Wolff: "Wichtigster Sensor im Auto ist menschlich"

Wolff: Foto: © getty
 

Wenn ein WM-Duell immer enger und brisanter wird, liegen meist die Nerven der Protagonisten blank. Davon ist in der Formel 1 vor dem fünftletzten Saisonrennen am Sonntag (20:00 Uhr im LIVE-Ticker) auf dem Hermanos Rodriguez-Kurs von Mexiko-Stadt (noch) nichts zu spüren.

Sowohl der WM-Führende Max Verstappen und seine Chefs, der Grazer Helmut Marko als "Motorsport-Berater" von Red Bull und der Engländer Christian Horner als Teamchef, als auch deren Kontrahenten, Rekordchampion Lewis Hamilton (zwölf Punkte hinter dem Niederländer) und sein Boss Toto Wolff, geben sich ganz entspannt.

Für die beiden österreichischen "besten Feinde" Wolff und Marko geht es heuer um sehr viel: Die Fortsetzung einer unglaublichen Titelserie oder die Krönung eines neuen Champions.

Wolff gibt sich im Gespräch mit LAOLA1 betont gelassen – mit der Selbstsicherheit von 14 WM-Titeln in sieben Jahren (sieben Fahrer-, sieben Konstrukteursmeisterschaften, Anm.) ist das verständlich. Auch wenn er die Situation herunterspielt, merkt man doch: Die Anspannung steigt auch bei ihm. Also sprach der 49-Jährige über…

...die Vor- und Nachteile für Hamilton und Verstappen in den letzten Rennen:

"Wir haben jetzt ein gutes Auto, das wir besser verstehen als früher. Unser Vorteil ist, dass wir nichts mehr beweisen müssen. Das verschafft uns Leichtigkeit im Handeln. Ich weiß nicht, wie es drüben (bei Red Bull, Anm.) ausschaut. Wir haben für diese Situation genügend Selbstvertrauen aufgebaut."

…die Unwägbarkeiten durch zwei neue Strecken in Katar und Saudi-Arabien und wie man sich vorbereitet:

"Natürlich durch Einholen möglichst vieler Informationen. Asphaltbeschaffenheit, äußere Einflüsse usw. Aber das ist alles limitiert. Es kann auch sein, dass wir dort hinkommen und wir stehen nur quer."

…die Genauigkeit der Computer-Simulationen:

"Die können völlig konträr sein. Manchmal kommst du wohin, und alles passt perfekt. Und manchmal denkst du, du bist auf der falschen Strecke. Überraschungen kann es immer geben. Und zum Glück fahren wir im Kreis, ohne dass die Daten immer recht haben. Die Leute vergessen oft, dass der wichtigste Sensor und der größte Beitrag zu Leistung immer noch im Auto sitzt und ein Mensch ist, der gute und schlechte Tage haben kann."

…den Unterschied des heurigen Titelkampfs gegen einen Fahrer eines anderen Teams zur Situation der vergangenen Jahre, in denen es nur eine Mercedes-interne Entscheidung gab:

"Es stimmt, dass wir diese Erfahrung im eigenen Haus machten. Aber es ist nicht lang her, da war Sebastian Vettel im Ferrari ein Konkurrent, der vor der Sommerpause sogar voran lag. So betrachtet ist die aktuelle Situation für uns keine neue. Auch wenn sie zu einem Königskampf aufgebauscht wird – sie ist für uns Business as usual."

…die Erwartung eines Duells bis Saisonende:

"Wir merkten schon zu Saisonbeginn bei den Tests, dass uns das Reglement 'gebissen' hat. Das Pendel schwenkte dann hin und her, einmal zu uns, einmal zu Red Bull. Wir hatten auch schon wieder Oberwasser, in Austin war Red Bull den Tick besser und verdienter Sieger. Das Hin und Her wird wohl bis zum Finale andauern. Es gibt Tage, da sind wir im Training vormittags klar die Schnellsten und greifen am Nachmittag beim Setup total daneben, wie kürzlich in Austin. Also: Nix ist fix."

…seine Erwartung an Neuzugang und Bottas-Nachfolger George Russell ab 2022:

"Dass er sich gut einfügt ins System Mercedes. Das bedeutet zu lernen. Ob er langsamer oder schneller als Lewis ist oder gleichauf, ist einmal egal. Er muss ein Teamplayer sein. Bei uns ist die Mannschaft der Star, nicht ein einzelnes Mitglied."

