Kommentar

Die ICE ist nicht so stark, wie sie glaubt

Das historisch schlechteste CHL-Abschneiden von Graz, KAC und Salzburg wirft Fragen zur Qualität der ICE auf. Warum diese Entwicklung nicht überraschend kommt.

Die ICE ist nicht so stark, wie sie glaubt

Aus österreichischer Sicht ist der letzte Spieltag der Ligaphase in der Champions Hockey League bedeutungslos.

Die Graz99ers, der KAC und der EC Red Bull Salzburg haben allesamt keine Chance mehr auf den Einzug in die K.o.-Phase. Das gab es seit der Gründung der europäischen Eishockey-Königsklasse 2014 noch nie.

Überhaupt wird erst zum zweiten Mal nach der Saison 2019/20 kein Vertreter der win2day ICE Hockey League die Ligaphase überstehen. Damals hätte zumindest der KAC mit einem Sieg in der letzten Runde noch das Achtelfinale erreichen können.

Das ist ein ernüchterndes Zeugnis für die mitteleuropäische Liga und sollte die Alarmglocken schrillen lassen. Ist die ICE wirklich so stark, wie sie selbst glaubt?

5 Punkte aus 15 Spielen

Der Blick auf die nackten Zahlen genügt als Realitätscheck.

test
Meister Graz hat als einziges Team noch keinen Punkt eingefahren.
Foto: ©GEPA

Aus 15 Spielen hat Österreichs Trio bislang nur fünf Punkte gesammelt und weist ein Torverhältnis von minus 28 auf. In einer gemeinsamen Wertung aller 24 Teams würde das aktuell nur für Platz 19 reichen. Zudem ist Meister Graz als einziges Team bislang ohne Punkt geblieben.

Im Gegensatz dazu können die Vertreter aus Norwegen (Storhamar), der Slowakei (Nitra) und Frankreich (Bordeaux) das Achtelfinale rechnerisch noch erreichen.

Ein einzelner Wettbewerb lässt sich schwer als abschließendes Urteil über die Qualität einer gesamten Liga heranziehen. Die CHL bietet allerdings einen direkten Vergleich mit Klubs aus anderen europäischen Ländern, und der fällt für die ICE in dieser Saison verheerend aus.

Keine Ausreden erlaubt

Es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Österreichs Vertreter entweder von Krankheits- und Verletzungswellen (Graz, KAC) betroffen oder schlicht schlecht in Form sind (Salzburg).

Solche Umstände können einzelne Ergebnisse erklären. Als Rechtfertigung für das historisch schlechte Abschneiden reichen sie allerdings nicht aus. Schwierige Gegner gehören zum Wettbewerb. Wer sich mit den besten Klubs Europas messen will, muss sich an ihnen messen lassen.

In der Königsklasse trifft die ICE auf die Spitze des europäischen Klub-Eishockeys. Dass österreichische Teams dort nicht nur mithalten, sondern auch selbst Akzente setzen können, wurde in der Vergangenheit durchaus bewiesen.

In dieser Saison ist davon - abgesehen von wenigen einzelnen Momenten - kaum etwas zu sehen.

Warum darf die ICE so viele Teams wie die Schweiz stellen?

Wirklich überraschend kommt das Abschneiden allerdings nicht.

Seit geraumer Zeit stellt sich die Frage, was die ICE sportlich dafür qualifiziert, genauso viele Vereine wie die Schweiz, Finnland, Tschechien und Deutschland in die Champions Hockey League zu entsenden.

Liga

Anzahl Teams

SHL (Schweden)

4

National League (Schweiz)

3

Liiga (Finnland)

3

Extraliga (Tschechien)

3

DEL (Deutschland)

3

win2day ICE Hockey League

3

Eliteserien (Norwegen)

1

Ligue Magnus (Frankreich)

1

Metal Ligaen (Dänemark)

1

Polska Hokej Liga (Polen)

1

Extraliga (Slowakei)

1

Als eine der sechs Gründungsligen verfügt die multinationale Liga über drei Plätze im Feld der 24 Teams. Doch eine historische Rolle allein kann auf Dauer kein Argument für eine bestimmte Anzahl an Startplätzen sein.

Entscheidend sollte sein, wie konkurrenzfähig die Vertreter einer Liga im internationalen Vergleich tatsächlich sind.

Spielerisches Niveau hat nachgelassen

Eine mögliche Ursache für den historischen Tiefpunkt liegt in den wandelnden Kräfteverhältnissen innerhalb der ICE.

