Auf den Spuren von Djokovic

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"Gerald hat Potenzial noch nicht ausgeschöpft"

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Dank seinem Challenger-Turniersieg in Mohammedia am Samstag klopft Gerald Melzer in dieser Woche erstmals an den Top 70 der Herren-Weltrangliste an.

Für den 26-jährigen Niederösterreicher war der fünfte Challenger-Titel insgesamt bzw. der bereits vierte in diesem Jahr das nächste Highlight seiner bislang mit Abstand erfolgreichsten Saison.

Besonders heraus stach dabei sein Halbfinal-Einzug beim ATP-250-Turnier in Kitzbühel Ende Juli wodurch er auch erstmals den Sprung in die Top 100 schaffte. Dabei war er noch zu Jahresbeginn nur die Nummer 166 der Welt.

Den Hauptgrund für seinen steilen Aufstieg in den vergangenen Monaten sieht Melzer jedoch weniger in verbesserten spielerischen Mitteln wie einer härteren Vorhand sondern vielmehr im professionellen Aufbau seiner physischen Komponenten begründet.

Gestählter Körper mit neuem Kondi-Coach

Unter der Führung von Konditions-Coach und Bewegungs-Experte Philipp Wessely stählte der Deutsch-Wagramer seinen Körper für die Widrigkeiten des harten Tour-Lebens.

„Wir arbeiten sehr gut zusammen und er ist für mich der Schlüssel zu dieser erfolgreichen Saison“, erklärt Melzer, der sich „körperlich auf einem ganz anderen Niveau als früher“ sieht.

„Das hilft mir auch mental, weil ich weiß, dass ich die langen Rallyes voll spielen kann. Die Gegner wissen dann auch, dass man selbst taff ist und zeigen dann dementsprechend Respekt.“



Seit September vergangenen Jahres arbeitet Melzer bereits mit Wessely zusammen. Nach einer diagnostischen Ersterhebung habe er vor allem“ im Stoffwechselbereich ganz anders gearbeitet. Wir haben bei der Ernährung sehr viel umgestellt“, erklärt Wessely im Gespräch im LAOLA1.

Umgestellte Ernährung

„Bei den Auswertungen sehe ich ganz genau, welche Nahrungsmittel in seinem Darm sind. Aufgrund dessen kann ich ihm sagen, welche Lebensmittel er vor den Spielen vermeiden soll“, führt der 33-jährige Niederösterreicher weiter aus.

Früher habe Melzer beispielsweise immer wieder Probleme gehabt, wenn er einige Stunden vor seinen Matches Milchprodukte zu sich nahm. Auch seinen Süßigkeiten-Konsum („Da hab ich früher etwas gesündigt“) habe er mittlerweile reduziert.

Auch Melzer ist nicht nur dank seines Höhenflugs sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit: „Ich bin super happy mit ihm. Ich glaube, dass noch einiges kommen wird. Es macht Spaß, mit ihm zu arbeiten.“

Für Wessely sei das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht: „Gerald hat sein Potenzial bei weitem nicht ausgeschöpft. Das weiß jeder, der sich ein bisschen im Tennis auskennt.“

Für den ehemaligen Leistungssportler - Wessely war früher 800-Meter-Läufer - gebe es im Tennis immer noch „gewisse Bereiche, die stark vernachlässigt werden.“

„Gerald war diesbezüglich sehr offen und zugänglich – das war mir sehr wichtig. Er hat sich nach der Umstellung gleich viel besser gefühlt und dadurch ist auch das Selbstvertrauen immer größer geworden, weil er gemerkt hat, dass es auf Challenger-Ebene nur mehr ganz wenige gibt, die ihm da noch weh tun können.“

Djokokic löste Boom aus

Ein Trendsetter in dieser Richtung sei sicherlich Novak Djokovic gewesen. Der Weltranglisten-Erste stellte aufgrund seiner Glutein-Unverträglichkeit schon vor Jahren seine Ernährung um und reist mittlerweile sogar mit einem eigenen Koch um die Erdkugel. „Das würde ich mir für Gerald auch wünschen“, lacht Wessely. „Was es bei diesen Turnieren für Essen gibt – da wird mir schlecht.“

