Und jetzt? Kühler Kopf oder radikaler Umbruch?

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Und jetzt?

Das ÖFB-Team ist in der WM-Qualifikation - so gut wie - gescheitert, und das unerwartet früh. Entsprechend groß ist der Schock.

Und entsprechend gespannt darf man auch sein, wie es beim Nationalteam in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten weitergeht. Vieles wird von der Reaktion des Umfelds und der Öffentlichkeit abhängen.

Wird kühler Kopf bewahrt oder setzt ein rot-weiß-roter Selbstzerstörungsmechanismus ein? Vertraut man trotz des heftigen Rückschlags der vorhandenen Basis oder gibt es einen (radikalen) Umbruch?

Die Video-Highlights von Wales-Österreich:

(Text wird unter dem Video fortgesetzt)


Wie geht es mit dem Teamchef weiter?

Fakt ist, dass zuallererst einmal die Personalie des Teamchefs geklärt werden muss. "Ich habe mir noch keine Gedanken gemacht, wie es weitergeht. Meine Enttäuschung ist wie bei den Spielern natürlich groß", meint Marcel Koller und sagt im Hinblick auf eine weitere Zusammenarbeit:

"Mein Vertrag läuft im November aus. Wir werden uns zusammensetzen und miteinander sprechen, ob es weitergeht, oder ob ich von meiner Seite sage, wir machen nicht weiter. Das ist jetzt noch zu früh, darüber habe ich noch nicht im Detail nachgedacht."

Die Option, dass der ÖFB nicht mehr weitermachen will, steht natürlich ebenfalls im Raum. Martin Harnik betrachtet diese Personalie zwar "nicht als meine Baustelle", gibt jedoch zu bedenken:

"Ich kann nicht für die Mannschaft sprechen. Ich kann nur sagen, dass wir unter Marcel Koller die erfolgreichste Zeit seit Jahren oder Jahrzehnten oder vielleicht überhaupt die erfolgreichste Zeit hatten. Ich glaube, das spricht schon für sich."

Diese Quali nicht als Ergebniskrise abtun

Die Gefahr, dass die sechsjährige Amtszeit des Schweizers einem unrühmlichen Ende entgegensteuert, ist aber definitiv gegeben. "Das wäre sehr unfair", möchte Julian Baumgartlinger nicht, dass der aktuelle Misserfolg die lange Zeit so bejubelte Aufbauarbeit des Schweizers vergessen macht.

Sollte Koller gehen müssen, wird die Nachfolge-Frage natürlich eine entscheidende. Hier zum aktuellen Zeitpunkt zu spekulieren, ist Kaffeesudleserei - der Hinweis, dass sich die Landespräsidenten im ÖFB-Präsidium in diesem Jahr mehr Macht gesichert haben und ein "Alleingang" von Präsident Leo Windtner und Sportdirektor Willi Ruttensteiner wie 2011 bei der Bestellung von Koller somit eher unwahrscheinlich scheint, sei jedoch erlaubt. Die Herrschaften machen kein Geheimnis daraus, dass sie in Personalfragen mehr eingebunden sein wollen.

Noch ist die Trainerfrage Zukunftsmusik. Selbst wenn Koller bleiben würde, müsste das Scheitern in der WM-Qualifikation natürlich aufgearbeitet werden.

"Wenn wir das auf uns sitzen lassen und die Quali einfach mit der Tatsache abtun, dass es nur eine Ergebniskrise war, sind wir nicht Profis genug. Natürlich stürzen wir uns jetzt auf dieses Dilemma mit den Ergebnissen, weil es uns wahrscheinlich die Quali gekostet hat, aber wir müssen schon die Gründe erörtern, wie es dazu gekommen ist", fordert Sebastian Prödl.

Man brauche nicht alles kaputt zu machen und man dürfte auch keine übereilten Konsequenzen ziehen: "Ich glaube, das Wichtigste ist in der Tat, in der Situation ruhig zu bleiben. Nach dem Spiel gegen Georgien am Dienstag wird es bis zur nächsten Quali die Zeit geben, die richtigen Schlüsse zu ziehen."

Der Unterschied zu früher

Rein ergebnistechnisch ist die ÖFB-Elf wieder dort angelangt, wo man vor dem Engagement von Koller war - relativ früh ziemlich chancenlos auf eine Turnier-Teilnahme. Baumgartlinger sieht leistungstechnisch dennoch einen großen Unterschied:

"Ich kann mich noch an Qualifikationen erinnern, in denen wir chancenlos waren und von vornherein nur um Platz drei oder vier gespielt haben. Das darf man nicht alles wegwischen und vergessen."

