Wie sich Teamchef Koller neu erfindet

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Wie heißt es so schön: Neu ist immer besser!

Dieses Motto mag nicht vollinhaltlich richtig sein, auf das ÖFB-Team umgelegt kann man jedoch den Verdacht hegen, dass Teamchef Marcel Koller im Vorjahr zu lange an Altbewährtem festgehalten hat.

Umso radikaler ist die - für seine Verhältnisse - "Revolution" gegen Moldawien ausgefallen. Man könnte fast meinen: Mit dem Rücken zur Wand hat sich Koller neu erfunden.

Am Tag vor dem Test gegen Finnland gewährt der Schweizer Einblick in seine Umbruchs-Ideen.

Welche Position passt für Alessandro Schöpf?

(Text wird unter dem Video fortgesetzt)


Am offenkundigsten manifestiert hat sich die Adaptierung seiner bisherigen Herangehensweise gegen Moldawien natürlich am 3-4-3-System, welches das lange Zeit praktizierte 4-2-3-1 zumindest zwischenzeitlich abgelöst hat.

Doch die Änderungen gehen tiefer. Das Ziel: Die (zu) gewohnten Abläufe aufzulockern.

"Die Idee war: 2017 ist ein neues Jahr. Es heißt, 2016, das nicht so gut war, auf die Seite zu legen. Neues Hotel, neue Örtlichkeiten, neues System: Du musst dich als Spieler neu zurechtfinden, wieder aufmerksamer sein, du musst zuhören. Es ist nicht der gleiche Ablauf. Das sind Dinge, die dazu beitragen, dass man wieder hellwach und aufmerksam ist", verdeutlicht Koller.

SCHÄRFE FÜR DIE WOHLFÜHLOASE

Diese Änderungen sollen nicht auf Kosten der in der Vergangenheit viel zitierten Wohlfühloase gehen: "Beim Nationalteam herrscht eigentlich immer gute Stimmung. Wir freuen uns auf die Spieler und die Spieler freuen sich aufeinander, das ist weiterhin ein wichtiger Faktor. Aber natürlich, wenn man länger zusammen ist, schleicht sich das eine oder andere ein und da haben wir schon wieder Schärfe reingebracht. Das hat aber nichts mit der Stimmung zu tun, sondern mit Aufmerksamkeit."

Soll heißen: Gute Stimmung ist mehr als erwünscht, aber die Spieler sollen und dürfen sich auch mehr untereinander reiben, womit wir umgehend beim nächten Punkt wären:

ES GIBT (ENDLICH) ECHTEN KONKURRENZKAMPF:

Zumindest gibt es Anzeichen, dass der Konkurrenzkampf verschärft wurde - Martin Harnik und Marc Janko können derzeit ein Lied davon singen.

Dass dies bereits nach der EURO ein logischer Schritt zur Weiterentwicklung gewesen wäre, ist keine Neuigkeit. Koller hat jedoch im Herbst in großen Teilen weiterhin seine Strategie des Vertrauens und der Eingespieltheit durchgezogen.

Dass er diese Herangehensweise nun angepasst hat, deutete sich bereits bei der Kaderbekanntgabe an, als er ungewöhnlicherweise mit Rechtsverteidiger Florian Klein einen langjährigen und vor allem amtierenden Stammspieler abserviert hat.

Offen gibt der 56-Jährige eine Strategie-Änderung nicht zu, spricht hauptsächlich von "Angebot und Nachfrage" und dass es nun eben "mehr Alternativen" geben würde. Das ist fraglos richtig. Mit Spielern mit Alessandro Schöpf, Marcel Sabitzer, Valentino Lazaro oder jüngst auch Guido Burgstaller sagen diverse Spieler den über lange Jahre etablierten Kräften den Kampf an.

Dass gegen Moldawien mit Robert Almer, Klein, Christian Fuchs, Julian Baumgartlinger, Harnik und Janko gleich sechs MItglieder der etablierten Startelf aus der EM-Qualifikation gefehlt haben, ist natürlich aufgrund von Sperren, Verletzungen oder dem Fuchs-Rücktritt Zufall, aber eben nicht nur.

"Wenn du Alternativen hast, ist irgendwann der Zeitpunkt da, wo du sagst: Okay, bringen wir die Konkurrenz rein. Es will jeder in der Nationalmannschaft spielen, aber nicht jeder ist ein Nationalspieler. Wir müssen eine gute Auswahl treffen, wer uns weiterbringen kann. Er muss ja schlussendlich besser oder zumindest gleich gut sein wie die, die vort Ort sind. Das war über fünf Jahre nicht immer so", verdeutlicht Koller.

Auch deswegen vertraute er mitunter Auserwählten, die im Verein nur wenig Spielpraxis hatten. Diese Politik muss nun nicht zwangsweise der Vergangenheit angehören, aber das Beispiel Klein zeigt, dass es Kandidaten mit Problemen im Verein fortan schwieriger haben dürften.

Oder auch Janko, der erst kurz vor diesem Lehrgang sein Comeback nach einer Muskelverletzung gefeiert hatte.

Koller: "Bei ihm hatten wir in der Vergangenheit Situationen, da war die letzte Woche noch richtig komfortabel. In der Türkei durfte er nicht einmal mit der Mannschaft trainieren. Wir hatten ihn trotzdem dabei und haben ihn eingesetzt. Jetzt ist es so, dass er aus einer Verletzung kam, noch kein volles Spiel in den Beinen hatte und eben auch Konkurrenz da ist, die regelmäßig spielt und Tore erzielt."

