Wer braucht schon Messi?

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Wer braucht schon Messi?

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Der FC Barcelona offenbar nicht, könnte die zugegeben provokante Antwort auf diese ebenso provokante Frage lauten.

Es steht außer Zweifel, dass jedes Team einen Lionel Messi und seine Geniestreiche mit Handkuss nehmen würde, ganz abgesehen vom Status, den der Argentinier bei Barca als Symbol des Klubs und Repräsentant einnimmt. Die Katalanen werden auch heilfroh sein, würden sie ihren Zauberfloh rechtzeitig zum "Clasico" bei Real Madrid am Samstag wieder in ihren Reihen sehen.

El Clasico, Real Madrid vs. FC Barcelona
Sa., ab 17:45 Uhr live im Web bei LAOLA1.tv und bei A1 TV auf Kanal 398

Gerade in den ganz großen Spielen sind die Qualitäten des Argentiniers gefragt, um den Ausschlag zugunsten Barcas zu geben. Doch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die Tormaschinerie von Luis Enrique auch während Messis Abwesenheit, aufgrund eines Innenbandrisses im linken Knie, bestens funktionierte – teilweise sogar besser, wie ein Blick in die Statistik andeutet.

Neymar blüht auf

Der augenscheinlichste Fakt der letzten Wochen betrifft Messis Sturmpartner. Die aus dem gefürchteten Angriffstrio übrig gebliebenen Luis Suarez und Neymar ließen die Absenz ihres südamerikanischen Kollegen beinahe vergessen. Beide weisen im Vergleich der wichtigsten Offensiv-Kennzahlen in den Spielen ohne Messi sogar höhere Werte auf - in allen Kategorien, wie die folgenden Tabellen illustrieren (berücksichtigt wurden Spiele in La Liga und Champions League).

Vor allem aber der Brasilianer blühte richtiggehend auf und spielte sich in die Form seines Lebens. Seit dem Ausfall Messis gelangen Neymar in acht Spielen 16 Scorerpunkte, darunter zehn Tore. Ein Grund dafür liegt darin, dass der Dribblanski die Lücke ausfüllt, die Messi hinterlassen hat, im wahrsten Sinn des Wortes.

Vergleicht man Neymars Heatmaps, die seinen Aktionsraum auf dem Feld darstellen, fällt auf, dass er deutlich konsequenter auf seinem linken Flügel bleibt, wenn Messi mitspielt. Messi zieht häufig vom rechten Flügel ins Zentrum, wodurch dieser Raum durch den Argentinier besetzt ist. In seiner Abwesenheit geht Neymar von links kommend selbst diese Wege und kommt dadurch öfter zum Abschluss.

Mehr Verantwortung

Hinzu kommt, dass auch die Mitspieler gewohnt sind, die Angriffe über Messi vorzutragen, wenn er auf dem Rasen steht. So wurden im Heimspiel gegen Levante mit Messi beispielsweise 43,5 Prozent der Angriffe über rechts gespielt (durch die Mitte: 29,4 Prozent, rechts: 27,1). Im CL-Heimspiel gegen Bayer Leverkusen, dem ersten Spiel nach Messis Verletzung, verlagerte sich der Angriffsfokus auf Neymars linken Flügel, über den 37,5 Prozent liefen (durch die Mitte: 29,8 Prozent, rechts: 32,7 Prozent). 

Neymar zieht das Spiel seit dem Ausfall Messis auf sich und füllt die kreative Lücke.

Neymars Statistik

Spiele Abschlüsse Torschüsse Tore Assists Abschlussvorlagen
mit Messi 6 24 9 3 0 15
Ø 4,0 1,5 0,5 0,0 2,5
ohne Messi 8 40 18 10 6 40
Ø 5,0 2,3 1,3 0,8 5,0
Differenz Ø +1,0 +0,8 +0,8 +0,8 +2,5

Suarez' Statistik

Spiele Abschlüsse Torschüsse Tore Assists Abschlussvorlagen
mit Messi 6 18 9 4 1 8
Ø 3,0 1,5 0,7 0,2 1,3
ohne Messi 8 38 17 8 3 14
Ø 4,8 2,1 1,0 0,4 1,8
Differenz Ø +1,8 +0,6 +0,3 +0,2 +0,5

Aber nicht nur bei den beiden Angreifern läuft es statistisch gesehen ohne Messi sogar noch besser. Ohne seinen Superstar strahlten die Katalanenen mehr Torgefahr aus. Zum Drüberstreuen eroberte man zuletzt auch noch die Tabellenführung.

Gegner Ergebnis Abschlüsse (*) Schüsse aufs Tor Effizienz in %
Leverkusen (H) 2:1 17 (12) 9 11,8
FC Sevilla (A) 1:2 28 (17) 9 3,6
Rayo (H) 5:2 14 (10) 9 35,7
BATE (A) 2:0 21 (14) 6 9,5
Eibar (H) 3:1 14 (9) 5 21,4
Getafe (A) 2:0 14 (11) 6 14,3
BATE (H) 3:0 23 (17) 7 13,0
Villarreal (H) 3:0 20 (13) 9 15,0
Gesamt 21 Tore 151 (103) 60 13,9
Ø 2,4 Tore 18,9 (12,9) 7,5
Gegner Ergebnis Abschlüsse (*) Schüsse aufs Tor Effizienz in %
Bilbao (A) 1:0 10 (5) 4 10,0
Malaga (H) 1:0 22 (8) 13 4,5
Atletcio (A) 2:1 13 (5) 5 15,4
Roma (A) 1:1 16 (13) 3 6,3
Levante (H) 4:1 21 (15) 8 19,0
Vigo (A) 1:4 18 (15) 7 5,6
Las Palmas (H) 2:1 18 (13) 6 11,1
Gesamt 12 Tore 118 (74) 46 10,2
Ø 1,7 Tore 16,9 (10,6) 6,6

