Es war kein besonders spektakuläres Spiel an diesem Abend im Happel-Stadion. Diese Tatsache erfreute Türkei-Coach Guus Hiddink.
"In letzter Zeit hatten wir viele spektakuläre Spiele und sind dabei immer ins Chaos gestürzt. Diesmal hat meine Mannschaft jedoch taktische Disziplin bewiesen. Damit bin ich sehr zufrieden", meinte der Niederländer, der mit dem 0:0 gegen Österreich positiv auf die letzten beiden Spiele in der EM-Qualifikation blicken kann.
Ganz im Gegensatz zum ÖFB-Team. Für Didi Constantini und sein Team bedeutet das 0:0 das endgültige Aus aller Quali-Chancen. Gegen die Türkei hätte Österreich mindestens 2:0 siegen müssen. Eine Aufgabe, die nach der ersten Halbzeit nicht ganz unmöglich schien, doch am Ende fehlte es dem Teamchef an Mut.
- Die Aufstellungen: ÖFB-Team im 4-2-3-1
Nach dem 2:6-Debakel gegen Deutschland nahm Didi Constantini zwei personelle Änderungen vor: Einerseits durfte Goalie Pascal Grünwald sein Teamdebüt feiern an. Andererseits rückte Paul Scharner nach seiner Sperre zurück in die Mannschaft. Dafür musste Florian Klein Platz machen, auf dessen Position als Rechtsverteidiger Ekrem Dag auflief. Scharner durfte im zentralen Mittelfeld ran, da David Alaba auf die linke Seite rutschte.
Das System ähnelte diesmal eher einem 4-2-3-1, als dem in Deutschland gespielten 4-4-2. Martin Harnik spielte als hängende Spitze hinter Marko Arnautovic, während David Alaba und Daniel Royer an den Seiten relativ hoch standen.
Guus Hiddink schickte seine von Ausfällen geplagte Mansnchaft in einem 4-2-3-1 auf das Feld. Der Weltklasse-Trainer erklärte nach dem Spiel selbst seinen Plan: „Wie spielten mit einer gut organisierten Verteidigung und einem gut organisierten Mittelfeld. Vorne waren die drei Spieler mit Freiheiten ausgestattet, ihre Positionen zu tauschen.“ Dem Niederländer reichte offensichtlich ein Remis in Wien, um sich für die restlichen beiden Partien gegen Aserbaidschan und Deutschland (jeweils daheim) eine gute Ausgangsposition zu schaffen.
- Die erste Hälfte: ÖFB-Team macht über links Druck
In den ersten 45 Minuten zeigten die Österreicher recht ansehnlichen Fußball. Dies lag in erster Linie an der vom überragenden David Alaba (siehe Einzelbewertung) besetzten linken Seite. Im Zusammenspiel mit dem beweglichen Marko Arnautovic, sowie Martin Harnik und Christian Fuchs gelang es dem Bayern-Legionär immer wieder eine österreichische Überzahl auf seiner Flanke herzustellen. Nicht umsonst ging so gut wie jede ÖFB-Chance in der ersten Hälfte von links aus.
Auf der rechten Seite hatte es Royer dagegen schwer ins Spiel zu kommen. Dem Neo-Hannoveraner blieb nicht viel anderes übrig, als zur Mitte zu ziehen und den Abschluss zu suchen. Stattdessen machte sich als zusätzlicher Gefahrenherd England-Legionär Scharner bemerkbar. Der Niederösterreicher sorgte mit seinen vertikalen Läufen immer wieder für Gefahr, wie zum Beispiel bei seinem Schuss aus der neunten Minute.
