Wiener Realitäten

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Die Stimmung in der Hauptstadt war schon mal besser. Rapid hat sich am vergangenen Wochenende aus dem Titelkampf genommen, die Austria ist schon seit Wochen nicht mehr so richtig involviert. Das 317. Wiener Derby hat etwas von einem Krisengipfel. Sollte nicht noch ein Wunder geschehen, geht der Meistertitel zum dritten Mal in Folge nach Salzburg. Derart dominiert hat zuletzt der FC Tirol die Bundesliga – von 2000 bis 2002 gingen drei Titel en suite nach Innsbruck.

In der selbsternannten Fußball-Hauptstadt Wien haben die ganz großen Triumphe indes Seltenheitswert. Seit 2000 ist der Teller 16 Mal vergeben worden – lediglich fünf Mal hielt ihn ein Kapitän von Austria (3) oder Rapid (2) in den Händen. Zudem gab es nun schon fünf Mal hintereinander keinen Wiener Cupsieger mehr. Auch international sind Erfolge rar gesät. Seit 2000 haben die beiden Vereine je einmal Champions League gespielt, je einmal international überwintert, aber je vier Mal den Europacup verpasst – Rapid hat mit sechs Gruppenphasen (Austria 5) die Nase leicht vorne. Im aktuellen UEFA-Team-Ranking ist der SCR auf Platz 88, der FAK auf Rang 103 zu finden.

Kurzum, Ansprüche und Wirklichkeit klaffen in Wien schon seit Jahren weit auseinander. Diesen Umstand wahrzuhaben und auch entsprechend zu kommunizieren, fällt den Klubs schwer. Wenn Letzteres doch passiert, stoßen die Verantwortlichen auf taube Ohren. Die Austria hat in der laufenden Saison immer den dritten Platz als Ziel ausgegeben und musste sich nicht nur einmal die Frage gefallen lassen, warum sie denn nicht Meister werden wolle.

Inzwischen ist die Euphorie längst dahin, Katzenjammer dominiert in der Generali Arena. Der Spielstil, den Thorsten Fink praktizieren lässt, weiß den Fans nicht zu gefallen, Pfiffe und Unmutsäußerungen stehen an der Tagesordnung. Die violette Tradition ist ein schwerer Rucksack, den Spieler und sportlich Verantwortliche zu schleppen haben. Es darf nicht nur, nein, es muss immer ein bisschen mehr sein am Verteilerkreis. Das Verlangen nach der Fortführung des Scheiberlspiels ist riesig, Gustostückerl und Schnörkel sollten es dann schon sein. Ein dreckiger Sieg fühlt sich in Wien-Favoriten nur selten wie ein solcher an. Ob diese anscheinend übertriebene Erwartungshaltung noch zeitgemäß ist? Eher nicht. Nicht geringer ist die Erwartungshaltung bei Rapid. Allerdings ist dort die Situation eine andere.

Rapids Rucksack ist das Label des Rekordmeisters

Während die Fans der Veilchen gut damit leben können, wenn ihre Mannschaft in Schönheit stirbt, ist in Hütteldorf der Erfolg unabdingbar. Rapids Rucksack ist das Label des Rekordmeisters. Dass das Gros der eingefahrenen Meistertitel schon eine halbe Ewigkeit zurückliegt, wird schnell vergessen – nur sieben Mal holten die Grünen seit der Einführung der österreichischen Bundesliga 1974 den Teller. In Hütteldorf fühlt man sich als Zweiter aber eben immer als erster Verlierer. Zumal der Kampf als Traditionsklub mit Herz gegen RB Salzburg als Marketingprodukt und Inbegriff des Kommerz in den vergangenen Jahren nur zu gerne hochstilisiert wurde. Tatsächlich wird dieser Kampf aber regelmäßig verloren.

Der Ligakrösus aus der Mozartstadt hat finanziell eben ganz andere Mittel und wird in der Regel Meister. Dass die Rapid-Neuzugänge Christoph Schösswendter, Stephan Auer, Stefan Nutz, Tomi und Philipp Huspek heißen, während Salzburg um Millionen Talente bzw. Leistungsträger wie Naby Keita, Dimitri Oberlin und Reinhold Yabo verpflichtet, bildet die finanziellen Realitäten ab.

Durch die Stadion Neu- bzw. Ausbauten in Hütteldorf und Favoriten ist mittelfristig damit zu rechnen, dass die Wiener Klubs budgetär ein wenig aufholen, ein- oder gar überholen werden sie Salzburg aber nicht. Hinzu kommt, dass sich die Bundesliga mehr und mehr zur Ausbildungsliga entwickelt – ob ihr das nun gefällt oder nicht. Gute, junge Spieler werden sich nach ein, zwei starken Saisonen immer für das lukrativere und attraktivere Angebot aus größeren Ligen entscheiden. Und jene, die nicht ganz so gut sind, können in Deutschlands zweiter Liga immer noch besser verdienen.

Konstanz wird immer mehr zum Fremdwort, in jeder Transferzeit müssen Kaderbaustellen bearbeitet werden. Noch ist das in den Köpfen der Fans aber nicht ganz angekommen. Wer seine Leistungsträger nicht rechtzeitig verkauft, wird sie irgendwann ablösefrei verlieren. Ob es sich lohnt, die gebotenen Summen liegen zu lassen, um eventuell einen Titel zu holen? Meistens nicht. Als aktuelles Beispiel sei das Festhalten von Rapid an Florian Kainz genannt. Gladbach hätte im Winter gutes Geld bezahlt, doch Rapid wollte mit ihm Meister werden oder Cupsieger oder im Europacup für Furore sorgen. Natürlich ist man im Nachhinein immer klüger, aber ein Blick auf die vergebenen Meisterteller und Cup-Pokale der vergangenen Jahre hätte gezeigt, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass das Vorhaben Rapids klappt.

Auf die Wiener Klubs kommen schwere Zeiten zu. Sie müssen über Jahrzehnte hinweg gelernte Erwartungshaltungen ihrer Anhängerschaft in neue Bahnen lenken. Das kann dauern. Doch es ist der einzig gangbare Weg, um sich nicht ständig mit Unruhe aus dem eigenen Umfeld konfrontiert zu sehen.




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