"Nur Deppen? Muss jeder selbst entscheiden!"

 

Während Dominic Thiem auf der ATP-Tour weltweit seit Monaten und Jahren für positive Schlagzeilen sorgt, konnte sich der österreichische Tennis-Verband in der jüngsten Vergangenheit medial eher weniger überzeugend in Szene setzen.

Das Ungemach begann im vergangenen März: Damals trat der damalige ÖTV-Präsident Werner Klausner nach internen Querelen überraschend zurück.

Die bekannte Sport-Anwältin Christina Toth übernahm das Amt interimistisch und hätte eigentlich am 22. März bei der Generalversammlung von einem neu gewählten Präsidium abgelöst werden sollen.

Doch dazu kommt es nun nicht, da sich die neun Landespräsidenten vorab nicht auf eine gemeinsame Wahlliste einigen konnten. Als Konsequenz daraus kündigten die Landespräsidenten an, sich per Statuten-Änderungen selbst ins Vize-Präsidium wählen zu wollen und in Folge einen neuen externen Präsidenten zu suchen.

Kuratoriums-Vorsitzender Zulehner nimmt Stellung

Dazu kommt die Abspaltungs-Drohung der steirischen Landespräsidentin Barbara Muhr, die nach der verpassten Präsidentschafts-Kandidatur gemeinsam mit Wolfgang Thiem, den sie als ÖTV-Sportdirektor installieren wollte, einen „Plan B“ angedroht hat, sollte es wirklich zur angekündigten Reform kommen.

Wir haben das Gespräch mit dem Salzburger Landespräsidenten Christian Zulehner gesucht, der in seiner Rolle als Vorsitzender des Länder-Kuratoriums maßgeblich an der geplanten Neugestaltung des Tennis-Verbands beteiligt ist, um etwas Einblick in die aktuell verworrene Lage zu bekommen.

Im LAOLA1-Interview spricht er über die Gründe für die Statuten-Änderung, die Abspaltungs-Drohung und er erklärt, warum es seiner Meinung nach mit neun Landespräsidenten im Präsidium einfacher werden soll, gemeinsame Entscheidungen zu treffen.

Zum besseren Verständnis der Situation könnt ihr HIER die ursprünglichen Pläne von Barbara Muhr und HIER aktuelle Stellungnahmen von Christina Toth und Barbara Muhr zu diesem Thema nachlesen.

LAOLA1: „Chaos-Verband“, „VIP-Bandl-Diskussion“, „Funktionärs-Chaos“, „Abspaltungs-Drohung“ – in den vergangenen Wochen gab es über den ÖTV nicht viel Positives zu lesen. Vor allem die angekündigte Machtübernahme der Landespräsidenten wurde vielerorts stark kritisiert. Was sagt da der Vorsitzende des Länder-Kuratoriums dazu?

Christian Zulehner: Eins vorneweg: Dank Dominic Thiem genießt der Tennis-Sport derzeit einen großen Boom. Das spüren wir bei allen Vereinen in Österreich, die über hohe Aufnahmequoten neuer Mitglieder berichten. Und dann haben die Medien nichts Besseres zu tun, als irgendetwas aufzubauschen, obwohl gar nichts passiert ist.

LAOLA1: Passiert ist noch nichts, aber zumindest angekündigt wurde etwas: Und zwar eine Statuten-Veränderung, damit die neun Landespräsidenten im zukünftigen ÖTV-Präsidium die Rolle von Vize-Präsidenten ausfüllen können. Wie ist es zu dieser Entscheidung gekommen?

Zulehner: Wir neun Landespräsidenten haben in Linz getagt und sind zu keiner Einigung über eine Wahlliste gekommen, die wir am 7. März abgeben hätten müssen. Dadurch sind wir zur Conclusio gekommen, dass wir selbst Verantwortung übernehmen müssen, indem wir uns als Landespräsidenten selbst ins Präsidium reinwählen. Dann sind wir Vize-Präsidenten und die Verantwortung liegt bei uns. Das wäre deshalb sehr gut, weil es der direktere Weg ist. Wir Landespräsidenten sind ja auch der ÖTV. Jeder von uns bekommt dann mehr Aufgaben und wir wollen uns dieser Herausforderung stellen. Im Zuge der Generalversammlung wollten wir eigentlich ein neues Präsidium wählen. Das können wir aber nicht, da wir für unser jetziges Vorhaben neue Statuten brauchen und die kannst du nicht in zwei, drei Wochen schaffen. Deshalb haben wir das Ganze nach hinten verschoben. Mit einer außerordentlichen Wahl Mitte des Jahres wollen wir das dann umsetzen.

