Der Olympionike aus dem Lager Traiskirchen

Aufmacherbild Foto: © GEPA

Ein kurzes Lächeln.

Ein schneller Wink in jene Richtung, aus der er einen Ruf von der Tribüne gehört zu haben glaubt.

Dann greift Sargis Martirsojan zur Hantel.

Ein kleiner Wackler, ein bisschen zittern, doch er stemmt sie.

210 kg. Also umgerechnet etwa drei Waschmaschinen. Das ist persönliche Bestmarke im Stoßen sowie im Zweikampf (389 kg/179 kg im Reißen) und Olympia-Rang 11 in der Klasse bis 105 kg.

Der 29-Jährige klopft sich stolz auf die Brust, auf den österreichischen Adler, der dort prangt. "Das war ein super Gefühl", erklärt Martirosjan, dass er soeben ein lang gehegtes Ziel erreicht hat.

Damit gemeint ist aber weniger seine Platzierung oder das gelungene Timing seines Formaufbaus. Es geht vielemehr um ein Vorhaben, welches vor rund elf Jahren begann und nun in Rio seine Vollendung findet.

Es war das Jahr 2005, als Sargis Martirosjan nach Österreich kam. Als Flüchtling. Der erste Anlaufpunkt des Armeniers damals, wie für viele andere auch: Traiskirchen.

Am Rande der Existenz

Sein Ziel war schon damals, für Österreich zu starten. Obwohl dem Youngster aufgrund seiner einzigartigen Technik im Reißen damals sogar Weltrekord-Potenzial nachgesagt wurde, dauerte seine ab 2009 angestrebte Einbürgerung durch den Ministerrat aufgrund der Irrwege der heimischen Bürokratie satte fünf Jahre.

Nicht genug, dass er Europa- und Weltmeisterschaften sowie Olympische Spiele aus der Ferne mitansehen musste, ging es für Martirosjan um die nackte Existenz. Nur durch private Sponsoren konnte sich der heute für den SK Voest Linz aktive Athlet über Wasser halten. Ein Gönner stellte zunächst in Baden eine Wohnung zur Verfügung, ein Gasthaus gab dem Kraftsportler fallweise gratis Essen und ein früherer Gewichtheber sprang als Privatsponsor ein.

Sie alle glaubten an ihren Sargis - dass er es irgendwann zu Olympia schaffen würde. Und all diese Leute durften ihn am Montag im Hauptabendprogramm sehen, wie er wie auf den Punkt bestellt, einen neuen persönlichen Rekord bot. "Ich wusste, dass ich irgendwann international starten darf, habe deshalb trainiert, trainiert, trainiert. Und nun stehe ich eben hier - in Rio 2016."

Es freue ihn, Österreich präsentieren zu dürfen. "Meine neue Heimat", wie er ergänzt. "Ich denke, dass es auch für die Zuschauer eine super Leistung war."

Zur Geisterstunde

Für diesen Moment, da oben auf der größten Heberbühne, die die Welt zu bieten hat, habe er hart gearbeitet. Zu jeder Tageszeit, wie er meint. Selbst um Mitternacht hätte er oft trainiert.

Doch weniger weil es irgendein Trainer ihm angeschafft hätte - "damals hatte ich gar keinen Trainer" - sondern weil ihm nichts anderes übrig blieb. "Ich habe bis zehn am Abend gearbeitet. Dann habe ich halt von halb elf bis Mitternacht trainiert und bin nach vier, fünf Stunden Schlaf um sechs wieder arbeiten gegangen", sagt Martirosjan mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es die normalste Sache der Welt.

Mittlerweile konnte er diese Zeiten hinter sich lassen. Seit Jänner ist er als Heeressportler in der Südstadt stationiert."Das ist ein super Leben. Ich kann mich voll und ganz auf mein Training konzentrieren."

Der Schrecken aller Psychologen

Martirosjan ist ein einfacher Mensch. Einer dieser Sorte, die keinen Schnickschnack braucht, um glücklich zu sein. Das hat sich der aus Erewan kommende Mann bis heute bewahrt.

Die lang ersehnten Olympischen Spiele versprühen in den recht zweckmäßig gehaltenen Hallen des Riocentro, einem Messegelände im Stadtteil Barra, nämlich nicht den für Olympia sonst so üblichen Glanz. Etwas, das Martirosjan jedoch herzlich egal ist.

"Olympia ist für mich nur ein Name", zuckt er mit den Achseln. Die Größe des Wettkampfs spiele keine Rolle, schließlich sei das, worauf es ankommt, immer das Gleiche: "Du auf der Bühne gegen die Hantel. Egal ob WM, EM oder Bundesliga - die Hantel wird nicht schwerer oder leichter."

Wer mit ihm spricht, dem wird schnell klar: Gebe es nur Athleten wie ihn, Sportpsychologen wären arbeitslos.

Fest im Würgegriff

Eine Unbeschwertheit, die er auch beim Debattieren über Doping an den Tag legt. Eine Thematik, die das Gewichtheben wie kaum eine andere Sportart derartig fest im Würgegriff hält. Alleine die zweite Welle der Nachtests der Spiele von 2008 und 2012 förderten 31 positive Proben aus dem Gewichtheber-Lager zutage. Da sich diese auf Spitzenplätze fokussierten, verkommen Sieger-Ehrungen immer mehr zur Farce. Die "taz" beschrieb die Medaillen somit treffenderweise schon als "Leihgut".

Vom London-Ergebnis bis 95 kg soll der ursprünglich an achter Positon gelandete Kim-Min jae (KOR) bis auf Silber vorgerücken.

Ob Martirosjan als Elfter von Rio nachträglich gar noch eine Medaillen-Chance hatt? "Ja, sicher", schmunzelt er. Etwas ernster fügt er hinzu, dass er nicht wisse, ob sich die Lage seit London gebessert hat.

Zahlen deuten jedenfalls nicht darauf hin. Laut den Aufzeichnungen des deutschen Verbandes (BVDG) verzeichnete Kasachstan in den vergangenen vier Jahren 27 Doping-Fälle. Hinter dem Spitzenreier folgen Aserbaidschan (24) sowie Bulgarien und Weißrussland (je 14).

Im Gegenzug zeigt es zumindest, dass das Anti-Doping-System hier greift. Martirosjan für seinen Teil wurde in diesem Jahr bereits sieben Mal kontrolliert. Zuletzt hier in Rio und davor während der Vorbereitung in Österreich.

Blut geleckt

Auch wenn Martirosjan mit seinem lang ersehnten Olympia-Auftritt auf gewisse Weise angekommen ist, so ist es zugleich doch auch eine Art Anfang. Denn dem Debüt unter den fünf Ringen sollte - wenn es nach ihm geht - ein zweites Antreten folgen. Dann in vier Jahren in Tokio.

Auf die Frage, wann er glaubt, an seinem Zenit angekommen zu sein, gibt er fast erwartungsgemäß "Jetzt" zu Protokoll.

"Ich werde nun 30 und schaffe immer noch neue Bestleistungen. Warum sollte ich aufhören?!"

Auf dass er sich in vier Jahren wieder auf die Brust klopft.

 

Aus Rio berichtet Reinhold Pühringer

Zum Seitenanfang» 0 Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen

COMMENT_COUNT Kommentare