Liga-Vertreter, Klubs – und ja, auch die Medien – betonen regelmäßig, welche Klasse-Spieler nicht in hiesige Gefilde wechseln. Das ist ein Argument, das für die Attraktivität und die Qualität der Liga sprechen soll.

Die internationalen Ergebnisse zeichnen allerdings ein anderes Bild. 2021/22 haben alle drei ICE-Vertreter noch das Achtelfinale erreicht, seither jeweils höchstens ein Team.

Gleichzeitig drängt sich der Eindruck auf, dass das spielerische Niveau in den vergangenen Jahren insgesamt nachgelassen hat. Die Ergebnisse in der CHL liefern dafür zumindest einen Anlass, genauer hinzusehen.

Ausgeglichenheit ist kein gutes Zeichen

Ein Indiz könnte die Ausgeglichenheit sein, die besonders unter den Spitzenteams herrscht.

Ähnlich wie im Fußball, wo große internationale Erfolge zuletzt Mangelware waren, ist das Argument, dass jeder jeden schlagen könne, zwar attraktiv und lässt sich gut vermarkten.

Doch Ausgeglichenheit ist nicht automatisch ein Zeichen für hohe Qualität. Sie kann ebenso bedeuten, dass sich keine Mannschaft mehr deutlich von der Konkurrenz abhebt.

Wenn eine Liga keine klare sportliche Benchmark mehr hat, fehlt ihr möglicherweise auch ein Team, an dem sich die übrigen Klubs orientieren und messen können.

Salzburg und KAC sind keine Benchmarks mehr

test
Salzburg und der KAC stellten lange die Benchmark dar - heute nicht mehr.
Foto: ©GEPA

Über viele Jahre erfüllten Salzburg als Serienmeister und der KAC als Rekordchampion diese Rolle.

Dass beide Klubs angesichts begrenzter finanzieller Möglichkeiten am Transfermarkt kleinere Brötchen backen müssen, erschwert die Situation zusätzlich.

Die in den vergangenen Jahren gestiegenen Preise auf dem Spielermarkt machen es nicht leichter, den Kader qualitativ aufzuwerten.

Der Anreiz, zu reüssieren, ist gegeben

Der Anreiz, in der Champions Hockey League erfolgreich zu sein, ist jedenfalls vorhanden.

Einerseits bietet die Königsklasse eine internationale Bühne, auf der sich Spieler für höhere Aufgaben empfehlen können. Dazu ist sie eine Abwechslung zum Ligaalltag und kann einen Umschwung auslösen, wenn es in der heimischen Meisterschaft nicht läuft.

Sie kann jedoch auch als Belastung wahrgenommen werden. Nicht nur sportlich: Die frühen September-Termine sind bei Fans und Teams nicht gerade beliebt. Vor allem aber stellt die CHL die Klubs vor finanzielle Herausforderungen.

Reisen durch Europa, zusätzliche Spiele und ein mitunter überschaubares Zuschauerinteresse können die wirtschaftliche Bilanz belasten. Besonders aufwendig sind lange Auswärtsreisen, wie sie Salzburg in dieser Saison mit drei Gastspielen in Schweden zu bewältigen hatte.

CHL-Zukunft offen

Auch deshalb wird immer wieder über die Zukunft der Champions Hockey League diskutiert. Der aktuelle Vertrag mit Vermarkter Infront läuft 2028 aus.

Ein Angebot zu deutlich niedrigeren Konditionen - die Rede ist von einem Minus von 50 Prozent gegenüber dem derzeitigen Kontrakt - wurde von der CHL abgelehnt.

"Wenn die CHL beerdigt wird, dann wird es für lange Zeit keinen europäischen Teamwettbewerb mehr geben", wird ein Schweizer Vereinsfunktionär von der "NZZ" zitiert.

Verlust für die ICE?

Das wäre nicht nur ein Verlust für den europäischen Klub-Eishockeysport, sondern auch für die ICE.

Denn ohne einen regelmäßigen internationalen Vergleich würde eine wichtige Möglichkeit wegfallen, die eigene Leistungsfähigkeit außerhalb der heimischen Liga zu überprüfen.

Die Ergebnisse dieser Saison beweisen nicht endgültig, dass die ICE den Anschluss an Europas Top-Ligen verloren hat. Sie sind aber eine deutliche Warnung. Wer drei Startplätze beansprucht, muss dafür auch sportliche Argumente liefern.

Sollte die Königsklasse tatsächlich verschwinden, wäre die ICE damit nicht stärker. Es würde lediglich schwieriger, ihre Qualität im internationalen Vergleich zu überprüfen.

Kommentare