Freimüller erklärt den Kalender eines NHL-Scouts

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Von Oktober bis Juni - Eishockey ist für einen NHL-Spieler fast schon ein Ganzjahressport. Aber auch als Scout kann man sich über mangelnde Beschäftigung im Business rund um die Hartgummischeibe nicht beschweren.

Fast 200 Spiele besucht ein Talentesucher im Laufe einer Saison. Freie Wochenenden? Quasi Fehlanzeige. Aber wie läuft ein derart reise-intensives Arbeitsjahr genau ab?

LAOLA1-Scout Bernd Freimüller erklärt ein typisches Jahr im Leben eines europäischen NHL-Scouts:

Juli: Die ersten Wochen sind frei, nach dem Draft steht erst einmal Familienurlaub an. Einige "Streber" sind schon Ende des Monats bei den ersten Camps oder Testspielen dabei, andere lassen diesen Monat als einzigen des Jahres ganz eishockeyfrei.

August: Bereits ein Pflichtpunkt – das "Ivan-Hlinka-Turnier" in Bratislava und Breclav, wo die Top-U18-Nationalteams aufeinandertreffen. Ein guter Einstieg in die Saison, wo vor allem einige Top-Kanadier zum einzigen Mal in Europa zu sehen sind. Doch Scouts wissen: Die Leistungen hier sollten weder über- noch unterbewertet werden, schließlich handelt es sich doch um Sommerhockey und viele Cracks glänzen nur hier oder weisen einen wesentlichen Leistungsanstieg während der Saison nach. Wenig erbaulich für europäische Scouts: Ab dem nächsten Sommer findet dieses Turnier jedes zweite Jahr in Edmonton statt, was eine weitere Transatlantik-Reise (in eine nicht gerade reizvolle Stadt) bedeutet.

September: Die Ligen beginnen, ab sofort gibt es bis April kein freies Wochenende mehr. Die ersten Wochen werden zum "Scannen" verwendet – man geht durch die Ligen (vor allem Junioren) im eigenen Land: Welche Spieler und welche Teams sind Pflichtpunkte für weitere Besuche, welche können bereits abgehakt werden? Noch ist das Feld weit offen, jeder Spieler bekommt eine Chance. Wie immer stehen hauptsächlich die neuen Spieler für den Draft (heuer 16. September 1999 bis 15. September 2000) im Fokus. Ältere Cracks, die schon durch einen oder mehrere Drafts gegangen sind, sollten einen klaren Leistungsanstieg (wenn möglich im Seniorenbereich) nachweisen.

Oktober: Der "saftigste" Monat des Jahres – keine Nationalmannschaftsturniere, aber vier Wochenenden mit Ligenbetrieb. Jetzt beginnen die Auslandsreisen – das sogenannte "Crossover-Scouting". Die Top-Talente, die die Scouts im Vorjahr als Under-Ager oder eben beim Hlinka-Turnier gesehen haben, werden beobachtet, auch hier gilt aber, dass alle Teams und Spieler noch wertfrei gescoutet werden. Sehr beliebt: Finnische Juniorenspiele, wo an einigen Wochenenden sechs Teams an einem Ort zusammenkommen. Das erspart Reisen in einer ohnehin nicht sehr starken Liga, die so schnell überblickt werden kann.

November: Am zweiten Wochenende stehen Turniere an und Scouts vor einer Entscheidung – ist das U20- oder das U18-Turnier wichtiger? Finden beide in Europa statt, werden sie miteinander verbunden. Bei der U20 sind meistens schon die Top-Talente der jeweiligen Länder (Tschechien, Schweden, Finnland, Russland) vertreten, also Kandidaten für die Spitze des Drafts wie heuer etwa Rasmus Dahlin. Von der Quantität ist natürlich das U18-Turnier wichtiger, allerdings fehlt mit Russland immer ein interessantes Team. In Plymouth erwartet heuer Gastgeber USA Finnland, Schweden, Tschechien und die Schweiz. Die europäischen Fulltime-Scouts fliegen daher für zwei oder drei Tage nach Übersee und dann eilends zurück nach Göteborg zur U18.

