Der Löwe brüllt nicht mehr

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Der niederländische Fußball in der Krise

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Dieses spektakuläre Spiel bleibt unvergessen.

Im März 2008 führte Österreich gegen EM-Testgegner Niederlande nach 35 Minuten 3:0, ehe die Gäste nach einer furiosen Aufholjagd noch als 4:3 siegten.

Gute acht Jahre später treffen die Teams erneut im Ernst-Happel-Stadion aufeinander (Samstag, 20:30 Uhr LIVE im LAOLA1-LIVE-Ticker). Die Vorzeichen sind komplett verschieden.

Während sich die Elf von Marcel Koller den Feinschliff für die EM holt, ist Oranje nicht für das Großereignis qualifiziert. Obwohl das Teilnehmerfeld auf 24 Teams aufgestockt wurde, schaffte die Elftal als Vierter der Quali-Gruppe A hinter Tschechien, Island und der Türkei nicht einmal den Sprung in die Playoffs.

Der niederländische Fußball steckt in der Krise.

Goldene Generation

Zu lange verließ sich die Elftal auf die Goldene Generation rund um Altstars wie Arjen Robben (32/Bayern), Wesley Sneijder (31/Galatasary) und Robin van Persie (32/Fenerbahce). Letztere beiden symbolisierten den Niveau-Abfall bereits mit ihren Wechseln raus aus den Topligen in die türkische Süper Lig, Robben ist zu verletzungsanfällig.


Ohne den Routiniers als stabilisierenden Anker erschien das Gerüst der Mannschaft über die gesamte Qualifikation labil. Unsichere Trainer entschärften die Lage nicht gerade.

Guus Hiddink wusste lange nicht, ob er wie Erfolgsvorgänger Louis van Gaal auf die Defensive setzen oder zum traditionellen 4-3-3 zurückkehren sollte. Nachfolger Danny Blind, einziger Cheftrainerposten 2005/2006 bei Ajax, tat dies, fand aber nie seine Startelf und forcierte die Jugend zu planlos.

Bezeichnend, dass er im letztlich entscheidenden Showdown am Bosporus Ajax-Innenverteidiger Jairo Riedewald als Linksverteidiger debütieren ließ, dessen Teamkollegen und offensiven Mittelfeldspieler Davy Klaassen in der Doppelsechs aufbot. Die Türkei siegte 3:0.

Loch im Kader

Ausgerechnet die Nation, berühmt für ihre Nachwuchsarbeit, verpasste es, rechtzeitig den Umbruch einzuleiten.

Die Altersstruktur im Team ist problematisch. Spieler im besten Fußballeralter, in den hohen 20ern, sind Mangelware. Kaum vorstellbar, dass just diese Generation 2006 und 2007 U-21-Europameister wurde.

Verlorene Generation

Mittlerweile gelten die Titelträger als verlorene Generation, wurden den Erwartungen nie gerecht.

Oder kennt jemand noch Royston Drenthe? Der Spieler des Turniers 2007 wechselte danach immerhin für stolze 14 Millionen Euro von Feyenoord Rotterdam zu Real Madrid.

2008 meinte Foppe de Haan, Erfolgscoach von Jong Oranje, zum vielseitigen Mittelfeldspieler sowie Linksverteidiger, dass er „mit seiner Einstellung nie zu einem Topspieler werden würde“. Drenthe hatte einen Weiterflug bei Olympia verzögert, weil er im Duty-Free-Shop am Flughafen Kleidung und Uhren einkaufen war.

Nach Abenteuern in Russland und der englischen Championship spielt er momentan bei Baniyas SC, in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Zusammen mit Ryan Babel (Al-Ain FC), ein weiteres ehemaliges Super-Talent, das 2007 zu Liverpool wechselte. Bei Hoffenheim 2011 attestierte er sich gegenüber "spox" noch „gleich viel Talent wie Ribery und Robben“.

Ibrahim Afellay fällt ebenso in diese Alterskategorie, seit seinem Kreuzbandriss kurz nach seiner Ankunft beim FC Barcelona kämpft der Flügelspieler mit seiner Verletzungsanfälligkeit und Form.

Auch Eredivisie schwächelt

Parallel spiegelt die heimische Eredivisie den Absturz wider.

