Was die Welt 2020 in Tokio erwartet

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Als Japans 4x100m-Staffel nur 33 Hundertstel hinter Usain Bolts Jamaika zu Silber sprintete, war das eine mittlere Sensation.

Vor Kanada, China, den in Rio so starken Briten und nicht zuletzt vor den am Ende noch disqualifizierten US-Amerikanern.

Ganz abgesehen von der leicht runterhängenden Kinnlade schien jenes Rennen im Olympia-Stadion einen Vorgeschmack zu geben, was Japan bei den in vier Jahren in Tokio folgenden Sommerspielen vor hat.

Nämlich Großes - nicht nur sportlich, auch organisatorisch.

Bedacht gewählt

Ortswechsel. Ungefähr in der Mitte zwischen der Copacabana und dem etwa 30 Kilometer entfernten Olympischen Park erhebt sich ein fast bizarr anmutender Beton-Koloss nebst der Avenida das Americas.

Die Cidade das Artes. Hier findet nicht nur die Kunstzene Rios ein Zuhause, auch die japanische Delegation hat sich in dem weitläufigen Gebäude während der Sommerspiele eingerichtet.

Die Location ist für das Japan-Haus bedacht gewählt. Offen, mit Wasserflächen und das künstlerische Ambiente. Alles Teile, die sich im Bild wiederfinden, welches die Organisatoren von Tokio 2020 zeichnen wollen.

Die zwei Kernbotschaften sind klar herausgearbeitet:

  • Grüne Spiele: Mit Schlagwörtern wie "Smart Energy City" und "Low Carbon City" wird in Präsentationen und Imagefilmen um sich geworfen. Mithilfe des Umstiegs auf erneuerbare Energien, allen voran die Brennstoffzelle, soll der CO2-Ausstoß um 30 Prozent gesenkt werden. Das Wahrzeichen der Spiele, das Olympia-Stadion, wird bedacht niedrig geplant sowie mit begrüntem Dach ausgestattet, sodass es sich möglichst gut in seine parkähnliche Umgebung einfügt.

  • Zwischen Tradition und Fortschritt: Ein 8K-Bildschirm dort, eine multimediale Klangshow da. Die Japaner lassen ihre guten trainierten Elektronik-Muckis spielen. Auf der anderen Seite aber ebenso unübersehbar der Hang zum Traditionellen, der sich im Japan-Haus etwa in einer geradezu kitschigen Aufstellung von Porzellan-Puppen oder einer Vorführung einer Tee-Zeremonie manifestiert.

Unterm Strich versucht sich die 9,3-Millionen-Einwohner-Metropole als Stadt der Zukunft zu positionieren, welche die Schwierigkeiten moderner Gesellschaften mit modernen Ansätzen löst, ohne dabei auf seine Identität zu vergessen. Nach zwei Wochen hautnahem Miterleben der chaotischen Umstände Rios mag Tokio 2020 wie das gelobte Land klingen.

Ein Eindruck, der jedoch trügt. Wenngleich die Sommerspiele in vier Jahren am komplett anderen Ende der Welt stattfinden, werden einige Probleme nach wie vor ähnlich sein.


Auslagerungen nach Fukushima?

Es sollen die Spiele der kurzen Wege werden. Das verspricht Yuriko Koike, die Gouverneurin Tokios. Die Wettkampfstätten sollen derartig zentral angeordnet sein, sodass alle für die Athleten innerhalb von 30 Minuten erreichbar sind.

Dieses Konzept, mit dem sich Tokio bei der Vergabe gegen Madrid und Istanbul durchsetzte, bekommt aufgrund des Platzmangels im Stadtzentrum jedoch erste Risse.

Laut Medienberichten wird überlegt, Erstrundenspiele im Soft- und Baseball gar nach Fukushima zu verlegen. Jenes Fukushima, in dem es 2011 infolge eines Tsunamis zu einer Kernschmelze kam.

Zündende Idee gefragt

Gerade die Wettkampfstätten bereiten dem Organisations-Komitee rund um dessen Vorsitzenden Yoshiro Mori Sorgenfalten. Angefangen beim Olympia-Stadion. Die ursprünglichen Pläne der irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid wurden aufgrund der Kosten in Höhe von rund 2,2 Milliarden Euro verworfen. Realisiert wird stattdessen das von Kengo Kuma eingebrachte Projekt, das mit 1,31 Mrd. veranschlagt ist.

Das durch seine Begrünung bestechende Modell ist jüngst jedoch durch einen Fauxpas in die Schlagzeilen geraten. Kuma hatte der Olympischen Flamme, einem der wichtigsten olympischen Symbole, keinen Platz im Stadion eingeräumt. Der Architekt rechtfertigte sich, dass bereits in der Ausschreibung eine Feuerschale fehle.

Auch wenn bis zur Eröffnung noch Zeit bleibt, den Fauxpas zu beheben, ist es beileibe nicht die einzige Kleinigkeit, die bei den Vorbereitungen nicht nach Wunsch läuft.

Yen-seitige Explosion

"Unser Motto lautet: höher, schneller, weiter - aber auch sauber und transparent", verkündete Koike der Welt. Doch spätestens seitdem französische Ermittler einer mutmaßlichen Schmiergeld-Zahlung in Höhe von 1,8 Mio. Euro rund um die Vergabe der Spiele nachgehen, wirkt dieser Slogan leicht ausgehöhlt.


Nicht zu vergessen der Skandal rund das Olympia-Logo. Es musste ersetzt werden, nachdem bekannt geworden war, dass Designer Kenjiro Sano bei einem belgischen Kollegen abgekupfert hatte.

Hinzu kommt, dass die Gesamtkosten explodieren zu drohen. Japanische Medien schätzen das Gesamt-Volumen mittlerweile auf 13,8 Milliarden Euro, was dem Sechsfachen der Ausgangs-Annahme entspricht. Vor allem die Personalkosten und die Ausgaben für Sicherheit seien rasant angestiegen.

Summen und Dimensionen, die nicht vereinbar scheinen, mit der vom IOC verabschiedeten "Agenda 2020", welche den Gigantismus der Spiele eigentlich stoppen sollten.

Auf Tokio wartet zudem eine logistische Herausforderung. "Im Zentrum sind die Straßen eng, da können wir keine zusätzliche Spur einrichten", erteilt Koike einer "Olympic Lane" quasi schon jetzt eine Absage. Die extra für Athleten- und Medien-Shuttles freigehaltene Spur hatte sich bei den jüngsten Auflagen bewährt und gilt als unverzichtbar.

Gift fürs Image

Eines der größten Problemen, mit denen Tokio 2020 zu kämpfen haben wird, ist streng genommen eines des IOC: Doping. Die schwache Haltung des IOC gegenüber dem russischen Staats-Doping in Kombination mit der Hilflosigkeit in schwer belasteten Sportarten (Paradebeispiel: Gewichtheben) lassen für Tokio 2020 nichts Gutes erahnen.

Wenn Präsident Thomas Bach davon spricht, dass nun die eingefrorenen Doping-Proben der Sotschi-Spiele nachkontrolliert werden sollen, klingt das schon nach dem nächsten Tiefschlag, auf den sich die Glaubwürdigkeit des Sports sowie jene der olympischen Bewegung gefasst machen muss.

Gedopte Superstars. Etwas, das sich nunmal nicht gut verträgt mit Attributen wie "sauber" oder "transparent".

Bei all den Kontrasten, die sich zwischen Rio und Tokio auch auftun, bleiben Parallelen unübersehbar.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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