Zu Gast in einer der Top-Ligen der Welt

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Nach Finnland und Großbritannien besuchte Bernd Freimüller dieses Mal Schweden.

Der LAOLA1-Scout erinnert sich in seinem Report an eines seiner bizarrsten Scouting-Erlebnisse und erläutert, in welcher Kategorie die Eishockey-Nation seit Jahren unangefochtene Spitze ist.

Frölunda HC – Karlskrona 3:2 (17.2.)

Genau in der Stadtmitte gelegen, ist das Scandinavium per pedes von fast allen Hotels leicht zu erreichen. Trotzdem gehört diese 1971 eröffnete Mehrzweckhalle nicht gerade zu meinen Favoriten, sie erinnert mich in ihrer Weitläufigkeit immer an ein Radstadion. Vom Erreichen der Kapazitätsgrenze von knapp 12.000 war man an diesem Tag weit entfernt, der Jahresschnitt liegt aber bei knapp 9.000 Fans.

Frölunda, frischgebackener CHL-Sieger, gehört nach überstandenen finanziellen Problemen seit einigen Jahren zur konstanten Spitze des schwedischen Ligabetriebs. Vor allem der Nachwuchs mit dem berühmten Frölunda-Gymnasium ist weithin bekannt, der Campus mit der Zweithalle Frölundaborg wunderschön.

Göteborg verbindet mich auch mit einem der bizarrsten Scouting-Erlebnisse meines Lebens: In seinem Draftjahr trat der heutige Ottawa-Star und zweifache Norris-Gewinner Erik Karlsson in den Playoffs innerhalb von 24 Stunden für die U18, U20 und die Kampfmannschaft an!

Darauf von mir in einem Interview angesprochen, erwiderte der Offensivverteidiger lapidar: „Ich spiele halt gerne Eishockey.“ In einem Land voll bescheidener Cracks hatte Karlsson damals schon das Selbstvertrauen eines Rockstars, was sich bis heute auf dem Eis niederschlägt. Ich erinnere mich auch an meinen Report von damals: „Wahnsinnstalent, wird aber nie zu einem Coach nur Ja und Amen sagen.“

Die Teams laufen einfach gut Eis und bewegen sich als Fünf-Mann-Einheiten, es werden kaum Lücken zwischen den einzelnen Spielern gelassen. Szenen wie in der EBEL, wo Cracks wie Ben Gratton oder Kyle Beach wie mit der Machete versuchen, im Alleingang Breschen zu schlagen, sieht man hier nicht. Wer heraussticht, muss schon wirklich gut sein, das gilt etwa für Frölunda-Kapitän Joel Lundqvist, Zwillingsbruder von Rangers-Stargoalie Henrik.

Zurück zur Gegenwart: Karlskrona ist der Sensationsaufsteiger der letzten Saison, sie spielten sich innerhalb kürzester Zeit von der Allsvenskan in die SHL. Heuer sind sie aber Stockletzter, das Ganze kam wohl etwas zu früh für sie. In diesem Spiel wehrten sie sich aber nach Kräften und hätten fast etwas geschafft, was ein Scout nach einem langen Anreisetag gar nicht gerne sieht: eine Verlängerung. Aber wozu hat man Freunde? Ex-Thrashers-Pick Nicklas Lasu sorgte mit einem Shorthander in der 58. Minute für die Entscheidung.

Das eigentlich von der Affiche her klare Spiel war unterhaltsam und durchaus typisch für die Liga: Die Teams laufen einfach gut Eis und bewegen sich als Fünf-Mann-Einheiten, es werden kaum Lücken zwischen den einzelnen Spielern gelassen. Szenen wie in der EBEL, wo Cracks wie Ben Gratton oder Kyle Beach wie mit der Machete versuchen, im Alleingang Breschen zu schlagen, sieht man hier nicht. Wer heraussticht, muss schon wirklich gut sein, das gilt etwa für Frölunda-Kapitän Joel Lundqvist, Zwillingsbruder von Rangers-Star-Goalie Henrik.

Kandidaten für Ligen wie die DEL oder EBEL (früher oder später): Grinder Joey Crabb bei Frölunda oder Riley Holzapfel bei Karlskrona. Ex-Zagreb-Crack Vyacheslav Trukhno kommt bei Karlskrona über wenige Viertlinien-Shifts nicht hinaus.

Das Publikum wie so oft in Schweden: Bis auf die Fangruppe, die durchsingt, liest es das Spiel gut, vom Geräuschpegel kann man auf den Charakter des Spiels und die Güte der Chancen schließen. Und obwohl die SHL nicht als sehr physische Liga gilt, gibt es schon einige robuste Checks zu sehen. Allerdings versuchen die Spieler dabei, den Gegner vom Puck und nicht den Rumpf vom Kopf zu trennen.

Byrnäs Gävle – Rögle 0:1 (18.2.)

Gävle, vom Stockholmer Flughafen Arlanda leicht zu erreichen, hat sich in den letzten Jahren zu einer Talenteschmiede gemausert, Nicklas Bäckström (Washington), Mattias Ekholm, Calle Järnkrok (beide Nashville) und Jakob Silfverberg (Anaheim) sind ausgezeichnete bis gute NHLer.

