Ex-Schiri Stuchlik über VAR und WM-Referees

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Nach seiner einvernehmlichen Trennung vom ÖFB ist Fritz Stuchlik auf Jobsuche.

Der 52-jährige Wiener sondiert aktuell das eine oder andere Angebot, bei einem europäischen Verband als Schiedsrichter-Manager zu arbeiten. Um als "Arbeitsloser" auf dem neusten Stand zu bleiben, interessierte sich der ehemalige FIFA-Referee mehr als sonst für die WM in Russland.

Im LAOLA1-Interview äußert sich Fritz Stuchlik über die Leistungen der WM-Schiris und beurteilt den Einsatz des Video Assistant Referee (VAR).

LAOLA1: Die WM ist Geschichte, welche Erkenntnisse im Schiedsrichterbereich hat das Turnier für Sie gebracht?

Fritz Stuchlik: Die erste Erkenntnis ist, dass alle Schiedsrichter unheimlich fit waren. Da hat sich gezeigt, dass Pierluigi Collina offensichtlich darauf großen Wert gelegt hat. In Europa hat ja die UEFA-Schiedsrichterkommission unter seiner Führung in den letzten Jahren vermehrt in diesem Bereich angezogen. Der Yo-Yo-Test (ein 20-Meter-Lauf zwischen zwei Linien, bei dem die Geschwindigkeit kontinuierlich gesteigert wird, Anm.d.Red.) ist ja bereits bei fast allen UEFA-Mitgliedsländern obligatorisch. Weiters wird auf den allgemeinen Köperzustand (BMI, Fettanteil etc.) sichtlich großer Wert gelegt.

LAOLA1: Collina hat sich nach der Gruppenphase sehr positiv über die Schiri-Leistungen geäußert. Teilen Sie seine Meinung?

Stuchlik: Durchaus. Ich denke, wir hatten eine WM bei denen die wichtigen Entscheidungen im Wesentlichen gepasst haben. Die FIFA-Schiedsrichterkommission unter dem Vorsitz von Collina und dem Leiter der FIFA-Schiedsrichter-Abteilung Massimo Busacca hat offenbar bereits im Vorfeld ihre Vorstellungen klar an die Schiedsrichter-Teams kommunizieren können. Es war eine ziemlich einheitliche Entscheidungslinie feststellbar. Das ist gar nicht so leicht bei 64 Spielen und dazu Spielleitern aus allen Kontinenten.

LAOLA1: Dazu hat sicher auch der Video-Schiedsrichter beigetragen, oder?

Stuchlik: Der VAR hat bei der WM wirklich gut funktioniert. Die Anzahl der "Eingriffe" ist überschaubar geblieben, wobei im Hintergrund ja viele Szenen überprüft wurden. Eine Kommunikation mit dem Schiedsrichter fand allerdings nur in den verhältnismäßig wenigen Fällen statt, in welchen von einem offensichtlichen Fehler des Schiris ausgegangen wurde. Dies zeigte auch wohltuend auf, was international von einem "offensichtlich schwerwiegenden Fehler" verstanden wird.

LAOLA1: Aber gerade deswegen gab es die eine oder andere Kritik in der Öffentlichkeit.

Stuchlik: Das VAR-System ist kein perfektes System, das den Fußball in die absolute Gerechtigkeit erhebt. Selbst bei einer 90:10-Entscheidung, wo man durchaus der Meinung sein kann, dass die vom Schiri nicht getroffene Entscheidung die bessere gewesen wäre, heißt es nicht, dass dadurch eine klar unrichtige Entscheidung getroffen wurde. Jedes andere Vorgehen würde die Anzahl der Unterbrechungen erhöhen und damit der Dynamik des Fußballs schaden.

LAOLA1: Gibt es Verbesserungsmöglichkeiten des VAR-Systems?

Stuchlik: Ja, ganz sicher. Es darf aber keine "Anlass-Gesetzgebung" erfolgen und ständig etwas geändert werden. Alle am Fußball beteiligten Personen benötigen Zeit, um Erfahrungen zu sammeln und daraus dann in der Folge die richtigen Schlüsse zu ziehen.

LAOLA1: In einigen Szenen vertraten Schiri-Experten bei ausländischen TV-Stationen andere Meinungen als dies im ORF kundgetan wurde...

Stuchlik: In diesen Fällen sind wir bei der von mir zuvor angesprochenen "Offensichtlichkeit". Wenn eine Situation völlig klar ist, dann gibt es keine zweite Meinung. Wenn aber Personen mit schiedsrichterlichem Hintergrund etwas unterschiedlich auslegen, dann wird wohl die vom IFAB (International Football Association Board - das int. Gremium, das Änderungen der Fußballregeln berät und beschließt, Anm. d. Red.) geforderte "klar unrichtig getroffene Entscheidung durch den Schiri" nicht vorliegen. Im deutschen Programm wusste der sehr gut vorbereitete, ehemalige internationale Top-Referee Urs Meier sofort, dass beim Handspiel auf Strafstoß für Frankreich zu entscheiden ist. Dies war in Linie mit den Theorie-Schulungen in Russland aber vor allem auch mit gleichartigen Szenen bei anderen WM-Spielen. Also kam der Strafstoß-Entscheid nicht wirklich überraschend. Urs Meier war übrigens nahezu immer im Einklang mit Jonas Eriksson, der im schwedischen TV analysierte, oder dem Engländer Graham Poll - alle mit reichlich Erfahrung bei internationalen Spielleitungen ausgestattet.

