Kommentar: Bitte kein Ende wie bei Senna und Prost

Kommentar: Bitte kein Ende wie bei Senna und Prost Foto: © getty
 

Die Formel 1 2021 hat ihr verdientes WM-Finale! Nach 21 Rennen sind Lewis Hamilton und Max Verstappen punktegleich.

Erst zum zweiten Mal in der Geschichte gibt es vor dem letzten Rennen einen Punkte-Gleichstand zwischen zwei WM-Konkurrenten, womit sich die Saison automatisch in die Diskussion um die spannendeste aller Zeiten hievt.

Eine Weltmeisterschaft, die sich eine faire und sportliche Entscheidung verdient hat. Allein: Gefühlt jede Zusammenkunft zwischen Hamilton und Verstappen auf der Strecke wurde zum Diskussions-Gegenstand, oft genug gab es auch Kleinholz. Sollte in Abu Dhabi ein Manöver entscheiden, wird keiner der Anwärter zurückstecken.

Als wäre die Konstellation nicht Sprengstoff genug, gerät auch die FIA mit (Nicht-)Strafen immer wieder in den Blickpunkt - und lässt mitunter Konsistenz in ihren Entscheidungen vermissen.

FIA ein weiteres Mal ohne Rückgrat

Der Grand Prix von Saudi-Arabien wurde deswegen denkwürdig, weil er alle Aspekte des bisherigen WM-Kampfs vereinte. Dass dabei auch über die FIA gesprochen und geschimpft wird, sagt genug aus.

Auch wenn die Beschwerden von Red Bull Racing, alle Entscheidungen würden nur gegen die "Bullen" fallen (HIER nachlesen>>>), eher unter Frustabladung denn ernstzunehmende Einwände zu verbuchen sind.

Die FIA hatte Glück, dass schon ihr erster Eingriff ins Geschehen nach 14 Runden nicht folgenschwer wurde. Nach vier Runden hinter dem Safety Car war die Bande fast repariert, ehe die Entscheidung zur Unterbrechung kam.

Verstappen wurde ein Vorteil geschenkt: Im Gegensatz zu ihm hatte Mercedes bereits gestoppt und Reifen gewechselt. Er konnte nun neue Pneus aufziehen, ohne die dadurch geschenkte Führung zu verlieren.

Eine Entscheidung ohne jede Not, die dem Titelkampf fast einen Einschlag gegeben hätte. Mit einem Sieg wäre Verstappen 14 Punkte voran gewesen, könnte in Abu Dhabi Risikominimierung betreiben.

Die Funk-Verhandlung mit Red Bull über die Startaufstellung bei der zweiten Unterbrechung war bizarre und missplatzierte Diplomatie, die sogar bei den "Bullen" für Stirnrunzeln sorgte. Die FIA hätte eine klare Ansage machen sollen, dafür ist sie da. Auch die Rückgabe der Position unter Rennbedingungen wäre ja nicht optional gewesen.

Längst keine Linie mehr erkennbar

Als Versuch, sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen, kann auch die nachträgliche Zehn-Sekunden-Strafe gegen Verstappen betrachtet werden (HIER nachlesen>>>). Da sie nichts am Ergebnis änderte, ist sie als Strafe um der Strafe willen zu betrachten. Hätte Verstappen wirklich einen "Bremstest" hingelegt, wie das Urteil angibt, wäre das ein gefährliches, härter zu bestrafendes Vergehen.

(Text wird unterhalb fortgesetzt)

Wo im Duell die Trennlinie zwischen "fair" und "unfair" angesetzt wird, ist schon lange schwer zu durchschauen. In Spielberg fasste etwa Lando Norris eine kleinliche Strafe für ein vermeintliches Vergehen gegen Sergio Perez aus, der vorbei wollte, wo einfach kein Platz war. Mit solchen Maßstäben hätte Verstappen in Brasilien nie und nimmer straffrei davonkommen dürfen.

In Saudi-Arabien löste sich alles einigermaßen folgenlos für das Ergebnis auf. Dass es immer Diskussionen gibt und sich eine Seite fast automatisch benachteiligt fühlt, hat sich die FIA mit ihrem Schlingerkurs aber teilweise auch selbst zuzuschreiben. Nicht auszudenken, was erst los wäre, sähe sich die FIA auch in Abu Dhabi zum Eingriff gezwungen.

Zwei Unschuldslämmer unter sich

Dass es gar nicht so weit kommen muss, liegt an Hamilton und Verstappen allein. Bloß: Mit fast jeder Szene auf der Strecke von Jeddah schwand die Hoffnung, dass all dies nicht im Krieg enden wird.

Der Crash wurde dabei zum Sinnbild: Ganz unschuldig sind beide Seiten nicht. Das Taktieren um DRS war offensichtlich, keiner wollte dem anderen den Vorteil überlassen. Die Folge war ein Crash mit 140 km/h, wo sonst rund 300 gefahren werden.

