"Ich war weg vom Fenster"

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Rados: "Ich war weg vom Fenster"

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Er war immer einer der Größten seines Jahrgangs. Auch mit 14.

Gott sei Dank, denn dank seiner Länge wirkten die rund 130 Kilo, die der Karate- und Fußballbegeisterte mit sich herumschleppte, nicht ganz so pummelig.

"Ich hatte immer schon Probleme mit meinem Gewicht", flachst Jozo Rados im LAOLA1-Gespräch rund sieben Jahre später, beim All Star Day der Admiral Basketball Bundesliga. Er ist nicht als Zuschauer ins Multiversum nach Schwechat gekommen, sondern als einer der besten 30 Spieler der ABL.

Der 21-Jährige von den Klosterneuburg Dukes ist zum ersten Mal All Star und erntet die ersten Früchte seiner zweifelsfrei besten Saison seiner jungen Karriere. Doch mit dieser hatte er eigentlich schon abgeschlossen.

"Ich war weg vom Fenster", erinnert sich der Big Man mit Schrecken an die härtesten zwei Jahre seines Lebens. Aber der Reihe nach... 

Der Schlüssel für den Kühlschrank

Aufgewachsen im niederösterreichischen Mistelbach, kommt der heutige 2,08m-Hühne mit kroatischen Wurzeln in den ersten 13 Jahren kaum mit dem orangefarbenen Leder in Berührung. Zwar habe sein Vater ihm schon immer Geschichten der "heimischen" Basketball-Legenden um Drazen Petrovic erzählt, ein Vereinstraining besucht Rados aber erstmals mit 14. "Nach der ersten Einheit war klar, dass ich dabei bleibe", erzählt der Youngster heute ganz selbstverständlich. Auch wenn der Trainer damals seinem Vater rät, "den Kühlschrank in der Nacht abzuschließen."

Seine Position findet er – wenig überraschend – sehr schnell. "Ich fühlte mich innen am wohlsten", wusste Rados seinen Größenvorteil unter dem Korb auszuspielen. "Aber mein Wurf war auch immer solide", fügt er hinzu. So solide, dass es ihn sein Weg bei der UKJ Mistelbach (heute Mustangs) bis in die Kampfmannschaft und mit dieser zum Vizemeistertitel in der 2. Bundesliga führt. 

Der Pivot hat großen Anteil am Erfolg der Weinviertler und wird folglich von ABL-Klubs umworben. "Ich konnte es nicht realisieren", macht Rados keinen Hehl daraus, dass ihm alles fast schon zu schnell geht. "Mein damaliger Trainer, Fritz Miklas, hat mir bei der Entscheidung sehr geholfen", erklärt er, wie es ihn mit 17 Jahren nach Gmunden verschlägt.

Rados (l.) punktet mit Athletik und Physis

Athletik vs. Hektik 

In der Folge bleibt Rados von Verletzungen verschont und schließt an Swans-Zeiten an. Mehr noch. Der Fünfer entwickelt sich zu einem der Besten seiner Zunft in Österreich, besticht vor allem durch seine Athletik. Eine Folge der intensiven Physiotherapie.

"Wir haben sehr viel für Kraft, Schnellkraft und Explosivität getan, aber vieles ist genetisch bedingt", erklärt der Duke seine größte Stärke. Diese erlaubt es ihm zudem, seine Gegner als Abrollender im "Pick & Roll" auf Trab zu halten und die Wege in der Defense schnell zurückzulegen.

Auch wenn sich die Statistiken (11,8 Punkte und 6,6 Rebounds) teilweise sehen lassen können, offenbaren sie auch die Schwächen des Jungprofis. Zu 3,1 Fouls pro Spiel gesellen sich noch 2,7 Turnovers. Oft wirkt Rados tollpatschig und zu hektisch. "In erster Linie muss ich ruhiger spielen, oft will ich den Pass machen, obwohl er nicht offen ist", sieht auch er seine Schwäche im Handling und in der Konzentration. "Ich muss das Spiel besser lesen, konstanter im Post werden und wenn ich nicht gedoppelt werde, muss ich scoren", legt er nach.

