Michael Liendl über WAC: "Das ist nicht normal"

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Der Wolfsberger AC in der Europa League?

Das hätten sich wohl nur wenige zu träumen gewagt, am Donnerstag wird dies mit dem Auftakt bei Borussia Mönchengladbach (ab 21 Uhr bei DAZN und im LIVE-Ticker) aber tatsächlich wahr.

Michael Liendl bringt als WAC-Leitwolf schon Erfahrung in diesem Bewerb mit - 2009/10 und 2011/12 gelang ihm mit der Wiener Austria der Einzug in die Gruppenphase. "Genau deswegen bin ich noch relativ entspannt. Vom Gefühl her bin ich da einer von wenigen – das muss ich ehrlich sagen", gesteht der mittlerweile 33-jährige Mittelfeldmotor im LAOLA1-Interview.

Dass es ein Klub wie der WAC schaffen kann, sei ein Wink an die Großklubs, an denen der Vorarlberger Kritik übt. Gleichzeitig glaubt er weiter an den Durchbruch von Ex-WAC-Trainer Christian Ilzer bei seinem Ex-Verein FAK.

Im Vordergrund steht jedoch die Erwartungshaltung vor der Premiere der Wölfe in der Europa League, warum Gerhard Struber nahtlos an Ilzers Erfolgszeit anschließen konnte, was für Liendl schon einen faden Beigeschmack hat und warum er sich vorstellen kann, seine Karriere beim WAC zu beenden.

LAOLA1: Wie groß ist schon das Kribbeln vor dem Europa-League-Auftakt? Ist es mehr Anspannung oder Freude?

Michael Liendl: Es ist natürlich beides, grundsätzlich bin ich noch relativ entspannt. Ich glaube, dass es wirklich erst losgeht, wenn wir das Abschlusstraining im Stadion in Gladbach machen, da kommt dann noch mehr Freude auf.

LAOLA1: Du bist doch ein Routinier, hast schon größere Spiele bestritten. Wie nimmst du es bei den jüngeren, unerfahreneren Kollegen und im WAC-Umfeld wahr?

Liendl: Genau deswegen bin ich noch entspannt. Vom Gefühl her bin ich da einer von wenigen – das muss ich ehrlich sagen -, weil sicher schon seit ein paar Wochen jeder auf den Start der Europa League hinfiebert. Ich habe das schon zwei Mal miterleben dürfen, weiß, dass es cool ist und habe schon das eine oder andere größere Spiel mit mehr Zuschauern gemacht, somit sehe ich das ein bisschen lockerer. Aber es ist ganz klar so, dass in den letzten Wochen die Europa League ein großes Thema in der Mannschaft und auch um den Verein herum war.

LAOLA1: Wie äußert sich das in der 25.000 Einwohner fassenden Stadtgemeinde Wolfsberg und Umgebung?

Liendl: Im näheren Kreis des Klubs sind viele Sachen zu organisieren, die der Verein in der Art und Weise natürlich noch nicht kennt. Da merkt man schon, dass das komplettes Neuland ist. In Wolfsberg reden dich schon immer wieder Leute an, die dir alles Gute für die Europa League wünschen – obwohl doch noch ein Zeiterl hin ist. Aber das ist ja auch was Schönes. Es soll auch so sein, dass sich die Region und alle, die dem Verein verbunden sind, freuen.

LAOLA1: Du selbst hast schon 15 EL-Einsätze für die Austria, hast in Deutschland gespielt. Wo ist dieser Erfolg mit dem WAC für dich einzuordnen?

Liendl: Natürlich schon sehr hoch und weit vorne, weil es einfach keine Normalität ist, dass der WAC in der Europa League spielt. Aber es ist schon so, dass man es immer wieder mal erwartet, dass man dabei ist. Ich will die Geschichte damals keinesfalls missen, das war auch schon ein cooles Erlebnis. Aber das jetzt ist sehr hoch einzustufen. Klar war es in Deutschland noch einmal eine ganz andere Stufe für mich persönlich, weil ich immer dorthin wechseln wollte. Aber es ist einfach nicht normal, dass ein Verein wie der WAC international performen darf.

"Dazu stehe ich! Ich will jetzt nicht sagen, dass alle schlecht arbeiten, aber Fakt ist – wenn man sich die letzten Jahre anschaut -, dass die kleinen Vereine ganz einfach näher an die größeren Vereine herangerückt sind."

Für Liendl arbeiten die Großklubs nicht gut genug

LAOLA1: Du hast es angesprochen: RBS in der Champions League, LASK und WAC in der Europa League – das ist nicht üblich. Der Rest schaut durch die Finger. Stehst du weiter zu deiner Kritik, dass bei Großklubs wie Rapid oder Austria nicht gut genug gearbeitet wird?

