Willi Ruttensteiner: "Österreich ist der Favorit"

Willi Ruttensteiner: Foto: © getty
 

Franco Foda ist nicht der einzige Teamchef mit starkem Österreich-Bezug, der sich zurzeit intensiv auf die WM-Qualifikations-Gegner Schottland und Dänemark vorbereitet.

Willi Ruttensteiner bekommt es in dieser Woche als Chefcoach von Israel mit genau diesen beiden Kalibern zu tun.

Dass sich der langjährige ÖFB-Sportdirektor mit Israel in derselben Quali-Gruppe wie Österreich wiederfindet, scheint ohnehin langsam zur Gewohnheit zu werden.

Während der Oberösterreicher in der EM-Quali jedoch Teamchef Andreas Herzog begleitet hat, übt er nun selbst das ranghöchste Traineramt aus und ist nicht mehr als Sportdirektor für die langfristige Entwicklung verantwortlich.

Im LAOLA1-Interview verdeutlicht Ruttensteiner den Reiz dieser Aufgabe und nennt seine Hackordnung in dieser ausgeglichenen Quali-Gruppe.

Zudem trauert der 58-Jährige der Zusammenarbeit mit Markus Rogan nach und schildert, wie sich Shon Weissman und Munas Dabbur gerade durchbeißen müssen.

LAOLA1: Als Sportdirektor sind Sie bereits in unzählige Qualifikationen gestartet. Wie groß ist der Reiz, dies erstmals als Teamchef zu tun?

Willi Ruttensteiner: Reiz trifft es auf den Punkt. Nach über 20 Jahren als Sportdirektor war genau das die Überlegung, nach der erfolgreichen Nations League als Trainer weiterzumachen, weil es mehr Herausforderung, mehr Reiz und mehr Motivation darstellt. Wobei ich jedoch auch den Job als Sportdirektor immer sehr gerne gemacht habe. Das war also nicht der Grund, es hat sich so ergeben.

LAOLA1: Weil es verbandsseitig forciert wurde?

Ruttensteiner: Vergangenen Sommer bin ich von der Entscheidung des Technischen Komitees, dass ich interimistisch als Teamchef agieren soll, ein bisschen überrascht worden. Das Technische Komitee besteht aus hochrangigen Persönlichkeiten wie dem Verbandspräsident, dem Generalsekretär, ehemaligen Spielern. Vier davon sind wahlberechtigt. Drei haben nach der Nations League im Herbst dafür gestimmt, dass ich als Trainer bleibe, einer wollte, dass ich als Sportdirektor bleibe. Alle vier wollten, dass ich meinen Vertrag erfülle, das war für mich natürlich sehr erfreulich. Ich habe gesagt, dass ich es sehr gerne mache, wenn sie mit mir als Trainer ein besseres Gefühl haben. Die Entscheidung wurde mir zwar abgenommen, sie hat mir jedoch getaugt.

LAOLA1: Die Sportdirektoren-Rolle ist somit Geschichte?

Ruttensteiner: Es wurde die Struktur ein wenig verändert. Man hat einen Technischen Direktor aus Holland bestellt (Jelle Goes, Anm. d. Red), der für alles bis zur U21 zuständig ist. Das A-Nationalteam obliegt mir. Ich finde, das ist eine sehr gute Struktur.

"Es wäre einfach falsch, wenn ich behaupten würde, weil ich jetzt zwei Jahre hier bin, hat die Nationalmannschaft Erfolg. Natürlich sieht man Verbesserungen, aber es braucht – genau wie es in Österreich war – fünf bis zehn Jahre, bis die Spieler das neue System durchlaufen."

Willi Ruttensteiner

LAOLA1: Sie haben den Spruch, dass ein Sportdirektor für das nächste Jahrzehnt verantwortlich ist, geprägt. Kann der Teamchef Willi Ruttensteiner in Israel bereits auf die Sportdirektoren-Arbeit Willi Ruttensteiners aufbauen, oder ist es dafür noch viel zu früh?