LAOLA1: Kritik gab es unter anderem von Wolfgang Thiem, der im geplanten Projekt der steirischen Landesverbandspräsidentin Barbara Muhr als ÖTV-Sportdirektor vorgesehen war. Er sei laut Meldungen einiger Medien „abgeblitzt“. Zudem warf er in der „Kleinen Zeitung“ einigen Landespräsidenten vor, dass es den meisten „nicht um den Sport, sondern nur um ein VIP-Band“ gehe.

Zulehner: Es gibt kein Chaos im Verband und keinen Clinch mit Wolfgang Thiem. Es ist niemand abgeblitzt, ich habe selbst mit ihm telefoniert. Uns geht es ausschließlich um den Sport, damit wir die nächsten Dominic Thiems heranziehen können. Und zum VIP-Bandl-Sager: Da sollte sich einer von den Medien einmal anschauen, was da für einen Ehrenamtlichen so an Arbeit hinzukommt. Ich weiß, dass die Medien immer eine Sensation brauchen, aber das ist keine. Es gab drei Präsidiums-Vorschläge. Ursprünglich waren drei bis vier Vize-Präsidenten angedacht. Wir sind uns bei diesen drei Listen aber einfach nicht einig geworden.

LAOLA1: Wird es mit allen Landespräsidenten im Präsidium dann in Zukunft nicht noch schwieriger, Entscheidungen zu treffen?

Zulehner: Nein, weil diese Leute schon immer alles gemeinsam verabschieden mussten. Bis dato war es so, dass es das Präsidium, die Geschäftsstelle und das Länderkuratorium gibt. Wenn das Präsidium eine neue Idee mit der Geschäftsstelle abgesprochen hatte, hat man das Kuratorium gebraucht, um darüber abstimmen zu lassen. Das hat dementsprechend gedauert. Bei der neuen Variante müssen die neun Landespräsidenten sofort zusammenkommen und dies beschließen. Die Wege werden kürzer und die Entscheidungen werden schneller getroffen. Für uns Landespräsidenten wird die Arbeit und die Verantwortung natürlich deutlich mehr.

LAOLA1: Für diese Entscheidungen wird eine einfache Mehrheit reichen?

Zulehner: Ja, ganz genau.

LAOLA1: Oben drüber soll es dann weiterhin einen Präsidenten geben. Soll der wieder ehrenamtlich sein? Was für ein Anforderungsprofil hat dieser Posten?

Zulehner: Der Präsident ist grundsätzlich ehrenamtlich, genauso wie ich als Salzburger Landespräsident. Wir sind auf der Suche nach der besten Wahl. Es soll einer sein, der sich mit Tennis auseinandersetzt und auch eine Ahnung davon hat. Gleichzeitig sollte er gute Netzwerke haben und ein guter Lobbyist sein. Wir waren uns aber einig, dass wir eher gemeinsam einen Präsidenten finden, als dass wir uns bei dieser Wahlliste einig werden.

LAOLA1: Es ist also auszuschließen, dass einer der Landespräsidenten ÖTV-Präsident wird?

Zulehner: Das werden wir nicht machen. Wir haben das nicht endgültig beschlossen, ob das jetzt 9+1, 9+0 oder 9+2 wird – da gibt es im Zuge des Davis Cups in Graz noch eine Besprechung. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass da oben drüber ein externer Präsident kommt und wir das Präsidium bilden.

LAOLA1: Wer trifft dann die Entscheidungen über zukünftige Nachwuchskonzepte? Sei es die Zusammenarbeit mit Günter Bresnik in der Südstadt oder die Vergabe externer Förderungen.

Diese Landespräsidenten bringen eine irrsinnige Menge an Erfahrung und Know-How, dadurch wird es einfacher werden, dass wir die richtigen Personen an den wichtigen Positionen sitzen haben.

Zulehner über die Stärken der Landespräsidenten

Zulehner: Jeder der Landespräsidenten bekommt einen Verantwortungsbereich. Einer davon wird den Sport über haben. Dieser wird dann auch mit dem neuen Sportdirektor zusammenarbeiten, den es dann noch zu wählen gilt. Auch für Marketing und Vertrieb wird es einen geben, der beispielsweise eng mit Tommy Schweda (Anm.: Geschäftsführer ÖTV) zusammenarbeitet. So werden die Ressorts aufgeteilt. Von der Wettkampfverordnung bis hin zum Breitensport. Diese Landespräsidenten bringen eine irrsinnige Menge an Erfahrung und Know-How, dadurch wird es einfacher werden, dass wir die richtigen Personen an den wichtigen Positionen sitzen haben.

