Auch die Verbindung verschiedener Funktionen einzelner Beteiligter sorgt für Diskussionen. Thomas Einwaller ist demnach als Beobachtungsreferent im Elitebereich tätig und zugleich Vorsitzender der übergeordneten ÖFB-Schiedsrichterkommission.
Kritiker fragen, wie sich die Beurteilung des Departments mit seiner Tätigkeit im "Staff der Elite-Schiedsrichter" - ist formal dem Head of Referee Department, Ali Hofmann, unterstellt - vereinbaren lässt. Ein Vorsitzender müsse das Ressort unabhängig und objektiv von außen im Blick behalten können, heißt es.
Fragen wirft nach Ansicht der Kritiker auch die Position von Maximilian Fischer auf. Er ist bei Ali Hofmann angestellt und übernimmt organisatorische Aufgaben rund um Trainingslager und Seminare sowie weitere Tätigkeiten im Umfeld von Viktor Kassai.
Zugleich ist Fischer auch Mitglied im Förderkader (Anm.: das ist die "Talenteschmiede" für künftige Bundesliga-Schiedsrichter), wurde kürzlich als FIFA Futsal Referee für 2027 nominiert und wird von Personen beobachtet und bewertet, für die er organisatorische Leistungen erbringt.
Da Kassai über einen möglichen Aufstieg in die Bundesliga maßgeblich entscheidet, sehen Kritiker zumindest einen möglichen Konflikt der Interessen. Ob die Zuständigkeiten intern klar geregelt sind und welche Kontrollmechanismen bestehen, ist LAOLA1 nicht bekannt.
Zuletzt beim Seminar der Elite-Schiedsrichter habe es abgesehen vom abschließenden Auftritt Hofmanns wenig Berichtenswertes gegeben, heißt es in der Schilderung eines Teilnehmers. Hofmann habe dabei auf den letzten LAOLA1-Bericht (HIER zum Nachlesen) über die Schiris Bezug genommen und diesen als "Schlag in die Magengrube" bezeichnet.
Zugleich habe der administrative Leiter des Schiedsrichterwesens erklärt, Kassai sei nicht verpflichtet worden, Schulungsbeispiele oder Videoclips zu erstellen. Seine Aufgabe bestehe vielmehr darin, strategische Entscheidungen zu treffen – vergleichbar mit jener von Teamchef Ralf Rangnick in dessen Verantwortungsbereich.
Diese Aussage sei im Plenum auf Unverständnis gestoßen. Einige Teilnehmer hätten sich gefragt, weshalb Hofmann erst nach drei Jahren zu dieser Einschätzung komme. Ein Kritiker bezeichnete die Argumentation als überheblich und verwies darauf, dass Österreichs Schiedsrichter unter der aktuellen Führung bislang bei keiner Welt- oder Europameisterschaft vertreten gewesen seien. Ob und inwieweit dafür die Arbeit der ÖFB-Führung ausschlaggebend ist, wird somit in Frage gestellt. Hofmann soll außerdem die Position vertreten haben: "Wir sind die Besten".
Kosten, Verträge und fehlende Bilanz
Ein zentraler Streitpunkt ist das Verhältnis von Ausgaben und Resultaten. Einerseits werde regelmäßig erklärt, für die Schiedsrichter sei kein Geld vorhanden. Andererseits habe der ÖFB mit Kassai den teuersten Schiedsrichterchef seiner Geschichte verpflichtet, während auch für VAR-Manager Ring und einen umfangreichen Mitarbeiterstab beträchtliche Mittel aufgewendet würden. Zugleich werde erwartet, dass Ehrenamtliche mehr Aufgaben übernehmen.
Die Verfasser der Anfrage an den Aufsichtsratvorsitzenden Josef Pröll wollen im Schreiben wissen, worin Kassais zentrale Aufgabe genau bestehe und welche messbaren Fortschritte seit dessen Amtsantritt erreicht worden seien. Die bisherige Bilanz beurteilen sie als überschaubar. Auch die Verlängerung der Verträge von Kassai und Ring um zwei Jahre wird kritisiert. Es sei unklar, auf welcher Grundlage die Entscheidung getroffen wurde und ob zuvor eine gründliche Leistungsanalyse stattgefunden habe.
