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Mediator Gartner? "Nicht gerade lustig, wie wir dastehen"

Interims-Präsident als Friedensstifter? Johann Gartner erklärt, wie er das zerstrittene ÖFB-Präsidium einen möchte und wie es überhaupt so weit kommen konnte.

Mediator Gartner? Foto: © GEPA

"Mein Ziel ist es, den ÖFB zuerst einmal intern so hinzustellen, dass wir nicht mehr mit uns selbst beschäftigt sind, so wie wir es derzeit sind", sagt Johann Gartner.

Betrachtet man die internen Schlammschlachten, die man sich in der jüngeren Vergangenheit im Fußball-Bund geliefert hat, ist das nicht die allerleichteste Aufgabe.

Am Freitag wurde der niederösterreichische Landespräsident in Graz vom Präsidium nach dem Rücktritt von Präsident Gerhard Milletich, dem massive interne Grabenkämpfe vorangegangen sind, zum "Chef auf Zeit" gekürt.

Nach seiner einstimmigen Wahl, bei der er sich selbst enthalten hat, nahm sich Gartner in kleiner Runde ausführlich Zeit, um zu erläutern, wie er seine friedensstiftende Mission angehen möchte.

Zudem reflektiert der 71-Jährige, wie der ÖFB überhaupt in eine derartige zwischenmenschliche Schieflage kommen konnte. 

Außerdem fordert er ein, dass die seiner Meinung nach an sich nicht so schlechte Struktur endlich gelebt werden müsse und erläutert, warum dies seit Leo Windtner nicht mehr der Fall sei.

…ÜBER DEN VERLAUF DER PRÄSIDIUMS-SITZUNG:

Natürlich herrscht Betroffenheit ob der Situation. Die Frage war, welcher der vier Vizepräsidenten bereit ist, diese Aufgabe zu übernehmen. Das Los ist auf mich gefallen. Ich habe dann erläutert, wie ich mir das vorstelle.

Ich möchte eine Österreich-Tour machen, alle Präsidenten vor Ort besuchen – was ist gut, was ist schlecht, was liegt am Herzen, wo sind alte Wunden?

Das ist von allen konstruktiv aufgenommen worden und für mich ein gewisser Vertrauensvorschuss. Es geht jedoch bewusst nicht darum, wer recht gehabt hat und wer nicht. Wir müssen einen Cut machen, einen Neubeginn!

…DARÜBER, OB ER SICH ALS MEDIATOR SIEHT UND NACH LANGJÄHRIGER BEKANNTSCHAFT MIT ALLEN BETEILIGTEN DARAN GLAUBT, DASS DIESE WUNDEN ZU HEILEN SIND?

Wir sitzen alle gemeinsam in einem Boot, also müssen sie heilen. Deswegen betone ich ja, dass es keinen Sinn macht, Recht zu sprechen. Bei Konflikten gibt es nicht den einen Schuldigen und den einen Unschuldigen. Bei Konflikten geht es oft um Missverständnisse oder fehlende Kommunikation. Durch fehlende Aufarbeitung oder Nachbesprechung hat sich vieles aufgestaut.

…DARÜBER, OB IN DER SITZUNG ERSTE GRÄBEN ZUGESCHÜTTET WURDEN?

Natürlich sind einige reserviert in die Sitzung gegangen. Es wusste ja keiner, wie es läuft. Ich hatte jedoch mit Fortdauer des Gesprächs den Eindruck, dass es eigentlich sehr konstruktiv war, nachdem mein Friedensangebot, wie man das eventuell aufarbeiten und lösen könnte, auf dem Tisch gelegen ist.

…DARÜBER, OB ER NEBEN DEM FRIEDENSTIFTEN AUCH EINE STRUKTURREFORM IM BLICK HAT?

Ich habe in der Sitzung alle Sachen, die medial aufgebracht wurden, angesprochen und abgefragt: Wie stehen wir dazu?
Meine persönliche Meinung: Die Struktur an sich ist nicht so schlecht, sie müsste nur gelebt werden. Bei Gigi Ludwig gab es beispielsweise überhaupt keine Frage, wie Ideen aufgearbeitet und vorbereitet werden.

"Es ist nie so gedacht gewesen, dass der Präsident quasi die Geschäfte führt. Fairerweise muss man sagen, dass sich das über die Jahre ein bisschen so entwickelt hat."

Johann Gartner

Wir haben jetzt gute Strukturen mit Geschäftsführern in den Landesverbänden, mit dem ÖFB-Geschäftsführer und dem Generalsekretär. Meine Vorstellung ist, dass wir als Präsidium wie ein Aufsichtsrat agieren sollten. Dort werden keine Fachdiskussionen geführt, sondern es wird abgestimmt und entschieden.

Es ist nie so gedacht gewesen, dass der Präsident quasi die Geschäfte führt. Fairerweise muss man sagen, dass sich das über die Jahre ein bisschen so entwickelt hat. Unter Beppo Mauhart oder Friedrich Stickler war das nicht so.

…DARÜBER, WARUM ES SICH SO ENTWICKELT HAT?

Meiner Meinung nach einerseits, weil Leo Windtner eine starke Persönlichkeit ist und aus seiner Firma gewohnt war, das zu tun. Andererseits hatte er in seiner Pension natürlich auch mehr Zeit, um die Dinge selbst wahrzunehmen. Er ist ja auch immer mit dem Herren- und Frauen-Nationalteam mitgeflogen. Wenn ich einem Broterwerb nachgehe, kann ich ja gar nicht sechs Monate im Jahr für den ÖFB aufbringen.

…DARÜBER, OB ER EINE STRUKTURREFORM AUSSCHLIESST?