Liendl: Dazu stehe ich! Ich will jetzt nicht sagen, dass alle schlecht arbeiten, aber Fakt ist – wenn man sich die letzten Jahre anschaut -, dass die kleinen Vereine ganz einfach näher an die größeren Vereine herangerückt sind. Und das muss ja einen Grund haben. Ich bin schon der Meinung, dass die kleinen Vereine sehr gut gearbeitet haben, ansonsten wäre es gar nicht möglich, dass der WAC letzte Saison Dritter wird, international spielt, jetzt schon wieder Dritter ist und sehr gut in die Saison gestartet ist. Da hat der eine oder andere große Verein einfach mehr Probleme – jetzt und die letzten Jahre immer wieder. Das hat ja Gründe, dass das am Ende so passiert ist. Dann muss man sich auch einmal eingestehen, dass man vielleicht die letzten Jahre nicht immer alles richtig gemacht hat.

LAOLA1: Was hat dann der WAC alles richtig gemacht, dass er nun dort steht, wo er jetzt steht?

Liendl: Grundsätzlich mal kontinuierlich in Ruhe gearbeitet. Klar ist es bei einem kleineren Verein immer ein bisschen einfacher, weil der Druck von außen und von den Fans nicht so groß ist – das lasse ich mir einreden. Bevor ich gekommen bin, hat man schon um den Abstieg mitgespielt, hat aber die Zeichen der Zeit erkannt und die richtigen Maßnahmen gesetzt, dass man was tun muss, damit das wieder in die richtige Richtung geht. Mit Christian Ilzer hat man damals auch den richtigen Trainer an Land gezogen. Dann hat man punktuell gewusst, was man tun muss und welche Spieler man zu welchem System haben will. Das hat der WAC damals sehr gut gemacht und da sieht man dann auch, was entstehen kann, wenn man die richtigen Entscheidungen trifft.

LAOLA1: Schmerzt es dich als Ex-Austrianer aktuell, wo die Veilchen derzeit herumtümpeln oder ist das eben genau darauf zurückzuführen, was du kritisiert hast?

Liendl: Es schmerzt auf alle Fälle, weil ich drei wunderbare Jahre in Wien hatte, den Verein und die Fans wirklich gerne mag. Ich habe dort wirklich schöne Spiele erleben und international spielen dürfen. Es war einfach eine coole Zeit. Da tut es dann schon weh, wenn es für so einen Verein nicht gut läuft. Ich kann es leider nicht direkt beeinflussen.

LAOLA1: Überrascht es dich, dass euer Erfolgstrainer bei der Austria noch nicht funktioniert oder glaubst du, dass seine Qualitäten noch herauskommen – wenn man ihm die Zeit gibt?

Liendl: Das ist der große Punkt. Ich glaube schon, dass sie jetzt mit Peter Stöger einen Mann haben, der Ruhe bewahrt, ein Fachmann ist und ganz genau weiß, was zu tun ist. Deshalb glaube ich, dass er allgemein eine sehr wichtige Personalie für die Austria ist. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass Christian Ilzer ein sehr guter Trainer ist. Mein Sprichwort war immer, dass sich die Qualität früher oder später immer durchsetzt. Und ich glaube schon, dass er seinen Weg auf alle Fälle machen wird.

LAOLA1: Warum hat dieser Trainerwechsel beim WAC auf Gerhard Struber so nahtlos funktioniert? Ihr wirkt noch kompakter, noch torgefährlicher – ohne große Umstellungen.

Liendl: Struber hat erkannt, was zu tun ist. Wir hatten eine überragende Saison gespielt, mit einem System, das sehr gut auf die Spieler abgestimmt war. Das hat er nahtlos übernommen und mit seiner Art und Weise Kleinigkeiten verändert, die uns in der Kompaktheit und im Positionsspiel nach vorne noch ein bisschen besser gemacht haben. Somit macht er einen richtig guten Job und der Verein hat sich richtig entschieden, den Weg mit ihm fortzuführen.

LAOLA1: Trainer Struber hat mir zu Saisonbeginn gesagt, dass trotz des Erfolgs keiner in diesem Team abheben wird. Hatte er recht? Und wenn ja, warum?

Liendl: Wir sind ein bodenständiger Verein und dementsprechend haben wir auch die Spieler. Es ist kein Zufall, dass wir dort hingekommen sind, weil wir eine Top-Saison gespielt haben und die Spielertypen haben, die das gut einordnen können. Jeder weiß, wo er ist und was er dazu beitragen muss, dass es wieder so erfolgreich wird. Momentan machen wir das als Mannschaft wirklich geschlossen richtig gut, mit einem engen Zusammenhalt – das zeichnet uns schon aus. Und sollte mal einer abheben, haben wir schon auch die Spieler, die ihn relativ rasch wieder herunterholen können.