Die unzufriedenen Elite-Schiris sehen weder eine erkennbare Qualitätssteigerung im Inland noch eine stärkere internationale Präsenz der heimischen Referees. Dass Kassai vor seiner Tätigkeit beim ÖFB als Champions-League-Schiedsrichter erfolgreich war, werde nicht bestritten. Gerade deshalb sei für viele Schiris schwer verständlich, warum er die aktiven Schiedsrichter nicht stärker betreue und stattdessen um gutes Geld externe internationale Mentoren engagiert werden.
Nachwuchs beklagt mangelnde Orientierung
Besonders deutlich fällt die Kritik an der Entwicklung junger Schiedsrichter aus. Viele wissen nicht, wo sie stehen, und bekommen von Kassai zu wenig Rückmeldung. Das sei demotivierend. Es fehle an einer klaren Linie dafür, wie Spielszenen zu bewerten sind.
Ähnliche Situationen werden von Woche zu Woche unterschiedlich beurteilt, ohne dass die Betroffenen nachvollziehbare Erklärungen erhalten.
Auch die internationale Entwicklung bereitet den Kritikern Sorgen. Talentierte Referees werden nicht ausreichend professionell begleitet, um den Sprung auf die FIFA-Liste zu schaffen. Für einen Platz bei einer Endrunde gibt es einen mehrjährigen Karriereweg. Üblicherweise folgen auf Einsätze bei einer U21-Endrunde zunächst Aufgaben als 4. Offizieller, bevor ein Referee als Schiedsrichter bei einem großen Turnier zum Einsatz kommt.
Ein solcher Weg dauert in der Regel vier bis sechs Jahre. Die Verfasser des Schreibens an den ÖFB fragen, wo Österreich derzeit auf diesem Weg stehe und wie die nächste Generation überhaupt an dieses Ziel herangeführt werden solle.
Kritik an Führung und Organisation
Neben den sportlichen Fragen wird auch die Führungskultur beanstandet.
Hofmann fehle es nach Einschätzung der Unterzeichner an Erfahrung im Schiedsrichterwesen und an der nötigen Glaubwürdigkeit, um das Department zu leiten. Führung bestehe nicht allein aus Zahlen und organisatorischen Entscheidungen, sondern auch aus Verständnis für die Menschen im Schiedsrichterbereich, heißt es.
Hofmann weise Kritik stets zurück und lasse andere Meinungen nicht gelten, lautet ein weiterer Vorwurf.
Auch die Organisation von Lehrgängen und Seminaren wird als unzureichend beschrieben. Wiederholt seien grundlegende Fragen wie die Buchung von Trainingsplätzen oder Unterkünften nicht rechtzeitig geklärt worden.
Während frühere Diskussionen mit dem damaligen "ÖFB Elite Referee Manager" Fritz Stuchlik anregend waren, soll sein Nachfolger mit einem Team an Mitarbeitern die in die Abteilung gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Wo früher eine Person viel erreicht hat, gelingt es jetzt einer Handvoll Mitarbeitern nicht, ihre Aufgaben angemessen zu bewältigen.
Besonders belastend sei der Umgang mit einem erfahrenen Schiedsrichter bei einem Seminar in Salzburg gewesen. Hofmann habe einen Kollegen vor den Teilnehmern wie einen Schuljungen behandelt, schildern die Verfasser des Briefs an Josef Pröll. Das sei als respektlos und als Machtdemonstration wahrgenommen worden. Der Vorfall habe viele Anwesende betroffen gemacht. Hofmann versuche, die Situation zu beschönigen, heißt es im Schreiben. Eine Stellungnahme Hofmanns dazu liegt in den uns vorliegenden Unterlagen nicht vor.
Vertrauen in die Führung steht auf dem Prüfstand
Der Neustart 2023 habe zunächst Hoffnung geweckt. Kassai habe neue Ideen eingebracht, und viele hätten sich eine neue Phase für das ÖFB-Schiedsrichterwesen erwartet, nachdem der Rücktritt der alten Kommission unter Robert Sedlacek - nach akribischer Vorbereitung von Ali Hofmann? - erfolgte.
Schon im ersten Jahr seien jedoch Anzeichen von Stillstand sichtbar geworden. Die Enttäuschung sei gewachsen, und das erste positive Bild von Kassai sei gebröckelt, heißt es im Schreiben.
