Vom zarten Burschi zum Dribbelkönig

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Riyad Mahrez: Vom Burschi zum Dribbelkönig

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Die Verantwortlichen des RC Lens dürften den Fehler mittlerweile eingesehen haben.

Vor einigen Jahren überlegten die Nordfranzosen, ein junges Talent namens Riyad Mahrez zu verpflichten. Man entschied sich dagegen. Der Grund: Er sei zu schmächtig für eine Karriere im Spitzenfußball.

Die Zukunft hat den Verein eines Besseren belehrt. Mittlerweile spielt Mahrez für den Tabellenführer der Premier League. Mit 13 Toren und sieben Assists gilt der Leicester-Profi gemeinhin als bester Spieler der aktuellen Saison.

Der Tod des Vaters als „Kickstart“

Die Lens-Scouts waren nicht die einzigen, die den Dribblanski in jungem Alter falsch einschätzten. „Einige Jugendtrainer sagten, ich sei zu dünn und dass mich die Gegenspieler einfach wegschubsen würden“, erzählt der 24-Jährige dem „Guardian“. „Ich hatte immer eine gute Technik. Aber physisch war ich einfach nicht stark genug. Ich war auch nicht schnell, aber ich habe stets hart an mir gearbeitet.“

Also machte der algerische Nationalspieler, der in einem nördlichen Vorort von Paris aufwuchs, aus der Not eine Tugend. „Wenn du dünn bist, musst du den Zweikämpfen aus dem Weg gehen. Ein Trainer hat zu mir gesagt: ‚Du musst ohne Körperkontakt spielen und einfach clever sein, weil du momentan noch nicht stark genug bist.‘“

Während andere zweifelten, ging jener Mann, der stets am stärksten an ihn glaube, bereits früh von ihm. Im Alter von 15 Jahren musste Mahrez den Tod seines Vaters hinnehmen. Ein schwerer Schicksalsschlag, gleichzeitig aber auch ein Neubeginn. „Sein Tod war vielleicht ein kleiner Kickstart für mich“, erklärt der Flügelspieler.

„Er stand immer hinter mir. Weil er selbst für kleinere Klubs spielte, wusste er, was zu tun ist. Er wollte, dass ich Fußballer werde. Nach seinem Tod liefen die Dinge plötzlich für mich. Vielleicht weil ich mit mehr Ernsthaftigkeit an mir arbeitete oder weil ich es im Unterbewusstsein mehr wollte.“

Ein Zufall führt ihn nach Leicester

Drei Jahre nach dem Tod seines aus Algerien stammenden Vaters nahm die Karriere Fahrt auf. Der siebtklassige Amateurverein FC Quimper holte ihn von seinem Heimatklub AAS Sarcelles in die Bretagne. Dort entdeckte ihn im Alter von 19 Jahren der AC Le Havre. Jener Verein, der auch Paul Pogba den Weg ebnete.

Abseits der renommierten, französischen Akademien gelang Mahrez über die Amateur-Mannschaft des Zweitligisten der Sprung in den Profi-Fußball. In der Ligue 2 bestritt er 60 Spiele für den Hafenklub, ohne dabei groß auf sich aufmerksam zu machen. Erst ein Zufall brachte ihn nach Leicester.

„Foxes“-Scout Steve Walsh wollte mit Ryan Mendes eigentlich einen anderen Spieler beobachten, doch Mahrez stach ihm ins Auge. „Er war noch ein bisschen grün hinter den Ohren, aber ihn zeichnete eine tolle Ballbehandlung aus, mit der er an Gegenspielern vorbeiziehen konnte. Ich mochte seine Hartnäckigkeit.“

Auf Empfehlung des Scouts verpflichtete ihn Leicester im Jänner 2014. Läppische 500.000 Euro musste man Le Havre für Mahrez überweisen. Ein Schnäppchen.

Der Dribbelkönig der Premier League

Mittlerweile ist der 24-Jährige neben Jamie Vardy der mit Abstand wichtigste Spieler des Klubs. Gemeinsam haben die beiden 80 Prozent aller Treffer des Leaders erzielt.

Die Leistungs-Explosion des 22-fachen algerischen Internationalen kam dennoch etwas überraschend. Letzte Saison traf er lediglich vier Mal. Ex-Coach Nigel Pearson setzte Mahrez gerne zentral ein. Unter Claudio Ranieri agiert der gelernte Flügelspieler zumeist rechts außen. Von dort kann er zur Mitte ziehen und den Abschluss suchen.

Nicht umsonst ist der Leicester-Profi der Spieler mit den meisten Dribblings der Liga. Im Durchschnitt sucht er 3,6 Mal pro Spiel das direkte Duell mit dem Gegner. Gleichzeitig beherrscht er es aber, im richtigen Moment abzuspielen. Die sieben Assists kommen nicht von ungefähr. Seine Effektivität ist beeindruckend.

Wechsel zu einem Top-Klub?

Von der einstigen Schmächtigkeit ist nicht mehr viel über. Dank Extra-Einheiten im Trainingszentrum wurde aus dem dünnen Burschi ein stämmiger Mann, der nichts von seiner Spritzigkeit verloren hat.

Nicht nur deswegen fühlt sich Mahrez rundum wohl beim Klub von Christian Fuchs. Erst im Sommer verlängerte er seinen Vertrag bis 2019. Mittlerweile spricht der algerische WM-Teilnehmer, dessen Mutter aus Marokko stammt, flüssiges Englisch. Auch seine Ehefrau kommt von der Insel.

Um Mahrez von Leicester loszueisen, wird es deswegen ein Top-Angebot brauchen. Tottenham und Manchester United sollen angeblich schon mit 41 Millionen Euro vorgefühlt haben, doch beide sind eiskalt abgeblitzt. „Niemand kann Vardy oder Mahrez kaufen. Kein Klub hat genügend Geld dafür“, erklärt Ranieri seine beiden Stars zuletzt für unverkäuflich.

Auch der Flügelspieler selbst schwört Leicester die Treue – zumindest bis zum Sommer. Dann ist Mahrez für die „Füchse“ wohl nicht mehr zu halten.

Wohin die Reise gehen könnte, scheint noch ungewiss. Der RC Lens wird es wohl kaum werden. Die Nordfranzosen hatten ihre Chance auf den Edeltechniker. Sie haben sie nicht genutzt.

 

Jakob Faber

 

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Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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