Patrick Mayrhofer: Der Snowboarder mit "Robo-Arm"

Patrick Mayrhofer: Der Snowboarder mit Foto: © GEPA
 

Vier Medaillen, alle im alpinen Bereich – die Skifahrer sind bislang Österreichs Edelmetall-Lieferanten bei den paralympischen Spielen 2018 in Pyeongchang.

Neben Langläuferin Carina Edlinger sind mit Reinhold Schett und Patrick Mayrhofer nur drei der 13 Sportler nicht im alpinen Bereich beheimatet. Die beiden Snowboarder gehen dafür mit großen Medaillenchancen in den "Banked Slalom".

Mayrhofer startet dabei in der Klasse "UL", bei der Beeinträchtigungen der oberen Extremitäten vorliegen. Der ehemalige Elektriker verlor bei einem Stromunfall im Februar 2008 die Funktion der linken sowie einige Finger der rechten Hand.

Ein Fall für die Ethikkommission

So schrieb der mittlerweile 30-Jährige auf ganz andere Weise Schlagzeilen. Er trägt im Alltag einen bionischen Unterarm, Modell "Michelangelo" der Firma "Ottobock", die er mittels Elektroden auf der Hautoberfläche mit noch vorhandenen Muskelsignalen steuern kann. Und war seinerzeit der erste Mensch überhaupt, der die bahnbrechende Technologie erproben durfte.

"Im Unterarmbereich waren alle Nerven und Sehnen weg. Es war eine noch lebende, aber völlig funktionslose Hand. Was macht man damit, wenn sie immer nur herunterhängt?", sagt Mayrhofer gegenüber LAOLA1.

Es entstand ein Streitfall. Darf man eine noch vorhandene, biologisch zumindest lebende Hand auf Wunsch des Patienten amputieren lassen, mit dem Ziel, sie durch eine Prothese zu ersetzen?

Mayrhofers Prothese "Michelangelo"
Foto: © GEPA

Ein bis dahin kaum vorgekommener Fall, mit dem sich eine Ethikkommission auseinandersetzen musste. Bei einem sofortigen Verlust der Hand beim Unfall wäre es keine große Sache gewesen.

Mayrhofer hatte sich schon damals mit dem Thema Prothesen auseinandergesetzt und probierte sein jetziges Modell, das auch von gesunden Menschen mithilfe der Sensoren gesteuert werden kann. Und platzierte den Wunsch nach einer Amputation, einem "Neubeginn" mit der künstlichen Hilfe, bei seinem Arzt.

Eine Hand wie ein Auto

Seine bionische Hand arbeitet über Kommandos, die er mit den Muskelsignalen eingibt. "Bei der Kontraktion erzeugt der Muskel eine Spannung auf der Hautoberfläche", erklärt der Oberösterreicher.

"Ich kann verschiedene Griffe und die Schnelligkeit einer Bewegung steuern. Die Eingewöhnung an so eine Prothese dauert zwei bis drei Monate, bis man ein Wasserglas halten kann, dauert es natürlich länger, als mit einem Notizblock."

Letzten Endes sei es aber wie Autofahren. "Da ist man am Anfang immer nervös, dann geht es wie von selbst."

Auch beruflich umgestiegen

Nach dem Unfall kehrte der Elektrotechniker wieder in seinen Beruf zurück, allerdings im Büro, nicht am Bau. Zwei Jahre später wurde er von der Prothesenfirma nach Wien geholt, wo er nun als Produktschuler tätig ist.

"Seit 2011 ist die Hand weltweit verfügbar, wir verkaufen jährlich etwa 200 Stück davon. Das ist im Vergleich mit Fußprothesen nicht die Welt, aber zum Glück gibt es nicht so viele Menschen, die darauf angewiesen sind", sagt Mayrhofer.


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(Text wird unterhalb fortgesetzt)


Schließlich spricht man bei bionischen Prothesen von kostspieligen Angelegenheiten – etwa im Bereich eines Mittelklasse-Autos.

"Aber in Österreich haben wir ein gutes Sozialsystem. Wenn jemand echten Nutzen von der Technik hat und es auch Folgeschäden verhindert, ist es wahrscheinlich, dass sie der Patient bekommt."

Beim Snowboarden verwendet Mayrhofer die Prothese übrigens nicht. Einerseits aufgrund der Beschädigungsgefahr. Andererseits aufgrund des fehlenden Nutzens. "Meine Reaktionen sind ohne der Hand schneller, da ich ihr Gewicht noch mitbewegen müsste."

Paralympics als Krönung?

Nach dem Unfall dauerte es einige Jahre, ehe Mayrhofer wieder an Sport denken konnte. 2011 kam er auf einer Prothetik-Messe am Stand des Snowboard-Teams vorbei.

2015 krönte er sich zum Weltmeister im Banked Slalom und Behindertensportler des Jahres, 2015/16 und 2016/17 darüber hinaus zum Gesamtweltcup-Sieger.

Die Paralympics in Pyeongchang sind die ersten für Mayrhofer. Im Snowboardcross scheiterte er im Viertelfinale und wurde Fünfter, nachdem der 30-Jährige die Qualifikation als Schnellster bestritt. In der jungen Sportart gibt es noch keine Spezialisten für beide Disziplinen – in weiteren vier Jahren könnte sich das bereits geändert haben.

"Im Parasnowboard ist die Beachtung nicht so hoch wie im Ski Alpin, das ändert sich bei paralympischen Spielen. So schön es ist, beim Fahren muss man das ausblenden", so Mayrhofer über die große Bühne.

Die erste und letzte Medaillen-Chance?

Die ersten könnten allerdings gleichzeitig die letzten paralympischen Spiele für ihn werden. Das liegt weniger am Schienbeinkopfbruch der vergangenen Saison, der wieder eine schwere Operation nötig machte.

"Aber die Leistungsdichte nimmt extrem zu. Die meisten guten Läufer sind Vollzeitsportler, Reinhold (Schett, Anm.) und ich sind eher Freizeitsportler. In vier Jahren werden wir nicht mehr um eine Medaille mitreden, da müssten wir uns voll auf den Sport konzentrieren können", bedauert Mayrhofer.

Zumindest Mitglied im ÖSV sind die Parasnowboarder aber vor kurzem geworden, nächstes Jahr sollen sie voll integriert werden. "Das wird ein schleichender Prozess, aber uns und jene, die nachkommen, hoffentlich unterstützen", so Mayrhofer.

Und das kann sicher nicht schaden – wenn man sich die Bilanz der ÖSV-Snowboarder über die letzten Jahre ansieht.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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