Kommentar: ATP-Debütanten hui, Dennis Novak pfui

Kommentar: ATP-Debütanten hui, Dennis Novak pfui Foto: © GEPA
 

Momente wie diese, machen den Sport aus.

Als Alexander Zverevs Rückhand-Cross im Finale der US Open 2020 gegen Dominic Thiem ins Aus segelte, der große Triumph Thiems endlich realisiert war, zog ein Gänsehaut-Gefühl über wohl jeden Sport-affinen Landsmann.

Ähnlich war dies am vergangenen Sonntag der Fall, als die bis dahin der breiten Öffentlichkeit unbekannte Anna Kiesenhofer überraschend zu Gold bei den Olympischen Spielen in Tokio radelte. Auch die Bronzene im Judo bis 81 Kilogramm durch Shamil Borchashvili ist in dieser Kategorie einzustufen.

Ein ähnliches Gänsehaut-Gefühl bereiteten die österreichischen Tennis-Youngsters Lukas Neumayer und Alexander Erler dem Publikum bei den Generali Open Kitzbühel. Sowohl der Salzburger als auch der Tiroler gaben ihr Debüt auf der ATP-Tour, möglich gemacht durch Wildcards.

Neumayer: Stopps, Returns, Spielwitz

Neumayer ist, spätestens seit seinem Viertelfinal-Einzug beim Junioren-Bewerb der French Open 2020, mit großen Vorschusslorbeeren ausgestattet, wird mit Vorfreude in der ATP-Szene erwartet. Der Salzburger musste sich durch die Qualifikation kämpfen, profitierte in der ersten Runde von der Aufgabe des Argentiniers Juan Ignacio Londero, der Nummer 141 der Weltrangliste.

In der zweiten Quali-Runde stand dem erst 18-Jährigen mit dem tschechischen Routinier Lukas Rosol, der einst Rafael Nadal in der zweiten Wimbledon-Runde aus dem Turnier kegelte, eine ebenso schwere Aufgabe gegenüber. Doch auch diese löste der Radstädter mit Bravour, schlug den um 766 (!) Positionen besser platzierten Rosol, trotz Regenunterbrechung, glatt in zwei Sätzen.

Bei seinem ATP-Hauptbewerbs-Debüt traf Neumayer auf den spanischen Lucky Loser Mario Vilella Martinez. Die Nummer 980 der Weltrangliste, die vorwiegend auf der ITF Future Tour unterwegs ist, zeigte sich ob des erstmaligen Antretens vor breiterer Masse keineswegs beeindruckt, brillierte stattdessen mit sehenswerten Stoppbällen, klasse Returns und dem nötigen Spielwitz. Schlussendlich war ihm ein Weiterkommen aufgrund „dummer Entscheidungen“, wie es Neumayer forumlierte, in manchen Teilen der Begegnung nicht vergönnt. Dennoch durfte das größte rot-weiß-rote Talent seit Dominic Thiem den Center Court von Kitzbühel erhobenen Hauptes verlassen.

Novak: Mutlos, sprachlos, zahnlos

(Kommentar wird unter dem VIDEO fortgesetzt)

Mit gesenktem Haupte war die Partie von Österreichs Nummer zwei Dennis Novak zu beobachten. Der Niederösterreicher steckte sich große Ziele für das 250er-Turnier in der Nähe der berühmtberüchtigten Streif. Dort, wo sich im Winter die waghalsigsten Skifahrer der Welt die Mausefalle runterstürzen. Kitzbühel wird im Volkskontext mit Mut verbunden.

Eben jenen Mut zeigte Novak nicht in einer Sekunde seines Spiels. Erstmals ins Viertelfinale wollte der Niederösterreicher einziehen, erklärte er. Nach bisher drei Achtelfinali in Kitzbühel ein durchaus erklärbares Ziel. Mut bewies der 27-Jährige maximal mit dieser Aussage, wirklich zuzutrauen war ihm der Platz unter den besten Acht des Turniers aber kaum.

Zu schwach präsentierte Novak sich im Jahr 2021. Zweimal überstand er die erste Runde, ganze fünf Niederlagen stehen in selbigen zu Buche. Dazu kommt, dass Novak bei vier weiteren Turnieren bereits in der Qualifikation scheiterte. All das, nach Bestleistungen in der Saison 2020, die ihm mit Platz 85 ein neues Career-High in der Weltrangliste bescherten. Ein genauer Blick darauf zeigt aber auch, dass Novak schon im Vorjahr kaum zu glänzen wusste.

Ein besonderes Manko, welches in Kitzbühel einmal mehr ersichtlich war, ist seine Mentalität. Dies drückt sich auch in einer beeindruckend negativen Statistik aus. Gewann Dennis Novak den ersten Satz, fuhr er 18 Siege ein. Dem stehen zehn Niederlagen gegenüber. Verlor Novak allerdings den ersten Satz, setzte es fünf Siege zu 30 Niederlagen. Eine niederschmetternde Bilanz, die sich in Kitzbühel fortsetzen sollte.

