Italien: Immer wieder Rassismus

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Mario Balotelli, Kevin-Prince Boateng, Moise Keane, Kalidou Koulibaly und Romelu Lukaku. Was haben all diese Fußballprofis gemeinsam?

Sie alle haben in der Vergangenheit in Italien gespielt, beziehungsweise verdienen dort immer noch ihr Geld. Und sie alle sind schon Opfer von rassistischen Beschimpfungen geworden.

Das wirft einige Fragen auf: Warum Italien? Warum gelingt es nicht, diese rassistischen Ausfälle abzustellen? Und was müsste man tun, um Spieler dunkler Hautfarbe zu schützen?

Mario Balotelli kennt es zur Genüge. Über seine gesamte Karriere hinweg wurde der exzentrische Stürmer immer wieder rassistisch angefeindet. Die Palette reicht von Affenlauten bei Ligaspielen bis zu Beleidigungen durch Funktionäre. Und auch in der Nationalmannschaft wird Balotelli nicht von allen akzeptiert. Als er 2018 sein Comeback bei der Squadra Azzurra feierte und als Ersatzkapitän im Gespräch war, stand auf einem Banner im Stadion: "Mein Kapitän muss italienisches Blut haben!"

ÖFB-Legionär Robert Gucher kann auf viele Jahre in Italiens Profiligen zurückblicken und berichtet im LAOLA1-Gepräch von seinen Erfahrungen: „Mir persönlich sind solche Beleidigungen in den Stadien noch nicht aufgefallen. Es ist also nicht gang und gäbe, kommt aber leider immer wieder vor. Und diese Geschichten werden dann medial stark aufgepusht“, erklärt der 28-Jährige.

"Das ist ein Kulturproblem, der Fußball alleine kann da nichts ändern"

Italien-Legionär Robert Gucher

„Das ist ein Kulturproblem, der Fußball alleine kann da nichts ändern. Der Sport ist aber sehr populär und viel in der Öffentlichkeit. Da muss das Außenbild besser werden“, so Gucher, der aktuell bei Zweitligist AC Pisa unter Vertrag steht.

3. Jänner 2013. Der große AC Milan begibt sich für ein Freundschaftsspiel zum Kleinstadtverein Pro Patria. Was nach einem Fußballfest klingt, endet mit einem Eklat. Nachdem Milan-Profi Kevin-Prince Boateng wiederholt mit fremdenfeindlichen Beleidigungen bedacht wird, schießt er einen Ball in Richtung des Publikums, verlässt kurzerhand das Spielfeld und sorgt für einen Abbruch der Partie.

Ein gesamtgesellschaftliches Problem

Den Wahl-Italiener, Fan-Experten und Betreiber des Blogs altravita.com Kai Tippmann wundern solche Vorfälle nicht. Für ihn ist der Rassismus in Italien ein Alltagsphänomen, das sich keineswegs auf den Fußball beschränkt: „Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. In Italien gibt es einen Alltagsrassismus, der in verschiedenen Lebensbereichen immer wieder in Erscheinung tritt. Und eben auch im Stadion.“

Boateng bekommt für seine Aktion viele positive Rückmeldungen. Ein Großteil des Stadions applaudiert, als er gegen Pro Patria das Feld verlässt. Nach dem Spiel solidarisieren sich Trainer, Präsidenten und zahlreiche Spielerkollegen mit dem Deutsch-Ghanaer.

Nachhaltige Veränderungen werden dadurch aber nicht erzielt, nur einige Monate später erreicht ein Vorfall aus dem Amateurbereich die Öffentlichkeit. Ein Fußballer des Vereins Rioveggio wird von seinem Gegenspieler rassistisch beschimpft, setzt sich zur Wehr und wird daraufhin des Platzes verwiesen. In der Folgewoche läuft die gesamte Mannschaft mit schwarz bemalten Gesichtern auf, Vorbild dafür war ein Ereignis, das sich bereits im Jahr 2001 in der Serie B abspielte: Nachdem Treviso-Stürmer Omolade beleidigt worden war, spielten auch seine Teamkameraden mit Farbe im Gesicht.

