Ist Österreichs Fankultur schon tot?

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Stopptanz heißt ein beliebtes Kinderspiel. Die Regeln sind simpel. Es läuft Musik und die Teilnehmer tanzen, rennen und hüpfen durch die Gegend. Dann stoppt die Musik und alle müssen ihre Bewegungen sofort stoppen. Danach geht die Musik weiter und die Bewegung setzt wieder ein.

Auch in den Fußballstadien dieses Landes wird die Musi wieder spielen. Irgendwann, der Silberstreif am Horizont ist dank Impfungen schon zu sehen. Es wird auch abseits des grünen Rasens wieder mehr Bewegung geben als jene der spärlich verteilten Sicherheitskräfte, Medienmenschen und Klubmitarbeiter, die seit Monaten mutterseelenallein auf leeren Tribünen stehen.

Alles wird wieder, wie es einmal war. Wirklich? Kommen die Fans alle zurück in die Stadien? Lebt die Fankultur weiter als wäre nichts gewesen? Es spricht nicht viel dafür. Die neue Realität wird kein Spiegelbild der Realität vor Corona. In Österreichs Fußballstadien wird nichts mehr sein, wie es einmal war.

Ein Jahr, vermutlich sogar ein wenig mehr, Pause geht nicht spurlos an den Fußballfans vorüber. In den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten ist die Ultra-Bewegung zu einer der bedeutendsten Jugend- bzw. Subkulturen Europas aufgestiegen. Tausende, vornehmlich junge Männer, haben sich ihr verschrieben, ihr Leben zu großen Teilen danach ausgerichtet.

Die Ultra-Kultur ist auf Präsenz vor Ort ausgerichtet, sie ist gar ein wenig die Antithese zum Trend in Richtung Social Media. Social Distancing bringt sie zum Erliegen. Es gibt kein Substitutionsgut. Du kannst in deinem Wohnzimmer Musik machen – das mag kein adäquater Ersatz für Konzerte sein, aber immerhin etwas. Du kannst in deinem Wohnzimmer aber kein Ultra sein.

Erwacht die Ultra-Kultur Post-Corona wieder aus ihrem Koma? Darüber können aktuell freilich nur Mutmaßungen angestellt werden. Tatsache ist, dass der Kreislauf des Ultra-Daseins jäh gestoppt wurde – an den Wochenenden können keine Spiele besucht werden, es gibt keine abenteuerlichen Auswärtsfahrten mehr, unter der Woche werden keine Choreos vorbereitet, keine Doppelhalter und Spruchbänder gemalt.

(Kommentar wird unter dem Video fortgesetzt)

Die Routine ist passé, das Schwarmverhalten inexistent, das Rauschgefühl gerät von Tag zu Tag mehr in Vergessenheit. Wie fühlt es sich an, nach einer stundenlangen Busfahrt den Auswärtssektor zu stürmen und die Heimfans wissen zu lassen, wer jetzt da das Sagen hat? Wie fühlt es sich an, bei einem entscheidenden Tor in kollektiven Jubel auszubrechen? Wie fühlt es sich an, wenn eine tagelang in mühevoller Detailarbeit vorbereitete Choreo dann genauso funktioniert wie man sich das erträumt hat? Wenn das Herz nicht mehr die Richtung vorgibt, weil es nicht mehr im Takt der Gruppe schlägt, schlagen kann, übernimmt mehr und mehr das Hirn. Ist es all das wirklich wert?

Zweifellos haben sich während der Lockdowns, während der Zeit ohne Fußball im Stadion bei vielen Menschen die Prioritäten verschoben. Viel zu viele haben ihre Jobs verloren, viel zu viele gar ihnen wichtige Menschen. So mancher hat festgestellt, dass es ihm künftig wichtiger ist, Zeit mit der Familie, mit engen Bezugspersonen zu verbringen anstatt Wochenende für Wochenende dem Fußball zu „opfern“. Die wöchentlichen Stadionbesuche haben ihr Gewohnheitsrecht eingebüßt.

"Wer in Österreichs Stadien vom Fußballfieber infiziert wurde, hat sich nicht wegen der hochklassigen Darbietungen auf dem Rasen angesteckt, sondern wegen dem ganzen Drumherum"

Ja, vor dem Endgerät seiner Wahl kann jeder immer noch Fußball en masse schauen. Doch der emotionale Zugang geht vor allem für jene, die das in dieser Form bisher eher nur nebenbei konsumiert haben, den wahren Fußball im Stadion erkannt haben, mehr und mehr verloren. Fußball ist ein gesellschaftliches Ereignis, findet dieses nicht statt, gibt es keine kollektiven Erlebnisse, der Gemeinschaft fehlt die Erzählung, jeder hat das Spiel in den vergangenen Monaten anders erlebt. Die Entfremdung schreitet voran.

Das sind vor allem für die kleineren Ligen große Probleme. Schon vor Corona haben sie entsetzt festgestellt, dass der potenzielle Fan-Nachwuchs immer mehr abhandenkommt. Der spektakuläre Fußball aus der deutschen Bundesliga, der Premier League, La Liga, die Serie A, Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Neymar – sie sind alle nur einen Klick bzw. ein erschwingliches Online-Abo entfernt.

Es war schon vor Corona ein ungleicher Kampf, der praktisch nicht zu gewinnen war. Das einzige Ass im Ärmel war das Stadionerlebnis. Die Gesänge, die Gerüche, das Gemeinschaftserlebnis – das können TV, Tablet oder Handy nicht bieten. In diesem Zusammenhang haben die aktiven Fanszenen Österreichs eine bedeutende Rolle gespielt – ob diese von allen Vereinen auch so erkannt und gefördert wurde, steht auf einem anderen Blatt Papier.

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Wer in Österreichs Stadien vom Fußballfieber infiziert wurde, hat sich nicht wegen der hochklassigen Darbietungen auf dem Rasen angesteckt, sondern wegen dem ganzen Drumherum. Es wäre jedenfalls kein Fehler, würden auch die Top-Klubs erkennen, dass es in Zukunft schlauer ist, dass das Geld für den vielleicht 23. Kaderspieler besser in diverse Maßnahmen zur Erhaltung der Fankultur investiert wäre.

Seit Monaten kann der österreichische Profi-Fußball den Trumpf Stadionerlebnis nicht mehr ausspielen – er muss sich mit den besten Mannschaften der Welt messen, rein sportlich. Gut möglich, dass deshalb schon eine Generation verloren wurde. Doch es sind eben diese Generationswechsel, die die Fankultur am Leben gehalten haben.

All das könnte aber auch eine Chance für die kleineren Vereine dieses Landes sein. Für jene Klubs, die seit Jahrzehnten mehr und mehr an Bedeutung verloren haben, vergeblich um mehr Aufmerksamkeit gekämpft haben.

Nur weil sich die persönlichen Prioritäten vieler Menschen verschoben haben, werden sie nicht auch weiterhin Möglichkeiten wahrnehmen, um aus dem Alltag auszubrechen. Um sich Zerstreuung zu gönnen. Vielleicht bedeutet das für immer mehr Menschen aber, dass sie feststellen, dass es gar kein hunderte Euro teuren Abos braucht, um sich mit Freunden beim Fußball zu treffen, sondern einfach nur den Sportplatz nebenan.

Wenn nach dem Stopptanz für die Fankultur mit dem Wiedereinsetzen der Musik keiner mehr tanzen, rennen und hüpfen will, ist der Unterschied zwischen Stadion und Sportplatz nur noch minimal.

Textquelle: © LAOLA1.at

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