Lietz: "Gibt Wichtigeres als den WM-Titel"

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Werkfahrer im Motorsport zu sein, ist für Österreicher ein eher seltenes Privileg.

Wir haben aktuell Philipp Eng, Lucas Auer und den Deutsch-Österreicher Max Günther bei BMW, Thomas Preining bei Porsche (als "Young Professional"), den Wiener mit italienischem Pass Mirko Bortolotti bei Audi und den Austro-Spanier Andy Soucek bei Bentley. Und dann haben wir noch den "Senior", der längst sein 14. Jahr als Werkfahrer begann: Richard Lietz.

Der Ybbsitzer, mittlerweile 36 Jahre alt, ist seit 2007 bei Porsche unter Vertrag. Vom Rallyesport – "infiziert" durch seinen Vater – kam er auf die Rundstrecke, nach der Formel 3-Euroserie 2003 war bei Monoposti aber Endstation – der Wechsel in Porsche-Markenpokale folgte, und nach nur drei Jahren ebendort tat sich der Niederösterreicher bei einer Sichtung so hervor, dass er für 2007 einen Werksvertrag in Weissach bekam.

Nach fünf Saisonrennen in der Langstrecken-WM (WEC) liegt Lietz mit seinem italienischen Partner Gianmaria Bruni auf Platz fünf der Fahrerwertung. Intakt wäre die Chance auf den WM-Titel in den abschließenden drei Rennen (darunter Mehrfach-Punkte in Sebring und Le Mans) gewesen. Doch nun sind die 1000 Meilen von Sebring, geplant gewesen für Freitag auf der Traditionsstrecke in Florida, wie viele andere Rennen auch dem Coronavirus zum Opfer gefallen, Spa-Francorchamps Ende April ebenso.

Auch der Höhepunkt und das Finale des WEC (World Endurance Championship) in Le Mans, eigentlich Mitte Juni, ist schon auf Mitte September verschoben (HIER nachlesen>>>).

LAOLA1: Wie sieht dein Ersatzprogramm aus, wenn es keine Rennen und wohl auch keine Tests gibt?

Richard Lietz: Zuhause bleiben und den Anordnungen der Regierung folgen, es gibt keine Alternative. Ich besorge mir gerade einen neuen Computer, der viele Rennstrecken simulieren kann, also theoretisches Training ermöglicht. Und ich habe daheim ein Laufband für die körperliche Arbeit.

LAOLA1: Also nicht in der Natur im Mostviertel?

Lietz: Ich habe natürlich Laufen und Mountainbiken überlegt. Aber dann dachte ich mir: Was ist, wenn ich blöd hinfalle und mich verletze? In den Spitälern brauchen sie solche Fälle derzeit überhaupt nicht. Also versuche ich, Risken auszuschließen.

LAOLA1: Den WM-Titel wirst du wohl abschreiben müssen.

Lietz: Der hätte in dieser Saison ohnedies weniger Wert. Es gibt derzeit ja Wichtigeres.

LAOLA1: 14 Jahre Werksfahrer - hast du dir das einmal vorstellen können?

Lietz: Nein, gar nicht, denn so etwas ist nicht planbar. Es passiert oder es passiert nicht. Als ich Werkfahrer wurde, freute ich mich natürlich und dachte, jetzt geht's dir zwei, vielleicht drei Jahre gut. Es war ein guter Start ins Berufsleben mit dem ersten Job, bei dem ich etwas verdiente. Mit so einer langen Zusammenarbeit war nicht zu rechnen. Porsche ist eine Firma, die Treue nicht nur als Einbahn sieht (lacht). Die ersten 14 Jahre waren schön, schauen wir einmal, wie die nächsten 14 werden…

LAOLA1: Wie ist deine Vertragssituation?

Lietz: Ich bin bis Ende 2020 unter Vertrag, das wäre noch die erste Hälfte der kommenden WEC-Saison. Wir wollten in Sebring über die Zukunft sprechen, aber das wurde ja jetzt hinfällig. Bei Porsche hat man jetzt auch andere Sorgen. Aber ich bin optimistisch, das Team will mit mir weitermachen, ich will auch gern.

LAOLA1: Warum war die Monoposto-Karriere – und damit wohl der Formel-1-Traum – mit der Formel 3 zu Ende? Geldmangel? Zu wenig Erfolg?

Lietz: Der Beginn im Formelsport ist eigentlich passiert und war so nicht geplant. Ich wollte wie der Papa Rallyes fahren, war aber mit 16 zu jung – noch kein Führerschein. Aber auf der Rundstrecke gab es die Nachwuchsformeln wie von BMW. Dort war ich gleich in den Top Ten, Sponsoren aus der Rallyewelt konnte ich mitnehmen. Insgesamt sind wir aber ziemlich blauäugig in den Rundstreckensport reingegangen.

LAOLA1: Du liebäugelst noch immer mit Rallyes?

Lietz (lacht): Das alles, was ich jetzt mache, ist nur Vorbereitung für eine Rallyekarriere! (Ernsthaft) Ich würde Rallyes nur noch als Hobby fahren und nicht als Vollprofi. Ich maße mir nicht an, gut genug für ein World Rally Car zu sein. Das wäre undenkbar. Aber zum Spaß mitfahren, das würde ich schon. Aber das ist ja alles Theorie angesichts meines in normalen Zeiten vollen Kalenders.