Wieder gibt es Unterstützung für die Betroffenen, doch wieder ist diese nicht von Dauer. Im Februar 2016 ist Napoli-Verteidiger Kalidou Koulibaly während des Auswärtsspiels bei Lazio Rom Beleidigungen von der Tribüne ausgesetzt. Das Match wird einige Minuten unterbrochen und die Römer bekommen im Nachhinein eine Geldstrafe und Blocksperre aufgebrummt. Dieses Vorgehen stößt allerdings nicht überall auf Verständnis: Lazio-Trainer Stefano Pioli spricht sich gegen Spielunterbrechungen aus, diese würden nur einer Minderheit Aufmerksamkeit geben.

Das Bild wiederholt sich

Piolis Aussage zeigt gut, warum die Rassismusdebatte immer noch aktuell ist. Häufig wird das Problem kleingeredet oder ausschließlich mit Fangruppen in Verbindung gebracht, dauerhafte Verbesserungen bleiben aus. Am 6.5.2017 bricht der Juventus-Spieler Medhi Benatia ein Fernsehinterview ab, nachdem ihn ein Mitarbeiter des Senders RAI als „Scheiß Marokkaner“ bezeichnet hat. Eine Woche zuvor sieht sich Sulley Muntari mit rassistischen Rufen konfrontiert und verlässt vor Abpfiff das Spielfeld.

26. Dezember 2018, wieder steht Kalidou Koulibaly im Mittelpunkt: Während der Partie bei Inter Mailand wird er immer wieder mit Affenlauten bedacht. Koulibaly wird kurz vor Spielende ausgeschlossen, danach fällt das entscheidende 1:0 für die Hausherren. Nach dem Abpfiff verurteilt Napoli-Trainer Carlo Ancelotti die Geschehnisse und droht für die Zukunft mit Spielabbrüchen. Inter bekommt zwei Geisterspiele, Koulibaly verfasst einen kritischen Tweet und erntet viel Beifall.

Es wiederholt sich das bekannte Bild: Ein prominenter Spieler tut seinen Ärger kund, die Öffentlichkeit gibt sich solidarisch. Nachdem die erste Aufregung verflogen ist, kehrt aber schnell wieder Ruhe ein, das ganze Prozedere beginnt von vorne.

"Der Rassismus findet sich aber auch an anderen Stellen, und dort tut niemand etwas dagegen"

Fan-Experte Kai Tippmann

Für Kai Tippmann sind die Reaktionen lediglich Augenauswischerei, bei Beleidigungen aus der Kurve würden sich alle aufregen. „Das wird dann genutzt, um Repressionen gegen Fans durchzusetzen. Der Rassismus findet sich aber auch an anderen Stellen, und dort tut niemand etwas dagegen“, sagt der Wahl-Italiener. Als Beispiele nennt er den ehemaligen Verbandspräsidenten Carlo Tavecchio, der immer wieder mit diskriminierend Aussagen auffiel, den Ex-Profi Paolo Di Canio, der sich selbst als Neofaschist bezeichnet, einst im Stadion den römischen Gruß zeigte und dennoch als TV-Kommentator arbeiten durfte, oder den früheren Innenminister Matteo Salvini, der den Rassismus eine „Erfindung der Linken“ nannte.

Die jüngere Geschichte gibt Tippmann recht. Auch für das Jahr 2019 gibt es bereits eine ganze Liste rassistischer Vorfälle. Am 2. April wird Juve-Shootingstar Moise Kean beim Match in Cagliari laufend beleidigt, trifft dann zum 2:0 und jubelt demonstrativ vor dem gegnerischen Publikum. Nach dem Spiel kritisiert Keans Teamkollege Leonardo Bonucci das Verhalten: „Ich denke, die Schuld ist 50 zu 50 verteilt.“ Cagliari wird später vom Sportgericht freigesprochen, die Beleidigungen hätten „objektiv nur eine geringe Relevanz“.

1. September. Wieder macht das Publikum in Cagliari auf sich aufmerksam, diesmal richten sich die Beschimpfungen gegen Inter-Neuzugang Romelu Lukaku. Der Belgier trifft zum 2:1-Sieg und veröffentlicht später auf Instagram ein Plädoyer gegen Diskriminierung. Doch dieses stößt nicht überall auf Verständnis, Inter-Ultras antworten in einem offenen Brief, die Rufe gegen den Stürmer seien gar nicht rassistisch gewesen.

Zwei Probleme

Die Reaktion der Anhängerschaft offenbart zwei grundsätzliche Probleme in der Diskussion. Erstens ist der Rassismus in Italien tief verankert. Beleidigende Aussagen werden oft ignoriert, geduldet oder gar insgeheim gutgeheißen. Bei allen hier beschriebenen Vorfällen gab es auch Stimmen, die das Geschehene relativiert haben, beziehungsweise dafür gesorgt haben, dass es schnell wieder vergessen wird. So ist eine langfristige Besserung nur schwer möglich.

