Feller: "Vom ersten Rennen weg unter Beschuss"

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Manuel Feller ist ein Mann klarer Worte.

Das zeigt sich auch bei der Analyse der abgelaufenen Ski-Saison. "Dass das für die Ski-Nation Österreich nicht würdig war, ist klar", sagt der Tiroler.

Feller selbst musste trotz seines Bandscheibenvorfalls im Dezember viel Kritik einstecken, machte aber auch seine Meinung zu den Kritikern unter anderem in einem Rap deutlich.

Im LAOLA1-Interview erklärt Feller, warum die abgelaufene Saison die schwierigste seiner Karriere war und ihn die Meinung der österreichischen Ski-Fanatiker nicht interessiert. Außerdem verrät der 27-Jährige, wie groß der Druck auf das ÖSV-Team nach Marcel Hirschers Rücktritt wirklich war und was sich seit der Geburt seines Sohnes verändert hat.

LAOLA1: Statt Weltcup-Finale heißt es jetzt Corona und Quarantäne. Wie gehst du mit der aktuellen Situation um?

Manuel Feller: Ich glaube, es ist für uns alle keine einfache Situation. Niemand von uns war schon einmal mehrere Wochen unter Anführungsstrichen in den eigenen vier Wänden eingesperrt. Von dem her ist es für mich genauso eine Herausforderung wie für jeden anderen. Noch dazu haben wir nicht die größte Wohnung, da tut man sich mit einem Baby schon etwas schwer. Einmal am Tag gehen wir drei spazieren, alle anderen Kontakte haben wir erstmal gecancelled. Das Training mache ich alleine oder via Facetime. Aber wir werden es überleben, es gibt Schlimmeres.

LAOLA1: Ist es für dich - in Hinblick auf die kommende Saison - vielleicht sogar ein Vorteil, dass du jetzt mehr Fokus auf die Fitness und deinen Rücken legen kannst?

Feller: In gewisser Hinsicht schon. Das Schneetraining ist jetzt mal eingestellt, das Kondi-Training ist aber alleine auch nicht so effektiv, wie normalerweise mit einem Kondi-Trainer oder Therapeuten zusammen. Wir verlieren dadurch also auch ein paar Wochen. Aber ich benötige den Sommer unbedingt, um wieder 100-prozentig auf das Level zu kommen, auf dem ich im Herbst war. Das Ziel ist, in diesem Bereich im Sommer noch einen Schritt vorwärts zu machen. Generell ist es derzeit nicht so einfach, wir versuchen die Zeit so gut wie möglich zu überbrücken. Die Qualität ist derzeit aber nicht so gegeben, wie normal, so wie es aktuell bei anderen Berufen auch ist.

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LAOLA1: In der Öffentlichkeit gab es in der abgelaufenen Saison viel, zum Teil sehr harte Kritik an dir und deinen Teamkollegen. Kannst du das nachvollziehen? Was entgegnest du den Kritikern?

"Ob der österreichische Ski-Fanatiker mich als nicht würdig für die Ski-Nation Österreich sieht, kann mir ziemlich egal sein. Ich muss auf mich schauen."

Feller: Was ich den Kritikern entgegne, hat, glaube ich, schon jeder mitbekommen. Dass das für die Ski-Nation Österreich nicht würdig war, ist klar. Nichtsdestotrotz war es für mich wahrscheinlich die schwierigste Saison meiner Karriere. Ich war eigentlich sehr, sehr gut vorbereitet und hatte dann im Dezember einen großen Rückschlag mit dem Bandscheibenvorfall. Schlussendlich musste ich dann auf mich schauen. Ob der österreichische Ski-Fanatiker mich als nicht würdig für die Ski-Nation Österreich sieht, kann mir ziemlich egal sein. Ich muss schauen, dass ich meine sieben Sachen wieder beieinander habe und wieder schnell Ski fahre. Ich glaube, die letzten Rennen - z.B. Hinterstoder - waren schon ein Schritt in die richtige Richtung. 

LAOLA1: Du warst nicht der einzige im Technik-Team, der in diesem Winter zu kämpfen hatte.

Feller: Es war von der ganzen Mannschaft nicht das Gelbe vom Ei, das muss man ganz klar sagen. Aber wir hatten in diesem Winter alle unsere Hürden zu bewältigen, es gab viele Verletzungen und so weiter. In unserer Gruppe ist es in den letzten Jahren immer bergauf gegangen, wirklich bei jedem. Dass es genau jetzt in dieser Saison, in der es passen hätte sollen, nicht funktioniert hat, ist extrem schade. Umso blöder schaut es dann auch auf dem Papier aus, jetzt wo Marcel (Hirscher, Anm.) nicht mehr dabei ist. 

LAOLA1: Euer Trainer Marko Pfeifer hat gemeint, ihr musstet nach Hirschers Rücktritt erst lernen, damit umzugehen, dass die ganze Nation jetzt von euch Siege erwartet. Wie groß war der Druck wirklich?

"Wir sind eigentlich vom ersten Rennen weg unter Beschuss gewesen. Wir hatten von Beginn an keine Ruhe."

Feller: Anfangs habe ich mir nicht viel dabei gedacht. In Sölden habe ich dann das erste Mal bemerkt, dass ein gewisser Druck auf meinen Schultern lastet. Wir sind eigentlich vom ersten Rennen weg unter Beschuss gewesen. Wir hatten von Beginn an keine Ruhe, was natürlich auch den Leistungen zuzuschreiben war. Aber das hat es für uns natürlich nicht leichter gemacht. 

LAOLA1: Du bist seit einigen Monaten Papa. Haben sich deine Prioritäten dadurch verschoben? Relativiert sich das eine oder andere schlechte Resultat nun?

Feller: Ich bin stolzer Papa. Das ist definitiv das Beste, das mir bis jetzt passiert ist. Natürlich wird das Leben jetzt dem Kind angepasst, wenn nicht, wäre ich ein schlechter Papa. In der Freizeit werden die Prioritäten schon anders gesetzt, aber im Sport sind sie noch immer die gleichen. Im Winter hat es schon oft ein schlechtes Ergebnis relativiert, wenn ich nach Hause gekommen bin und sein Lächeln gesehen habe. Aber auf der Piste habe ich ihn nicht neben mir und da wurmt es mich trotzdem, wenn ich langsam bin. Zuhause ist es fein zum Abschalten, ansonsten hat sich in meinem Kopf, was den Sport betrifft, nicht wirklich etwas verändert. Ich will immer noch ganz vorne mitfahren und früher oder später Rennen gewinnen. 

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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