Das ÖFB-Team bastelt an einer neuen Hierarchie

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Das ÖFB-Team befindet sich mitten in einem Umbruch, das ist bestens dokumentiert.

Ob Rücktritte, Verletzungen oder freiwilliger Verzicht: Von der Startelf des ersten Spiels bei der EURO 2016 gegen Ungarn sind beim Camp in Marbella nur drei Spieler mit dabei, aus dem 23-köpfigen EM-Aufgebot nur deren sieben.

Dazu mit Franco Foda ein neuer Teamchef - es liegt auf der Hand, dass die personellen Karten neu gemischt werden und sich auch die teaminterne Hierarchie neu finden muss.

Allzu aktiv will der neue Coach dabei nicht eingreifen. "Eine Hierarchie entwickelt sich im Laufe der Zeit", betont der Deutsche, "für mich ist es wichtig, dass ich die Spieler kennenlerne. Ich verschaffe mir im Training einen Überblick, wie die einzelnen Spieler arbeiten, wie sie auf gewisse Dinge reagieren. Nach diesem Lehrgang werde ich das reflektieren und in der Vorbereitung auf den nächsten Lehrgang dementsprechend handeln."


Foda startet Einzelgespräche

Keine Handlungsbedarf sieht Foda in der Kapitäns-Frage: "Julian hat in den letzten Monaten seine Sache als Kapitän sehr, sehr gut gemacht und wird auch am Dienstag gegen Uruguay die Kapitänsbinde tragen."

Dass Julian ÖFB-intern "Jules" genannt wird, wusste der 51-Jährige am Dienstag noch nicht und erfuhr es von Medienvertretern. Es sind wohl auch persönliche Details wie dieses, die Foda in dieser Kennenlern-Woche in Spanien in Erfahrung bringen möchte.

Nach der ersten Ansprache vor versammelter Mannschaft am Montag möchte der Teamchef am Dienstagabend mit den von ihm angekündigten Einzelgesprächen loslegen - eine Art "Speed-Dating", um eine gegenseitige Basis im sportlichen wie im menschlichen Bereich aufzubauen.

"Bisher habe ich der Mannschaft in einem kurzen Gespräch mitgeteilt, was ich mir erwarte, wie meine Vorstellungen sind und vor allem, was wir gemeinsam erreichen können. Diese Einzelgespräche werden nun länger als fünf Minuten dauern. Diese Zeit werde ich mir einfach nehmen, denn ich will die Spieler richtig gut kennenlernen, und sie sollen auch relativ schnell wissen, wie der Trainer funktioniert."

Trainer-Wechsel als Teil des Berufs

Als Kapitän wird "Jules" wohl eines der ersten Kadermitglieder sein, das ein solches Einzelgespräch mit Foda führt. Die bisherigen Eindrücke vom neuen Übungsleiter sind beim Spielführer positiv.

"Sehr unkompliziert, sehr locker und entspannt", beschreibt der Leverkusen-Legionär das erste Kennenlernen der neuen Mitglieder des Betreuerstabs. Der Tapetenwechsel nach Marbella würde selbiges auch erleichtern, weshalb es diese Woche gut zu nutzen gelte.

"Trainer-Wechsel sind Teil unseres Berufs. Ich kenne das aus dem Verein, teilweise auch aus dem Nationalteam - für mich verläuft so etwas relativ unproblematisch. Ich bin ein offener Mensch und versuche immer erst einmal mit allen Kontakt aufzunehmen und die positiven Dinge aufzusaugen. Es passiert auch relativ viel. Man wird jetzt im Trainingslager auch schon viel sehen - neue Trainingsübungen, auch die taktischen Schwerpunkte, die der Trainer präsentieren wird. Das sind neue Dinge, auf die ich mich freue. Die beste Herangehensweise ist, das alles offen und positiv aufzunehmen", erklärt Baumgartlinger.

Umbruch startete schon unter Koller

So gewohnt für Profi-Kicker der Umgang mit neuen Coaches sein mag, so ungewohnt fällt für einige langjährige Teamspieler derzeit der Blick auf die Kaderliste aus. Einige vertraute Wegbegleiter fehlen, manche wie Martin Harnik, Zlatko Junuzovic und vielleicht auch Marc Janko werden auch nicht mehr zurückkehren.

Für den Kapitän ist dies allerdings ein Prozess, der schon unter Marcel Koller eingeläutet wurde und auf den er in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder hingewiesen hat:

"Der Umbruch hat schon ein paar Monate früher stattgefunden. Wir haben personell natürlich einen Generationswechsel. Dass er jetzt so extrem ist, hängt ein bisschen mit Verletzungen und Absagen zusammen. Aber die Jungen sind im Training wild und hungrig. Ich glaube, dass wir trotzdem einen sehr guten, jungen Kader haben."