Zweitens werden die Fans in den Stadien zu oft als alleinige Sündenböcke hergenommen. Natürlich sind Affenlaute gegen Spieler problematisch und müssen verurteilt werden. Offensichtlich gibt es Rassismus aber auch anderenorts und wird dort noch viel weniger beachtet und bekämpft. Fußballer, Verbände, Medien und Politik sollten mit gutem Beispiel vorangehen, in der Realität ist das aber nicht immer so. Fangruppen reagieren oft sensibel, wenn sie selbst mit Verboten und Blocksperren bedacht werden, rassistische Funktionäre ihr Amt aber unbehelligt ausüben können.

Die unterschiedliche Beurteilung kann schnell zu einer Trotzreaktion des Publikums führen und einen gegenteiligen Effekt als den gewünschten hervorrufen. Pisa-Legionär Robert Gucher berichtet etwa von Fangruppen, die mittels verwerflicher Gesänge absichtlich Strafen provozieren, um ihrem Präsidenten eins auszuwischen.

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt jedenfalls, dass die Bemühungen, den Rassismus in italienischen Stadien einzudämmen, keinerlei Wirkung gezeigt haben. Bereits 1992 plädierte der damalige Milan-Star Ruud Gullit öffentlich für Spielabbrüche bei diskriminierenden Beleidigungen. Dass auch 27 Jahre später noch über diese Maßnahme diskutiert wird, lässt erahnen, wie erfolgreich er mit seinem Anliegen war.

Heute ist das Thema so präsent wie schon lange nicht. Der Fall Lukaku erhitzte die Gemüter und löste einige Reaktionen aus. So ließ sich der TV-Kommentator Luciano Passirani zu dem Sager hinreißen, der Stürmer sei nur zu stoppen, wenn man ihm zehn Bananen gebe. Später behauptete der 80-Jährige, es sei nur ein Witz gewesen. Sein Arbeitgeber, der Sender Top Calcio 24, feuerte ihn trotzdem.

Am 22. September dann der nächste Eklat: Das Spiel zwischen Atalanta Bergamo und der AC Florenz wird einige Minuten unterbrochen, nachdem Fiorentina-Kicker Dalbert Henrique von den Rängen beleidigt wurde.

Der besorgte Herr Infantino

Daraufhin meldet sich sogar FIFA-Präsident Gianni Infantino zu Wort und verurteilt das Geschehene: „Wir können keinen Rassismus in der Gesellschaft oder im Sport haben. In Italien hat sich die Situation nicht verbessert, und das ist sehr ernst.“ Einige Wochen später wird erneut Mario Balotelli zur Angriffsfläche. Aus der Hellas-Verona-Kurve muss sich der Stürmer entbehrliche Gesänge anhören, wird sichtlich wütend und schießt den Ball auf die Tribüne. Das Spiel wird kurz unterbrochen, viel mehr passiert dann aber auch nicht, wenngleich wieder die üblichen Reaktionen zu vernehmen sind.

Die Serie A und der italienische Fußballverband haben eine neue Anti-Rassismus-Kampagne angekündigt, wie ernst es ihnen damit ist, wird sich erst zeigen. Italien-Experte Kai Tippmann ist sich sicher: „Rassismus muss in allen Gesellschaftsbereichen bekämpft werden. Langfristige Änderungen können nur durch Bildung erreicht werden, vor allem Jugendlichen muss man den Horizont erweitern. Stadionverbote sind zwar oft gerechtfertigt, die Lösung ist aber nicht, den Rassismus einfach aus dem Fernsehen und damit der öffentlichen Wahrnehmung auszusperren.“

Die letzten Jahre, Monate und Wochen haben deutlich gemacht, dass Rassismus in Italien weiterhin sehr präsent ist. Immer wieder werden Fußballer aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft beleidigt und die halbherzigen Gegenmaßnahmen machen wenig Hoffnung auf Besserung. Doch auch die kritischen Stimmen mehren sich, die mediale Aufmerksamkeit für das Thema war zuletzt sehr hoch. Und so gilt es, den Glauben an eine Gesellschaft und einen Fußball ohne Diskriminierung nicht zu verlieren.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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