Krzysztof Piatek: Das ist der neue Lewandowski

Krzysztof Piatek: Das ist der neue Lewandowski Foto: © getty
 

Enrico Preziosi hatte es sich vergangenen Mai auf seiner Couch in seinem Anwesen auf Ibiza gemütlich gemacht. Gut möglich, dass er noch einmal an die Geschehnisse von vor acht Jahren dachte.

Damals war er drauf und dran einen jungen Polen nach Genua zu holen. Im Grunde genommen waren sich alle schon einig. Der Stürmer hatte Trainer Gian Piero Gasperini schon im Hotel getroffen und ihm die Hand geschüttelt, er war mit dem Gehalt, das ihm der Traditionsklub bezahlen wollte, zufrieden und auch mit Lech Posen war alles geklärt.

Bevor die Tinte auf Papier gebracht werden sollte, sah sich das hoffnungsvolle Talent noch das Derby des Genoa CFC gegen Sampdoria an. "Als der Präsident ihn dann auf der Tribüne gesehen hat, war er ziemlich unbeeindruckt von seiner Statur", erinnert sich Stefano Capozucca, damals Sportdirektor des Klubs.

Tatsächlich war der damals 21-Jährige noch ziemlich schwach auf der Brust, schmale Schultern, eher schlaksig. Jedenfalls nicht das, was sich Preziosi unter einem Mittelstürmer vorstellte. Der Genoa-Boss ließ den Transfer in letzter Minute platzen. Das hat er seither mehr als einmal bereut. Konnte ja keiner ahnen, dass sich dieser Robert Lewandowski in Dortmund und München zu einem der – vielleicht sogar zum besten – Stürmer der Welt entwickeln würde.

Von der Couch aufgesprungen

Klar, dass Preziosi hellhörig wurde, als ihm Spielerberater Gabriele Giuffrida im vergangenen Frühjahr vom "neuen Lewandowski" berichtete. Zunächst sah sich der Geschäftsmann, der mit der Produktion von Spielzeug sein Geld verdient, einige Highlights an. "Aber da sehen sie doch alle phänomenal aus", sagt er. In weiterer Folge organisierte sich der 70-Jährige online ein gesamtes Spiel von Cracovia Krakau, um diesen Krzysztof Piatek einmal über 90 Minuten zu sehen.

Was er sah? "Einen Stürmer, der alles hatte: einen rechten Fuß, einen linken Fuß und stark in der Luft. Er war immer dort, wo der Ball hinkam. Immer!"

"Wir müssen sofort nach Krakau!"

Preziosi zu seinem Sportdirektor

Nach 90 Minuten sprang der Genoa-Eigentümer von seiner Couch auf, rief Giuffrida an und sagt: "Ich nehme ihn." Der nächste Anruf galt Sportdirektor Giorgio Perinetti: "Wir müssen sofort nach Krakau!" Am Tag danach war alles erledigt. 4,5 Millionen Euro bezahlte der Klub aus Ligurien für den Angreifer. Der "neue Lewandowski" war ihm nicht durch die Lappen gegangen.

Was seit Piateks Ankunft in Genua passiert ist, hat sich aber nicht einmal Preziosi zu erträumen gewagt. Zehn Tore in vier Vorbereitungsspielen hatten schon erahnen lassen, das der 23-Jährige ganz genau weiß, wo das Tor steht. Im ersten Pflichtspiel, der Coppa-Partie gegen Zweitligist US Lecce, benötigte der Neuzugang lediglich 88 Sekunden, um erstmals über ein Tor zu jubeln. Nach 38 Minuten war der Endstand von 4:0 auch schon hergestellt. Alle vier Tore gingen auf Piateks Konto.

In der Meisterschaft machte er dann einfach weiter: ein Tor gegen Empoli, ein Doppelpack gegen Sassuolo, ein Tor gegen Bologna, eines gegen Lazio, noch eines gegen Chievo, zwei gegen Frosinone und eines gegen Parma. Kurzum, Piatek hat in dieser Saison in jedem Pflichtspiel getroffen. Nach acht Partien stehen 13 Tore zu Buche. Jenes für das polnische Nationalteam gegen Portugal nicht eingerechnet.

Das sind Zahlen, die man vor dieser Saison eventuell von Cristiano Ronaldo erwartet hätte. Doch es ist der bis dahin weitgehend unbekannte Piatek, der in der Torschützenliste vorneweg marschiert. Die notorischen Goalgetter wie Lorenzo Insigne (6 Tore), Ciro Immobile, Gregoire Defrel (beide 5 Tore) und Ronaldo (4 Tore) haben große Mühe, auch nur einigermaßen Schritt zu halten.

