"Die FIS macht den Sport tot"

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Galler: "Es herrscht völliges Desinteresse"

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Spektakuläre Sprünge, Tricks, Sportler im direkten Duell gegeneinander. Der Snowboard-Sport hat das Potenzial, Action und Spannung zu vereinen wie kaum eine andere Wintersportart.

Dennoch fristen die Boarder ein Dasein im Schatten der Alpinen und Nordischen – zumindest in Österreich. Oder vor allem in Österreich, wo der Präsident des Skiverbandes, das Zentrum der Macht in Sachen Kompetenz- und Ressourcenverteilung, deutliche Sympathien für Sportarten auf zwei Brettern hegt.

„Snowboard hat, jede Sparte für sich, eine Berechtigung“, sagt Christian Galler, seit 2001 Sportlicher Leiter der Snowboarder im ÖSV gegenüber LAOLA1, „momentan ist die Philosophie im ÖSV aber eine andere". Nachsatz: "Diese ist erfolgreich, das muss man auch sagen."

Peter Schröcksnadel versucht uns zu helfen, wo es nur geht. Er will uns nicht abdrehen, wir bringen ihm immerhin Medaillen“, weiß Weltmeister und Olympiamedaillen-Gewinner Benjamin Karl.

Entwicklungen bereiten Sorgen

Dennoch hinken die Snowboarder vor allem in Punkto Vermarktung den Skifahrern und Skispringern hinterher. „In Summe ist die Verteilung innerhalb des ÖSV nicht korrekt. Ich würde Snowboard anders positionieren, dann hätte dieser Sport in Österreich auch wesentlich mehr Möglichkeiten“, glaubt Galler.

Viel mehr als die Geschehnisse im nationalen Bereich bereiten dem Steirer die Entwicklungen auf internationaler Ebene Sorgen. „Es wird immer größer, höher, breiter, speziell bei Großevents. Die Athleten müssen Kurse fahren, die wesentlich länger und größer gebaut sind, als sonst“, berichtet Galler.

„Das ist ein Riesenfehler, der hier gemacht wird, weil wir diese Möglichkeiten im Training einfach nicht haben - keine der Nationen. Unsere Athleten werden oft vor vollendete Tatsachen gestellt. Aufgrund dieser Konstellation gibt es vermehrt Verletzte.“

„Wir schicken unsere jungen Athletinnen momentan nicht in große Weltcup-Kurse, weil ich Bedenken habe, dass wir das überleben.“

Christian Galler

Derzeit sei es oft so, dass bei den Damen keine kompletten Finali mit 24 Läuferinnen mehr zustande gebracht werden. „Wir schicken unsere jungen Athletinnen momentan nicht in große Weltcup-Kurse, weil ich einfach Bedenken habe, dass wir das überleben“, spricht Galler Klartext.

„Ich halte diese Entwicklung in der FIS für sehr bedenklich. Die entscheidungsberechtigten Personen müssen sich überlegen, in was für eine Richtung es gehen soll. Wenn wir es nicht schaffen, die Strukturen zu ändern, kann es sein, dass wir in nächster Zeit Schwierigkeiten bekommen.“

Zwar sei eine Weiterentwicklung laut dem Sportlichen Leiter vor allem in Randsportarten notwendig, „aber ich glaube, dass man auch gut damit leben kann, wenn man nicht so große Schritte macht und stattdessen mehr Möglichkeiten schafft, damit mehr Leute gewinnen können“.

Fehlende Sponsoren als großes Problem

Bei den Parallel-Boardern werden bei Weitem noch nicht alle Möglichkeiten des Regulativs ausgeschöpft, vor allem bei der Kurssetzung gibt es noch Potenzial nach oben. „Wir müssen attraktiv bleiben und zum Beispiel Rhythmusänderungen in den Kurs einbauen, die man sonst nicht hat. Das Publikum muss die Möglichkeit haben, Teil der Veranstaltung zu sein“, fordert der Steirer.

Damit es überhaupt Weltcup-Events gibt, bedarf es derzeit großer Anstrengungen der Veranstalter. Seit den Snowboardern 2012 der Tour-Sponsor abhandengekommen ist, müssen die einzelnen Weltcup-Orte die finanzielle Last für die Bewerbe größtenteils alleine stemmen.

Viele können bzw. wollen sich das nicht leisten. Die geplanten Parallel-Rennen am Jauerling etwa wurden aus Geldmangel gestrichen. „Mir tut es persönlich sehr leid, weil der Sport darunter leidet“, sagt Michaela Dorfmeister, Vizepräsidentin des Landesskiverbandes Niederösterreich.