…und die Performance von Valtteri Bottas nächste Saison bei Alfa Romeo-Sauber:

"Ich erwarte, dass er dort die Führungsrolle einnimmt. Er kann die Mannschaft nach vorn bringen. Er ist sicher nicht so ein Phänomen wie Lewis oder Max, das es nur ganz selten gibt, aber zuletzt in der Türkei zum Beispiel fuhr er besser als die beiden…"

…die Zukunft von Superstar Lewis Hamilton, der derzeit bis Ende 2023 unter Vertrag steht:

Ich würde annehmen, wenn im alles entscheidenden F1-Finale Latifi und Ricciardo vor Hamilton fahren, wenn es für ihn um Sieg und Titel geht, würden sie ihn wohl auch vorbeilassen.

Toto Wolff über die kontroverse WM-Entscheidung in der DTM

"Wir sind ganz eng und tauschen uns täglich aus. Aber wir wissen beide, dass eine F1-Karriere ein bewegliches Ziel ist. Es gibt kein Datum, auf das er sich festgelegt hat. Fix ist, dass wir auch nächstes Jahr den bestmöglichen Job gemeinsam machen werden."

…und seine eigene – samt der gerüchteweise kolportierten Übernahme des Mercedes EQ-Teams in der Formel E:

"Meine Rolle im Team macht mir immer noch großen Spaß. Dennoch werde ich mich einmal graduell verändern. Ich würde gern einige Dinge weitermachen und andere anders im Team verteilen. Um mehr Zeit zum Nachdenken zu bekommen. Wir haben ja beschlossen, dass Mercedes das Formel-E-Engagement Ende 2022 beenden wird. Das Team wird dann aufgelöst oder verkauft. Ich komme als Käufer nicht in Frage. Mir reichen die 33,33 Prozent Anteil am Formel-1-Team. Mit der Beendigung des FE-Engagements gebe ich auch meine 30 Prozent der Anteile dort ab."

…einen Formel-1-Einstieg der Volkswagen-Gruppe:

"2026 sind die fix dabei – meiner Meinung nach, weil alle Geräusche, die wir hören, darauf hindeuten."

…die Chancen von Red Bull ab 2022 mit einem bei Honda gebauten, aber selbst gewarteten Antriebssystem:

"Red Bull übernimmt einen der besten Antriebe, und Honda lässt ja nicht alles fallen. Das ist eine hervorragende Basis für die nächsten Jahre und ein sehr ambitioniertes Projekt! Red Bull wird da Vollgas geben."

…die personellen Abwerbungen einiger Mercedes-Experten durch Red Bull und eine mögliche Schwächung dadurch:

"Wir beschäftigen 1000 Leute in der Motorenabteilung (die im Türkei-GP den 200. Sieg in der F1 feiern konnte, Anm.), wir erwarten keine Rückschläge deswegen."

…die Kontroversen beim DTM-Finale in Nürnberg, in dem Favorit Liam Lawson abgeschossen wurde und Mercedes-Fahrer Max Götz durch die Hilfe der Markenkollegen Lucas Auer und Phillip Ellis noch Meister werden konnte:

"Ich hab' mir die Läufe angeschaut. Sie haben viele Reaktionen hervorgerufen, viele Geschichten wurden erzählt. Wenn man nach Bernie (Ecclestone, Anm.) geht, sind viele News ja Good News. Aus der Sicht des jungen Lawson war es ein schreckliches Wochenende, da kann man mit ihm nur mitfühlen. Für uns war es gut gespielt, nach dem Pech von Lawson noch die Aktion mit Maxi (Götz) draufzusetzen. Van der Linde hat in Nürnberg nicht das beste Vorstellungsgespräch für künftige Aufgaben abgeliefert. Lucas Auer hatte eine sensationelle zweite Saisonhälfte. Ich würde annehmen, wenn im alles entscheidenden F1-Finale Latifi und Ricciardo vor Hamilton fahren, wenn es für ihn um Sieg und Titel geht, würden sie ihn wohl auch vorbeilassen. Das ist ganz normal. Ich war nicht in Nürnberg, aber ich nehme an, dass es unter den Mercedes-Teams die Meinung gab, dass – wenn noch die Möglichkeit besteht – ein Mercedes-Fahrer die Meisterschaft gewinnen soll."


Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

LAOLA Meins - Tags folgen

KOMMENTARE..