Die sonderbare Spielzeit des Thimo Nickl

Die sonderbare Spielzeit des Thimo Nickl Foto: © GEPA
 

Corona brachte die Saisonen viele Profisportler durcheinander, darunter auch die von Thimo Nickl.

Als einer von drei Österreichern beim letzten NHL-Draft gezogen, sprang er heuer von Team zu Team. Für die Entwicklung eines 19-Jährigen ist diese Situation natürlich nicht förderlich, wenn auch unverschuldet.

LAOLA1-Scout Bernd Freimüller lässt die vergangene Spielzeit des Kärntners Revue passieren und gibt einen Ausblick auf die Zukunft des Verteidigers:

Schon der NHL-Draft fand pandemiebedingt erst im Oktober statt. Nachdem Thimo Nickl dort von den Anaheim Ducks in der vierten Runde gedraftet wurde, war bald Improvisation angesagt. Statt wie geplant sein zweites Jahr in Drummondville zu verbringen, machten ihn die strengen Einreisebestimmungen nach Kanada zu einem Pendler zwischen fünf verschiedenen Teams.

Schon vor dem Draft übersiedelte er nach Schweden zu Rögle, wo neben Marco Kasper auch Senna Peeters seine vereinslose Zeit überbrücken sollte (Peeters konnte später doch noch nach Halifax fliegen). Nach einigen Spielen für die U20 von Rögle war im November ein Turnier mit dem österreichischen U20-Nationalteam angesagt.

Infektion warf Saison aus der Bahn

Anfang Dezember geriet sein bis dahin noch einigermaßen lineares Jahr ins Stocken. In der Vorbereitung zur U20-WM wurde er positiv getestet, versäumte das Turnier und kehrte danach nach Schweden zurück. Große Symptome oder Spätfolgen der Krankheit blieben aber gottseidank aus.

Nach dem Abbruch der schwedischen Juniorenligen musste Nickl auf weitere Spielpraxis warten, durfte dann aber sogar in der SHL für Rögle auflaufen, meist jedoch nur als überzähliger Defender. Nach überschaubarer Eiszeit war eine Leihe in die Allsvenskan zu Mora dann der logische Schritt.

Die gute Eiszeit in den drei Spielen dort war dann gleichzeitig Fluch wie Segen. Mora wollte ihn bis zum Ende der Saison fix behalten, Rögle bestand auf ein jederzeitiges Abrufrecht, das Leihgeschäft endete damit wieder.

Ein Spiel mit Eiszeit für Rögle sollte noch folgen, in den Playoffs, die erst in der Finalniederlage gegen Växjö endeten, war Nickl nur noch Zuschauer.

Drei Spiele sollten für den 19-jährigen Defender aber noch folgen: Er stieß während des Beat-Covid19-Turniers zum österreichischen Nationalteam, war bei den drei Abschluss-Siegen gegen die Ukraine, Rumänien und Frankreich noch mit dabei.

Fünf Teams also während einer Saison (Österreich U20 und Herren, Rögle U20 und Herren, Mora), aber insgesamt nur knapp 20 Spiele auf dem Eis – wie so viele junge Cracks war auch Nickls Karriere von Corona maßgeblich beeinflusst. Es folgte das Sommertraining beim KAC, er konnte daneben auch die letzten schulischen Verpflichtungen erledigen.

Die unmittelbare Zukunft

Für die nächste Saison hat Agent Peter Kasper die Weichen für seinen Klienten schon gestellt: Nickl unterzeichnete einen Vertrag mit Rögle.

Das Team aus Ängelholm hat derzeit acht Defender unter Vertrag (darunter den Ex-Cap Ryan McKiernan), Nickl wird wohl um die Positionen sechs und sieben im Lineup kämpfen. Sollte es ihm an Spielpraxis fehlen, ist bereits eine Leihe zum Allsvenskan-Team AIK Stockholm vorgesehen.