„Athleten und Trainer sind brutal motiviert, wir kämpfen an mehreren Fronten, damit wieder mehr passiert“, lässt Karl wissen. Die Raceboarder streben in erster Linie nach einem stabilen Rennkalender. „Es wird im nächsten Winter 13 Bewerbe geben, in Zukunft sollen es zwischen 15 und 20 sein“, verrät der Niederösterreicher.

TV-Quoten sprechen für sich 

Das Vorhaben, mehr Rennen trotz fehlender Geldgeber durchführen zu wollen, ist allerdings ein ambitioniertes. Karl deutet jedoch gegenüber LAOLA1 an, dass es ab der kommenden Saison wieder einen Tour-Sponsor geben könnte. „Die Chancen stehen gut“, spruchreif ist allerdings noch nichts.

„Ich gehe davon aus, dass wir einen Tour- und Presenting-Sponsor finden werden, spätestens übernächstes Jahr“, ist auch Galler optimistisch. Gleichzeitig nennt er Gründe dafür, warum es die FIS seit 2012 nicht geschafft hat, einen Geldgeber für die Tour aufzutreiben: „Erstens weil einfach niemand fragt und zweitens weil wir uns selbst reduzieren und somit möglicherweise kein weltweit kompatibles Produkt bieten“.

„Aber mir kann keiner sagen, auch nicht die FIS, dass Snowboard keinen Sponsor weltweit interessieren würde“, so der Sportliche Leiter, „nicht zuletzt auch aufgrund der Quoten der Olympischen Spiele“. In Sotschi 2014 war Snowboard mit über 92 Millionen TV-Zusehern nämlich die meistgesehenste Sportart vor Skispringen

Desinteresse bei der FIS 

Angesichts solcher Zahlen verwundert die augenscheinlich fehlende Lobby der Snowboarder innerhalb des Internationalen Skiverbandes. „Die einzelnen Chefs der nationalen Verbände sind bemüht, einen besseren Status bei der FIS zu schaffen“, erklärt Karl. „Alles in allem sind wir am Kämpfen. Wir wollen, dass es besser wird und lassen uns nicht unterkriegen.“

„Es herrscht völliges Desinteresse“, kritisiert Galler und mutmaßt: „Die FIS steht mit Ski Alpin und Skispringen gut da. Würde man das ergänzen, könnte es sein, dass diese zwei Füße, auf denen man steht, schwächer werden“.

Aus diesem Grund ziehen die einzelnen Nationen gemeinsam an einem Strang und wollen auf eigene Faust einen Sponsor bereitstellen, die Tour in Zukunft selber vermarkten. „Wir lassen uns das nicht mehr gefallen, dass die FIS nur zuschaut und nichts unternimmt und diesen Sport dadurch tot macht“, wettert Galler gegen die Arbeitsweise des Skiverbands. „Wenn ich eine Sportart aufnehme, dann muss ich mich darum kümmern, dass diese am Leben bleibt. Das ist momentan nicht der Fall.“

„Wenn ich eine Sportart aufnehme, dann muss ich mich darum kümmern, dass diese am Leben bleibt. Das ist momentan nicht der Fall.“

Glaubt man einem Bericht des Magazins „Sponsors“, darf man der FIS nicht vollkommene Untätigkeit vorwerfen. Demnach gibt es in einigen Disziplinen wie etwa dem Snowboardcross Pläne für eine gemeinsame Tour mit den Skicrossern. Die Rede ist von einem Event, bei dem die stärksten Weltcup-Bewerbe der Snowboard- und Freestyle-Disziplinen zusammengefasst und zentral vermarktet werden sollen.

Sollte es allerdings keine Intention von Seiten der FIS geben, erscheint für Galler künftig auch eine komplette Abkopplung vom Skiverband für durchaus denkbar. Derzeit geht es ohne die FIS aber nicht, wer zu Olympischen Spielen will, ist auf den Internationalen Skiverband angewiesen.

Kampf gegen das IOC

Um ein Antreten im Zeichen der fünf Ringe müssen auch die Raceboarder kämpfen. Das Internationale Olympische Komitte hat sich nämlich im Juni 2015 dazu entschieden, den Parallel-Slalom bei den kommenden Spielen in Pyeongchang 2018 aus dem Programm zu nehmen.

Die Entrüstung in der Snowboard-Szene war bzw. ist groß und führte sogar zu einer Klage gegen das IOC. US-Boarder Justin Reiter forderte vor dem Gericht in Lausanne die Einhaltung der Olympischen Charta ein. Diese besagt, dass das Olympia-Programm bis maximal drei Jahre vor der Eröffnung der jeweiligen Spiele geändert werden darf.

„Wir haben versucht eine nachvollziehbare Erklärung zu finden. Es versteht niemand“, sagt Galler. „Ich verstehe nicht, warum man etwas wegnimmt, das funktioniert und wo gute Quoten da sind.“

Daniela Kulovits

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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