Dass im Anschluss beide angaben, doch einfach nicht gewusst zu haben, was der andere da gerade treibt, war an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten.

Die Brechstange ist keine Qualität

Wem im Showdown die Daumen gedrückt werden, ist auch Sympathiefrage. Verstappen genießt als "Young Gun", der neue Star, der die öde WM-Serie Hamiltons brechen soll, hier einen gefühlten Vorteil.

Doch während der siebenfache Weltmeister auch nicht das Unschuldslamm ist, als das er sich unter Kritik gerne präsentiert, hat sich Verstappen seinen Ruf als Fahrer mit der Brechstange im mittlerweile auch schon siebten Formel-1-Jahr redlich erarbeitet. Und in den letzten Rennen, insbesondere in Saudi-Arabien, hat er diesen für manchen Geschmack einmal zu oft bestätigt.

Der Niederländer mag ein pfeilschneller Könner sein - das steht hier bitte nicht in Abrede! - und sich auf gut deutsch "nichts scheißen". Als Fahrer, der am Titel kratzt, müsste er eigentlich schon weiter sein.

In jeden Zweikampf mit dem Motto "im Zweifelsfall Crash, wenn der andere nicht zurückzieht" zu gehen, ist keine Qualität, sondern mangelhaftes Risikomanagement. Und das gehört zu einem Weltmeister dazu. Man stelle sich das Ergebnis vor, alle Fahrer würden dieses Motto bemühen. Genies werden aus ihrer Finesse geboren, ein schweres Überholmanöver fair und sauber durchzuziehen.

Dass manche Aktion auch den Stempel "völlig unnötig" verdient, wie der klägliche "Versuch" in Brasilien, die Kurve zu bekommen, bleibt da noch völlig außen vor.

Endlich Action! Gut, oder?

Dass er für Action sorgt, gefällt den Fans. Interessanterweise, denn Michael Schumacher musste sich in den Neunzigern mit ähnlicher Herangehensweise den Spitznamen "Schummel-Schumi" gefallen lassen.

Und als Hamilton in Silverstone nicht zurückzog, nachdem ihm wohlgemerkt schon zuvor zweimal von Verstappen die Tür zugeschmissen wurde, waren die Vorwürfe gegen ihn am Rande zum unterstellten Mordversuch - obwohl die tatsächlichen Folgen eines Manövers nie Einfluss auf die Bestrafung nehmen.

In den Neunzigern hätte Verstappens Verteidigungs-Stil auf der Strecke gar nicht funktioniert - zu oft hätte sein Rennen im Kies geendet. Dass er 2021 dort Asphalt vorfindet, den er oft genug auch bemüht, macht das Manöver selbst aber nicht besser. Dessen Erfolg ist zu beklatschen, geht es auf der eigentlichen Strecke glatt.

Macht sich der Niederländer in Abu Dhabi zum Weltmeister, wird es hochverdient sein. Möchte er einmal zu den Allzeit-Größen gezählt werden, wird es in Zukunft deutlich mehr Coolness und Finesse brauchen.

Macht den Vergleich würdig!

Das spricht Hamilton keineswegs von Kritik frei. Auch bei den "Sternen" wird das Spiel mit den kleinen Dingen, die den Vorteil bringen, beherrscht.

Geht es schief, findet der Brite schnell eine Ausrede, die ganz selten bei ihm selbst liegt. Dabei hat auch der siebenfache Weltmeister in seiner langen Zeit in der Formel 1 unter Druck schon Fehler gemacht. Besonders bei seiner letzten WM-Niederlage ausgerechnet gegen Teamkollege Nico Rosberg musste er vom eigenen Team hin und wieder gezügelt werden.

Und letzten Endes gehören zu einem Unfall immer (mindestens) zwei. Der Crash in Jeddah war unnötig und hätte auch von Hamilton ohne die Taktik-Spielchen ganz leicht vermieden werden können. Dabei zeigte sich in der Folge, wie überflüssig es war: Denn er entschied das Rennen dank seiner Pace für sich.

So stellt sich die Formel 1 jetzt eine Woche lang die Frage: Was wird am Sonntag in Abu Dhabi geschehen? Es scheint fast unweigerlich, dass sich die zwei schnellsten Fahrer des Jahres auch auf der Strecke ein weiteres Mal begegnen werden. Vermutlich früher als später.

Wünschenswert wäre aber, wenn weder die FIA, noch ein Crash die WM 2021 entscheiden. Sondern ein faires, packendes Rennen.

Dass sich Hamilton und Verstappen den Vergleich "Senna gegen Prost" anheften dürfen, liegt jetzt eher noch an deren WM-Crashes 1989 und 1990. Besser wäre, der Vergleich könnte dank des fahrerischen Genies beider legitim in die Geschichte eingehen.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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