*Abschlüsse aus dem Spiel heraus

Nun kann man dies natürlich auch mit einem generellen Formanstieg Barcas in Zusammenhang bringen oder die variierenden Werte durch etwaige unterschiedliche Stärken der jeweiligen Gegner relativieren. Und eine Diskussion über Messi steht ohnehin außer Frage. Dennoch scheint es, als würde Barca auch ohne den wichtigsten Spieler bestens funktionieren.

Die pure Harmonie im Sturm-Trio
 
Einer Sinnkrise müssen die Barca-Fans dennoch nicht verfallen, immerhin sticht der Dreizack bei aller statistischer Spielerei auch in Vollbesetzung perfekt.
 
Mit Neymar und Suarez stellte Barca exakt die richtigen Spieler zur Seite, wohl auch aus den unglücklichen Erfahrungen der Vergangenheit. Es ist bestens in Erinnerung, dass etwa das Experiment Zlatan Ibrahimovic in Barcelona scheiterte. Nicht zuletzt, weil der Spielweise und dem Willen Messis alles untergeordnet wurde, wie der Schwede nicht müde wird zu betonen.

Während es mit Zlatan so gar nicht funktionieren wollte, scheinen Neymar und Suarez von Anfang an die Ausnahmestellung Messis akzeptiert zu haben. „Messi steht über jedem anderen, durch das, was er geleistet hat und das, was er weiterhin leistet. Neymar ist noch hinter ihm und ich genieße es wirklich, an seiner Seite ihm zu spielen“, streut Suarez seinem Kollegen Rosen.

Man gönnt sich die Tore

Überhaupt herrscht zwischen den drei Südamerikanern die reinste Harmonie, wie der bissige Angreifer weiter schildert: „Messi, Neymar und ich lachen immer gemeinsam. Wir verstehen uns großartig, auf und abseits des Platzes“, gibt Suarez zu Protokoll.

Dass das keine leere Phrase ist bestätigt Gerard Pique. „Der Schlüssel zum Erfolg des Trios ist ihre Beziehung zueinander“, erklärt der Verteidiger gegenüber dem „Telegraph“ und erläutert: „Das einzige Problem, wenn du Spieler von solchem Format hast, ist das Ego. Suarez war der Star bei Liverpool, Neymar bei Santos und bei uns gab es, bevor die anderen beiden kamen, nur Leo. Aber sie haben eine Verbindung und zeigen überhaupt kein Ego – das ist das Wichtigste.“

An der Anfield Road bemängelte man zeitweise Suarez‘ enormen Eigensinn. Es gab Situationen, in denen er die Nebenmänner konsequent übersah und stattdessen lieber aus den unmöglichsten Winkeln sein Glück versuchte. Zur Verteidigung des Vollblutstürmers sei allerdings gesagt; zum einen hatte er damit oft Erfolg, zum anderen waren seine Partner bei den Reds bei weitem kein Neymar oder Messi.

In Barcelona weiß jeder des Sturm-Trios um die Qualitäten der anderen. Man gönnt sich sogar gegenseitig die Treffer. „Es ist toll, das auf dem Platz zu sehen. Zum Beispiel, wenn einer einmal mehr Tore als der andere schießt - Neymar hat neulich etwa Suarez einen Elfmeter überlassen“, erinnert Pique. „Wenn du diese Einstellung siehst, bedeutet das eine Menge“, versichert er.

Höchste Qualität auf verschiedenen Ebenen

In der Vorsaison führte dieses gegenseitige Geben und Nehmen zu wettbewerbsübergreifend 122 Toren. Eine Zahl, die bei gegnerischen Abwehrreihen vermutlich Angst und Schrecken verbreitet.

Einen Grund für das gute Zusammenspiel sieht Pique in den unterschiedlichen Stärken der drei, die sich perfekt ergänzen. „Neymar ist der Beste im Eins-gegen-Eins, er ist nicht zu stoppen. Du hast Leo Messi, der der kompletteste Spieler der Welt ist – er kann angreifen, verteidigen und er kann den Ball köpfen, obwohl er klein ist. Und dann ist da noch Suarez, dessen erster Kontakt im Strafraum fantastisch ist“, schwärmt der Welt- und Europameister.

Und auch dem neutralen Zuschauer bleibt nicht verborgen, mit welcher Freude sich das Trio gegenseitig die Bälle serviert und gemeinsam Tore erzielt. Mit Harmonie, gegenseitigem Respekt und Freundschaft also unter die Top-Angriffe der Fußballgeschichte?

„Ob wir eine der besten Angriffsformationen der Geschichte sind, wird nur die Zeit zeigen, aber wir haben einen guten Lauf“, meint Suarez selbst. Barcas Sturmreihe zählt jedenfalls zum Besten, was das Spiel zu bieten hat. Mit Messi sowieso und zuletzt auch ohne ihn. 

 

Christoph Kristandl

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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