LAOLA1: Der ja etliche Serien beinhaltet…

Lietz: Ja. Neben der Langstrecken-WM WEC sind wieder die 24 Stunden am Nürburgring, die europäische Le-Mans-Serie usw. geplant. Wir müssen jetzt abwarten.

LAOLA1: Dem Sprung zum Werkfahrer hat dein Monaco-Sieg im Porsche Supercup 2006 wohl sehr geholfen. Die Bundeshymne haben in Monaco noch nicht so viele Österreicher in der Fürstenloge gehört…

Lietz: Ja, sicher. Nach den Siegen im Supercup – in Monaco, Magny-Cours und Hockenheim - wurde ich informiert, dass ein Platz im Werkteam durch einen Abgang frei wird. Und diese Chance nützte ich bei der Sichtung. Obwohl ich sagen muss, der Erfolg dort ist sehr abhängig von der Tagesverfassung. Da müssen viele Kleinigkeiten stimmen.

LAOLA1: Du hast drei Mal die GT-Klasse in den 24 Stunden von Le Mans gewonnen, dazu die anderen 24-Stunden-Klassiker in Spa und auf dem Nürburgring – welcher Erfolg bedeutet dir besonders viel?

Lietz: Ich habe schon zu Le Mans eine besondere Beziehung. Dieses Highlight würde ich am meisten vermissen, wenn ich nicht mehr im Rundstreckensport bin. Daytona dagegen würde mir überhaupt nicht abgehen. Da hast du kaum Weihnachtsferien, dann ist schon der Vortest und bald das Rennen im Jänner. Der Sieg in Spa 2019 war eine große Genugtuung, weil ich zuvor drei Mal Zweiter war. Die Nordschleife (Nürburgring) wollte ich ab 2008 gewinnen, es dauerte dann zehn Jahre, bis es soweit war.

LAOLA1: Ein junger Landsmann ist dein Kollege bei Porsche, Thomas Preining. Was traust Du ihm zu?

Lietz: Jeder Junge bekommt bei Porsche eine ehrliche Chance. Da gibt es keine "Politik". Wenn du deine Leistung bietest, hast du einen Superjob. Thomas hat einen tollen Speed, der kann noch viel erreichen. Er muss aber lernen, sich selbst manchmal zurückzunehmen, wenn du auf der Langstrecke Teamkollegen helfen willst. Ich glaube, er wird eine schöne Karriere haben.

LAOLA1: Wärst du noch ein Junger, hätte dich die Formel E – in der Preining Testfahrer von Porsche ist – interessiert?

Lietz: Schwer zu sagen, denn wäre ich jetzt ein Junger, hätte ich all die schönen Erfolge nicht erlebt. Formel E ist sicher interessant, ist aber nicht meine Lieblingsserie. Die Rennen sind spannend, es gibt Action – für Junge sicher interessant, ich sehe mir das eher entspannt an.

LAOLA1: Du hast 2015 den Weltcup für GT-Fahrer gewonnen, ein Jahr später war es ein offizieller WM-Titel. Bedauerst du das?

Lietz: Wir wurden immerhin mit dem Team GT-Weltmeister. Wir haben gewonnen, das zählt, ich trauere da nichts nach. Was mich mehr wurmt, ist, dass ich einmal den WM-Titel wegen einer falschen Reifenwahl in Bahrain verlor und in der Vorsaison durch eine Disqualifikation nach dem zweiten Platz in Silverstone – da kostete mich und Teamkollegen Gianmaria Bruni ein Millimeter zu wenig Bodenfreiheit den WM-Titel. Wir verloren die Punkte, und am Ende war die Saison schlecht, obwohl die anderen Rennen eigentlich sehr gut waren.

LAOLA1: Mit welchem Teamkollegen hattest du bisher das beste Einvernehmen?

Lietz: Sicher mit Marc Lieb, wir waren ein perfektes Team. Als er in den Kader für die Prototypen geholt wurde, hat das auch mich ein wenig bestätigt - und natürlich gefreut.

LAOLA1: Auch in dieser Saison war der WM-Titel das Ziel, jetzt ist die Situation durch die Absagen anders.

Lietz: Auf jeden Fall wäre der Titel unter normalen Umständen das Ziel gewesen. Porsche tritt nicht an, um Zweiter zu werden!

LAOLA1: Du lebst weiter in Ybbsitz, was machst du in der Freizeit? Triffst du noch Schulkollegen?

Lietz: Hmmm, ich musste die Schule öfters wechseln, daher kaum. Aber hin und wieder gehe ich schon mit den Kumpels von früher aus. Man muss auch einmal von Rennen und Technik wegkommen. Ich bin aber wenig zuhause, weil wir bei Porsche auch zwischen den Rennen viel zu tun haben.

LAOLA1: Du bist noch Single, wie sieht es mit der Familienplanung aus?

Lietz (lacht): Ich kann mir keine Scheidung leisten... also keine Heirat. Hochzeit hat keine Priorität, aber Kinder zu haben kann ich mir gut vorstellen.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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