Der Nebeneffekt des letzten Jahres

Bei einem zweiten Jahr in Drummondville wäre für die Ducks eine Entscheidung angestanden: Statten sie Nickl mit einem Vertrag aus, um so eine Kontrolle über die nächste Saison zu haben? An einem Overage-Jahr in der CHL (Nickl war beim Draft ein spätes Geburtsdatum) hätten normalerweise weder Spieler noch Organisation Interesse haben sollen.

AHL oder ECHL in der Anaheim-Organisation wäre eben nur mit einem Entry-Level-Deal gegangen, bei einem Anschlussjahr in Europa (wie eben jetzt mit Rögle) hätten sie ohne Vertrag höchstens beratend Einfluss nehmen können.

Durch Nickls Übersiedlung nach Europa öffnete sich das Zeitfenster aber weiter: Statt im Sommer 2022 verlieren die Ducks erst zwei Jahre später die Rechte am österreichischen Defender, können ihn also bis 2024 beobachten, bevor sie eine Entscheidung treffen müssen.

Die Lage in Anaheim

Die Ducks verpassten zum dritten Mal in Folge die Playoffs, die Saison war vor allem offensiv völlig desolat. 126 Tore war der Minuswert in der Liga, die Powerplayausbeute von knapp neun Prozent der schlechteste Wert seit Aufzeichnungsbeginn 1977/78!

GM Bob Murray bestätigte trotzdem Headcoach Dallas Eakins (schon bei Edmonton kein Heilsbringer) für ein weiteres Jahr. Bei der Draft-Lotterie purzelten die Enten von Platz 2 auf 3, ein weiterer (kleiner) Rückschlag.

Mit Center Travis Zegras und Defender Jamie Drysdale verfügen die Ducks immerhin über zwei der größten Nachwuchstalente in der Liga. Drysdale und Cam Fowler sollten in den nächsten Jahren das defensive Rückgrat bilden, auch Josh Mahura und Jacob Larsson befinden sich auf der Überholspur, College-Hoffnung Henry Thrun könnte in näherer Zukunft einen soliden Part abliefern. Beim letzten Draft zogen die Ducks neben Nickl mit Drysdale (war natürlich aufgelegt) und Ian Moore (wie Thrun für Harvard spielend) zwei weitere rechtsschießende Defender – zuvor ein Mangelbestand in der Organisation.

Nickls Zukunft in Anaheim

Bis (und falls) Nickl in Anaheim ankommt, wird sich die Reserve List und Depth Chart dort natürlich wesentlich verändert haben. Aber es würde nicht überraschen, wenn sich die Ducks jetzt einmal auf Spieler mit Scoringpotential konzentrieren würden, sowohl in der Free Agency als auch beim Draft im Juli.

Nickls derzeitiger Leistungsstand

Basierend auf seinen Spielen beim Beat-Covid19-Turnier Ende Mai in Ljubljana:

Pucksicher, wenig bis keine Panik in seinem Spiel, kann Scheibe aufnehmen, sie unter Druck passen oder etwas tragen. Kein absoluter Rusher, aber mit guten Skills im Transition Game. Heads-up Player. Verteidigt mit Stock und Positionsspiel, weniger mit Physis.

Kann im Powerplay die Scheibe verteilen, bringt Schüsse auf das Tor, ist aber nicht unbedingt ein Mann, dessen Schuss die Gegner zugunsten freier Nebenspieler respektieren müssen. Muss Produktion (heuer gerade ein Tor) steigern, um als PP-Mann für das zweite Paar angesehen zu werden.

Gute Körperkontrolle, eigentlich mit ausbalanciertem Skating Stil. Muss aber Intensität in seiner Fußarbeit noch steigern – NHL-Stil erfordert mehr "Stop-and-Start", als er derzeit anbietet.

Regelmäßige Spiele in der SHL oder eine führende Rolle in der Allsvenskan sind für seine Entwicklung in der nächsten Saison notwendig, um seine Karriere nach einem (unverschuldet) unruhigen Jahr in die richtige Richtung zu lenken. Das – und ein Platz im ÖEHV-Aufgebot von Roger Bader für die Olympia-Qualifikation – sind ihm auch zuzutrauen.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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