Dezember: Ein "zerrissener" Monat – erst steht die U20-B-WM an, wo man die wenigen interessanten Leute aus kleineren Eishockeyländern wie Frankreich, Deutschland oder Österreich sehen kann. Zwei Tagen hier genügen, neue Cracks sind eher selten zu entdecken. Das Weihnachtsfest dauert meist nicht lange, am 26. Dezember beginnen ein U18-Turnier in der Schweiz sowie die U20-WM. Dass die alle zwei Jahre in Übersee stattfindet, macht die Reisestrapazen noch größer, die meisten Scouts reisen zur zweiten Turnierhälfte an. Silvester zuhause geht sich daher so gut wie nie aus.

Jänner: Beginnt mit den letzten Tagen der Junioren-WM, oft müssen die Scouts danach noch in Übersee bleiben. Sie sehen dort einige CHL-Spiele mit den Top-Prospects, ehe die Midseason-Meetings beginnen. Mit Glück in Florida oder Kalifornien, mit Pech am Sitz des NHL-Teams und Edmonton oder Winnipeg im Jänner sind nichts, worauf man sich freuen kann. Erst Mitte des Monats geht es wieder nach Hause, nach zwei oder drei Tagen Jetlag-Pause beginnt die Hetzjagd wieder. Knapp 70 Prozent der Saison sind vorbei, es geht ans Eingemachte.



Februar: Ein kurzer Monat, unterbrochen durch den Pflichtpunkt eines U18-Turniers am zweiten Wochenende. Das Scannen ist schon lange vorbei, nur mehr bestimmte Teams und Spieler sind einen Besuch wert. Wenn jetzt noch ein Part-Timer mit einem neuen Namen daherkommt, sorgt das nicht gerade für Euphorie – die berechtigte Frage: "Wo war dieser Spieler die ganze Saison?". Ebenfalls unbedingt einzuplanen: Lange verletzte Cracks, die am Ende der Saison doch noch fit werden. Einige Juniorenteams verpassen die Playoffs, ihre Spieler können nicht mehr beobachtet werden.

März: Die Saison fasert aus, die Playoffs beginnen und Teams verschwinden schnell von der Bildfläche. Kurzfristiges Planen ist angesagt, spielt ein interessanter Crack bei den Senioren oder wird er für die Playoffs ins Juniorenteam geschickt? Noch schnell ein Check bei Spielern, bei denen man sich nicht sicher war, bei den Topcracks ist entscheidend: Wo steht der Arbeitgeber in der NHL-Tabelle? Wird es ein Top-Pick in der ersten Runde oder nicht? Scouts von Teams, die sicher in die Playoffs einziehen, werden Dahlin etwa nicht mehr beobachten, andere, die im Rennen um hohe Picks sein werden, müssen gerade solche Toptalente genau im Auge behalten.

April: Fotos würden es beweisen – ein im Sommer noch gesund und ausgeruht aussehender Scout sieht nach mehr als 200 Spielen und den dazu gehörigen Reisestrapazen abgekämpft aus. Ein paar freie Tage zum Aufladen der Batterien tun gut, schließlich steht noch die U18-A-WM an (die B-WM zuvor wird meist Part-Timern überlassen). Wohl das wichtigste Turnier des Jahres, schließlich sind alle Toptalente des Jahrgangs 2000 nochmals zu sehen, die "Late 99ers" allerdings nicht mehr. Knapp 200 Scouts finden sich hier ein, Spieler können sich mit guten (oder schlechten) Leistungen nochmals nach oben oder unten spielen.

Mai: Einige Teams schicken ihre Amateur-Scouts auch zur A-WM, andere überlassen diese ihren Pro-Scouts. Mitte des Monates stehen die Abschlussmeetings an, meist wieder in Übersee, also wieder ein Transatlantiktrip. Aber alles für einen guten Zweck, schließlich wird hier die Liste für den Draft festgelegt. Danach stehen keine Spiele mehr an, es bleiben nur noch Gespräche mit den Spielern und Coaches.

Juni: Der nächste Transatlantiktrip zum Draft, davor und danach gehen sich aber noch kleine Urlaube aus. Die Kälte der Saison gerät mehr und mehr in Vergessenheit, mit Glück findet der Draft noch an einem schönen Ort statt. Zwischen 200 und 250 Spiele sind Vergangenheit, die nächste Saison kommt schnell genug...

Textquelle: © LAOLA1.at

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