Wobei Wessely auch festhält, dass es nur ganz wenige Menschen gibt, die wirklich eine Glutein-Unverträglichkeit haben. „Da ist ein ziemlicher Boom entstanden. Viele glauben, dass sie sich damit sofort besser fühlen. Ganz so einfach ist es freilich nicht.“

Wessely (r.) betreut auch Jürgen Melzer
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„Gerald ist professioneller geworden. Mein Bereich ist der physische und da arbeitet er richtig gut“, erzählt Wessely, der sich selbst trotz seines Alters bereits als „sehr erfahren“ bezeichnet

Schließlich gehöre er bereits seit einigen Jahren dem Team vom ehemaligen Hermann-Maier-Betreuer Heinrich Bergmüller an. „Dort konnte ich von sehr vielen guten Leuten lernen“, so Wessely, der nach einem Gesundheitsmanagement-Lehrgang in Krems seinen Masters-Abschluss in London machte und seit einiger Zeit mit seiner Firma „Life is Motion“ auf eigenen Beinen steht.

Zu seinen Kunden gehören neben ÖFB-Teamspielern („Namen plaudere ich ungern aus“) auch einige Nachwuchs-Hoffnungen im Tennis- (Lucas Miedler) und Golf-Bereich (Emma Spitz). Außerdem arbeite er seit einigen Monaten auch mit Geralds Bruder Jürgen zusammen.

Wessely: "Bei Gerald ist viel Herz dabei"

„Gerald ist aber ein Projekt, bei dem auch ganz viel Herz dabei ist. Da verzichtet man dann auch auf den einen oder anderen Job. So gut wie mit ihm harmoniert man sicher nicht mit jedem Athleten“, streut er seinem Schützling Rosen. „Wir verstehen uns auch richtig gut. Gerald ist einer der selbstkritischsten Athleten mit dem ich je gearbeitet habe. Er ist sehr demütig und dankbar.“

"...antiquierte Trainingsmethoden. Wenn ich da Erzählungen höre, dass man einen Athleten in der Nacht aufweckt und mit ihm extrem harte Übungen absolviert… Da muss ich ehrlich sagen: Das ist nicht meine Linie. Ich bin ein Wissenschaftler, der mit wissenschaftlichen Daten arbeiten will."

Wessely sieht in Österreich...

"Antiquierte Trainingsmethoden in Österreich"

Überhaupt sehe er in Österreich teilweise „antiquierte Trainingsmethoden. Wenn ich da Erzählungen  höre, dass man einen Athleten in der Nacht aufweckt und mit ihm extrem harte Übungen absolviert… Da muss ich ehrlich sagen: Das ist nicht meine Linie. Ich bin ein Wissenschaftler, der mit wissenschaftlichen Daten arbeiten will. Ab einem gewissen Grad kommen dann die Erfahrung und das Gefühl hinzu bzw. was einem der Athlet für ein Feedback gibt.“

Wie tiefgründig sich Wessely mit der Materie beschäftigt, erkennt man an der Tatsache, dass er Melzer unter anderem in das kolumbianische Hochgebirge zu einem Challenger-Turnier begleitete, um zu beobachten, wie der Athlet auf die Höhe reagiert und welche Intensitäten er dort gehen kann.

Droht man bei solchen Detailfragen nicht irgendwann einmal den Blick für das große Ganze zu verlieren?

„Grundsätzlich muss man cool bleiben, damit man sich nicht von den vielen kleinen Details aus der Ruhe bringen lässt. Wichtig ist, dass ich als Betreuer die Daten ausarbeite und dann mit dem Spieler und dem Tennis-Trainer (Anm.: Werner Eschauer) gemeinsam die Sachen herausarbeite und das Training dementsprechend gestalte.“

Bei der Frage, welches Steigerungs-Potenzial er noch in seinem Schützling sieht, will sich Wessely nicht wirklich festlegen: „Je besser ein Spieler wird, umso mehr Turniere spielt er. Deshalb ist das schwierig zu sagen. Er hat jetzt in jedem Fall auch im Kopf diesen Schalter umgelegt. Ich habe mein Bestes getan, er hat es umgesetzt.“

Demnach gibt es einen Grund, warum es nicht auch in Zukunft weiter bergauf gehen sollte.

Christian Frühwald

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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