Marsch: "Habe geglaubt, wir schaffen es noch"

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Es roch schon wieder verdächtig nach einer dieser denkwürdigen Europacup-Nächte in der Salzburger Red Bull Arena.

Ähnlich wie Sturm Bianca am Vortag fegte der FC Salzburg durchs Stadion in Wals-Siezenheim und wirbelte Gegner Eintracht Frankfurt dabei so richtig durcheinander. Nach zehn Minuten führten die "Bullen" mit 1:0, nur fünf Minuten und zahlreiche Chancen später hätte es 2:0 für den österreichischen Serienmeister stehen müssen.

"Nach den ersten 20 Minuten habe ich daran geglaubt, dass wir es schaffen. Die ersten 25 Minuten waren überragend, da haben meine Jungs alles reingeworfen, waren läuferisch stark und aggressiv. Da haben wir wieder unseren Fußball gezeigt. Schade, dass uns das zweite Tor nicht gelungen ist", ärgert sich Trainer Jesse Marsch, der von der besten Leistung 2020 spricht.

Matchplan ging voll auf, aber...

Trotz des fulminanten Starts und des tosenden Salzburger Publikums im Rücken konnten die Mozartstädter diese Drangphase nicht in weitere Tore ummünzen, bei einer Eckballserie rund um die elfte Minute kamen mit Sekou Koita (12.), Hee-chan Hwang (13.), Enock Mwepu (13.) und Jerome Onguene (14.) gleich vier Salzburger zu aussichtsreichen Einschussmöglichkeiten im Sechzehner.

"Wir haben sehr gut ins Spiel reingefunden und haben ein frühes Tor geschossen - genau das haben wir uns vorgenommen. Ich glaube, dass die ersten 25 Minuten von uns top waren. Das 2:0 lag in der Luft, mit ein bisschen Glück schießen wir das auch, dann schaut es ganz anders aus", ist sich Albert Vallci, der zum zweiten Mal in Folge auf der ungewohnten Position des Rechtsverteidigers auflief, sicher.

Stattdessen kam Frankfurt aus einer einfach aber perfekt gespielten Umschaltsituation in Minute 30 zum 1:1-Ausgleich durch Andre Silva, der die "Bullen" zu mindestens drei weiteren zu erzielenden Toren verdonnerte.

Vallci analysiert: "Frankfurt kommt mit der zweiten Aktion zum 1:1, das war halt schon ein bisschen ein Bruch, das hat die Luft ein wenig rausgenommen. Natürlich haben wir noch nicht aufgegeben, wir haben alles versucht, aber Frankfurt hat das auch clever gemacht."

Kein "Lazio 2.0"

Nach Seitenwechsel schöpften die Salzburger dennoch nochmal Hoffnung. Für die neu gefundene Energie nach der Pause war einmal mehr eine Power-Kabinenansprache von Coach Jesse Marsch verantwortlich, wie Rekordneuzugang Noah Okafor, der als Joker zu seinem zweiten Einsatz für die Salzburger kam, verrät:

"Wir waren von der ersten Sekunde an bereit, das Publikum war da. Dann werden wir für einen kleinen Fehler im Mittelfeld durch ein Umschalten von Frankfurt mit dem 1:1 bestraft. Dann war es ein bisschen schwierig, nochmal Schwung zu holen. Aber in der Halbzeit hat der Trainer nochmal angedeutet, dass alles noch möglich ist."

Die Mentalität für Aufholjagden der unmachbaren Sorte ist in Salzburg nämlich ohnehin vorhanden. Nicht umsonst war vor dem Spiel auf einem Banner in der Salzburger Fankurve von einem "Lazio 2.0" zu lesen. Zur Erinnerung: Im Viertelfinale der Europa-League-Saison 2017/18 machten die "Bullen" nach einer 2:4-Auswärtsniederlage und einem 0:0-Pausenstand gegen Lazio Rom innerhalb von 45 Minuten einen Drei-Tore-Rückstand wett und stiegen schließlich mit einem 6:5 gesamt auf.

Und auch gegen die Eintracht gingen die Mozartstädter mit 2:1 in Führung. Dass dies durch einen Kopfball von Jerome Onguene in Minute 71 und damit eine Minute früher als vor zwei Jahren gegen Lazio, als Amadou Haidara die "Bullen" mit einem Weitschuss wieder hoffen ließ, geschah, sollte nicht das erhoffte gute Omen werden.

"Mannschaft muss besser verteidigen"

Denn statt zweier weiterer Salzburger Treffer, die für das Erreichen der Verlängerung benötigt waren, nützte Frankfurt in Minute 83 die vielen Räume im Konter gut aus und glich durch Doppelpacker Andre Silva erneut aus. Vallci, der die Kugel unglücklich über Schlussmann Cican Stankovic hinweg abfälschte, sah den zweiten Durchgang so:

"Ich glaube, in der zweiten Halbzeit haben wir ein bisschen Anlaufzeit gebraucht, vom 2:1 an haben wir wieder ein gutes Gefühl gehabt und waren wieder im Spiel. Wir haben bis zum Sechzehner sehr gut gespielt, der entscheidende Pass und der entscheidende Schuss ist uns aber leider nicht aufgegangen. Zum Schluss sind uns ein bisschen die Kräfte ausgegangen, dann macht Frankfurt das 2:2 und die Partie ist entschieden."

