Der logische EM-Sieger

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Der logische Sieger

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Portugal ist ein Europameister, der sich nach und nach im Turnier als sehr nachvollziehbar herauskristallisiert hat. Neben dem „logischen“ Champion gibt es auch noch die eine oder andere Beobachtung zum Ende der EURO 2016.

Auf dem Platz, neben dem Platz und auf der Tribüne (die EURO im Speziellen, der Fußball im Allgemeinen)

Man hat in den letzten Tagen irgendwie so ein bisschen ein Gespür entwickelt, dass das für Portugal etwas werden könnte. Sie haben sich ins Turnier gefightet und mehr und mehr Selbstvertrauen aufgebaut, weil sie gesehen haben, die Taktik funktioniert, die Gegner beißen sich die Zähne aus. Die Roten sind ein logischer Europameister. Der Champion in einem Turnier, bei dem es kein Team gab, das geglänzt hat. Die logische Folge ist ein Gewinner, der am konsequentesten seinen Weg verfolgt und sich und sein perfektes Spiel gefunden hat. Ja, Elfmeterschießen gegen Polen gewinnen ist Glück. Aber alle hatten Glück, das eine oder andere Mal. Deutschland gegen Italien, Frankreich in der Vorrunde.

Portugal hat sich durchprobiert, nach der Gruppenphase stabilisiert und ist von Match zu Match stärker geworden. Wenn also jemand sagt, der Titel sei unverdient, oder das wäre bloß Zufall oder nur Glück gewesen, der irrt sich.

Fernando Santos hat die früher in Schönheit Sterbenden zu einem bärenstarken, variablen Kollektiv geformt, das mit Ausnahmekönnern wie Cristiano Ronaldo, Renato Sanches oder Pepe dann den Unterschied gemacht hat. Und selbst wenn einer von ihnen gefehlt hat, hat die Mannschaft funktioniert, siehe Semifinale mit neuer Innenverteidigung oder das Ronaldo-Drama im Finale. Und wenn es Frankreich 120 Minuten lang, mit bei weitem besserem Personal in der Gesamtheit, nicht schafft, den Portugiesen ein Tor zu schießen und ihnen am Ende dann die Luft ausgeht, dann gibt es am iberischen Triumph nix mehr zu meckern.

"All das wird schleichend zu einer Amerikanisierung des Fußballs führen"

Ob man das nun sehenswert oder besonders schön findet, ist eine andere Sache. Bemerkenswert ist es allemal. Und ganz ehrlich, das Gegreine über die defensive Spielweise und die Fadesse des Fußballs bei großen Turnieren ist doch eine zyklisch wiederkehrende Angelegenheit. Und dass es ohne gute Defensive noch so gut wie nie einen Titel zu gewinnen gab, genauso. Auch dem Gemaule über die fehlende Atmosphäre kann ich wenig abgewinnen. Nach meiner Einschätzung war die Stimmung in den Stadien großteils gut, wenn man die paar Hooligans der Anfangsphase einmal ausklammert. Die Isländer haben mit ihrem „huh-huh“ einen Trend gesetzt, die Iren singen lauter denn je und auch das Heimteam hat sich nach und nach in die Herzen der Fans gespielt. Ich hatte nicht den Eindruck, dass diesbezüglich ein Rückfall hinsichtlich der letzten großen Endrunden auszumachen war. Und die heutigen Kritiker werden sich noch anschauen, beim nächsten Großereignis in Russland und bei der über ganz Europa verstreuten, kommenden EM-Endrunde. Von Katar 2022 gar nicht zu reden.

Die nächsten Turniere werden Fußballfans auf die Probe stellen, so viel ist klar. Die 24 teilnehmenden Mannschaften haben das dieses Mal schon getan. Nämlich mit der Summe der Spiele, die deshalb ausgetragen werden müssen. Weniger ist oft mehr, das sollten sich die gierigen Maximierer der UEFA hinter die Ohren schreiben. 51 Spiele in vier Wochen hält schlicht keine Sau aus. Speziell nicht nach der genauso aufgeblähten Champions League-Saison, neben den Landesmeisterschaften. Und dass zum Beispiel 16 von 24 Mannschaften in die nächste Runde aufsteigen und manche Gruppendritte erst nach Tagen wissen, ob sie dableiben oder heimfahren müssen, macht die Sache nicht besser. All das wird schleichend zu einer Amerikanisierung des Fußballs führen. In den großen US-Sportarten wie Baseball oder Basketball gibt es bis zur Unendlichkeit aufgeblasene Grunddurchgänge, wo es fast immer um nichts geht und das Publikum die Spiele besucht wie eine Shopping Mall. Popcorn mampfend und Light-Bier trinkend lassen sie das Event an sich vorüberziehen. Wer unlängst ein Premier-League-Spiel besucht hat, der weiß, dass es auch da oder dort im Fußball nicht mehr weit dorthin ist. Ein grauenvoller Gedanke.


Das ist die Top-11 der EURO 2016:


Eine lobende Erwähnung verdienen, denke ich, die Schiedsrichter. Es hat sich keiner um sie gekümmert und es gab nichts Wesentliches zu besprechen. Bei den unklaren Entscheidungen, die detaillierter unter die Lupe genommen wurden, lagen sie meist richtig. So soll es sein, mit den Pfeifenmännern.

Eine weitere lobende Erwähnung – in ihrer Gesamtheit – verdienen die Torhüter. Auch wenn einige den Siegtreffer im Finale als haltbar bezeichnen oder die Abwehr von Manuel Neuer im Spiel Deutschland gegen Frankreich als zu kurz einschätzen, kollektiv so gute Torhüterleistungen hat es noch selten bei einem Turnier gegeben. Und nicht zuletzt blieb ein befürchteter Terroranschlag aus, zumindest bei diesem Großereignis. Wahrscheinlich die positivste Beobachtung der letzten Wochen.

 

Jürgen Pucher war Gründungsmitglied der Plattform „sturm12.at“ und hat dort über Jahre hinweg mit seiner Kolumne „12 Meter“ die Diskussionen rund um den Grazer Verein und den österreichischen Fußball extrem bereichert. Nun beschäftigt er sich als Betreiber der Podcast-Plattform "blackfm.at" mit den Geschehnissen bei den Schwarz-Weißen. Bei LAOLA1 verfasst er in regelmäßigen Abständen Gastkommentare zum Geschehen im heimischen Kick und nun speziell zur EURO 2016.


Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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