"Cruyff war ein Genie"

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"Cruyff war ein Genie"

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0:0 stand es nach einer müden Anfangsviertelstunde des Eredivisie-Spiels zwischen Vitesse Arnheim und Ajax Amsterdam.

Nichtsdestotrotz erhoben sich plötzlich alle Zuschauer von den Plätzen und gaben Standing Ovations. Auch Ajax-Coach Frank de Boer stimmte ins Klatschen ein.

Dasselbe Schauspiel ereignete sich an diesem 10. Spieltag in Rotterdam, Alkmaar, Kerkrade und Co. Immer sobald die Zahl 14 auf der Stadionuhr aufblitzte.

Vielerorts eine gewöhnliche Zahl, ist die 14 in den Niederlanden fußballerisches Nationalheiligtum. Ist sie doch fest verankert mit dem größten Fußballer, den das Land je hervorgebracht hat: Johan Cruyff.

Kein Wunder also, dass die Niederlande einem ihrer größten Idole in einem seiner schwersten Stunden volle Unterstützung signalisieren wollte.

Wenige Tage zuvor wurde Cruyffs Lungenkrebs-Diagnose publik. Am Donnerstag, dem 24. März 2016 hat er den Kampf gegen seine Erkrankung verloren.

Meister des total voetbals

Es gab wenige Persönlichkeiten, die den Fußball dermaßen prägten wie "König" Johan. In den 70er Jahren dominierte er mit seinem Jugendklub Ajax (1971-73 Landesmeister-Sieger) und der Nationalelf das internationale Fußballgeschehen.

Foto: © GEPA

Der total voetbal unter Rinus Michels eroberte die Welt. Wie geschaffen für den technisch brillanten, wendigen und immer den Überblick bewahrenden Cruyff. Einzig der WM-Titel blieb ihm 1974 verwehrt. „Johan war der bessere Spieler, aber ich bin Weltmeister“, beschrieb Franz Beckenbauer den Schönheitsfehler seines Freundes, der selbst aber in David Winners Buch „Oranje brillant“ andere Prioritäten durchblicken ließ:

„Ich laufe nicht durch das Leben und verfluche die Tatsache, dass ich nie Weltmeister geworden bin. Ich habe in einer phantastischen Mannschaft gespielt, die Millionen von Zuschauern Freude bereitet hat. Darum geht es beim Fußball. Die holländische Mannschaft der Siebziger war ein Spektakel. Die Leute sprechen mit Ehrfurcht von uns. Ich habe Ajax und Barcelona gecoacht und wir haben viele Titel gewonnen. Aber die größte Belohnung war für mich immer, wenn Menschen gesagt haben, dass wir den besten Fußball der Welt spielen. Was will ich dann mehr?“

Spieler Cruyff
1964-1973 Ajax Amsterdam
1973-1978 FC Barcelona
1978-1980 Los Angeles Aztecs
19801981 Diplomats
1981-1981 Levante (Leihe)
1981-1983 Ajax Amsterdam
1983-1984 Feyenoord

Garant für besondere Momente

Neben dem schönen Spiel der Niederländer blieb auch eine besondere Szene im WM-Gruppenspiel 1974 gegen Schweden hängen. Die Geburtsstunde seiner Trick-Erfindung, dem "Cruyff-Turn": Verteidiger Jan Olsson stellte sich am linken Strafraumeck der niederländischen 14 entgegen. Cruyff deutete mit dem rechten Fuß eine Flanke an, um dann den Ball mit der rechten Sohle nach hinten in den freien Raum zu spielen. Eine schnelle 180-Drehung um die eigene Achse später war Cruyff seinen bis heute verblüfften Gegenspieler los:

„Ich habe 18 Jahre Fußball gespielt, aber dieser Moment gegen Cruyff ist der stolzeste meiner Karriere. Ich war mir sicher, dass ich den Ball erobern würde, aber er hat mich ausgetrickst. Ich hatte keine Chance. Cruyff war ein Genie.“

Genie und Lausbub gleichermaßen. 1982 machte Cruyff im Duett mit Jesper Olsen jenen Elfmeter-Trick weltberühmt (ausgeführt wurde er bereits 15 Jahre zuvor von der Wiener-Sportklub-Legende Erich Hof), mit dem Barcelonas Lionel Messi Mitte Februar für Aufsehen sorgte.

„Die Messi-Aktion zu sehen erfüllte mich mit Freude. Ebenso, dass so viele Leute nach all den Jahren noch an mich dachten“, ließ „Urheber“ Cruyff daraufhin von einem Freund ausrichten.

Barcelona-Lehrmeister

Dass mit Messi ausgerechnet ein Absolvent der Barcelona-Nachwuchsschule diese Cruyff-Hommage ausführte, passt perfekt ins Bild.

Schließlich war es Cruyff höchstpersönlich, der „La Masia“ als Kopie der berühmten Ajax-Schule beim katalonischen Verein verfestigte. Er selbst sollte noch die ersten Früchte davon ernten, als er 1992 mit dem Dream Team den Landesmeister-Cup gewann. Mit Routiniers wie Ronald Koeman, Michael Laudrup und Hristo Stoitchkov sowie eigenen Nachwuchsspielern, darunter ein gewisser Pep Guardiola.