Euroleague vor NBA

Rados ist, rund vier Jahre nach seinem vermeintlichen Karriereende und zwei Jahre nach seinem Comeback aber stärker denn je und eines der größten Center-Talente in Österreich. Doch die Konkurrenz im "eigenen Lager" ist groß. Mit Rasid Mahalbasic (Astana) und Jakob Pöltl (University of Utah) sitzen ihm zwei Brocken vor der Nase.

Der Klosterneuburger sieht ausschließlich das Positive. "Rasid ist ein Vorbild, ich bin froh, dass ich beim Nationalteam mit ihm spielen konnte. Er hat mir viel gelehrt." Pöltl sei "noch einmal eine andere Liga." Der Ex-Timberwolves- und -Traiskirchen-Akteur könnte es im Sommer sogar in die NBA schaffen. Die wiederum verfolgt Rados zwar, aber mehr als träumen ist nicht erlaubt – "ich bin realistisch." Außerdem sieht er sich "viel lieber" Euroleague-Spiele an, das sei "interessanter. Es wird immer um jede Possession gekämpft."

Außerdem ist die europäische Elite greifbarer und der Sprung ins Ausland das ferne Ziel des 21-Jährigen, "aber ich schaue von Jahr zu Jahr." Wie schnell es dann schlussendlich gehen kann, dafür steht Jozo Rados, wie kein anderer. 

Mit 14 erstmals in die Halle, mit 18 weg vom Fenster, mit 21 All Star.

Kevin Bell

Schneller Aufstieg

Viele Minuten sieht er in Oberösterreich, mehrere hundert Kilometer weg von seiner vertrauten Umgebung, zunächst natürlich nicht. Frei nach Spurs-Coach Gregg Popovich – "Rookies spielen nicht viel." Der Frischling weiß nicht, wo er steht, ist der dritte Center im Aufgebot der Swans und merkt, "dass er einfach noch nicht gut genug ist".

Doch Rados arbeitet hart, konzentriert sich ausschließlich auf Basketball, die Schule liegt auf Eis. "Der Verein hat sich um mich gekümmert, mir Wohnung und Taschengeld zur Verfügung gestellt. Ich muss mich bei Harald Stelzer bedanken."

Im Sommer 2011 ist er als U18-Spieler Starter des U20-Nationalteams, das sich bei der A-EM mit Nationen wie Spanien, Türkei, Griechenland, Serbien und Litauen misst und zwei Siege gegen Kroatien einfährt.

Dann fasst der "Koloss von Mistelbach" auch in Gmunden Fuß. "Im zweiten Jahr war ich plötzlich viel reifer und besser", erinnert sich der Niederösterreicher.

Und just, als Basketball sein Leben bestimmt und die Etablierung in der ABL bevorsteht, endet die Karriere des Jozo Rados. Zumindest vermeintlich.

Harter Fall

Ein "genetischer Fehler" verursacht Schmerzen. "Die Hüftknochen haben aneinander gerieben. Der Meniskus in der Hüfte und die Knochenstruktur waren kaputt. Ich dachte, es ist aus", berichtet Rados – und bekommt dabei noch heute Gänsehaut.

Zwei Jahre spielt er kein Basketball, kann nicht schmerzfrei gehen und muss sich zwei Operationen unterziehen. "Ich wurde sozusagen aus dem Leben gerissen". Gerade volljährig, kehrt er zurück nach Mistelbach. "Mir wurde alles genommen." Doch schon bald träumt der Center von einem Comeback. "Mein Vater hat mich zu jedem Arzt gefahren. Ich wusste, dass es eine Chance gab und wollte zurückkehren".

Mit Hilfe seines Physiotherapeuten ("ohne ihn und meine Familie wäre ich nicht hier") kommt der Big Man seiner Form nach zweijähriger Pause plötzlich immer näher. Im Rahmen eines Länderspiels, bei dem er als Zuschauer zu Gast ist, spricht ihn der damalige Dukes-Coach, Werner Sallomon, an. Eines kommt zum anderen, Rados unterschreibt in Klosterneuburg und ist – im Frühjahr 2013 - zurück in der Bundesliga. "Werner gab mir die Chance", weiß der nunmehrige All Star, bei wem er sich zu bedanken hat.

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