LAOLA1: Auffällig war auch das sehr emotionale Verhalten einiger – vor allem südamerikanischer - Spieler nach Schiri-Entscheidungen. Mark Geiger (USA) wurde beim Spiel Kolumbien gegen England nach einer Strafstoß-Entscheidung von den Kolumbianern richtiggehend umringt und bedrängt.

Stuchlik: Emotionen sind Teil des Spieles genauso wie physische Zweikämpfe. Der Zuschauer will beides sehen, wobei die Spielregeln klare Grenzen ziehen und der Unparteiische diese umzusetzen hat.

LAOLA1: Collina hat auch gesagt, dass er sich Zweikämpfe wünscht. Ist das nicht eine Einladung zum Foulspiel?

Stuchlik: Ein Zweikampf stellt ja noch keinen Regelverstoß dar. Ein Zweikampf bedeutet auch, dass es zu einem körperlichen Kontakt durchaus kommen kann, ja sogar muss. Wenn die Schiris jeden Körperkontakt ahnden würden, ohne dass ein tatsächliches Foulvergehen vorliegt, würde sich kein Mensch das Freistoß-Schießen ansehen wollen. Das betrifft vor allem auch Szenen im Strafraum: gerade dann nämlich, wenn der Angreifer einen leichten Kontakt spürt und schon strauchelt oder zu Boden geht. Es gibt aber "kein zu wenig für einen Strafstoß", sondern nur Foul oder kein Foul. Die Beurteilung muss immer in Normalgeschwindigkeit erfolgen, die Zeitlupe kann nur verwendet werden, um zu sehen, wo ein Spieler getroffen wurde. Nur im Normallauf sieht man die Heftigkeit und Geschwindigkeit der Attacke und kann daraus die überhaupt mögliche Reaktion des Gegners ableiten. Ebenso die Frage einer möglichen Disziplinarkarte.

LAOLA1: Bei einem Vergehen von Cristiano Ronaldo abseits des Spielgeschehens mit seinem Arm gegen den Gegner gab es trotz des Videobeweises nur Gelb. Wie ist das möglich?

Stuchlik: Nach einer Betrachtung der TV-Bilder nach VAR-Hinweis kann der Referee auf keine, auf gelbe oder rote Karte entscheiden. Grundlage dafür ist die Schwere des Vergehens. Gerade bei Vergehen abseits des Spielgeschehens, d.h. wenn dabei der Ball nicht gespielt werden kann, muss der Schiri die Heftigkeit als Grundlage für die Frage der Verletzungsgefahr für den Gegner einschätzen. Nur wenn das Vergehen brutal war oder mit übermäßiger Härte geführt wurde, spricht man von einer Tätlichkeit.

LAOLA1: Aber der Großteil der Zuschauer erwartete in diesem Fall einen Ausschluss von Ronaldo...

Stuchlik: Bei allem gebotenen Respekt gegenüber Fans muss gesagt werden, dass diese keine Regel-Experten sind. In allen Fällen, wo das Regelwerk klar ist, muss dieses auch zur Anwendung gebracht werden. Wenn eine Person absichtlich mit der Hand oder dem Arm an den Kopf oder ins Gesicht einer anderen Person schlägt, begeht diese eine Tätlichkeit, es sei denn, die eingesetzte Kraft war vernachlässigbar. Ich konnte ebenso wenig wie der Schiri nach der TV-Betrachtung aufgrund VAR-Hinweis hier eine Heftigkeit erkennen. In der Spielregel 5 heißt es: Der Schiedsrichter entscheidet nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne der Spielregeln und im "Geist des Fußballes". Er trifft die Entscheidungen basierend auf seiner Einschätzung und hat die Ermessenskompetenz, die angemessenen Maßnahmen im Rahmen der Spielregeln durchzusetzen. Ein Zuschauer würde ja wohl auch nicht erwarten, dass ein Strafstoß gegeben wird, wenn der hinter dem Tor nach einer Behandlung befindliche Masseur einen Ball, der sicher über die Torlinie gehen würde, im Strafraum seines eigenen Teams mit dem Fuß knapp vor der Torlinie aufhält. Dies vielleicht nur in der naiven Absicht, um das Spiel schneller mit einem Abstoß fortsetzen zu können, wenn noch ein Tor erzielt werden muss…

Textquelle: © LAOLA1.at

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