken, dass Kutschera einer der wenigen ist, die einer möglichen Rückkehr des Athleten-Trainer-Gespanns derartig offen gegenüberstehen.

Insider wissen jedoch, dass die zwei seit den 90er-Jahren, als Kutschera als Verbands-Arzt mit dem damaligen Nationaltrainer Rohrauer an einem Strang zog, ein recht atypisches Verhältnis haben.

Eines, das von Reibungspunkten geprägt ist, aber sich dennoch stets als resistent erwies.

Falsche Hoffnungen

Rohrauer spielt den Vorwurf, durch das Hin- und Herwechseln opportunistisch zu handeln, herunter. „Wenn ein 19-Jähriger keinen Fehler machen darfst, dann weiß ich auch nicht“, entgegnet der 60-Jährige, der auf die Entscheidung vor einem Jahr allerdings maßgeblichen Einfluss hatte.

Gemäß seiner Sichtweise habe sich das Thema einer möglichen Rückkehr auch ein Stück weit verselbständigt. Nach mehreren Monaten Arbeit in Montenegro habe Rohrauer erkennen müssen, dass man dort gar kein Interesse habe, die von ihm geplante Zentralisierung umzusetzen. „Ich kann dort nichts aufbauen, wenn ich mir jedes Mal etwas suchen muss, wo wir trainieren können“, weiß er nun. Dem dortigen Verband seien seine Vorgaben letztlich zu teuer geworden.

Da Bubanja, der 2016 EM-Bronze bei den Junioren holte, nach wie vor Doppelstaatsbürger ist, sei man nun auf die Idee gekommen, beim ÖJV wegen einer Rückkehr anzufragen. Vom doch sehr heftigen Widerstand zeigt sich Rohrauer ein wenig überrascht: „Wenn Österreich streikt, dann müssen wir unseren Weg in Montenegro beibehalten. Auch wenn es widerwillig ist.“


Der offene Brief im Wortlaut:

Sehr geehrter Präsident, sehr geehrter Vorstand des österreichischen Judoverbandes,

Dem Nationalteam sowie einigen weiteren Sportlern rund um Österreichs Judospitze kam zu Ohren, dass ein erneuter möglicher Nationenwechsel von Marko Bubanja im Raum steht. Deshalb ist es einem großen Teil des Kaders ein Anliegen, ihre Meinung Kund zu tun, da eine Entscheidung in dieser Angelegenheit unserer Ansicht nach ein für die Zukunft durchaus tiefgreifendes Statement abgibt. Es geht hierbei nicht darum, einem aufstrebenden Athleten seinen Weg für die sportliche Zukunft zu ermöglichen oder zu verhindern, sondern es geht darum, ob man im ÖJV jegliche durchaus egoistische Aktion unterstützen und Werte der Treue, Ehrlichkeit und Dankbarkeit in den Hintergrund stellen möchte. Daher möchten wir Ihnen mittels diesem offenem Brief unsere Sichtweise in dieser Angelegenheit ganz eindeutig näherbringen, sodass unsere Ansichten in eine Entscheidung miteinbezogen werden können.

Anfangs ist es jedem Befürworter dieses Schreibens ein Anliegen, zu unterstreichen, dass dies nicht persönlich gegen Marko Bubanja gerichtet ist. Wir stellt lediglich unsere Bitte dar, Härte zu zeigen, wenn der ÖJV offensichtlich ausgenutzt wird und einem Sportler, welcher aus finanziellen Gründen einem Verband sowie einer Nation den Rücken zukehrt, eine unserer Meinung nach übertriebene Freundlichkeit entgegenbringt.

Wir Judokas sind der Meinung, dass in unserem Verband die Grundsätze des Judos hochgehalten werden sollten. So wie wir unseren Gegnern und Mitstreitern Respekt und Achtung entgegenbringen, müsste dies auch für Sportler im Umgang mit dem ÖJV gelten. Aus diesem Grund muss klar gezeigt werden, dass für einen Sportler, der im österreichischen Judoverband ausschließlich einen finanziellen Förderer sieht und nur mäßige Dankbarkeit für angebotene Zugeständnisse entgegenbringt, welche für andere, subjektiv bewertet ähnlich erfolgreiche Sportler, undenkbar gewesen wären, in unserem Verband kein Platz sein sollte.

Des Weiteren kursieren Informationen über den Ausgang einer Abstimmung des Vorstandes, welche klar gegen die erneute Aufnahme von Marko Bubanja in den ÖJV sprechen. Daher liegt es für uns Sportler auf der Hand sich an diese Entscheidung zu halten und sich nicht darüber hinwegzusetzten und somit bestimmten Stimmen eine übermäßig hohe Gewichtung zuzugestehen. Eine dieser Abstimmung entgegengestellte Entscheidung würde einen Vertrauensverlust aller anderen Sportler mit sich ziehen.

Angeblich wird die Meinung der Athleten dahin ausgelegt, dass wir uns ein Zurückkommen von Marko Bubanja ausdrücklich wünschen. Es soll hiermit klargestellt werden, dass wir Sportler im Durchschnitt einer Rückkehr seinerseits zum ÖJV, abgesehen der finanziellen Umständen und Ereignissen des letzten Jahres, neutral gegenüberstehen.

Mit jedem Namen, den wir unter dieses Schreiben setzen, möchten wir betonen, wie wichtig uns diese Angelegenheit ist. Wir Sportler möchten ein klares Zeichen setzten, dass wir uns ein Hochhalten von grundlegenden Werten in unserem Verband ausdrücklich wünschen. Wir bitten um die Miteinbeziehung unserer Interessen in dieser Angelegenheit und verbleiben in Hoffnung auf Ihr dem Judosport verantwortungsgemäßes Handeln.

Mit freundlichen Grüßen,


Allerstorfer Daniel

Böhler Laurin

Borchashvili Kimran

Dall Andrea

Filzmoser Sabrina

Graf Bernadette

Hageneder Maximilian

Hirtzberger Markus

Hoffmann Daniel

Kafexhiu Drini

Klinger Desirée

Kraft Mara

Kronberger Christoph

Krššáková Magdalena

Laber Julia

Neubauer Pamela

Polleres Michaela

Shala Driton

Tiefgraber Andreas

Unterwurzacher Kathrin

Weixelbaumer Tobias

Willnauer Alexander

Willnauer Mathias

Winkler Michael

Victoria Schuhmann

Textquelle: © LAOLA1.at

Diese Firma führt Peter Seisenbacher als CEO

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