Denn im ersten Satz war der Rechtshänder gut dabei, führte sogar mit Break. Nach dem Rebreak und folgendem Break des Italieners Gianluca Mager war der Faden aber gerissen. Falsche Entscheidungen quittierte er, anstatt sich nochmal zu pushen, sprachlos. Dazu kamen miserable Aufschläge, einfache Vor- und Rückhand-Fehler sowie fahrlässig vergebene Punkte.

"Das ist einfach in die Hose gegangen."

Dennis Novak

Turnierdirektor Alexander Antonitsch, der auch als Co-Kommentator bei Servus TV im Einsatz ist, war ebenfalls verzweifelt. Der Kärntner sprach es natürlich nicht öffentlich an, hinterfragte insgeheim aber wohl, warum er dem Niederösterreicher eine von zwei Wildcards für den Hauptbewerb gab. Seine Verzweiflung drückte sich auch im zweiten Satz aus. Novak gebe dem Zuschauer „keinen Anlass, ihn zu unterstützen“, meinte der 55-Jährige On-Air.

Novak spielte seinen Stiefel herunter, sah sich immer wieder händeringend nach seinem neuen Betreuer Günther Bresnik um. Nach 59 Minuten war sein Auftritt in Kitzbühel auch wieder vorbei – zurecht. Anstatt seinen Mann zu stehen, sich seine schlechte Leistung einzugestehen, verschwand der Niederösterreicher wortkarg in den Katakomben. Keine Interviews mit den TV-Stationen, sogar die obligatorische Pressekonferenz ließ er aus. Später gab es dann doch noch ein Statement.

Er habe „im Großen und Ganzen schlecht serviert, schlecht retourniert“, für seine Verhältnisse. Er habe nach der guten letzten Woche, als er im Schweizer Gstaad erstmals seit Anfang Mai eine Erstrunden-Partie gewann, ein "bisserl zu viel erwartet". "Das ist einfach in die Hose gegangen." Die US Open werde der werdende Vater auslassen, „erst wieder im September Turniere spielen“.

Erler: Kampf, Mut, Sieg

Umso erfreulicher mutete es an, als ausgerechnet der wohl größte Außenseiter der drei österreichischen Einzel-Vertreter, Alexander Erler, dem spanischen Shootingstar und Umag-Sieger Carlos Alcaraz einen wahren Fight lieferte – den er sogar für sich entschied. Auch der 23-jährige Tiroler, trainiert von Thiem-Vater Wolfgang, war nur dank einer Wildcard im Hauptbewerb dabei, ganz im Gegensatz zu Dennis Novak wusste er dieses Geschenk aber auch perfekt zu nutzen.

Der fünf Jahre jüngere Alcaraz, der in Spanien als Nachfolger des 20-fachen Grand-Slam-Gewinners Rafael Nadal gilt, kam mit einer großen Portion an Selbstvertrauen ins Ski-Mekka, ihm merkte man allerdings die große Umstellung der Höhenlage an. Während Umag ebenerdig mit dem Meeresspiegel liegt, ist Kitzbühel gleich 762 Meter höher angesiedelt - im ohnehin sensiblen Tennis-Sport ein massiver Unterschied. Erler kannte die Gegebenheiten als gebürtiger Tiroler perfekt, nützte diese zu seinem Vorteil aus.

Auch seine Größe von 1,93 Metern und sein damit verbundenes starkes Service kamen Erler, der Nummer 337 der Weltrangliste, zugute. Immer wieder trieb er den Spanier mit seiner krachenden Vorhand bis in die Kabinen zurück, konnte aber auch als Rückschläger oftmals glänzen.

Schon der erste Satz entwickelte sich zu einem Krimi, Erler sicherte sich diesen 7:5. Im zweiten Satz schien Alcaraz jedoch in Kitzbühel angekommen, auf den Aufschlag und das Spiel Erlers eingestellt. Die Folge war der klare 6:1-Satzgewinn. Der Tiroler, anders als Novak, stecke nicht auf, hatte nur ein Ziel – den Sieg. Und diesen holte er sich mit beeindruckendem Tennis samt der großartigen Unterstützung der nach Erfolgen lechzenden Zuseher.

Träume? Viele erreichen sie, Novak ist weit weg

Gänsehaut war zu diesem Zeitpunkt wieder angesagt. Und Antonitsch?

Der wird im Hintergrund wohl Luftsprünge gemacht haben, ob der grandiosen Leistungen der jungen Debütanten Lukas Neumayer und Alexander Erler. Genau solche Momente benötigt es im Sport, nur so können Kinder und Jugendliche angeregt werden, auch ihre großen Träume zu verwirklichen.

Träume, wie sie Dominic Thiem einst hatte, aber auch zahlreiche weitere österreichische Sieger in den verschiedensten Sportarten dieser Welt. Träume, wie sie Dennis Novak bestimmt noch hat, von denen er derzeit aber leider gefühlt meilenweit entfernt ist.

 

Servus TV überträgt das Generali Open Kitzbühel von 26. bis 29.07.2021 von 12:30 bis 18:00 Uhr, das Halbfinale am Freitag (30.07.) ab 16:05 Uhr sowie das Finale am Samstag ab 16:30 Uhr im TV und auf www.servustv.com.

Dazu wird LAOLA1 täglich In-Match-Clips aus Kitzbühel zeigen.


Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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