Obwohl das ÖFB-Team in der ersten Hälfte puncto Spielfreude einen Aufwärtstrend erkennen ließ, ist noch weit mehr Potenzial vorhanden. Die Abstimmung zwischen den Offensiv-Kräften lässt noch viel Spielraum übrig, wie Scharner nach dem Spiel erläuterte: „Man hat gesehen, dass Arnautovic und Harnik bei ihren Vereinen nicht von Haus aus Spitze spielen. Deshalb waren Missverständnisse da und die Bewegung in die Tiefe hat nicht gepasst. Daran müssen wir arbeiten. Wir hätten noch viel gefährlicher sein können. Die Türkei hatte zum Beispiel eine irrsinnig langsame Innenverteidigung.“
- Die zweite Hälfte: Hiddinks feine Adjustierungen
Apropos Türkei. Hiddinks Team zeigte alles in allem eine schwache Leistung. „Ich hätte sie mir stärker erwartet“, meinte Emanuel Pogatetz nach dem Spiel sinngemäß. Die Türken verzichteten darauf, im zentralen Mittelfeld Druck auf die Österreicher auszuüben. Stattdessen beschränkten sich die beiden Sechser Selcuk Sahin und Mehmet Topal darauf, den Raum vor der Abwehr unter Kontrolle zu bringen.
Nach vorne ging es zumeist nur über die Flügel. Während in der ersten Halbzeit Burak Yilmaz und Arda Turan dabei auf sich alleine gestellt waren, schickte ihnen Hiddink in der zweiten Hälfte die Außenverteidiger zur Hilfe. Vor allem auf der rechte Seite sorgte Sabri Sarioglu für mächtig Dampf, sodass es Yilmaz immer mehr ins Sturmzentrum zog. Fast hätte sogar eine Ko-Produktion der beiden das 1:0 bedeutet, doch die Latte verhinderte Yilmaz' Kopfballtreffer (69.). Das Spiel der Türken ähnelte nun eher einem 4-3-3, in dem sie auch oft den hohen Ball in die Spitze versuchten.
Währen der WM-Dritte von 2002 also im Laufe der zweiten Hälfte immer besser ins Spiel fand, geriet das österreichische Spiel ins Stocken. Auf die stärkste Waffe, den Angriff über links, hatten sich die Türken mittlerweile eingestellt und mit dem Offensivdrang von Sarioglu, der vor der Pause noch grobe Probleme mit Alaba hatte, sogar den Spieß umgedreht.
Auf diese Situation reagierte Constantini mit der Einwechslung von „Jimmy“ Hoffer. Dadurch rückte Harnik nach rechts und Arnautovic nach hinten auf die Position der hängenden Spitze. Der Bremen-Legionär spürte in dieser Phase, dass das Spiel nicht rund läuft. Also ließ er sich immer wieder tief ins eigene Mittelfeld zurückfallen, um sich selbst die Bälle zu holen. Auf diese Weise bereitete Arnautovic immerhin das Abseitstor (85.) von Harnik vor. Ansonsten brachten seine Ausflüge nach hinten aber nicht viel.
- Fazit: Constantini ohne Mut
0:0 – Türkei-Coach Hiddink dürfte mit diesem Ergebnis sehr zufrieden sein. Angesichts der vielen Ausfälle von Stammkräften und den Problemen in der türkischen Liga wählte der Niederländer eine Sicherheitstaktik, um sich eine gute Ausgangsposition für die verbleibenden zwei Spiele zu schaffen.
0:0 – Für Österreich bedeutet dieses Ergebnis das endgültige Aus in der EM-Qualifikation. Dabei war nach einer soliden ersten Hälfte die Hoffnung auf einen Sieg gegen schwächelnde Türken durchaus noch aufrecht. Hätte man nach der Pause also vielleicht nicht doch mehr Risiko eingehen sollen? „Der Meinung bin ich auch“, sagt Fuchs und Scharner fügt hinzu: „Da hofft man natürlich auch auf einen Impuls von außen, ganz ehrlich gesagt.“
Mit der ein oder anderen Einwechslung hätte Constantini diesen Impuls bringen können. Zlatko Junuzovic hätte sich zum Beispiel angeboten, oder auch Stoßstürmer Stefan Maierhofer. Doch Constantini fasste einen Beschluss gegen die Chance des Risikos „Über Junuzovic habe ich nachgedacht, aber ich habe mich dagegen entschieden. Hätten wir dann nicht gewonnen, hätten wieder alle geschimpft. In einer Situation, in der es gut läuft, kann ich nicht alles umdrehen.“
Jakob Faber