Van Gaal meinte bei seinem Amtsantritt bei Manchester United noch: „Die spanische Primera Division, die Deutsche Bundesliga, die niederländische Ehrendivision sowie die englische Premier League sind in meinen Augen die vier stärksten Meisterschaften der Welt. Manche niederländische Journalisten lachen jetzt, weil sie dachten, dass die Ehrendivision ein Nichts ist. Ich sage: Taktisch sind wir die Besten und wir haben das in Brasilien bewiesen.“

In diesen Stadien werden die Spiele der EURO 2016 ausgetragen:

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Stadionname: Stade Bordeaux-Atlantique (Bordeaux) | Eröffnet am: 23. Mai 2015 | Fassunsgvermögen: 42.052

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Die 183 Millionen teure Arena, in der Girondins Bordeaux seine Heimspiele austrägt, wurde vom selben Architektenbüro wie die Münchner Allianz Arena geplant. Hier finden vier Gruppenspiele (unter anderem Österreich-Ungarn am 14. Juni) und ein Viertelfinale (2. Juli, 21 Uhr) statt.

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Stadionname: Stade Bollaert-Delelis (Lens) | Wiederöffnet: August 2015 (erste Eröffnung: Juni 1933) | Fassungsvermögen: 38.223

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Einst von arbeitslosen Bergbauern errichtet wurde die legendäre Heimstätte von RC Lens bereits für die EURO 1984 und die WM 1998 renoviert und ausgebaut. Hier finden drei Gruppenspiele und ein Achtelfinale (25.6., 21 Uhr) statt.

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Stadionname: Stade Pierre-Mauroy (Lille) | Eröffnet am: 17. August 2012 | Fassungsvermögen: 50.083

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282 Millionen kostete die schmucke Heimstätte von OSC Lille. Sie wurde 2012 eröffnet und verfügt über ein Schiebedach, das innerhalb von 30 Minuten geöffnet oder geschlossen werden kann. Vier Gruppenspiele (u.a. Deutschland-Ukraine, 12.6., 21 Uhr), ein Achtelfinale (26.6., 18 Uhr) und ein Viertelfinale (1.7., 21 Uhr) werden hier gespielt.

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Stadionname: Stade de Lyon (Lyon) | Eröffnet am: 9. Jänner 2016 | Fassungsvermögen: 59.186

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Das Stadion ersetzte das Stade Gerland, wo Olympique Lyon früher zuhause war. Es ist Teil eines sich über 50 Hektar erstreckenden Areals, in dem sich auch das Trainingsgelände von OL befindet. Gespielt werden hier vier Gruppenspiele (u.a. Belgien-Italien, 13.6., 21 Uhr), ein Achtelfinale (26.6., 15 Uhr) und ein Halbfinale (6.7., 21 Uhr).

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Stadionname: Stade Vélodrome (Marseille) | Wiedereröffnet am: 16. Oktober 2014 (erste Eröffnung: Juni 1937) | Fassungsvermögen: 67.394

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Wie der Name schon sagt, befand sich bei der Einweihung 1937 noch eine Radrennbahn im Stadion. Seit dem Umbau verfügt die Heimat von Olympique Marseille über ein Dach. Vier Gruppenspiele, ein Viertelfinale (30.6., 21 Uhr) und ein Halbfinale (7.7., 21 Uhr) gehen hier über die Bühne.

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Stadionname: Stade de Nice (Nizza) | Eröffnet am: 22. September 2013 | Fassungsvermögen: 35.624

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Besonders umweltfreundlich geht es in Nizza zu: Unter anderem sorgen mehr als 4.000 Solarkollektoren dafür, dass die dreifache Menge des eigenen Energiebedarfs selbst erzeugt wird. Drei Gruppenspiele und ein Achtelfinale (27.6., 21 Uhr) werden hier ausgetragen.

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Stadionname: Parc de Princes (Paris) | Eröffnet am: 18. Juli 1897 (zuletzt renoviert: 2015/16) | Fassungsvermögen: 44.283

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Die Heimstätte von PSG verdankt seinen Namen dem früher an dieser Stelle gelegenen Wald, der im 18. Jahrhundert als königlicher Jagdforst genutzt wurde. Neben Portugal-Österreich (18.6., 21 Uhr) finden hier noch drei weitere Gruppenspiele und ein Achtelfinale (25.6., 18 Uhr) statt.

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Stadionname: Stade de France (Saint-Denis bei Paris) | Eröffnet am: 28. Jänner 1998 | Fassungsvermögen: 81.338

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Das größte Stadion der Endrunde wurde 1998 für die WM errichtet und war Austragungsort des Finalspiels (Brasilien-Frankreich 0:3). Auch das Finale der EURO 2016 wird hier ausgetragen. Dazu vier Gruppenspiele (u.a. Island-Österreich, 22.6., 18 Uhr), ein Achtelfinale (27.6, 18 Uhr) und ein Viertelfinale (3.7., 21 Uhr).