Ruttensteiner: Wir haben in den zweieinhalb Jahren, die ich inzwischen hier bin, wirkliche Meilensteine gesetzt. Zwei Beispiele: Wir haben eine zentrale Akademie der 11- bis 15-Jährigen mit Schule, Unterbringung, Verpflegung und Erziehung geschaffen. Wir haben die Trainerausbildung völlig neu strukturiert – weg von der staatlichen Ausbildung, hin zu einer Verbandsausbildung. Diese Meilensteine wirken sich bei der Nationalmannschaft in den nächsten Jahren aber natürlich noch nicht aus. Es wäre einfach falsch, wenn ich behaupten würde, weil ich jetzt zwei Jahre hier bin, hat die Nationalmannschaft Erfolg. Natürlich sieht man Verbesserungen, aber es braucht – genau wie es in Österreich war – fünf bis zehn Jahre, bis die Spieler das neue System durchlaufen.

LAOLA1: Die Erwartungshaltung in Israel ist bekanntlich dennoch meist hoch. Wie groß ist der Druck?

Ruttensteiner: Verhältnismäßig ist die Erwartungshaltung zu hoch. Wir sind mit Israel in der Weltrangliste auf Platz 87. Wir spielen gegen Länder, die wie Schottland unter den besten 50, Österreich unter den besten 30 und Dänemark unter den ersten 15 liegen. Aus diesem Blickwinkel ist es einfach nicht realistisch. Aber eine Bevölkerung erwartet sich immer eine Qualifikation. Die Euphorie, wenn man die israelische Bevölkerung kennt, ist hoch. Ich finde es auch gut, dass man sagt, man will jedes Spiel gewinnen, und man glaubt auch daran, dass die Mannschaft gewinnen kann. Sonst brauchst du ja gar nicht zu spielen. Auf der anderen Seite halte ich nichts davon, jetzt schon von einer Qualifikation im November zu reden. Wir wollen einfach schauen, ob wir nach diesem Herbst weitere Entwicklungsschritte machen können, und das wird spannend. Denn wenn wir uns weiterentwickeln können, kommen wir Österreich, Dänemark und Schottland vielleicht näher. Ob es dann reicht, ist immer auch von Spielverläufen und ein wenig Glück abhängig. Wir dürfen keine verletzten Spieler haben. Das ist bei Österreich oder Dänemark ganz anders. Wenn da zwei Innenverteidiger ausfallen, nimmt man zwei andere von einem Klub aus der deutschen Bundesliga oder der Premier League. Diesen Luxus haben wir nicht.

LAOLA1: Wie ist die Hackordnung in dieser Quali-Gruppe einschätzen? Streng nach Weltrangliste?

Ruttensteiner: Für mich ist – vielleicht ein bisschen als Patriot – Österreich der Favorit. Ich glaube einfach, dass Österreich inzwischen sehr viele Spieler am Zenit hat. Wenn ich an Spieler wie David Alaba oder Marcel Sabitzer denke, sind sie jetzt mit ihrer Riesen-Erfahrung noch wesentlich besser als bei der Europameisterschaft in Frankreich. Dänemark hat ebenfalls eine starke Mannschaft. Ich glaube, dass sie nicht so kompakt wie Österreich sind, allerdings im Angriff vielleicht einen kleinen Vorteil haben. Die Schotten aus Topf drei sind ein gutes Kollektiv, eine kämpferisch starke Mannschaft. Aber von der Kreativität und vom Spielpotenzial sind Dänemark und Österreich wesentlich besser.

LAOLA1: Und Israel?

Ruttensteiner: Wir haben im Herbst aus drei Spielen gegen Schottland ein Mal gewonnen und ein Mal einen Punkt gemacht – das sind für uns wirklich Erfolge. Denn in der EM-Qualifikation hatten wir in Wien und zwei Mal gegen Polen keine Chance. Und wer beim Österreich-Spiel war, das wir gewonnen haben, hat den Spielverlauf gesehen. Der war am Anfang glücklich für uns, dann haben wir jedoch ganz gut gespielt. Solche Spiele wird es hoffentlich auch in dieser Qualifikation immer wieder geben, dass wir einen guten Tag erwischen und punkten können.

"Schottland hat spannende Spieler. Scott McTominay spielt beispielsweise bei Manchester United, Linksverteidiger Andre Robertson ist Stammspieler bei Liverpool. Das ist nicht irgendwas."