LAOLA1: Kann man schon sagen, wer diese Funktion beim Sport zukünftig ausüben wird?

Zulehner: In Graz werden diesbezüglich die ersten Besprechungen stattfinden. Es gibt aber eine klare Tendenz. Der Wiener Präsident Christian Barkmann kennt den Tennis-Sport wie kaum ein anderer und der wird ziemlich sicher dieses Ressort übernehmen.

LAOLA1: Die steirische Landespräsidentin Barbara Muhr hat offen ihren Abgang vom ÖTV angedroht, sollte ihr Wahlvorschlag nicht angenommen werden. Wie geht man damit um? Werden Sie versuchen, Barbara Muhr im Verband zu halten?

Zulehner: Was die Frau Muhr macht, obliegt ausschließlich ihr. Ich werde oft gefragt, warum man mit der Dame nicht kann. Ich überlasse diese Bewertung jedem selbst. Frau Muhr ist im steirischen Verband sehr engagiert, aber es muss jeder selbst für sich entscheiden, ob man glauben will, dass Frau Muhr die Einzige ist, die etwas Gutes für das österreichische Tennis will, und die anderen acht nur Deppen sind, die nur wegen dem VIP-Band den Job haben wollen. Bei uns ist jede Tür offen. Frau Muhr wäre als Landespräsidentin ja auch im Präsidium drin. Da kann sie ihr Netzwerk auch einsetzen. Wenn es wirklich in ihrer Absicht wäre, dass Beste für den Tennis-Sport zu wollen, was hält sie dann davon ab, ihr Komitee in unser Präsidium einzubringen? Diese Frage lasse ich auch offen.

LAOLA1: Wäre eine Abspaltung nicht ein verheerendes Zeichen von Tennis-Österreich?

Zulehner: Wir denken natürlich drüber nach und reden auch darüber. Meiner Meinung nach wird es aber nicht zu einer Abspaltung kommen. Wir wissen, wie viele Millionen so etwas kostet. Ohne Förderungen schafft man das nicht. Zweitens kann ich mir nicht vorstellen, dass die von Barbara Muhr vorgestellten Leute gleich einmal 20.000 bis 40.000 Euro einzahlen. Das wäre zwar lobenswert, ist aber nicht die Realität. Ich glaube, dass sich Frau Muhr in Zukunft wieder auf das Wesentliche besinnen wird und das ist nun mal, ihren Job als spätere Vize-Präsidentin wahrzunehmen. Sollte es wirklich eine Abspaltung geben, dann ist das nun mal so. Man kann gewisse Sachen nicht verhindern. Man darf sich nicht erpressen lassen. Was man nicht vergessen darf: Wir arbeiten intensiv mit einem der weltbesten Trainer zusammen, der unseren Dominic Thiem großgemacht hat. Wir haben einen langfristigen Vertrag mit Günter Bresnik, der unsere Jugend weiter bringen soll.

LAOLA1: Dieses Konzept soll also unangetastet bleiben?

Zulehner: Die Südstadt wird bleiben. Es gibt auch langfristige Verträge. Wir sind extrem daran interessiert, dies weiterzuführen. Wir sind aber auch sehr interessiert, mit Wolfgang Thiem zusammenzuarbeiten. Wir sind für alles zu haben und froh, dass wir solche Kapazunder in unserem Land haben. Wir wollen natürlich die besten Leute für unseren Verband begeistern. Die Hand ist immer ausgestreckt.

LAOLA1: Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass man alle Personen wieder an einen Tisch zusammenbekommt?

Zulehner: Wir müssen einmal alles Schritt für Schritt machen. Zuerst müssen wir schauen, wie das zukünftige Präsidium ausschauen soll. Dann muss man schauen, wer oben drüber kommt und dann schauen wir, welcher Vize-Präsident was machen wird. Da wird sich auch die Frau Muhr einbringen können. Dann wird man schauen, inwiefern sich Wolfgang Thiem einbringen kann und will.

LAOLA1: Durch den von Dominic Thiem ausgelösten Boom wäre es natürlich ein idealer Zeitpunkt, um positive Veränderungen für den österreichischen Tennis-Sport schaffen zu können.

Zulehner: Klar. Dank Dominic haben wir einen super Hype. Diese Veränderungsphase wird auch nicht ewig lang dauern. Wir schauen, dass wir das so schnell wie möglich vorantreiben.

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