Nach den Turbulenzen kommt die Konzentration auf den Sport

Es zählt sicherlich zu den Aufgaben eines Kapitäns, beim Bilden einer neuen Hierarchie voranzugehen. Für Baumgartlinger ist dieser Prozess derzeit im Gange:

"Wir sind dabei. Wenn gute Spieler, die länger dabei sind und nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb das Gerüst der Mannschaft bilden, nicht mehr dabei sind, ist es zwangsläufig so, das es eine gewisse Zeit dauert, um auch wieder eine Hierarchie herzustellen. Das ist auch notwendig und wichtig. Genau diese Phase haben wir jetzt, das müssen wir auch nützen."

Positiv ist für den Mittelfeld-Motor in diesem Zusammenhang, dass man sich nach den ÖFB-internen Turbulenzen der vergangenen Wochen als Spieler wieder auf sportliche Aufgaben konzentrieren kann.

"Das wollen wir als Fußballer auch. Wir sind jetzt an dem Punkt, wo wir nicht über irgendwelche anderen Dinge nachdenken müssen oder das Gefühl haben, dass wir in irgendwelchen Pflichten sind, sondern dass wir einfach Fußball spielen können. Da wollen wir das Beste umsetzen und jemanden haben, der uns Dinge vorgibt und ein klares Ziel in Aussicht stellt. Das ist jetzt der Fall. Deswegen bin ich optimistisch, dass wir einen guten Neustart gefunden haben."

Die Leistung zählt, nicht das Alter

Mit seinen 29 Jahren zählt Baumgartlinger definitiv zu den Routiniers im Kader. Team-Oldie ist mit dem 32-jährigen Andreas Ulmer ausgerechnet ein Akteur, der im ÖFB-Team bisher nur eine Statistenrolle gespielt hat. Mit Pavao Pervan bekommt der momentan einzige Ü30-Kicker im Nationalteam ab kommenden Montag Verstärkung, der dann 30-jährige LASK-Goalie hat noch kein Länderspiel absolviert.

Die beiden Spätberufenen stehen stellvertretend dafür, dass Foda eher weniger auf das Geburtsdatum eines Spielers schaut. Dass Ulmer der aktuell einzig über 30-Jährige im Kader ist, sei ihm gar nicht bewusst gewesen.

"Ich stelle nicht nach Alter sondern nach Leistung auf. Das Wichtigste ist eine gute Balance aus erfahrenen und jungen Spielern, aber letztendlich zählt nur die Leistung", stellt der ÖFB-Coach klar.

Die Leistung entscheidet die Hierarchie

Letztlich werden die Leistungen im ÖFB-Dress die neue Hierarchie im Nationalteam entscheiden. Laut Foda sind die derzeit Nominierten plus die verletzungsbedingt fehlenden Spieler der Stamm, mit dem er in Zukunft planen wird.

Geschlossene Gesellschaft kündigt er jedoch keine an: "Alle Spieler, die jetzt noch nicht einberufen wurden, haben immer noch die Möglichkeit dazuzustoßen. Aber dieser Eindruck, den ich in diesen zehn Tagen inklusive Uruguay-Spiel gewinne, ist wichtig. Ab Jänner werde ich dann alle meine Spieler verfolgen. Ich werde Spiele besuchen, mich mit den Spielern treffen, mich regelmäßig austauschen, mir einen Überblick verschaffen. Aber: Es zählt die Leistung! Wer gut spielt, wer seine Leistung abruft, hat auch die Möglichkeit bei uns zu spielen."

Und wer im ÖFB-Team nicht spielt, soll sich dennoch als wertvolles Teammitglied ins Gefüge einordnen: "Es können immer nur elf spielen. Das habe nicht ich erfunden, das ist einfach so. Das heißt, es wird immer auch Spieler geben, die unzufrieden sind. Trotz allem lege ich extrem viel Wert darauf, dass jene Spieler, die vielleicht einmal nicht im Einsatz sind, die anderen Spieler unterstützen. Wir müssen als Mannschaft auftreten. Nur so kannst du erfolgreich sein."

Der Kampf ums Leiberl und somit auch um eine gute Position in der neuen Hierarchie wird jedenfalls ein spannender.

Der erste Tag von Teamchef Franco Foda als ÖFB-Teamchef:

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Textquelle: © LAOLA1.at

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