Rögle, eher ein Fahrstuhlteam, stieg letzte Saison gemeinsam mit Karlskrona auf und dürfte bald ohne Playoffs oder Relegation in die Ferien gehen. Hier bewahrte mich ihr Angreifer Ludvig Rensfeldt mit einem Last-Minute-Tor vor dem ersten torlosen Remis meiner Saison.

Wie so viele schwedische Hallen wurde die Arena hier in den letzten Jahren ausgebaut und gehört nun zu den schönsten SHL-Arenen. Von den 8200 Plätzen blieben aber genügend frei.  

Das Spiel selbst war ok, nicht mehr und auch nicht weniger. Interessant: Beide Teams traten mit jeweils sieben Legionären an, das Reglement erlaubt eine uneingeschränkte Ausländeranzahl. Und die wird auch mehr und mehr ausgenützt. Nicht, dass Schweden nicht genug eigene Spieler produzieren würde, gerade in den letzten Jahren war die Jugendarbeit formidabel.

In Übersee agieren etwa 73 Spieler in der NHL (mehr als Tschechen und Finnen zusammen) und 34 in der AHL (gerade diese jungen Spieler gehen sehr ab). Dazu kommen noch 27 in der KHL und 15 in der Schweiz, fast alle diese Cracks wären heute noch Leistungsträger. Da müssen halt dann halt Legionäre als Ersatz her und die sind sicher nicht alle Spitzenklasse.

Doch die Abgänge sind gewaltig: In Übersee agieren etwa 73 Spieler in der NHL (mehr als Tschechen und Finnen zusammen) und 34 in der AHL (gerade diese jungen Spieler gehen sehr ab). Dazu kommen noch 27 in der KHL und 15 in der Schweiz, fast alle diese Cracks wären heute noch Leistungsträger. Da müssen halt dann halt Legionäre als Ersatz her und die sind sicher nicht alle Spitzenklasse.

Ein Marc Zanetti (Brynäs) wäre wohl auch in der EBEL nur ein durchschnittlicher Defender, sein Kollege Kevin Marshall von Rögle ist ein typischer Rough-and-tumble-D mit wenig Puckfertigkeiten. Schon interessanter: Jordan Smotherman, in der EBEL schon öfters gehandelt – ein Kyle-Greentree-Typ mit besseren Beinen.

Bernhard Starkbaum durfte sich bei Brynäs einen Abend freinehmen, Junioren-Nationaltorhüter Felix Sandström kam heuer schon auf fast gleich viele Spiele und dürfte in Bälde die alleinige Nr. 1 werden.

Örebro – Frölunda HC 2:3 n. V. (19.2.)

Weiter geht’s nach Örebro, seit drei Jahren fixer Bestandteil der SHL. Die Behrn Arena ist als eine der kleineren SHL-Hallen mit 5500 Zusehern so gut wie immer ausverkauft.

Interessant, dass einige etablierte Legionäre (Jakub Petruzalek, Justin Hodgeman) über die Saison gegangen wurden, der kleinwüchsige Greg Squires mit DEL2-Erfahrung sich aber tapfer hält.

Apropos kleinwüchsig: Ryan Lasch ist bei Frölunda ein Puck Wizard, der die Spieler um sich herum besser macht. Für mitteleuropäische Teams vielleicht interessant: Ex-Nationalverteidiger Elias Fälth ist zwar schon 35, aber immer noch ein Qualitätsverteidiger, der unter Druck immer die richtigen Entscheidungen fällt.

Am anderen Ende der Altersskala bei Frölunda: Der 16-jährige Kristian Vesalainen, der mit knapp 1,90 Metern und 90 Kilo bereits über NHL-Maße verfügt. Er entschied sich im letzten Sommer für den Move von IFK Helsinki nach Göteborg, die Salzburger Akademie war auch lange mit im Rennen.

Das Spiel etwas hektischer und schmutziger als die der letzten Tage, nickelige Phasen wechselten sich aber dann mit fünf durchgehenden Minuten ohne Spielunterbrechung ab.

Interessant einige Abänderungen der Regeln in der SHL:

  • Die Liga ignoriert die Anweisungen der IIHF, die Uhren laufen von 0  auf 20 Minuten hinauf.
  • Es gibt nur ein TV-Timeout nach zehn Minuten, das wird aber sogar bei einem Powerplay durchgezogen. Alle Spiele werden auf Pay-TV-Sendern live übertragen.
  • Auf dem Videowürfel werden auch umstrittene Szenen gezeigt, in diesem Spiel etwa ein (unbestrafter) Bandencheck.
  • Die Overtime wird von Beginn an mit drei gegen drei Spielern gespielt, etwas, was sich auch die EBEL statt ihrer halbgaren Lösung zu Herzen nehmen sollte. Allerdings wären Coaches nicht Coaches, wenn sie das anfängliche Chaos nicht schon zugunsten der Defensive geopfert hätten. Wie in der NHL gilt hier Puckbesitz über alles, wenn auch nur das kleinste Risiko droht, wird reversed und die Zeit bis zum sicheren Wechsel heruntergezählt. Trotzdem fiel hier ein Treffer, Ryan Lasch war dafür mit einem genialen Assist zuständig.