Das sei einerseits "schön für das Trainer-Team", andererseits stellt der Teamchef seinen etablierten Stars ungewohnt deutlich die Rute ins Fenster - auch so eine Neuerung des "2017er-Koller":

"Da wir Konkurrenz haben, sehen auch die Älteren, ich muss weiter Gas geben, kann mich nicht zurücklehnen, zum Nationalteam kommen, alles Eitel Sonnenschein, kann alles genießen und dann spielst du selbstverständlich. Das ist nicht so! Es geht um Leistung. Es ist immer wichtig, Konkurrenz zu haben. Wenn die da ist, sind wir die Ersten, die das entsprechend testen und versuchen, denn schlussendlich wollen wir Spiele gewinnen und das wollen wir mit den aus unserer Sicht aktuell Besten."

Ob Koller und sein Trainerstab bisher wirklich stets "die Ersten" waren, welche die aktuell Bestens aufs Feld geschickt haben, darf man getrost in Frage stellen. Lange Zeit war das Forcieren eines Stamms goldrichtig, aber in Zeiten des Erfolgs hat der Schweizer tendenziell den Moment übersehen, mit mehr Konkurrenzkampf mehr Schärfe reinzubringen.

Aber besser spät als nie.

DIE SYSTEM-UMSTELLUNG:

Selbiges gilt natürlich auch für die augenscheinlichste Veränderung, nämlich mehr Variabilität beim System zuzulassen. Wie nachhaltig dieser Schritt sein wird, muss man natürlich ähnlich wie bei der adaptierten Personal-Politik noch abwarten, für eine endgültige Beurteilung ist es zu früh.

Aber wenn man die bisherigen fünf Jahre seiner Amtszeit verfolgt und erlebt hat, wie detailverliebt er an seinem 4-2-3-1 gefeilt hat, kann man erahnen, dass es ihn durchaus Überwindung gekostet haben muss, seine Elf nach nur zwei Taktik-Einheiten mit einer völlig neuen Variante in ein richtungsweisendes Spiel wie gegen Moldawien zu schicken.

Tendenziell hat es geholfen, dass es bei allem Respekt, "nur" Moldawien war, also von der Qualität her beileibe kein Gegner aus der Top-Kategorie.

"So ein System erlernt sich nicht in drei Tagen, sondern damit müssen wir einige Stunden verbringen - nicht nur auf dem Platz, sondern auch in der Taktik-Schulung, um dieses System zu festigen, Abläufe kennenzulernen", betont etwa Sebastian Prödl, wohlwissend dass vieles noch nicht wunschgemäß funktioniert hat und "wir gegen große Gegner so schon noch ein Problem hätten".

Gut möglich, dass Koller trotz der angespanten Personalsituation gegen Finnland den nächsten Dreierketten-Schritt setzen wird. "Es ist schon das Ziel, das zu verfestigen. Ob es genau gleich sein wird, lassen wir offen", gibt sich der Eidgenosse wie gewohnt kryptisch.

Dies könnte bedeuten, dass man erneut auf eine Dreierabwehr setzt, aber das System anpasst und etwa ein 3-5-2 spielt. Auf jeden Fall legt Koller wert auf die Feststellung, dass dieses System nicht nur gegnerabhängig sei: "Das muss sich nicht unbedingt nach dem Gegner richten, wenn du von dir überzeugt bist, dass es das Richtige ist."

Das "alte" 4-2-3-1 hat die ÖFB-Elf ja weiterhin in der Hinterhand. Das Manko der zu leichten Ausrechenbarkeit ist jedoch vorerst ad acta gelegt. Vor allem auf den irischen Teamchef sollte im Juni das Rätsel zukommen, mit welchem System Österreich auflaufen wird.

NEUES SELBSTBEWUSSTSEIN:

Die Konsequenz der "Änderungen" muss im Vergleich zu 2016 eine sein, die Koller nur bedingt steuern kann. Am Anfang seiner Amtszeit arbeitete der 56-Jährige jedoch sehr gezielt darauf hin, dass seine Schützlinge durch gute Ergebnisse an Selbstvertrauen und Selbstverständnis gewannen - auch deshalb experimentierte er relativ wenig.

Besagtes Selbstbewusstsein ist spätestens bei der EURO verloren gegangen, wie man im verkorksten Länderspiel-Herbst beobachten konnte. Auch deshalb ist der Test gegen Finnland wichtig, um nach dem Erfolgserlebnis gegen Moldawien nicht einen schnellen und unnötigen Rückschlag zu erleiden.

"Dass das Selbstvertrauen zuletzt nicht so da war, ist völlig normal. Aber Selbstvertrauen kann man nicht herbeireden, dafür sind Siege natürlich das beste Mittel", betont Koller.

Im Hinblick auf das vorentscheidende Qualifikations-Spiel in Irland im Juni wäre ein Sieg gegen Finnland also sehr wichtig. Im Sommer lässt sich dann auch noch genauer sagen, wie ernst es Koller mit seinem "Revolutions-Jahr 2017" ist.

Vielleicht ist ja auch im Nationalteam neu immer besser.



Textquelle: © LAOLA1.at

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