Die Unterzeichner fordern eine transparenten Bilanz: Welche Ziele wurden gesetzt, was wurde erreicht, welche Mittel wurden eingesetzt – und wie soll sich die Förderung der nächsten Generation konkret verbessern? Auch Pröll müsse darlegen, wie er die Situation beurteile. Generalsekretär Thomas Hollerer tritt ebenfalls im Schiedsrichterwesen nicht mehr in Erscheinung.
Der Konflikt reicht über einzelne Personalfragen hinaus. Im Kern geht es um Vertrauen in die Führung, um nachvollziehbare Entscheidungen und um eine klare sportliche Perspektive. Solange Kosten, Zuständigkeiten und Ergebnisse nicht transparent bewertet werden, dürfte die Unzufriedenheit im Elite-Schiedsrichterwesen kaum abnehmen.
Kritik an Umgang mit Schiedsrichterassistenten
Ein weiterer Vorwurf betrifft den Umgang mit drei Schiedsrichterassistenten, deren "Karrieren" mit dem Ende der Saison 2025/26 ausliefen.
Die Gespräche mit ihnen seien "äußerst unprofessionell" geführt worden, heißt es. Sie hätten mit Verweisen auf das Alter und die aus Sicht der Betroffenen ohnehin aussichtslose Situation begonnen. Sachliche Analysen und konkrete Informationen, die den Schritt nachvollziehbar gemacht hätten, seien ausgeblieben.
Spieloffiziellen sei bewusst, dass ihre Karrieren nicht unbegrenzt dauern. Entscheidend sei jedoch, wie mit den Menschen umgegangen wird, die in diesem Fall nicht selbst über einen vorzeitigen Rücktritt entscheiden können und deren Laufbahn mit Saisonende ausläuft. Das Vorgehen offenbare aus Sicht der Unterzeichner Schwächen in Hofmanns Führungsstil und zeuge von mangelndem Respekt. Eine Stellungnahme Hofmanns zu diesen Vorwürfen liegt in den vorliegenden Informationen nicht vor.
"Kaum Rückhalt" für die Führung
Bei einer geheimen Abstimmung über den Verbleib von Hofmann und Kassai würden beide aufgrund der herrschenden Unzufriedenheit - so die Einschätzung - nicht annähernd 25 Prozent der rund 70 Stimmen erhalten. Ob diese Einschätzung eine repräsentative Erhebung widerspiegelt, kann hier nicht verifiziert werden. Die Unterzeichner sehen jedoch ein deutliches Zeichen dafür, dass die aktuelle Führung nicht das Vertrauen der Mehrheit genieße.
Als Gegenbeispiel verweisen sie auf die Führung des Nationalteams und die dort vermittelten Werte wie Respekt und Professionalität. Im Elite-Schiedsrichterwesen werde aus ihrer Sicht ein gegenteiliger Kurs verfolgt.
Die aktiven Referees seien zwar keine Profis, sondern Amateure, die neben ihrer beruflichen Arbeit ein anspruchsvolles Ehrenamt ausübten. Sie nehmen dafür erhebliche Zeit und Aufwand in Kauf und seien dankbar, diese Aufgabe übernehmen zu dürfen. Gerade deshalb sei es schwer hinnehmbar, wenn ihnen zusätzlich zum Druck auf den Fußballplätzen auch im eigenen Verband mangelnder Rückhalt begegne.
Die Verfasser des Schreibens ziehen zudem einen Vergleich zum A-Team: Würden Spieler unter Trainer Ralf Rangnick ähnlich behandelt und geführt, würden nach ihrer Ansicht vermutlich viele wohl nicht mehr in der ÖFB-Auswahl antreten.
Zum Abschluss fordern die aktiven Mitglieder des ÖFB-Elite-Schiedsrichterwesens, respektvoll, professionell und zeitgemäß behandelt zu werden. Nur so könnten sie ihre bestmögliche Leistung erbringen und zum Erfolg des heimischen Fußballs beitragen. Derzeit sei das aus ihrer Sicht "nicht einmal ansatzweise" der Fall.
Nächster Champions-League-Einsatz für Gishamer
Am Ende gibt es auch etwa Positives zu vermelden. Nur acht Tage nach seinem Champions-League-Einsatz in Aserbaidschan steht für FIFA-Schiedsrichter Sebastian Gishamer das nächste Highlight auf der größten Fußballbühne Europas an.
Der Salzburger leitet am Mittwoch, ab 21 Uhr, im Villa Park von Birmingham die Partie Aston Villa (ENG) gegen Viking Stavanger (NOR).