Jesse Marsch will die schwindenden Kräfte hingegen nicht als Ausrede für das vierte sieglose Spiel in Serie gelten lassen. Überhaupt konnten die sonst so erfolgsverwöhnten "Bullen" seit dem 1. Dezember des vergangenen Jahres aus sieben Pflichtspielen nur zwei volle Erfolge davontragen.

"In der zweiten Hälfte mussten wir viel Risiko nehmen, daher ist auch das zweite Gegentor passiert. Trotzdem muss die Mannschaft im Ganzen besser verteidigen", spricht der US-Amerikaner den wohl größten Kritikpunkt der vergangenen Wochen und Monate an: die Abwehr.

Ramalho kritisiert eigenen Defensivverbund

Hinten müssen wir einfach versuchen, dass wir weniger Tore bekommen. Irgendwann sollte es wieder reichen, dass wir 1:0 oder 2:0 gewinnen.

Andre Ramalho

Wenn man vom 3:0-Sieg im ÖFB-Cup gegen Amstetten absieht, gelangen den Salzburgern seit dem 10. November 2019 keine 90 Pflichtspiel-Minuten ohne Gegentreffer mehr. In dieser Europacup-Saison konnten Einser-Goalie Cican Stankovic und sein zeitweiser Ersatzmann Carlos Miguel Coronel in acht Partien überhaupt nie die Null halten.

Während beispielsweise dem LASK drei erzielte Treffer im Hin- und Rückspiel insgesamt zum ungefährdeten Aufstieg gegen AZ Alkmaar reichten, war dies bei Salzburg bei weitem nicht der Fall.

"Hinten müssen wir einfach versuchen, dass wir weniger Tore bekommen. Irgendwann sollte es wieder reichen, dass wir 1:0 oder 2:0 gewinnen", findet etwa Andre Ramalho klare Worte, weiß aber auch, dass die Situation gegen Frankfurt eine spezielle war: "Heute mussten wir wegen der drei Tore Rückstand natürlich alles riskieren, insbesondere in Halbzeit zwei."

"In Frankfurt hat uns keiner erkannt"

Der Brasilianer, der aufgrund des Ausfalls der angeschlagenen Max Wöber zurück in die Startelf rückte und eine starke Leistung ablieferte, ist dennoch zufrieden mit dem Auftritt gegen die Eintracht: "Wir haben auf jeden Fall ein viel besseres Gesicht gezeigt. Was wir heute gezeigt haben, ist unser richtiges Gesicht - Powerfußball und der unbedingte Wille, Spiele gewinnen zu wollen. Im Hinspiel hat uns glaube ich keiner erkannt."

Tatsächlich lieferten die "Bullen" in Frankfurt vor einer Woche eine ungewohnt lethargische Performance, von Pressing und dem unbedingten Verlangen, jeden zweiten Ball für sich zu gewinnen, war beim Auswärtsspiel in der Commerzbank-Arena kaum was zu sehen. Ganz anders beim Rückspiel in Wals-Siezenheim:

"Ich glaube, dass wir die Tugenden, die wir in den ersten Spielen vermissen haben lassen, heute wieder auf den Platz gebracht haben. Wir haben von Anfang an gezeigt, dass wir unseren Fußball spielen wollen. Wir waren aggressiv, wir haben viele tiefe Läufe gemacht und haben viele Zweikämpfe und zweite Bälle gewonnen", sieht Vallci einen positiven Trend.

Chancenverwertung bleibt großes Manko

Was gegen Frankfurt allerdings einmal mehr nicht funktioniert hat, war die Chancenverwertung. Alleine Patson Daka hätte Möglichkeiten für einen Hattrick gehabt, auch Sekou Koita ließ zwei Top-Chancen aus. Eben diese zwei Offensiv-Akteure wären am Freitag-Abend wohl nicht in der Startelf von Jesse Marsch gestanden, gäbe es die Unannehmlichkeit namens Winter-Transferfenster nicht.

In diesem verließen mit Erling Haaland und Takumi Minamino nämlich gleich zwei Schlüsselakteure die Mozartstadt per Ausstiegsklausel. Mit Minaminos Kreativität und Haalands Kaltschnäuzigkeit wäre das bisherige Frühjahr der Salzburger wohl deutlich positiver verlaufen, wie auch Ramalho weiß:

"Wir haben wirklich sehr viele Chancen kreiert. Fünfmal hintereinander haben wir sehr gefährliche Ecken und auch noch andere Chancen gehabt, wenn der eine oder andere Ball reingeht, sieht das Spiel ganz anders aus. Aber die letzte Konsequenz vor dem Tor fehlt im Moment schon - aber auch ein Quäntchen Glück fehlt."

Kehrt dieses Quäntchen Glück zusammen mit der einen oder anderen fußballerischen Komponente, die in diesem Jahr den Salzburgern noch fehlt, wieder in die Mozartstadt ein, ist bei den "Bullen" wieder mit ganz großen Dingen zu rechnen - auch auf dem europäischen Parkett.

Textquelle: © LAOLA1.at

Salzburg scheidet nach hartem Kampf aus Europa League aus

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