Willi Ruttensteiner

LAOLA1: Zwei Heimspiele zum Start gegen Dänemark und Schottland sind eine gute Gelegenheit für solche guten Tage.

Ruttensteiner: Natürlich, wenn man da etwas holen könnte, wäre das für die ganze Qualifikation eine Riesen-Motivation. Danach geht es nach Moldawien. Ich war schon mit der österreichischen Nationalmannschaft in Chisinau dabei, ich weiß, was uns dort erwartet. Dort ist es sehr schwer, sie haben einen neuen Teamchef aus Italien (Roberto Bordin, Anm. d. Red.). Aber dort kann man drei Punkte holen, das ist auch unser Anspruch. Aber jetzt zählt einmal Dänemark. Da schauen wir, was wir holen können. Danach werden wir gescheiter sein.

LAOLA1: Österreich startet gegen jene Schotten, die Sie aus den drei Duellen im Herbst besonders gut kennen. Worauf gilt es aufzupassen?

Ruttensteiner: Sie haben spannende Spieler. Scott McTominay spielt beispielsweise bei Manchester United, Linksverteidiger Andre Robertson ist Stammspieler bei Liverpool. Das ist nicht irgendwas. Sie haben individuell sehr hohe Qualität. Extrem gefährlich sind sie bei Standardsituationen, Flanken und hohen Bällen. Auf der anderen Seite schätze ich Österreich spielerisch stärker ein.

LAOLA1: Mit Rupert Marko haben Sie vergangene Woche einen neuen Co-Trainer aus Österreich engagiert. Was ist der Hintergedanke dieser Verpflichtung?

Ruttensteiner: Das war eigentlich eher zufällig. Ich habe Rupert Marko einst ja zum ÖFB geholt, er kennt meine Philosophie sehr gut. Im Jänner habe ich erfahren, dass er beim ÖFB aufhören wird. Auf der anderen Seite ist mein bisheriger Assistenztrainer U21-Teamchef geworden. Ich habe dann unserem Präsidenten vorgeschlagen, dass ich zwei Assistenten möchte – einen, der in Europa für unsere Legionäre zuständig ist, und einen hier bei mir in Israel, der Hebräisch kann. Anfang März haben Rupert und ich uns zusammengesetzt und das fixiert. Bei den Länderspielen ist er natürlich hier, wir haben den aktuellen Lehrgang schon seit letzter Woche vorbereitet. Darüberhinaus ist er mein verlängerter Arm in Europa, der zu Spielern wie Munas Dabbur in Hoffenheim bzw. Eran Zahavi oder Eli Dasa in den Niederlanden Kontakt hält und sie im Idealfall auch vor Ort besucht.

LAOLA1: In jüngerer Vergangenheit haben schon einige Österreicher im Betreuerteam gearbeitet. Wie schaut es derzeit aus?

Ruttensteiner: Klaus Lindenberger bleibt Tormanntrainer. Außerdem habe ich eine Idee mit Roger Spry, der uns mit seinem Knowhow unterstützen soll. Leider konnte er nicht zum aktuellen Lehrgang kommen, ich möchte ihn aber ohnehin gar nicht so sehr am Platz haben, sondern eher in der Beratung von Spielern, im Support für individuelle Entwicklung, vielleicht auch ein bisschen in der Trainerausbildung und in der Schulung meines Heads of Performance. Da werden wir in diesem Jahr zusammenarbeiten. Wenn er seine riesige Erfahrung weitergibt, hilft das Israel hundertprozentig.

LAOLA1: War es ein Thema Martin Stranzl als Individualtrainer zu halten?

Ruttensteiner: Martin Stranzl war eine Idee von Andi Herzog, die ich großartig gefunden habe. Das war jedoch sehr an Andi gebunden, weil die beiden sehr gute Freude sind.

"Ich persönlich habe mich super mit ihm verstanden und habe auch nach wie vor Kontakt mit ihm. Ich glaube, dass ich wieder einmal mit ihm zusammenarbeiten werde, weil ich ihn sehr schätze. Leider hat er damals einen Riesen-Fehler gemacht, und der Verband hat sich von ihm getrennt."