LAOLA1: Die EL-Gruppenphase habt ihr euch verdient, doch jetzt geht es erst richtig los. Was rechnest du dir aus gegen Gladbach, AS Rom oder Istanbul BB?

Liendl: Schwer einzuordnen, muss ich ehrlich sagen. Fakt ist, dass wir in jeder Partie Außenseiter sind, aber lustig wird es auch nicht, wenn wir jedes Spiel fünf Stück kriegen. Wir können schon das Selbstvertrauen, dass wir uns die letzten Monate erarbeitet haben, in die Europa League mitnehmen und einfach dort so aufspielen, wie in der Liga. Wir haben Salzburg und den LASK geschlagen. Vor allem RBS wird international auch eine Rolle spielen, somit haben wir gesehen, dass man an einem guten Tag eine Top-Mannschaft schlagen kann. Warum sollten wir in der Europa League nicht den einen oder anderen Sieg einfahren? Immer mit dem Wissen, dass es extrem schwer wird.

LAOLA1: Wird beim Start am Bökelberg in Gladbach die Vorsicht vor dem schier übermächtigen Gegner dominieren oder ist man so von sich selbst überzeugt, da mithalten zu können?

Liendl: Das wird einfach interessant zu beobachten, wie jeder Spieler damit umgeht. Ich fahre nicht dorthin und habe Angst, wenn ich am Ball bin. Die Frage wird einfach sein, wie das Spieler annehmen, die noch nie vor so einer Kulisse gespielt haben und vielleicht ein bisschen jünger sind. Da liegt es an den erfahrenen Spielern und dem ganzen Trainer-Staff, uns so einzustellen, dass wir dort unseren Fußball spielen. Dann ist es egal, ob dort 50.000 oder 5.000 Leute drin sitzen und ob der Name Gladbach oder wie einer aus der Bundesliga heißt.

LAOLA1: Ein Duell mit Trainer Marco Rose ist nichts Neues für euch. Ist das ein Vorteil, da er in Gladbach ähnlich spielen lässt oder kann man das nicht vergleichen?

Liendl: Grundsätzlich hat er seine Linie und in Salzburg war die extrem erfolgreich. Das wird er in Gladbach nicht großartig ändern. Ob Vor- oder Nachteil – es ist einmal so, dass er uns auch gut sehr kennt, somit werden sie uns höchstwahrscheinlich nicht unterschätzen. Wir kennen ihn auch sehr gut. Am Ende wird es am Platz entschieden.

"Natürlich hat das einen sehr faden Beigeschmack. Wir hätten alle lieber in Klagenfurt gespielt, weil es wahrscheinlich das schönste Stadion in Österreich ist und auch viel mehr Zuschauer reinpassen. Ich glaube schon, dass der Verein und das Land alles versucht hat."

Liendl zur Stadion-Diskussion in Klagenfurt

LAOLA1: Am 2. Spieltag kommt dann der AS Rom nach Graz. Hoher Besuch, aber im falschen Stadion. Wie bewertest du die Stadiondebatte? Ist es nicht traurig für Österreich, lieber Bäume zu pflanzen als einen Kärntner Klub in Klagenfurt spielen zu lassen?

Liendl: Natürlich hat das einen sehr faden Beigeschmack. Wir hätten alle lieber in Klagenfurt gespielt, weil es wahrscheinlich das schönste Stadion in Österreich ist und auch viel mehr Zuschauer reinpassen. Ich glaube schon, dass der Verein und das Land alles versucht haben, aber wenn Verträge geschlossen werden und derjenige nicht nachgibt und sein Projekt durchziehen will, kann man schwer eingreifen. Dass dort natürlich immer wieder Veranstaltungen stattfinden, ist auch normal, weil mit Austria Klagenfurt dort ein Verein spielt, der nicht die Massen anzieht. Das macht vielleicht auch Sinn, dort immer wieder Projekte zu machen, aber dass sich das so überschneidet, ist sehr bitter für uns.

LAOLA1: Es zeigt gleichzeitig aber auch den Stellenwert des Fußballs in Österreich bzw. die begrenzten Möglichkeiten bei Spielstätten.

Liendl: Auf alle Fälle. Es ist einfach so, dass wir nicht gesegnet sind mit lauter riesigen Stadien. Wir haben in Wolfsberg auch keines. Hätten wir eines, hätten wir die Debatte nie geführt. Wir sind halt nicht das größte Land, wo jeder ein Stadion für 20.000 oder 30.000 Zuschauer hat. Das ist bitter, aber ich weiß nicht, ob sich das aufgrund des Größe des Landes jemals ändern wird.