Ich will das Thema Struktur nicht vom Tisch wischen. Natürlich horcht es sich gut an, zu sagen, holen wir lauter Junge. Die müssen aber auch Zeit haben und verfügbar sein.

Wir haben nur drei Monate Zeit, müssten auch schauen, ob das rechtlich überhaupt so einfach geht. Ich möchte nichts vom Zaun brechen.

Wir werden uns zusammensetzen und entscheiden, was wir dem neuen Präsidenten in den Korb legen, und was jetzt zwingend erforderlich ist, um es überhaupt sinnvoll mit einem Neuen angehen zu können.

…DARÜBER, WAS ES FÜR DIE SUCHE NACH EINEM NEUEN PRÄSIDENTEN HEISST, WENN MAN EINE PASSENDE STRUKTUR HAT, DIE JEDOCH NICHT GELEBT WIRD?

Wir müssen natürlich die Anforderungen an den neuen Präsidenten definieren und auch schauen, ob er überhaupt in diese Runde passt.

Aber mein Ziel ist es, den ÖFB zuerst einmal intern so hinzustellen, dass wir nicht mehr mit uns selbst beschäftigt sind, so wie wir es derzeit sind.

Die Frage wird sein, wie viel man sich einbringt. Ich mache es ja selber im niederösterreichischen Verband fast genauso, im Vergleich mit anderen Präsidenten bringe ich mich viel ein. Da musst du immer wieder aufpassen, dass du die zuständigen, dafür eingestellten und bezahlten Mitarbeiter nicht zu sehr zurückdrängst.

…DARÜBER, OB DER SCHLUSS ZULÄSSIG IST, DASS DER NÄCHSTE ÖFB-PRÄSIDENT VON AUSSEN KOMMEN SOLL UND NICHT WIEDER EIN LANDESPRÄSIDENT AUF DEN CHEFSESSEL RÜCKT?

"Ich persönlich werde es sicher nicht, und so wie ich es heute verstanden habe, denkt man zu 99 Prozent an einen Kandidaten von außen."

Johann Gartner

Ich persönlich werde es sicher nicht, und so wie ich es heute verstanden habe, denkt man zu 99 Prozent an einen Kandidaten von außen. Das ist zumindest Stand heute. Heute waren auch alle sehr reserviert: Alle haben gesagt, jeder von uns hat Fehler gemacht, es sollte einer von draußen sein. Aber der Prozess folgt ja erst und wir wollen nichts ausschließen.

…DARÜBER, OB ER EINE EIGENE KANDIDATUR FIX AUSSCHLIESST?

Ich habe schon x Mal betont, dass das keine Option für mich ist. Ich bin 71 Jahre alt. Dann hätte ich beim letzten Mal auch schon kandidieren können.

…DARÜBER, OB DIE CAUSA MILLETICH NOCH EINMAL AUFGEARBEITET WURDE?

Angesprochen ja, aufgearbeitet nein, denn es fehlt ja der Hauptdarsteller, Gerhard ist nicht mehr da. Ich wollte auch nicht, dass sich alles auf ihn fokussiert. Es haben auch alle gesagt, dass auf allen Seiten Fehler passiert sind.

Milletich (l.) und das Vitrinen-Verhalten
Foto: © GEPA

Wenn ihr mich fragt, wares ein Fehler, dass man diesem Vitrinen-Verhalten nicht entgegen gegangen ist. Ich sage: Reden muss man über alles können. Das heißt ja nicht, dass man einer Meinung sein muss. Dieses Nicht-Anhören war nicht ideal.

Deswegen hat sich ein Kommunikations-Defizit entwickelt. Es hat vor ungefähr einem Jahr begonnen, dass Leute in besagte Vitrinen gesetzt wurden. Wenn du da einmal drinnen bist, ist das schlecht, weil du nicht mehr rauskommst.

Wir haben heute gesagt: Diese Vitrinen schlagen wir jetzt zusammen und wir reden wieder miteinander, ohne dass ich den anderen vorverurteile.

…ÜBER DAS ENTSTEHEN VON KOMMUNIKATIONSPROBLEMEN:

Es ist ein Unterschied, ob ich eine Firma führe, in der die Leute für ihre Tätigkeit bezahlt werden, oder einen Verein.
Im Verein hast du es mit Ehrenamtlichen zu tun – die bekommen nichts anderes als die Wertschätzung ihrer Persönlichkeit. Wenn ich ihnen die Motivation, dabei zu sein, nehme, werden sie sich das nicht gefallen lassen. So entstehen Fronten.

Ich habe Gerhard gesagt: Du musst mehr diskutieren, aufbereiten, aufarbeiten. Jetzt haben sie zum Beispiel ein monatliches Meeting mit den Geschäftsführern eingeführt. Aber es gehört noch viel mehr ausgeredet! Denn alles, was man runterschluckt, platzt irgendwann raus. Wesentlich ist, aufeinander zuzugehen, miteinander zu sprechen und zuzuhören.

…DARÜBER, OB ES EINE IMAGEKAMPAGNE BRAUCHT?

Natürlich müssen wir uns fragen, was wir aus unseren Erfahrungen und Eindrücken machen. Ich sehe die sachlich-fachliche und die zwischenmenschliche Komponente. Rein sachlich-fachlich heißt, wir brauchen einen Plan für den Wahl-Termin, den Fristenlauf etc.
Beim anderen muss es um Magen und Herz gehen. Wir müssen uns fragen: Wie manchen wir es besser?

Natürlich geht es auch darum, in der Öffentlichkeit besser dazustehen. Es ist ja nicht gerade lustig, wie wir momentan dastehen.

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