Foto: © getty

Auch dieses Team galt als bestes der Welt. Das Erfolgsgeheimnis ein im wahrsten Sinne „einfaches“: „Das einfache Spiel ist das schönste. Wie oft sieht man einen Vierzig-Meter-Pass, wenn zwanzig Meter reichen? Oder einen Doppelpass im Strafraum, wenn er mit sieben Leuten verstellt ist und ein schlichter Pass um die sieben herum die Lösung wäre. Es ist einfach Fußball zu spielen, aber unendlich schwer, einfachen Fußball zu spielen.“

Katalonien im Blut

Barcelona sollte seine letzte Trainerstation bleiben. Von 2009 bis 2013 coachte er noch das inoffizielle Nationalteam Kataloniens. Eine Region, der er schon immer verbunden war.

Trainer Cruyff
1985-1988 Ajax Amsterdam
1988-1996 FC Barcelona
2009-2013 Katalonien

Sei es bei seinem Wechsel 1973 von Ajax zu Barca (für die damalige Rekordsumme von 2 Millionen US-Dollar), weil er nicht zum von Diktator Franco unterstützten Real Madrid wechseln wollte. Oder als er seinen Sohn nach dem katalanischen Nationalheiligen Jordi benannte. Letzteres durchaus als Provokation gegenüber den spanischen Behörden.

Seine Sturheit, Konsequenz und völlige Überzeugung von sich selbst waren Eigenarten, die er sein ganzes Leben behalten sollte.

Cruyff’sche Konsequenz

Diese Eigenschaften bekam auch sein Jugendklub Ajax Amsterdam zu spüren. Nach seiner Rückkehr an die Amstel 1981 wollten die Ajax-Verantwortlichen ihm als 36-Jährigen keinen neuen Vertrag mehr anbieten.

Wie reagierte Cruyff? Er zog seine Konsequenzen und wechselte 1983 zu niemanden geringerem als Erzfeind Feyenoord Rotterdam. Und gewann dort ebenfalls den Meisterteller, bevor er endgültig seine aktive Karriere beendete.



2011 kehrte er nochmals als Aufsichtsratsmitglied nach Amsterdam zurück mit der Aufgabe, den kriselnden Rekordmeister wieder auf gesunde Beine zu stellen und wieder back to the roots, der vertieften Nachwuchsarbeit, zu führen.

Nachdem der von ihm abgesegnete Nachwuchsschul-Leiter entlassen wurde, legte Cruyff auch seine Beratertätigkeit zurück: „Seit Jahren stelle ich fest, dass der Kern meiner Vision bei Ajax nicht ausgeführt wird. Dabei habe ich immer mehr das Gefühl erhalten, dass das bewusst geschieht. Und an Spielchen beteilige ich mich nicht." So war Cruyff. Eben konsequent.

Erbe lebt weiter

So kam es, dass der zu Europas Jahrhundertfußballer gewählte Ballartist in letzter Zeit vermehrt im Hintergund zu finden war, unter anderem in wöchentlichen Telegraaf-Kolumnen. Sein Einfluss galt bis zuletzt noch immer als weit verbreitet.

Foto: © getty

Es ist noch nicht lange her, da verzauberte Barcelona unter Pep Guardiola Fußball-Europa, wobei das Tiki-Taka auf Cruyffs Wurzeln basierte. Und der jetzige Bayern-Coach wusste auch, bei wem er sich zu bedanken hat: „Cruyff baute die Kathedrale. Wir halten sie nur instand.“ „La Masia“ wird wohl noch den einen oder anderen Weltstar hervorbringen.

Selbst ins kleine Österreich streckte Cruyff seine Fühler aus, ist doch seit dem Frühjahr mit Oscar Garcia sein damaliger Co-Trainer bei Katalonien für Red Bull Salzburg tätig.

"Er hätte nach links spielen sollen"

Der 68-Jährige musste auch gar nicht am Platz stehen, um seinen Fußballverstand durchblitzen zu lassen, wie sein ältester Medienfreund Fritz Barend verrät: „Wenn ich manchmal mit Cruyff ein Spiel im Fernsehen anschaue, finde ich es unglaublich, wie viel er sieht. Ein Spieler passt den Ball nach rechts, und er sagt: „Er hätte nach links spielen sollen“, obwohl man es nicht auf dem Bildschirm sieht, weil er das ganze Feld im Blick hat. Die Kamera schwenkt, und man sieht, dass auf der linken Seite tatsächlich ein Spieler vollkommen freistand, der den Ball nicht bekommen hat.“

In seinem wichtigsten Kampf gegen den Krebs war er zuletzt noch vorsichtig optimistisch: "Ich habe das Gefühl, dass ich 2:0 in der ersten Halbzeit eines Spiels führe, das noch nicht zu Ende ist. Aber ich bin mir sicher, dass ich am Ende gewinnen werde."

 

Andreas Gstaltmeyr

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Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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