Koller: "Nachhilfe" in Anstand

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Drei Dinge seien gleich zu Beginn außer Streit gestellt.

Erstens könnten wir uns das aktuelle Theater rund um den ÖFB – eventuell - ersparen, wenn die Mannschaft und mit ihr der noch amtierende Teamchef die notwendigen Ergebnisse eingefahren hätten.

Zweitens wird in den folgenden Zeilen in nicht ausschließlich freundlichem Grundtenor von "den Landespräsidenten" oder "den Landesfürsten" die Rede sein. Pauschalierungen sind immer gefährlich, und hier handelt es sich gleich um neun Individuen – und den einen oder anderen von ihnen halte ich durchaus für vernünftig. Aber in ihrer Gesamtheit betreiben sie derzeit als Mitglieder des ÖFB-Präsidiums ein für die Zukunft des Nationalteams nicht ungefährliches Spielchen, daher gilt leider: Mitgehangen, mitgefangen (und man muss die Vernünftigen ja auch ein bisserl "motivieren"…).

Drittens geht es hier nicht darum, ob die Verabschiedung von Marcel Koller die richtige oder falsche Entscheidung ist. Ich persönlich bin nie davon ausgegangen, dass der Schweizer eine vierte Amtszeit beim ÖFB anhängt. Diese Entscheidung wurde ihm ohnehin abgenommen, das gilt es zu respektieren, auch wenn sich geeignete Nachfolger nicht gerade aufdrängen.

Sein erster öffentlicher Auftritt nach dem verkappten Rauswurf zeigte jedoch, welche Elemente seiner Arbeit dem österreichischen Fußball in Zukunft definitiv fehlen werden. Koller spricht nicht nur davon, dass es auch in solch einer Situation wichtig ist, den Anstand zu bewahren, er tut es auch.

Oder wie User "Trainerausbilder" es in unserer Kommentarfunktion ausdrückte: "Man kann gern denken, er wäre nicht (mehr) der richtige Mann für den Job, aber der Bersch hat mehr Stil und Manieren im kleinen Zechn wie die Landesfürsten-Partie."

Schöner kann man es kaum auf den Punkt bringen, deshalb musste ich mir dieses Zitat auch klauen. Und leider, leider scheint es ganz und gar nicht zu weit hergeholt.

Übt Koller Kritik, wie bei seinen Seitenhieben auf die Landespräsidenten, packt er nicht den Holzhammer aus, aber Beobachter des Nationalteams und – vielleicht – auch die Adressaten wissen, was gemeint ist.


Gar nicht mal sonderlich subtil ist folgende Aussage: "Ich habe in den vergangenen sechs Jahren versucht, immer das Ganze nach vorne zu tragen und eine geschlossene Einheit zu bilden. Für mich ist es im Mannschaftssport wichtig, dass nicht jeder etwas nach außen trägt, sondern dass man das intern bespricht – und das auch mit harten Worten. Es kann mal sein, dass es knallt und man sich das eine oder andere an den Kopf wirft. Ich glaube aber, dass es wichtig ist, dass man dann mit einer Meinung nach außen tritt und das entsprechend so vertritt. Das habe ich sechs Jahre lang versucht, so zu handhaben. Wenn da andere anderer Meinung sind, dann muss man das als Angestellter akzeptieren."

Nunja, da sind andere offenbar anderer Meinung.

Konkret geht es hier um jene Präsidiumssitzung vor zwei Wochen, die zum Ende der Teamchef-Ära Kollers geführt hat, beziehungsweise die Wortspenden einiger „Landesfürsten“ im Vorfeld und danach.

Sagen wir mal so: Mit einer Stimme spricht der in Grabenkämpfe verstrickte ÖFB im Moment nicht. Und bezüglich Stil kann man auch nicht wirklich darüber diskutieren, ob Kollers Ansatz der richtige ist oder jener von so manchem (ferngesteuerten?) Funktionär, der in den kommenden Wochen maßgeblich über die Zukunft des Nationalteams mitentscheiden wird.

Aber gut, es muss ja auch nicht stimmen, dass so mancher Landespräsident noch während der Sitzung gegenüber Medienvertretern köstlich amüsiert leakte, dass es jetzt auch Willi Ruttensteiner an den Kragen ginge. Das wäre ja ein zu provinzielles Schauspiel.

Sicher nur blödes Gerede, wie so manch anderes Schauer-Geschichterl, das derzeit rund um den ÖFB kursiert.

Aber was, wenn nicht? Was, wenn es so manche Entscheidungsträger gar nicht darauf anlegen, mit einer Stimme zu sprechen und zumindest den Anschein eines modern und professionell geführten Verbandes zu erwecken, der nicht im Chaos versinkt?

Was, wenn vieles, was derzeit im Fußballbund passiert, kein allzu großer Zufall ist? Was, wenn einiges von langer Hand geplant wurde?

Schon im Mai beziehungsweise im Juni konnte man rund um die öffentlich inszenierte Demontage von Präsident Leo Windtner angesichts dessen "Wiederwahl" auf so manche Idee kommen, die nun im Raum steht – beispielsweise die Ablöse von Ruttensteiner.

Und was, wenn das Motiv dieser potenziellen Aktion weniger fachliche Gründe sind, sondern mehr gekränkte Eitelkeit? (Koller kontert mit fachlichen Argumenten)

Ja, dann hat der österreichische Fußball womöglich ein Problem.

Denn selbiges Gremium bestimmt auch den Nachfolger von Koller und im Fall der Fälle auch den oder die Erben Ruttensteiners. Ich versuche wirklich krampfhaft, dass mir gerade nicht die Unworte "Seilschaft" und "Freunderlwirtschaft" in den Sinn kommen, aber es gelingt nicht.

Eigentlich konnte man in den letzten Jahren zwischenzeitlich guter Dinge sein, dass Kollers Herangehensweise die Latte in Sachen Professionalität auf eine Höhe gelegt hat, die nicht mehr unterschritten werden darf.

Sportliche Rückschläge können in einem Fußball-Land wie Österreich passieren. Was nicht passieren darf, ist, dass selbige einen Selbstzerstörungsmechanismus in Gang setzen.

Ganz sicher, dass wir in den kommenden Wochen nicht in längst überwunden geglaubte Zeiten zurückkatapultiert werden, kann man sich derzeit nicht sein. Und das ist wirklich vorsichtig formuliert.



Textquelle: © LAOLA1.at

Koller begründet ÖFB-Nominierungen von Wolf und Pervan

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