Ruttensteiner über Markus Rogan

LAOLA1: Das Kapitel mit Markus Rogan als Mentaltrainer hat viele Schlagzeilen geschrieben, da er trotz eines positiven Corona-Tests nach Hause in die USA geflüchtet ist. Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit im Rückspiegel?

Ruttensteiner: Mir tut es sehr leid! Ganz einfach, weil er ein wirklich ausgezeichneter Sportpsychologe ist. Er war ein Weltklasse-Sportler, der in Stanford eine großartige Ausbildung genossen hat. Ich hatte selten einen Sportpsychologen mit einem derartigen Leistungssport-Verständnis neben mir. Ich persönlich habe mich super mit ihm verstanden und habe auch nach wie vor Kontakt mit ihm. Ich glaube, dass ich wieder einmal mit ihm zusammenarbeiten werde, weil ich ihn sehr schätze. Leider hat er damals einen Riesen-Fehler gemacht, und der Verband hat sich von ihm getrennt. Daran führt kein Weg vorbei.

LAOLA1: Munas Dabbur (Hoffenheim) und Shon Weissman (Valladolid) sind die letzten beiden Torschützenkönige der österreichischen Bundesliga. Sie haben den Sprung in eine Topliga geschafft. Beide haben dort gezeigt, dass sie Tore erzielen können, treffen aber nicht gerade am Fließband. Sind die beiden in einer Phase, in der sie sich durchbeißen müssen?

Ruttensteiner: Absolut. Es ist eben auch ganz schwer für einen Israeli, in Spanien oder Deutschland wirklich Stammspieler zu sein. Bei Weissman bin ich zufrieden, denn von Wolfsberg in die spanische Liga zu gehen, ist wirklich ein großer Schritt. Meiner Meinung nach hat er den ganz gut bewältigt. Er macht viele Spiele von Beginn an und hat schon Tore erzielt. Für Munas Dabbur ist es bei Hoffenheim ein großer Kampf mit sechs, sieben anderen Stürmern, die auf den offensiven Positionen spielen können. Da ist es eben auch Trainer-Ermessen, ob er dir von Beginn an das Vertrauen schenkt. Das ist genau die Phase, in der er sich durchbeißen muss. Er kämpft wirklich darum, Stammspieler zu werden, schafft es zurzeit aber noch nicht ganz.

LAOLA1: Sie motivieren israelische Spieler gerne, die Komfortzone zu verlassen und ins Ausland zu gehen. Eran Zahavi hat es vor einem Jahrzehnt in der Serie A probiert, ist dann zwischenzeitlich jedoch wieder heimgekehrt. Unterstreicht dies, dass die beiden erst gar nicht den bequemsten Weg gehen sollten?

Ruttensteiner: Wobei dieses Durchbeißen auch zur persönlichen Entwicklung von Eran Zahavi gehört. Nach dem Eklat mit der Kapitäns-Schleife war er einst ja vom Verband suspendiert. Andi Herzog und ich haben ihn zurückgeholt. Jetzt ist er ein echter Star in Israel. Das wurde er allerdings nicht durch uns, sondern weil er sich individuell als Person und auch als Spieler wahnsinnig entwickelt hat – und vor allem hart dafür gearbeitet hat. Diese Arbeit hat sich in allen Belangen bezahlt gemacht. Und das passt gut zu dem, was ich jungen Spielern, die etwas erreichen wollen, immer wieder sage.

LAOLA1: Und zwar?

Ruttensteiner: Es ist harte, individuelle Arbeit notwendig! Die normale Mannschaftsarbeit genügt meiner Meinung nach nicht. Jene Spieler, die das machen, was ich in Österreich schon vor 20 Jahren gepredigt habe, beweisen das auch. Man nehme die Entwicklung von Marcel Sabitzer her – ein Wahnsinn, was er individuell an Qualität entwickelt hat. Für mich ist das der Beweis: Egal ob Israeli, Österreicher oder Däne – diejenigen, die es individuell hart angehen und nach neuen Ideen suchen, die bringen es auch zu etwas und werden einfach auch besser als andere.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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