Der Trainer musste trotzdem gehen

Und das, obwohl Genoa in dieser Saison nur mäßig erfolgreich ist. Vier Siege, drei Niederlage, das Mittelfeld der Tabelle ist die Heimat der "Grifone". Preziosi hat vor der Länderspielpause sogar seinen Trainer Davide Ballardini vor die Tür und dessen Vorgänger Ivan Juric wieder auf die Bank gesetzt.

Davor sagte Ballardini noch über seinen neuen Goalgetter: "Ich habe fast Angst, darüber zu sprechen, weil es den Druck auf ihn erhöht. Aber er scheint wirklich das komplette Paket zu sein. Er kann wirklich ein großer Spieler werden, aber ich versuche, das nur zu flüstern, und es nicht von den Hausdächern zu schreien."

VIDEO: Piateks Doppelpack gegen Frosinone

(Artikel wird unter dem Video fortgesetzt)


Der Hype ist riesig. Dabei darf aber nicht verschwiegen werden, dass Piatek in Polen davor schon ein bekannter Spieler war. 21 Treffer erzielte er in der Vorsaison für Cracovia und landete damit auf dem dritten Rang der Torschützenliste.

Keine Ausstiegsklausel

"Ich bin von seiner Entwicklung nicht überrascht. Er hat Tore in seinem Blut und einen fantastischen Sinn dafür, wie er sich positionieren muss. Genoa hat schnell gehandelt und einen tollen Deal gemacht. Wir hatten Angebote aus halb Europa, aber es wundert mich schon, dass die großen Klubs ein solches Talent nicht wahrgenommen haben", sagt Michal Probierz, Piateks ehemaliger Trainer in Krakau.

Mittlerweile gibt es keinen Top-Klub mehr, der keinen Scout in die ligurische Hafenstadt schickt, um dem versatilen Mittelstürmer genau auf die Beine zu sehen. Preziosi reibt sich die Hände: "Es gibt keine Ausstiegsklausel", hält er fest. Der Vertrag seines Goldgriffes läuft bis Sommer 2022.

Der "Pistolero" in Aktion
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Angeblich will Genoa zumindest 50 Millionen Euro Ablöse für den 23-Jährigen, der seinen Marktwert innerhalb von nur wenigen Wochen damit verzehnfacht haben dürfte. 25 Millionen Euro soll Napoli-Boss Aurelio de Laurentiis bereits geboten haben. Auch der FC Bayern, Dortmund, Barca, Juve, Chelsea und Atletico werden als Interessenten genannt.

Preziosi hat derzeit keinen Stress, seinen Superstar zu verkaufen. "El Pistolero", wie er wegen seines Torjubels genannt wird, darf ruhig noch einige Zeit für Genoa scharf schießen. "Auch nur daran zu denken, ihn zu verkaufen, ist verrückt", tönt der Klub-Boss.

In anderen Momenten gibt er sich realistischer, meint: "Wir wissen, dass jemand kommen und ihm das zehnfache Gehalt bezahlen wird. Wir wollen niemandem etwas vormachen."

"Das Ball sucht mich einfach!"

Piateks Erklärung für den Lauf

Zbigniew Boniek, Präsident des polnischen Fußballverbands und als Aktiver Leistungsträger bei Juventus und Roma, rät dem Stürmer, seine neue Heimat nicht vorschnell zu verlassen: "Wenn er mich nach einem Rat fragen würde, würde ich ihm sagen, dass er noch zwei Jahre bleiben soll. Er soll lernen, sich verbessern und kann dann mit 25 Jahren überall hingehen, wo er will."

Piatek selbst hat keine Erklärung für seinen Lauf. "Das Ball sucht mich einfach", lacht er und fügt hinzu, "man kann mich nicht mit Lewandowski vergleichen: Er spielt für Bayern, ich in Genoa." Über seine Zukunft sagt er: "Ich bin gerade mal seit zweieinhalb Monaten hier, ich weiß nicht, wo ich in sechs Monaten sein werde."

Das nächste Ziel, das der Pole vor Augen hat, ist der Rekord von Gabriel Batistuta. Die argentinische Legende hat 1994/95 in den ersten elf Saisonspielen in Folge für die Fiorentina getroffen. "Das wird schwierig", weiß Piatek. Immerhin stehen am Weg dorthin noch Duelle mit Juventus, Milan und Inter auf dem Programm.

Preziosi wird das nicht so wichtig sein. Denn eines ist jetzt schon sicher: Wenn Krzysztof Piatek auch nur eine annähernd so grandiose Karriere hinlegt wie Robert Lewandowski – und bis dahin ist es noch ein sehr, sehr, sehr weiter Weg – muss er sich nicht vorwerfen lassen, sich diesen Stürmer durch die Finger gehen haben zu lassen.

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Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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