In der laufenden Kampagne ist Österreich hauptsächlich an sich selbst und weniger an einem etwaigen Leistungsvorsprung der Konkurrenz gescheitert. Prödl bleibt auch nach der Niederlage in Wales bei seiner nachvolziehbaren These, dass er in dieser Gruppe noch keinen besseren Gegner gesehen hat:

"Dieser rote Faden zieht sich durch die Quali. Keiner spielt uns an die Wand, nur wir schaffen es nicht, das auszunutzen. Auch in Cardiff war wieder alles drinnen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass wir so in Bedrängnis kommen, dass wir verlieren könnten. Dann kommt so ein Tausendguldenschuss. Das war irgendwo ein Zeichen - es sollte in diesem Spiel nicht sein, es sollte in dieser Quali nicht sein."

Keine elementaren Änderungen notwendig

Richtet man den Fokus in Richtung EURO 2020, ist festzuhalten, dass die ÖFB-Elf schon einmal nach einem bitteren Scheitern in der WM-Qualifikation die richtigen Schlüsse im Hinblick auf die folgende EM-Ausscheidung gezogen hat - und zwar vor vier Jahren nach dem Aus gegen Schweden.

Wie müssten die Schlüsse diesmal lauten? "Ich glaube nicht, dass es viele Sachen sind, die man elementar ändern muss", findet Baumgartlinger, "wir haben in jedem Spiel gesehen, dass wir die bessere Mannschaft sein können. Allein das ist schon Grund, um Optimismus zu verbreiten und nicht in alte Muster zu verfallen."

Der Kapitän erneuert seine These, dass sich der Kader seit der EURO ohnehin schon in einem leichten Umbruch befinde: "Ich hoffe, dass der nicht zu stark ausfällt beziehungsweise laufend so weitergeht, denn wir müssen jetzt wieder eine Basis und einen Stamm finden. Das ist jetzt die Aufgabe der nächsten Monate."

Der Kader-Umbruch hat schon begonnen

In diesem Jahr drängten tatsächlich viele neue Kräfte ins Team. Das ist in erster Linie erfreulich, weil es zeigt, dass Qualität vorhanden ist. Dass sich momentan aber recht viele Kräfte im Kader befinden, die mit der zuvor über Jahre einstudierten Koller-Philosophie noch nicht so vertraut sind, ist nicht von der Hand zu weisen.

Das Wichtigste ist für Baumgartlinger jedoch, dass sich sämtliche Neulinge als Bereicherung erwiesen haben: "Alle, die gekommen sind, haben sich im Training positiv präsentiert - egal ob ein Maxi Wöber, Moritz Bauer, Kevin Danso, Konrad Laimer oder Stefan Lainer. Wir haben viele junge Spieler bekommen, die noch nicht die große internationale Erfahrung haben, sich das aber nicht anmerken lassen. Das ist ein sehr positiver Aspekt. Da kommt viel Potenzial nach, das es aber wieder einzugliedern gilt - und das ist auf Nationalteam-Ebene auch oft nicht so einfach."

Was auch immer in den kommenden Wochen passiert, der Leverkusen-Legionär ist überzeugt: "Man sieht, was in Österreich in der Jugendausbildung passiert ist. Es kommen 18- oder 19-Jährige, die die Möglichkeit haben, sofort in internationalen Ligen Legionäre und Leistungsträger zu werden. Das alles kann man nicht mehr rückgängig machen, egal wie negativ man es sehen will. Das ist nicht von Personalien abhängig."

Ein geplatzter Lebenstraum?

Prödl und Harnik haben ihren 30. Geburtstag schon hinter sich, Baumgartlinger folgt im kommenden Jänner. Dieses Trio gehört zu jenen Leistungsträgern, die das Gesicht des Nationalteams seit rund einem Jahrzehnt prägen.

Potenzielle Nachrücker hin oder her: Den Kampf um die Teilnahme an der EURO 2020 können sie auf jeden Fall aufnehmen. Altersbedingt könnte sich lediglich die ÖFB-Karriere von Marc Janko, dem langjährigen Goalgetter vom Dienst, ihrem Ende nähern.

Der Lebenstraum einer Teilnahme an einer Fußball-Weltmeisterschaft könnte jedoch geplatzt sein - 2022 ist noch in sehr weiter Ferne.

"Ich möchte in jedem Wettbewerb so weit wie möglich kommen. Am Ende ist es ein Teamsport und als Team haben wir es nicht geschafft. Da geht es nicht um persönliche Träume. Ich bin Nationalspieler geworden, um mein Land natürlich auch bei großen Turnieren zu vertreten. Mit der WM hat es jetzt leider nicht geklappt. Aber es ist kein Traum geplatzt", will Harnik das persönliche Schicksal nicht überbewertet wissen.

Außerdem denkt der Stürmer ohnehin noch keineswegs an seinen ÖFB-Ruhestand: "Ich kann nur für mich sprechen. Ich bin jetzt 30 Jahre alt und versuche, so lange es geht, meine Leistung zu zeigen. Ich werde probieren, so lange wie möglich im Nationalteam zu spielen."



Textquelle: © LAOLA1.at

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