Insgesamt gehört die SHL trotz der vielen Abgänge natürlich weiter zu den Topligen der Welt. Das individuelle Niveau ist bei den KHL-Spitzenklubs jedoch höher, beim Tempo hat die schwedische Liga sicher Vorteile. Als Talentereservoir ist Schweden jedoch seit Jahren unangefochten an Europas Spitze.

Västeras – Malmö Panthern 1:0 (20.2.)

Eine Stufe tiefer in der Allsvenskan nach Västeras, knapp eine Stunde von Stockholm entfernt. Den Hausherren, die schon seit Ewigkeiten dem Aufstieg in die SHL nachhecheln, geht’s gar nicht gut – nach einem guten Beginn fiel das Team in ein unglaubliches Loch, das sowohl dem Trainer als auch dem GM den Kopf kosteten. Jetzt fightet man um den achten Platz, der in einem unglaublich komplizierten System noch theoretische Hoffnung auf den Aufstieg läßt. Die Panthern aus Malmö, der Sensationsaufsteiger aus dem letzten Jahr, sind dabei ein direkter Gegner.

Wie vergleicht man das Niveau hier mit der SHL bzw. der EBEL? Nun, es geht individueller zu als in der obersten Spielklasse, auch athletisch und eisläuferisch muss man (kleine) Abstriche machen. Spitzenteams der EBEL würden eine Playoff-Serie gegen diese Teams wohl gewinnen, dies wäre aber keinesfalls eine klare Sache. Die Allsvenskan ist sicher mit Abstand die beste zweithöchste Spielklasse Europas und auch die einzige, die von den NHL-Scouts regelmäßig gecovert wird.

Die Allsvenskan ist sicher mit Abstand die beste zweithöchste Spielklasse Europas und auch die einzige, die von den NHL-Scouts regelmäßig gecovert wird. Die eindeutig überragenden Spieler, egal ob Schweden oder Legionäre, werden natürlich von SHL-Teams aufgeschnappt, der Rest sind oft brave Teamplayer, die EBEL-Linien nicht alleine auf ein besseres Niveau heben können.

Der Villacher Dustin Johner geht Västeras auf jeden Fall ab, sie verjodelten in den ersten beiden Dritteln eine Chance nach der anderen. Der Ex-KACler Jan Urbas erspielte sich zwar einige Möglichkeiten, konnte diese aber nicht veredeln. Das wirkte sich gegen die Panthern aber nicht aus, bester Beweis für die offensiven Grenzen der Gäste: Der immer noch sehr limitierte Ex-Innsbrucker Johan Björk war für sie erste Wahl im Powerplay.

EBEL-Teams sind in dieser Spielklasse auf der Suche nach Legionären zuletzt öfters fündig geworden, allerdings mit überschaubarem Erfolg (z. B. Andreas Valdix, Morten Poulsen oder Kevin Mitchell). Die eindeutig überragenden Spieler, egal ob Schweden oder Legionäre, werden natürlich von SHL-Teams aufgeschnappt, der Rest sind oft brave Teamplayer, die EBEL-Linien nicht alleine auf ein besseres Niveau heben können. 

Frankfurter Löwen – Kassel Huskies 4:1 (21.2.)

Am Heimweg und quasi noch als Coda zu meinem Trip das Hessen-Derby in der DEL2: 6500 Fans in der alten Eishalle, die Frankfurter sind in jeder Spielklasse ein Publikumsmagnet und sicher eines Tages wieder ein DEL-Mitglied.

Unzählige alte Freunde hier in den Lineups: Die beiden Defender mit rot-weiß-rotem Pass, Patrik Vogl (Innsbruck) und Mathias Müller (Linz), Kurzzeitarbeiter wie Taylor Carnevale und Matt Tomassoni (beide Bozen), David Brine (Zagreb) sowie Mike Little -  in Graz heuer gewogen und zu leicht befunden, nach guten Spielen in Kassel aber nächste Saison wohl in der DEL. Alles nette Blicke in den Rückspiegel, mich interessierte aber vor allem Kassel-Goalgetter Jamie MacQueen, den viele als den besten Spieler dieser Liga sehen.

An diesem Abend agierte er aber sehr diskret, ließ andere die schweren Lasten des Spielaufbaus tragen und kam nur selten auf Touren. Einige DEL-Teams winkten schon ab, er könnte durchaus in der EBEL landen.

Das Spiel leider ziemlich einseitig, nach einigen schwedischen Spielen natürlich weniger strukturiert und eisläuferisch schwächer. Wie in der Vorbereitung schon öfters gesehen: EBEL-Teams können an guten Tagen DEL-Teams schlagen, an schlechten auch gegen DEL2-Teams verlieren. Der finanzielle Unterschied zwischen den Haves (Bremerhaven, Bietingheim oder die beiden Teams von heute) zu den Have-Nots (die Ostteams, Kaufbeuren, Freiburg, Heilbronn) in dieser Liga sorgt aber für eine Zweiklassengesellschaft.



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Bernd Freimüller

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