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Stadionname: Stade Geoffroy-Guichard (St. Etienne) | Eröffnet am: 13. September 1931 (zuletzt renoviert: 2014) | Fassungsvermögen: 42.000

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Die Fans von St. Etienne nennen ihre Heimstätte liebevoll "Le Chaudron", also Hexenkessel. Das Stadion ist nach dem Gründer der Einzelhandelskette "Casino" benannt. Drei Gruppenspiele und ein Achtelfinale kann man hier verfolgen.

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Stadionname: Stadium de Toulouse | Eröffnet: 1938 (zuletzt renoviert: 2015) | Fassungsvermögen: 33.000

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Das Stadion wurde einst für die WM 1938 erbaut und seither mehrmals renoviert. Als Spitznamen wird es ob der Ähnlichkeit mit dem Londoner Original "Mini-Wembley" genannt. Drei Gruppenspiele und ein Achtelfinale (26.6., 21 Uhr) finden hier statt.

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Die Realität hat die Liga eingeholt. Zu Saisonbeginn wird die Ehrendivision in der 5-Jahreswertung nur von Platz 14 starten. Dem Meister droht erstmals seit Einführung der Champions League 1992 der Gang in die Qualifikation.

Topklubs Schatten von früher

Einzig PSV Eindhoven scheint international konkurrenzfähig. Der Philips-Klub überstand als erster niederländischer Verein seit 2007 die CL-Gruppenphase, scheiterte im Achtelfinale denkbar knapp am späteren Finalisten Atletico Madrid im Elfmeterschießen.

Ajax Amsterdam spart sich mit über 100 Millionen Euro am Festgeldkonto kaputt und setzt auf eine Youngster-Truppe, die regelmäßig im Europacup Lehrgeld zahlt. Österreichische Klubs wissen davon zu berichten.

Feyenoord Rotterdam hat sich zwar mittlerweile wieder als dritte Kraft stabilisiert, kann aber finanziell frisch saniert (2010: noch über 40 Millionen Euro Schulden) noch nicht zur Spitze aufschließen.

Diese Probleme hätte Twente Entschede gerne. Der Meister 2010 wurde wegen 32 Millionen Euro Schulden zwangsrelegiert. Vitesse Arnheim hat sich den wenig schmeichelhaften Ruf als Farmteam von Chelsea aufgebaut.

Jagd auf die Jugend

Finanziell wie spielerisch hat die niederländische Liga den internationalen Anschluss verpasst.

Zur Bosman-Entscheidung 1995, wonach Fußballer in der EU nach Ablauf ihres Vertrages ablösefrei wechseln dürfen, hat sich ein weiteres Problem dazugesellt: Die Spieler verlassen die Klubs immer früher.

So musste Ajax Ouasim Bouy 2012 zur U19 von Juventus ziehen lassen, drei Leihen später läuft er momentan für PEC Zwolle auf. Mittelstürmer Donyell Malen wechselte letzten Sommer zur U18 von Arsenal.

Die Talentequelle der heimischen Liga sprudelt nicht mehr zuverlässig.

Neue Generation

Leidtragende dieser Entwicklung ist die Elftal, die nach Murphys Gesetz auch Lospech hatte: In WM-Quali-Gruppe A warten Frankreich und Schweden.

Österreich (Samstag, 20:30 Uhr LIVE im LAOLA1-LIVE-Ticker) dient als Testgegner dafür. Altstars werden im Kader vergeblich gesucht. Robben und Sneijder fallen verletzt aus, Van Persie und Huntelaar wurden erst gar nicht einberufen.

Mit dieser Kaderpolitik schwankten die Leistungen 2016. Zwischen den Auswärtssiegen in England und Polen (je 2:1) gab es ein schwaches 1:1 in Irland. Es gibt aber durchaus Hoffnungsschimmer.

Eredivisie-Torschützenkönig Vincent Janssen (27 Tore/AZ Alkmaar) etablierte sich als treffsicherer Mittelstürmer. Kevin Strootman, dem Bondscoach Blind als einzigem neben Robben europäische Spitzenklasse bescheinigt, kehrte in Dublin nach zwei Jahren als Dauerpatient (Knie) in die Startelf zurück.

Dieser gehören auch Memphis Depay (Manchester United) und Riechedly Bazoer (19/Ajax) an. Die beiden wurden 2011 bzw. 2012 U-17-Europameister. Ob goldene oder verlorene Generation wird sich weisen.

Andreas Gstaltmeyr

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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