LAOLA1: Zurück zum Sportlichen: Was macht diese WAC-Mannschaft so besonders? Die Mischung oder würdest du etwas Spezielles hervorstreichen?

Liendl: Natürlich die Mischung, aber am Ende sind der Teamgeist und der Zusammenhalt in der Mannschaft außergewöhnlich. Egal wer spielt, gibt es keinen, der Stunk macht, oder beleidigt ist, sondern der seinen Teil dazu beiträgt, auch wenn er nicht spielt. Das habe ich in Vereinen schon ganz anders erlebt.

LAOLA1: Muss man Angst haben, dass Shon Weisman nach so einem Top-Start mit acht Toren bald schon nicht mehr für den WAC stürmt?

Liendl: Ja, dafür hat er grundsätzlich Vertrag und einem Verein wie dem WAC wird es nie schaden, wenn Spieler verkauft werden und man damit Geld verdient. Aus sportlicher Sicht wäre es schon schade, weil er vor dem Tor extreme Qualität hat. Er hat noch Vertrag bis 2021, deshalb sehe ich das relativ gelassen. Und er muss sich auch noch weiterentwickeln. Er ist noch kein fertiger Spieler, ich glaube schon, dass da noch Potenzial ist, um sich zu verbessern.

LAOLA1: Aber alleine das spricht schon wieder für den WAC, so einen Spieler bekommen zu haben. Andere Großklubs wären wahrscheinlich froh über so einen Stürmer.

Liendl: Auf alle Fälle, das hat mit gut und schlecht arbeiten zu tun. Es gehört bei solchen Transfers immer ein bisschen Glück dazu, aber als anderer Verein muss man sich dann schon die Frage gefallen lassen, warum solche Transfers dann nicht größere Vereine tätigen? Ohne irgendwem jetzt fehlende Qualität bei Spielern zu unterstellen. Ich glaube schon, dass ihn andere Teams in der Liga jetzt gerne an der Angel hätten.

"Ich glaube nicht, dass es mit meiner Vergangenheit schlau gewesen wäre, zu Rapid zu gehen."

Liendl über Gespräche mit Großklubs in Österreich

LAOLA1: Auch mit dir ist dem WAC 2018 ein Top-Transfer gelungen. Du hast damals schon betont, dass es in Österreich viele Gespräche gegeben hat. War es da ähnlich von den Großklubs her?

Liendl: Es hat das eine oder andere Gespräch gegeben, aber am Ende ist es nie so konkret geworden. Somit habe ich mich damit nicht auseinandergesetzt. Dann ist die Entscheidung relativ früh für den WAC gefallen und im Nachhinein war das schon der richtige Schritt.

LAOLA1: Waren das damals die üblichen Verdächtigen mit Austria, Rapid, Sturm?

Liendl: Nein, Rapid nicht. Ich glaube nicht, dass es mit meiner Vergangenheit schlau gewesen wäre, zu Rapid zu gehen. Somit war das kein Thema. Es hat sonst das eine oder andere Gespräch gegeben, aber nicht mehr und nicht weniger.

LAOLA1: Du bist mittlerweile 33 Jahre alt, hast im Mai bis 2021 verlängert. Wie geht es dann weiter und was sieht dein Karriereplan vor, wie lange du spielen willst?

Liendl: Das werden wir sehen. In jungen Jahren erträumt man sich schon einen gewissen Karriereweg, das habe ich auch mit dem Weg nach Deutschland. Umso älter man wird, desto schwieriger wird es, sich etwas zurechtzulegen. Ich habe noch Vertrag, fühle mich extrem gut und es macht auch keinen Sinn, jetzt drei, vier Jahre weiter zu planen. In dem Alter muss man einfach schauen, wie es einem körperlich von Jahr zu Jahr geht. Momentan geht es mir sehr, sehr gut, ich war zum Glück nie gröber verletzt. Somit glaube ich, dass ich das eine oder andere Jahr schon noch spielen kann. Was dann passiert, lasse ich auf mich zukommen.

LAOLA1: Aber es ist auch nicht auszuschließen, dass der WAC möglicherweise zum Schlusskapitel deiner Karriere werden könnte?

Liendl: Nein, das ist auf gar keinen Fall auszuschließen. Ich fühle mich sehr wohl, ich habe ein sehr gutes Verhältnis zum Präsidenten und allen Leuten im Verein. Ich bin in die eine oder andere Sache immer wieder involviert. Es spricht grundsätzlich nichts dagegen, meine Karriere hier zu beenden. Aber soweit vorausschauen will ich nicht und dafür ist es auch noch zu früh.

Textquelle: © LAOLA1.at

WAC-Profi Lukas Schmitz: Seitenhieb auf Rapid, Austria & Co.

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